Frage von Wellmom, 54

Körperliche Gewalt straffrei, wenn der Täter sie als "alternativlos" bezeichnet?

Es geht um körperliche Übergriffe von Pädagogen gegenüber einem 6- bzw. 7-jährigen Kind.

Die Übergriffe wurden damit begründet, dass andere Kinder vor seinen Zornesausbrüchen geschützt werden mussten.

Das betroffene Kind hatte zwar Wutausbrüche, aber bisher keinem anderen Kind damit einen Schaden zugefügt - was die Pädagogen sich selbst als Erfolg zuschreiben, weil sie ja immer rechtzeitig eingeschritten sind.

Das betroffene Kind hatte durch das "rechtzeitige" Einschreiten der Pädagogen mehrfach blaue Flecke, blutende Fingernagelspuren und Schürfwunden und hat sich, seit dem Beginn dieser Maßnahmen, in der Entwicklung rückwärts bewegt.

Die Kritik der Mutter an der Vorgehensweise der Pädagogen wurde zurückgewiesen - die körperlichen Übergriffe seien "alternativlos" gewesen, "weil abzusehen war, dass die Vitalität der anderen Kinder massiv gefährdet war" (Originalton, steht auch so in der Schülerakte)

Weiß da jemand von euch genaueres?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Nadelwald75, Community-Experte für Schule, 14

Hallo Wellmom,
grundsätzlich: körperliche Gewalt kann angewendet werden bei Notwehr (entfällt hier), bei Nothilfe (Sicht der Pädagogen) oder um jemanden vor sich selbst zu schützen (könnte hier auch sein).

Das sind aber – weil erlaubt - keine körperlichen „Übergriffe“. Das wären sie, wenn sie verboten oder unverhältnismäßig gewesen wären.

Es ist zumindest unklar, ob die entstandenen Verletzungen durch eine Überschreitung oder durch die Abwehr des Kindes selbst entstanden sind.
Da du Verletzungen auch nicht sofort dokumentierst hast oder damit zum Arzt gegangen bist, ist auch die Beweislage ungünstig.

Ob die Rückwärtsentwicklung des Kindes hierdurch verursacht ist oder ob sich das Kind auch ohne Maßnahmen der Lehrer durch seine Zornesausbrüche rückwärts entwickelt hat, ist ebenso unklar.

Da sich acht Pädagogen (Alle Lehrer sind Pädagogen!) und das Jugendamt einig sind, ist auch unklar, wer die Kritik der Mutter zurückgewiesen hat (Klassenlehrer? Schulleitung, Jugnedamt, Schulärztin?) - schriftlich? mündlich?

Alternativlos heißt zunächst mal, dass man (wer auch immer) keine Alternativen sieht. Das heißt nicht, dass es keine Alternativen gibt.

Da das Kind nach Aussage einer Kindertherapeutin an einem Gewalttrauma leidet und die Therapeutin eine Alternative anbietet, müsstest du also darauf bestehen, dass das erst mal versucht wird. Das kannst du nur erreichen, wenn du der Schulleitung ein schriftliches Gutachten der Therapeutin vorlegst.

Du musst außerdem bestätigen, dass du keine Ansprüche stellst, wenn sich das Kind selbst verletzt, und dass du für Schäden aufkommst (Heben schwerer Gegenstände – ggf. Sachschäden.)

Die Frage wäre dann: Wer übernimmt die Haftung, wenn das Kind doch andere Kinder verletzt?

Da Lehrer zwar Pädagogen aber keine Psychotherapeuten sind, riskierst du allerdings, dass die Schule sagt: Das kann die Normalform der Schule nicht leisten. Dazu braucht man besondere Pädagogen, sprich: Sonderpädagogen.

Dann wird, wenn alle Maßnahmen nachweisbar ausgeschöpft sind, ein Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs eingeleitet (AO-SF). Das Kind wird fachlich untersucht und durch das zuständige Schulamt für Grundschulen der Förderort festgelegt.

Das kann dann die Normalschule mit besonderen Auflagen sein, das kann eine andere Grundschule mit Inklusionsklassen oder noch Integrationsklassen  sein, das kann aber auch eine Sonderschule für Erziehungshilfe sein.

Auch hier keine Sorge: Nichts geschieht ohne Zusammenarbeit mit den Eltern!

Genaueres kannst du hier lesen:
http://www.igs-holweide.de/seiten/archiv/02/vosf-gutachten.pdf

Kommentar von Nadelwald75 ,

.... vielen Dank für den Stern!

Kommentar von Wellmom ,

Vielen Dank an DICH. Du hast das Problem von beiden betroffenen Seiten her beurteilt und die rechtliche Lage noch dazu erklärt.
Das war genau das, was hier nötig war - so ist jedenfalls mein Eindruck.

Kommentar von Nadelwald75 ,

Hallo Wellmom, das kommt einfach daher, weil ich meine berufliche und meine familiäre Erfahrung einbringen kann.

Antwort
von ichweisnix, 28

Die Misshandlung von Schutzbefohlenen ist nach §225 StGB strafbar.   Ebenso die einfacher Körperverletzung, diese wird aber nur auf Antrag verfolgt.  Hier sollte Strafanzeige und Strafantrag gestellt werden.


"weil abzusehen war, dass die Vitalität der anderen Kinder massiv gefährdet war"

Eine Gefährdung reicht als Rechtfertigung nicht aus. Vielmehr ist für eine Rechtfertiung nach §32 Abs 2 StGB( Notwehr )


Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen
gegenwärtigen
rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen
abzuwenden.

Ein gegenwärtiger Angriff erforderlich. Das wäre z.B. dann der Fall, wenn ein Kind ein anderes Kind angreift ( also prügelt ).


die körperlichen Übergriffe seien "alternativlos" gewesen

Das ist bei mehreren Übergriffen nicht möglich. Insbesondere wäre eine Möglichkeit das Kind zurückzustellen. 



Antwort
von konstanze85, 28

Dazu kann man schwer etwas sagen, was mich allerdings irritiert sind die wunden, denn wenn es so viel kraftaufwand braucht, um das kind festzuhalten, scheinen die wutausbrüche dementsorechend extrem zu sein. So war nur mein eindruck beim lesen deiner frage. Hilfreich wäre hier sicher die einschätzung eines kindertherapeuten. Wir sind ja nur laien.

Kommentar von Wellmom ,

Die Aussage einer Kindertherapeutin lag schon vor der Einschulung vor: Das Kind hat ein Gewalttrauma und kämpft um sein blankes Überleben, sobald es hart angefasst wird. Ohne angefasst zu werden, kann dieses Kind - laut Einschätzung der Fachfrau - seine Wut bei sich behalten. Wird laut, schlägt eher sich selbst oder hebt schwere Gegenstände, um Dampf abzulassen. - Dieses Verhalten wird trotz der Information immer als Vorbote eines "Amoklaufes" gewertet. Darum die heftige Reaktion der Erwachsenen.

Kommentar von ichweisnix ,

Das Kind hat ein Gewalttrauma und kämpft um sein blankes Überleben, sobald es hart angefasst wird.

Deshalb darf das Kind unter gar keinen Umständen gegen seinen Willen angefasst werden. Liegt erst mal ein Trauma vor, reagieren Menschen sehr viel sensibler. Eigentlich harmlose Dinge könne dann Panik auslösen, weil sie auf das Trauma projeziert werden.

Ein Effekt, den man bei der EM in der Pariser Fanmeile beobachten konnte, als ein völlig harmloser Silvesterknaller eine Massenpanik ausgelöst hat.

Dieses Verhalten wird trotz der Information immer als Vorbote eines "Amoklaufes" gewertet. Darum die heftige Reaktion der Erwachsenen.

Das Problem ist, das die Reaktion vom Kind als Angriff aufgefasst wird. Dadurch "lernt" das Kind, die Panik.

Antwort
von botanicus, 10

Glaubst Du im Ernst, solch ein heikler Sachverhalt kann hier nach dieser dünnen Beschreibung fundiert beurteilt werden? Du wirst selbsternannte Rechtsexperten finden und Leute, die ihr Rechtsempfinden als Gesetz betrachten. Aber wer wirklich etwas davon versteht, wird sich hüten, hier eine Aussage zu treffen. Dazu müsste man alle Seiten hören, ggf med. Sachverständige hinzuziehen ... 

Antwort
von brummitga, 20

da würde ich erst mal einen Arzt einschalten, der die Verletzungen attestiert. Anschließend zum Jugendamt oder zu einem Rechtsanwalt, denn das ist -wenn die Schilderung so zutrifft- eindeutig Körperverletzung und somit eine Straftat.

Kommentar von Wellmom ,

Dafür ist es jetzt leider zu spät, die körperlichen Verletzungen sind längst abgeheilt. Das Jugendamt war verständigt worden, hat sich aber auf die Seite der Schule gestellt. Ich sehe darin, wie die betreffende Mutter, ein großes Problem. Wenn sie und ihr Kind von Körperverletzung reden, es auf der anderen Seite aber eine geschlossene Front von 8 "Pädagogen" plus Jugendamt gibt, die auf "Alternativlosigkeit" plädieren, kann das böse Folgen haben, fürchte ich...

Antwort
von 486teraccount, 20

Das ist die übliche Begründungs-Taktik "andere Kinder mussten geschützt werden".

Aber dass Lehrer der Ursprung sind für manche Affektsituationen eventuell wird unter den Tisch gekehrt.

Lehrer sind wie Politiker, Fehler geben sie selten zu.

Antwort
von R3lay, 22

Also einen 6-7 jährigen sollte man halten können ohne ihn zu verletzten

Kommentar von Wellmom ,

Das wurde von den betreffenden Personen geleugnet. Der zuständigen Schulärztin liegen Berichte darüber vor, wie mit dem Kind umgegangen wurde - und selbst die Schulärztin, die darüber laut eigener Aussage geweint hat, sieht keine Möglichkeit, rechtlich dagegen vorzugehen. Weil die Maßnahmen als "alternativlos" bezeichnet wurden.

Antwort
von IamTheBoss2020, 14

auf welcher schule gibt es pädagogen? wo kommen die denn her?

Kommentar von Wellmom ,

Das war auch mein erster Gedanke... Die betreffenden Personen bezeichnen sich aber nun mal selbst als Pädagogen.

Kommentar von IamTheBoss2020 ,

also haben lehrer einem kind gewalt angetan? wie wäre es mit fotos + anzeige????

Kommentar von Wellmom ,

Für Fotos ist es zu spät. Die Mutter hat sich einschüchtern lassen und alles geglaubt. JETZT weiß sie, dass sie damit sofort zur nächsten Polizeiwache hätte gehen müssen, um das dort dokumentieren zu lassen.

Kommentar von IamTheBoss2020 ,

absolout. krank. ich würde nachträglich trotzdem zur polizei hinn das kind hat ja auch einen mund und kann aussagen was passiert ist nehme ich an.

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