Frage von TheCuber, 88

Können Opfer auch Täter sein?

Hallo, Es geht um den Holocaust. Die hierfür Verantwortlichen und der Ablauf sind weltweit bekannt. Mir geht es darum wie sich besetzte Nationen verhalten habe. Haben sie die Besatzung für eigene Interessen im Bezug auf den Antisemitismus ausgenutzt? Ganz nach dem Motto: können Opfer auch Täter sein. Ebenfalls interessiert mich die innereuropäische Wissensvermittlung im Bezug auf das vorliegende Problem. Ist diese Einseitig oder beachtet man genau solche Problemfälle?

(Ein Fallbeispiel wäre das Massaker von Jedwabne)

Über eine Antwort freue ich mich sehr, mfg Jerome

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Accountowner08, 24

Also, grundsätzlich ja: wenn dir jemand Unrecht antut schliesst das nicht aus, dass du auch jemand anders ein Unrecht antust.

Beim Holocaust muss man verschiedene Faktoren beachten:

Die Deutschen hatten die Idee, alle Juden und auch angehörige anderer Minderheiten zu ermorden. Ihnen gebührt sicher die Hauptverantwortung. Wenn sie es nicht angeordnet hätten, wäre es nicht geschehen. d.h. er war vielleicht auch von anderen Ländern nicht schön, dass sie z.B. Flüchtlinge nicht aufgenommen haben, etc. aber ihre "Schuld" ist subsidiär unter der Hauptschuld der Deutschen,die das eigentliche Massaker veranstaltet haben.

Unter den Bedingungen des Massakers gab es jetzt Menschen, die gerne mitgemacht haben (siehe bei Goldhagen das Beispiel einer Musik-Gruppe, deren Mitglieder einfach "mal ausprobieren" wollten, wie es ist, einen Menschen zu erschiessen), die würde ich auch als Verantwortliche Täter sein, als Einzelpersonen. 

Und dann gab es Menschen, die in einer Zwangslage waren, wie die KZ-Häftlinge, die anscheinend dazu gezwungen wurden, das Zyklon B in die Gaskammern einfliessen zu lassen. Jetzt ist es vielleicht besser, wenn ein Mensch sich lieber selbst umbringen lässt, als wenn er so etwas tut, aber trotzdem würde ein Gericht einen Menschen, der unter zwang gehandelt hat, von Schuld frei sprechen.

Tatsache ist, dass z.B. in den baltischen Staaten und in der Ukraine, auch in Polen, sich sehr eifrige Gehilfen der Deutschen fanden, die sehr proaktiv Juden festnahmen und tw. auch ermordeten. In anderen Ländern hingegen, z.B. Dänemark, beschützte die lokale Bevölkerung die Juden, so dass die Deutschen dort nur einen sehr kleinen Prozentsatz der Juden ermorden konnten.

Aber man kann auch nicht direkt Rückschlüsse aus dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung, der ermordet wurde, auf die Haltung der lokalen Bevölkerung ziehen, weil noch andere Faktoren mitgespielt haben.

Was die Wissensvermittlung betrifft, so kann sich jeder Informieren, es sind wirklich viele Informationen sehr leicht zugänglich zu all diesen Sachen vorhanden.

Was Jedwabne betrifft, so war das Massaker, das dort verübt wurde, eindeutig ein Verbrechen, ebenso wie, vielleicht noch empörender, das Pogrom von Kielce nach dem Krieg.

Antwort
von JBEZorg, 36

Die Wachmannschaften der KZs rekrutierten sich aus Ukrainern, Letten, Esten. Also ja, es gab genügend Kolaborateure auf besetzten Gebieten.

Und ja, du wirst wohl in Deutschland nichts im Fernsehen zum alljährlichen Marsch der SS-Veteranen in Riga sehen.

Kommentar von themagicmedic ,

*Es gab auch SS Einheiten die nur aus Nicht-Deutschen bestanden  ,z.B. die SS Wallonien die aus Belgiern bestand oder die SS Viking aus Skandinavien .In Polen haben die Deutschen meist nicht einmal Juden getötet ,dass waren nämlich die Polen(z.B. Lemberg).

Kommentar von Accountowner08 ,

Es stimmt, dass Skandinavier und andere auch Mitglieder der SS werden konnten, und dass manche das gemacht haben.

Den Holocaust in Polen einfach den Polen in die Schuhe zu schieben scheint mir aber etwas zu einfach. Die Initiative dazu ergriffen die Deutschen, die Befehle gaben die Deutschen, die KZ-Kommandeure und Offiziere waren Deutsche.

Ja, wenn die Polen dagegen gewesen wären, wären vielleicht mehr Leute vor den Deutschen gerettet worden, aber die treibende Kraft waren die Deutschen. Da beisst keine Maus einen Faden ab.

Antwort
von tanztrainer1, 30

Es gab auch in den Niederlanden eine faschistische Partei (NSB).

Wenn es Dich genauer interessiert, empfehle ich Dir folgendes Buch:

Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank

In dem Buch steht einiges interessantes über den NSB. Sie schreib, dass man immer vorsichtig sein musste, was man sagte, weil man nicht immer wusste, wer ein Anhänger der NSB war!

https://de.wikipedia.org/wiki/Nationaal-Socialistische\_Beweging

Antwort
von themagicmedic, 20

Bevor die deutschen Truppen in Russland einfielen hatte die rote Armee schon alle Gefangenen aus deren Gefängnissen getötet .Oder als der Krieg schon vorbei waren haben immer noch Engländer deutsche Soldaten erschossen .

Kommentar von Accountowner08 ,

Du hast eine sehr stark vereinfachte Sicht auf die Dinge, und was du mit deinem ersten Satz meinst ist nicht ganz klar.

Sicher gab es in der Sovjetunion ein ziemlich brachiales System damals, das war aber nichts im Vergleich zu dem, was die Deutschen dann auf ihrem Russland-Feldzug machten. Es ist kein Zufall, dass es in der Sowjetunion ca. 18 Millionen zivile Opfer des 2. Weltkrieges gab, in Deutschland ca. 500'000. D.h. in Deutschland haben die Nazis selber mehr Deutsche umgebracht als die Alliierten.

Das ist schon ein Unterschied, würde ich mal sagen.

Kommentar von themagicmedic ,

Und die Russen haben mehr Russen als Deutsche umgebracht .Ich wollte nicht die Taten der Nazis klein reden ,ich wollte nur sagen,dass die Alliierten nicht die Guten waren .Sie haben auch Kriegsverbrechen begangen ... .

Kommentar von Accountowner08 ,

Das alles lässt sich nicht vergleichen mit der Dimension der Verbrechen der Deutschen.

Die Deutschen haben eine leidliche Tendenz, die Verbrechen der Deutschen, besonders die Kriegsverbrechen in Russland, in der Ukraine, in Jugoslawien, etc. nicht wahrzunehmen, weil sie nciht auf ihrem Staatsgebiet stattgefunden haben und darüber wohl auch nicht so direkt in der "Wochenschau" berichtet wurde.

z.B. basierte die deutsche Kriegsführung darauf, dass die Soldaten durch Plünderungen ernährt wurden. Das war besonders in der Sowjetunion besonders im Winter schlimm, wo die Deutschen (Wehrmacht) tw. Menschen ihre letzten Lebensmittel- und Brennholz-Vorräte weggenommen haben und sie einem elenden Tod durhc Erfrieren und Verhungern ausgesetzt haben. 

Von den systematischen Erschiessungen von ganzen Dörfern als Repressalie mal ganz abgesehen. Und der Holocaust, den die Deutschen alleine geplant haben und der auf ihren eindeutigen Befehl durchgeführt wurde, steht sowieso einzigartig in der Geschichte da.

Es gab ca. 500'000 zivile Opfer des 2. Weltkrieges in Deutschland. Das sind weniger als zivile Opfer des Nazi-Regimes in Deutschland. Aber die Deutschen sehen sich selber gerne als Opfer, sie erinnern sich anscheinend nur daran, wie die bösen Alliierten ihre Städte zerbombt haben. Die sollten auch mal ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen und schauen, was die deutschen Soldaten in ganz Europa so getrieben haben. Aber das interessiert in Deutschland niemanden. Die Deutschen spielen lieber wehleidig Opfer.

Kommentar von themagicmedic ,

Das stimmt, sonst hätte die AFD nicht so einen Zulauf ... .

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