Frage von nachtstrom, 41

Können Blutkonserven die ja mit einer Natriumcitratpufferlösung vor dem gerinnen geschützt sind einfach infundiert werden?

Können Blutkonserven die ja mit einer Natriumcitratpufferlösung vor dem gerinnen geschützt sind einfach infundiert werden ohne ein Präparat mitzugeben, dass die gerinnungshämmende wirkung der Natriumcitratpufferlösung aufhebt? Wird das citrat schnell genug abgebaut?

Antwort
von garfield262, 22

Moin,

um erstmal auf die Kernfrage einzugehen: Nein, dies ist nicht möglich. Zur Erklärung muss zunächst auf den Begriff "Blutkonserve" eingegangen werden:

Erythrozytenkonzentrat (EK): Herbei handelt es sich vermutlich um das, was du mit Blutkonserve im engeren Sinne meinst. Das EK besteht maßgeblich aus roten Blutzellen und wird in erster Linie eingesetzt, um einen akuten Verlust roter Blutzellen zu puffern. Der Bedarf wird u.a. annähernd über Veränderungen des Hämoglobins (Hb) geschätzt. Dem EK sind zur Vermeidung der plastischen Koagulation (Gerinnung) und Thrombozytenaggregation (Aneinanderhaften der Thrombozyten) sowohl Thrombozyten als auch Gerinnungsfaktoren entzogen worden. Diese werden nicht durch Hinzugabe von chemischen Substanzen inaktiviert, da diese bei Anwendung des EK dann dramatische Effekte auf den Patienten haben könnten.

Thrombozytenkonzentrat (TK): Das TK besteht, wie der Name bereits sagt, aus Thrombozyten. Diese dürfen selbstverständlich nicht inaktiviert sein, ansonsten würde sich der Sinn des TK's entziehen. Damit die Thrombozyten des TK nicht aggregieren, werden die TK's oft auf einer sich bewegenden Platte unter ständiger Bewegung gelagert. Sie sind auch weniger lange haltbar als z.B. EK's. Verwendet werden TK's sowohl bei großen Blutungen als auch z.B. bei stark gesunkener Thrombozytenzahl (Thrombozytopenie).

Gefrorenes Frischplasma (FFP): Das FFP besteht aus Blutplasma, also aus dem flüssigen Blutbestandteil, welcher direkt nach Aufbereitung tiefgefroren wird. Das FFP wird, ebenso wie das EK, bei akuten Volumenverlusten bspw. im Rahmen großer OP's verwendet. Das FFP enthält noch Gerinnungsfaktoren sowie weitere, sich im Blut befindliche Stoffe wie Albumine oder Elektrolyte. Auch hier würde mit der Inaktivierung der Gerinnungsfaktoren ein wesentlicher Gesichtspunkt des FFP verloren gehen.

Für den Moment reichen diese drei Blutprodukte. Es gibt noch weitere Beispiele wie das PPSB, welche ich nun erstmal außen vor lasse. Wie du siehst, ist eine "Blutkonserve" nicht nur ein schlichtes Gemisch aus Vollblut, sondern ein aufbereitetes Konzentrat. Deine Idee kommt also aus zweierlei Gründen nicht zur Anwendung: Zum einen dürfen sogenannte in-vitro-Antikoagulanzien (Gerinnungshemmer aus der Labormedizin) keinesfalls im Körper zur Anwendung kommen, zum anderen machen Gerinnungsfaktoren bzw. Thrombozyten gerade den Sinn bestimmter Blutprodukte aus.

Konnte ich deine Frage soweit beantworten oder ist noch etwas offen? In dem Fall frag gern nochmal nach.

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Chillersun03 ,


Nein, dies ist nicht möglich. [...]
Diese werden nicht durch Hinzugabe von chemischen Substanzen inaktiviert, da diese bei Anwendung des EK dann dramatische Effekte auf den Patienten haben könnten.


Auf Wikipedia & in den Richtlinen der Ärztekammer (S.46) steht:


[...] eigens dafür zugelassenen und zertifizierten Plastikbeutel, der ca. 63–70 ml CPD-Stabilisator-Lösung enthält, gewonnen (CPD = Zitrat-Puffer, Natriumdihydrogenphosphat, Glukose, Adenin).

http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user\_upload/downloads/RiliHaemothera...

Was ist denn jetzt mit dem Citrat?

Kommentar von garfield262 ,

In dieser Richtlinie (bzw. den Wikipedia-Artikel, welchen du zitiert hast) geht es um eine Antikoagulation in vitro, sprich um die Antikoagulation des frisch entnommenen Spenderbluts im Behältnis. Diese erste Antikoagulation erfolgt, damit das Spendenblut nicht direkt unbrauchbar wird. Gleiches geschieht bei der Blutentnahme mittels Monovetten mit EDTA- oder Citrat-Zusatz. Die Antikoagulation erfolgt dabei durch Bindung von Ca-Ionen, welche als Faktor IV Teil der plasmatischen Gerinnungskaskade sind. Ca-Ionen erfüllen in der Physiologie allerdings auch noch weitere Aufgaben, z.B. in der elektromechanischen Kopplung der Muskulatur oder der Exozytose. Ich weiß nicht, in wie weit Citrat/EDTA auf diese Mechanismen Einfluss nehmen würden, ich würde es allerdings auch nicht austesten wollen.

Das EK wird nach der Entnahme mit unmittelbarer in-vitro-Antikoagulation auch weiter aufbereitet. Mit unterschiedlichen Verfahren werden (im Falle des EK) die Erythrozyten aus dem Vollblut isoliert. Somit wird das Citrat auch nicht in den Menschen eingeführt.

Ich fürchte allerdings, dass ich mich in meiner Antwort in einem Satz äußerst schlecht und damit missverständlich ausgedrückt habe. Mit dem letzten Satz im Absatz über EK's wollte ich ausdrücken:
Es wird kein mittels Chelatbildnern (Citrat/EDTA) antikoaguliertes Vollblut direkt einem Patienten zugeführt. Vor der Transfusion werden die entnommenen Blutbestandteile separiert und ggf. gesondert behandelt. Erst dann werden diese Bestandteile als Blutprodukt verwendet.
Im Falle des EK sind also die Schritte: Entnahme des Spenderbluts, Antikoagulation mittels Citrat/EDTA in vitro, Separation der Bestandteile, Aufbereitung des EK und letztlich Bereitstellung in einer Blutbank (wobei ich nicht ausschließe, dass ich hier noch Zwischenschritte ausgelassen habe...).

Ich hoffe, dass ich auf diesen berechtigten Einwand zufriedenstellend eingehen konnte.

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Chillersun03 ,

Ja hast du!! Sehr zufriedenstellend! Daumen hoch! ;)

Kommentar von garfield262 ,

Vielen Dank für die netten Worte! Freut mich besonders, da sie von einem Chemiker bzw. Pharmazieexperten kommen! ;)

Kommentar von nachtstrom ,

Heute nicht, vor 30 Jahren schon, da war citrathaltiges Vollblut Standart. Was hat man da gemacht? Einfach nur Ca+ zugegeben? 

Kommentar von garfield262 ,

Wie die Situation vor 30 Jahren aussah und wie damals verfahren wurde kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, möglicherweise wurde überschüssiges Citrat zuvor heraus separiert und Ca ersetzt, allerdings wäre das in gewisser Hinsicht auch ein Spiel mit dem Feuer. Möglicherweise hat Chillersun als Pharmazie-Experte da Kenntnis von der damaligen Situation.

Früher wurden Transfusionen auch noch mit Vollblut durchgeführt, das wird heute nicht mehr oder nur noch in sehr geringem Umfang praktiziert. Heutiger Standard ist separiertes Blut, d.h. es werden wie oben beschrieben nur einzelne Komponenten zugeführt.

Lieben Gruß ;)

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