Frage von Gummibein, 37

Klimagerechtigkeit von Dieter Birnbacher?

Hallo Ich habe Philosophie Ethik und Politik in Zeiten des Klimawandels und muss folgende Frage zum Text von Birnbacher S. 89-94 beantworten:

Weshalb ist Birnbacher der Meinung, dass man mit Blick auf Gerechtigkeitsfragen zwei Theorieebenen und in der Klimaethik drei Fragen unterscheiden muss?

Ich habe den Text gelesen, finde aber irgendwie keine richtige Antwort auf die Frage. Besteht die Antwort darin, dass Birnbacher zwischen Verursacherprinzip und Leistungsfähigkeitsprinzip unterscheidet?

danke für eure Hilfe.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 5

Die genannte Aufgabenstellung ist auf den Text bezogen verwirrend, weil er gar keine Aussagen zu Ebenen/Theorieebenen bei Gerechtigkeitsfragen enthält und nicht drei Fragen zur Klimaethik unterschieden werden.

Schlichtweg im Unterschied zwischen Verursacherprinzip und Leistungsfähigkeitsprinzik kann die Begründung nicht bestehen. Es ist sachlich nicht gut möglich, die Prinzipien ausschließlich einer Theorieebene zuzuordnen. In Frage kommt nur eine Darlegung, eines dieser Prinzipien spiele argumentativ auf einer der Ebenen eine stärkere Rolle.

Im Text werden im Großen gesehen vier Fragen gestellt:

1) Egalitarismus oder Differenzierung der Emissionsrechte?

2) Vorrang des Verursacherprinzips oder des Solidaritätsprinzips bei der Verteilung der Adaptionskosten?

3) Kompensation historischer Emissionen?

4) Dürfen wir die Kosten, die unser gegenwärtiges Handeln und Unterlassen in der Zukunft verursacht, diskontieren?

Bei den zwei Theorieebenen geht es wahrscheinlich um die Unterscheidung zwischen idealen Normen (ideale Ebene) und Praxisnormen (nicht-ideale Ebene).

Ideale Normen sind auf ideale Akteure zugeschnitten, die über vollständige Informationen, ideale Fähigkeiten und Gelegenheiten zur Informationsverarbeitung, uneingeschränkte Unparteilichkeit und eine vollkomene moralische Motivation verfügen. Ideale Normen sind abstrakt und auf theoretische Orientierung ausgerichtet. Sie stellen oft hohe und strenge Ansprüche. Bei konkreten Entscheidungen ist das Risiko hoch, sie falsch zu verstehen bzw. anzuwenden oder einem Mißbrauch ausgesetzt zu sein.

Praxisnormen sind auf reale Akteure zugeschnitten, die fehlbar und unvollkommen sind. Praxisnormen sind im Vergelich konkret und anwendungsorientiert. Allgemeine Grundsätze und Ziele werden in Handlungsanleitungen umgeformt, die sich in Zusammenhänge einbinden lassen. An die begrenzte moralische Motivation werden Zugeständnisse gemacht.

Die beiden Ebenen müssen unterschieden werden, weil es auf der einen um das geht, was am besten (optimal) ist, und dazu eine Zielvorgabe dargelegt wird, auf der anderen um das, was unter gegebenen Bedingungen möglichst weitgehend in der Realität umgesetzt/verwirklicht/durchgesetzt werden kann.

Der Text weist darauf hin, wie im Bereich der Politik (im Vergleich zum Bereich der Ethik) Interessen ein größeres Ausmaß haben.

Bei der nicht-idealen Ebene ist noch eine Feinaufteilung in Unterebenen möglich. Einerseits gibt es das Thema, welche Regeln aussichtsreich zur Zielverwirklichung sind. Andererseits gibt es das Thema, wie Handlungsorientierungen unter gegebenen realen Bedingungen durchgesetzt werden können.

Zur Beantwortung der Frage, die als Aufgabe gestellt ist, sind andere Texte von Dieter Birnbacher passender.

Dieter Birnbacher, Klimagerechtigkeit - Verursacher- oder Leistungsfähigkeitsprinzip? In: Klimagerechtigkeit und Klimaethik. Herausgegeben von Angela Kallhoff. Berlin ; Boston : De Gruyter, 2015 (Wiener Reihe : Themen der Philosophie ; Band 18), S. 67 – 68:  

„Gerechtigkeitsfragen stellen sich auf mehreren Ebenen: zunächst auf der Ebene einer idealen und der Ebene einer nicht-idealen Theorie. Auf der Ebene der idealen Theorie wird gefragt, wie eine gerechte Verteilung in abstracto aussehen könnte oder müsste, wobei von den realen Gegebenheiten – sowohl den de facto bestehenden normativen Vorgaben wie den wie den anthropologisch-psychologischen Grenzen ihrer Verwirklichung - abgesehen wird. Auf dieser Ebene geht es um eine Verständigung über die Zielgrößen, an denen die für die Praxis geltenden Normen gemessen werden sollen. Auf der Ebene der nicht-idealen Theorie wird gefragt, wie die auf der idealen Ebene als ethisch optimal ausgezeichneten Normen unter den Gegebenheiten der Praxis annäherungsweise umgesetzt werden könnten oder sollten. Hierbei kann man genauer zwischen zwei Unterebenen unterscheiden. Man kann einerseits fragen, wie die in der Praxis zur Anwendung kommenden Regeln aussehen müssten, wenn sie die Aussicht eröffnen sollen, die Zielgrößen unter realistischen Bedingungen zu verwirklichen. Auf dieser Ebene geht es dann – anders als auf der idealen Ebene – weniger um die moralisch gewünschten Ergebnisse (Gerechtigkeit der Resultate) als vielmehr um die zu ihrer Erreichung notwendigen oder geeigneten Handlungsorientierungen. Andererseits kann man fragen, wie diese gerechtigkeitstheoretischen Handlungsorientierungen unter den faktisch bestehenden Bedingungen etabliert werden können. Zu diesen Bedingungen gehören u. a. die geltenden normativen Vorgaben, etwa rechtlicher Art, aber auch die bestehenden, aber auch die bestehenden Machtverhältnisse. Auf dieser Ebene stehen moralpragmatische, strategische und im weitesten Sinne politische Erwägungen im Vordergrund.“

S. 70: „Hinsichtlich der Verteilung der Nutzung der klimatischen Belastungsspielräume stellen sich nach dem Gesagten drei Fragen:

1. Auf der Ebene der idealen Theorie stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die bei einer gegebenen Obergrenze der der klimatischen Veränderungen verbleibenden Nutzungsspielräume auf die verschiedenen Nutzer idealiter verteilt werden sollten.

2. Auf der nicht-idealen Ebene der Regeln bzw. Praxisnormen stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die angesichts der klimatischen Veränderungen verbleibenden Nutzungsspielräume auf die verschiedenen Nutzer verteilt werden sollten, wenn zugleich sichergestellt oder zumindest wahrscheinlich gemacht werden soll, dass die Obergrenze nicht überschritten wird.

3. Auf der nicht-idealen Ebene der politischen Strategien stellt sich die Frage, welche Kriterien unter der Voraussetzung der bereits dafür getroffenen normativen Entscheidungen und der faktischen Machtverhältnisse Grundlage der Klimapolitik der Zukunft sein sollten.

Es ist eine Konsequenz der Unterscheidung zwischen verschiedenen klimaethischen Ebenen, dass eine Verteilungskonzeption, die auf der ersten Ebene den vorherrschenden Gerechtigkeitsintuitionen am besten gerecht wird, sowohl auf der zweiten als auch auf der dritten Ebene (oder beiden) untauglich sein kann, z. B. weil sie unrealistische Anforderungen an die moralische Motivation der beteiligten Akteure stellt oder weil selbst ihre ihre vollständige Realisierung die vorgegebene Belastungsgrenze überschreiten würde. Allerdings wäre der Anspruch, dass eine bestimmte Verteilungskonzeption auf allen Ebenen zugleich zu befriedigenden Resultaten führt, von vornherein überzogen. Es ist nicht zu erwarten, dass eine ideale Theorie, die die Zielparameter einer gerechten Klimapolitik spezifiziert, unverändert für die beiden nicht-idealen Ebenen übernommen werden kann. Die Aufgabe einer idealen Theorie ist die, ideale Zielvorstellungen zu formulieren und damit gerechtigkeitstheoretische Blütenträume. Diese lassen sich vernünftigerweise nicht damit kritisieren, dass sie unter Realbedingungen nicht direkt realisierbar sind.“

S. 72: „Eine Patentlösung ist auch für die Frage nach der gerechten Verteilung der Klimalasten unter den einzelnen Nationen nicht zu erwarten. Auch hier hängt die „Gerechtigkeit“ der Verteilung auf der idealen Ebene von einer Vielzahl von für sich genommen plausiblen Zielvorgaben ab, die miteinander in eine Art Überlegungsgleichgewicht gebracht werden müssen. An erster Stelle stehen hier gewöhnlich das Verursacher- und das Leistungsfähigkeitsprinzip.“

Antwort
von Gummibein, 15

Das ist der Textausschnitt, welcher sich auf die Frage bezieht. 

Antwort
von rumar, 18

Gib doch bitte an, auf welchen Text du dich da beziehst !  (Link angeben)

Kommentar von Gummibein ,

Wir haben den Text nur geschützt. Aber ich versuche das PDF hochzuladen. 

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