Kennt jemand von euch ein bekanntes Zitat von Heinrich von Gargern?

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2 Antworten

Besonders bekannt ist ein Ausspruch über einen »kühnen Griff«, den Heinrich von Gagern, damals Präsident der Nationalversammlung, in der Beratung über den Bericht des Ausschusses über die Errichtung einer provisorischen Centralgewalt am Montag, den 26. Juni 1848, in der 23. Sitzung in der Paulskirche unternahm. Es ging darum, eine vorläufige Zentralgewalt für einen deutschen Nationalstaat zu schaffen.

Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main. Herausgegeben auf Beschluß der Nationalversammlung durch die Redaktions-Commission und in deren Auftrag von Franz Wigard. Band 1: Nr. 1- 33. Leipzig : Breitkopf und Härtel und B. G. Teubner, 1848, S. 521:

„Nachdem ich die Competenz besprochen, so komme ich an die andern Fragen von so hoher Wichtigkeit. Die nächste ist die: wer soll die Centralgewalt schaffen? Meine Herren, ich habe diese Frage von dem Standpunkte des Rechts und von dem Standpunkte der Zweckmäßigkeit vielfach beurteilen hören; ich würde es bedauern. wenn es als ein Prinzip gälte, daß die Regierungen in dieser Sache gar nichts sollten zu sagen haben; aber vom Standpunkte der Zweckmäßigkeit ist meine Ansicht wesentlich eine andere als die der Majorität im Ausschusse, selbst eine andere als die im Schoder'schen Amendement entwickelte. Meine Herren! Ich thue einen kühnen Griff, und ich sage Ihnen, wir müssen die provisorische Centralgewalt selbst schaffen."

Heinrich von Gagern hat dabei einen Ausdruck seines Vorredners aufgenommen. Der Abgeordnete Karl Mathy, wie er ein Liberaler und Mitglied der Casino-Fraktion (Mitte-Rechts im politischen Spektrum des Parlaments angesiedelt), hatte allerdings gemeint, so ein kühner Griff sei nur in einem besonderem Notfall geboten, und diesen für gegenwärtig nicht gegeben beurteilt (S. 520):

„Das deutsche Volk in seiner Gesammtheit und Allgemeinheit hat sich bisher preiswürdig benommen, und auch die Versammlung hat in ihrer großen Mehrheit gezeigt, daß sie die erste Bedingung dauernder Freiheit, eine weise Mäßigung und Selbstbeschränkung nicht vergißt, daß sie die rechten Mittel zu finden weiß, der das Vaterland bedarf in großer Noth und Gefahr. Sie werden es auch hier bewähren, und sollten die Regierungen einzelner Staaten unterlassen, dem Beispiele zu folgen, dem Beispiele treuer Pflichterfüllung gegen das gesammte Vaterland, welches die Versammlung, wie ich nicht zweifle, geben wird, dann, meine Herren, ja dann wäre uns ein kühner Griff nach der Allgewalt nicht nur erlaubt, sondern durch die Noth geboten. – Aber ich würde alsdann das Volk, ich würde Sie, ich würde mich nicht täuschen, indem ich erklärte, daß wir als nächsten Preis dieser Allgewalt die deutsche Republik, die Freiheit haben würden. Nein, meine Herren, in so betrübten Zuständen, wie sich sie mir hier vorstelle, ist es die Freiheit nicht, deren wir uns freuen, da ist es die Gewaltherrschaft, die das Vaterland allein retten kann, und ich würde Ihnen, dem Volk und mir selbst rathen, die starke Hand eines Retters walten zu lassen, denn kein Opfer ist zu groß, wo es gilt, das Vaterland zu retten. Aber wir wollen nicht beginnen mit dem, was für den schlimmsten Fall unser Entschluß sein müßte; noch berechtigt uns nichts, zu dem Aeußersten zu schreiten, noch haben wir die Hoffnung, daß eine große Mehrheit für die Einsetzung einer einstweiligen Gewalt sich bilde, eine Mehrheit, aus welcher Beschlüsse hervorgehen werden, die, wenn sie auch nicht den Wünschen aller Einzelnen, doch dem Gesammtinteresse der Nation entsprechen.“

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Kommentar von Albrecht
15.04.2016, 03:29

Geflügelte Worte : der klassische Zitatenschatz. Gesammelt und erläutert von Georg Büchmann. Fortgesetzt von Walter Robert-tornow, Konrad Weidling, Eduard Ippel, Bogdan Krieger, Gunther Haupt, Werner Rust, Alfred Grunow. Von der Erstausgabe 1864 unmittelbar fortgeführte Originalausgabe. Unveränderte Taschenbuchausgabe der 43. neu bearbeiteten und aktualisierten Ausgabe von Winfried Hofmann. München : Ullstein, 2007, S. 446:  

„Aus der Deutschen konstituierenden Nationalversammlung ist das Wort des Präsidenten Heinrich von GAGERN (1799 – 1855) in der 23. Sitzung am 24. Juni 1848

Der kühne Griff

geflügelt geworden. Er sagte dort u. a.: Meine Herren! Ich tue einen kühnen Griff, und ich sage Ihnen: Wir müssen die provisorische Zentralgewalt selbst schaffen." Das Protokoll vermerkt: „Lang anhaltender stürmischer Jubelruf“ (Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung […]. Hrsg. von F. J. Wigard [Frankfurt a. M. 1848]. Bd. 1, S. 521). Gagern hatte nur ein Wort seines Vorredners Karl MATHY (1807 68) wiederholt. Von der Ansicht ausgehend, daß auch die Einzelstaaten bei Begründung einer deutschen Zentralgewalt gehört werden müßten, hat dieser gesagt: „Sollten die Regierungen einzelner Staaten unterlassen, dem Beispiel zu folgen, dem Beispiel treuer Pflichterfüllung gegen das gesamte Vaterland, welches die Versammlung, wie ich nicht zweifle, geben wird, dann, meine Herren, ja dann wäre uns ein kühner Griff nach der Allgewalt nicht nur erlaubt, sondern durch die Not geboten.“

Vielleicht schwebten ihm Schillers Worte vor (»Geschichte des dreißigjährigen Krieges«, 3. Buch, vorletzter Absatz: „Die Geschichte […] sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem kühnen Griff aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen.““

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Alles richtig, was Albrecht schreibt.

Aber das Zitat von H. von Gagern ist nicht gerade soo bekannt, dass es in späteren Zeiten für ein geflügeltes Wort gereicht hätte.

Könnte es sein, dass euer Lehrer Gagern und David Hansemann verwechselt?
Der hat nämlich gesagt (wann und wo, kannst du bei Wiki nachlesen):
 
„Bei Geldfragen hört die Gemütlichkeit auf“


Falls du noch in der Mittelstufe sein solltest, könnte das z. B. zu einer Diskussion über die ähnliche Redewendung: "Beim Geld hört die Freundschaft auf" führen.



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