Kenne ich einfach nur die falsche Bücher oder ist die deutsche Literaturwelt etwas "zahm"?

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4 Antworten

Auf eine gewisse Weise hast du recht. Das ist eine vielschichtige Angelegenheit. 

Zum einen ist Literatur in D etwas mehr als bei den Angelsachsen eine "schöngeistige" Sache, eine Sache der Hoch-Kunst,, bzw. Literatur, die dem nicht entspricht, gehört schnell in den U-Bereich und wird vom Kern des Literaturbereichs nicht so ganz ernst genommen. Der handlungsarme Roman, der vielleicht recht sensibel die Befindlichkeiten einiger Personen auslotet, hätte auf dem angesächsischen Markt kaum Chancen, während hier der Literaturkritiker die "Tiefe" lobt. Die deutsche Kultur ist sehr von der Romantik geprägt und hat immer ihre Stärken eher in der "Innerlichkeit", nicht so sehr in der realistischen Erfassung der "äußeren" Welt. Das fängt bei Goethe an. Heine war eine Ausnahme, aber dann gibt es sehr wenige Romane, die auf zupackend-realistische Art und handlungsstark daherkommen. Die besten sind Fontane, Thomas Mann, Döblin und Grass, aber sie schreiben sehr anspruchsvoll, ironisch gebrochen, im Plauderstil oder grotesk-bizarr. Ein breiteres angelsächsisches Publikum wäre überfordert. Wir haben keinen Balzac, Zola, Dostojewski, Tolstoj, Dickens. Diese Tradition setzt sich bis heute fort.

Zum zweiten denke ich, dass 1933-45 den meisten Deutschen das Rückgrat gebrochen hat. Literatur war nach 1945 jahrzehntelang Aufarbeitung der "bösen Jahre" im Zeichen der Schuld und Sühne. Da sind auch einige große Werke entstanden (Grass, Peter Weiss, Dürrenmatt etc.). Was fehlt ist die Unbekümmertheit und Frechheit der Angelsachsen. Die meisten sind sich ihrer Sache nicht sicher, wagen nichts, schielen nach dem Mainstream und seinen politisch korrekten Vorgaben, politisch wie literarisch. 

Soweit mal zwei Gedanken. Mich würde interessieren, was du selbst meinst. 

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Kommentar von Niseam
22.09.2016, 09:07

Danke für deine Antwort! Was du beschreibst, ist genau das, was ich auch wahrnehme. Tatsächlich meine ich aber mit "extrem" gar nicht zwangsläufig fehlende Tiefe - eigentlich ist es doch so, dass Charaktertiefe und "Extremheit" (Doofes Wort, mir fällt auf die Schnelle kein besseres ein) zwei Aspekte sind, die sich wunderbar ergänzen. Natürlich gibt es Bücher, die stark von ihrem geerdeten Feeling leben, aber was mir beispielsweise an Murakami so gefällt, ist dass er durch seine grotesken, bizzaren Sequenzen oft eben Gefühlswelten schafft, zu denen ich sonst so keinen Zugang habe. Kann sehr gut sein, dass diese Zaghaftigkeit auch aus dem Nationalsozialismus resultiert, ein interessanter Gedanke.

Ich persönlich finde es schade, dass, wie du schon sagtest, in deutschen Literaturkreisen oft so binär gedacht wird. Wenn du des Französischen mächtig bist, würde ich dir beispielsweise "Le Vide" von Patrick Senecal ans Herz legen. Das Buch geht wahnsinnig unter die Haut und spart nicht an extremen Szenen, aber hat mich aufgerüttelt, bewegt und zum Nachdenken angeregt wie wenig andere. In Deutschland würde es aber vermutlich einen Untertitel wie "Killerspiel mit einem Amokpsychopathen" tragen und neben "Mein Date mit dem Tentakelmonster" im Regal zu finden sein. ;-)


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Also ich empfehle dir Dirk Bernemann (Ich habe die Unschuld kotzen sehen). Der Verlag bei dem er ist, U books, bringt oft Bücher von Schriftstellern raus, die eher unkonventionell (Achtung, nichts für Jedermann), sind.

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Hans Bemmann gefällt mir sehr. Ist der bessere Tolkien. Ansonsten natürlich Karl May.

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Wenn Du etwas extremes lesen willst, dann lies mal "In der Strafkolonie" von Kafka.

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