Kants Ethik in der Kritik?

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4 Antworten

Ethik ist immer ein Wollen des Individuums und ein Sollen von Seiten der Gesellschaft. Die Kritik Schopenhauers, dass es keine zwingende Instanz in uns und außerhalb von uns gibt, die Ethik unumstößlich begründet, kann von keiner Ethik, weder der Pflichtethik Kants noch der utilitaristisch angelegten Ethik hintergangen werden. Beide sind Orientierungen zur gesellschaftlichen Abstimmung und können z.B. Erziehung nicht ersetzen. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen und hat auch innere Anlagen, Erfahrungen, die ihn die Kooperation wählen lassen. Doch der Mensch ist ein lernendes Individuum, das aus Erfahrung auf brauchbare Überlebensstrategien schließt. Eine Gesellschaft, die übermäßig das ICH in den Vordergrund stellt und das WIR diffamiert, vermittelt als beste Strategie: "Lass Dich nicht verarschen - verarsche Du andere!" Der Nachteil von Kants Vernunftbetonung ist, dass er glauben machen will, dass solche Fehlorientierungen nur mit Vernunft "auszutreiben" sind. Der auch emotionenreflektierende Utilitarismus dagegen warnt frühzeitig vor solchen Entwicklungen, vor emotionaler Fehlorientierung, weil der Utilitarismus in der Linie der Humchen Aufklärung den Emotionen einen größeren Einfluss zugesteht. Diese Kritik an Kant setzt also bereits an der philosophischen Grundlage seiner Ethik an, an seiner Missachtung der Emotionen und Überschätzung der Vernunft.

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Kants Forderung hat den Vorteil, dass sie jedem Menschen ethische Autonomie zugesteht. Sie hat aber den Nachteil, dass sich darauf auch Menschen berufen können, die Handlungen begehen, die für andere unerträglich sind.

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Wenn man von der bekannten Maxime Kants ausgeht, dass man sich bei seinem Handeln von der Überlegung leiten lassen soll, ob die moralisch kritische Handlung, die man im Begriff ist auszuführen, als moralische Leitlinie mit universalem Anspruch auftreten kann, dann ist die Antwort darauf keineswegs intuitiv einfach, wie von zahlreichen Kommentatoren immer wieder angeführt wird. 

Es ist nämlich fundamental wichtig zu überlegen, in welcher Lebenssituation sich der Mensch befindet, der diese Entscheidung fällen soll. Ich möchte dafür ein etwas drastisches Beispiel geben: Ein junger Mensch würde z.B. bei der Überlegung, ob hohe finanzielle Aufwendungen in jedem Fall einzusetzen sind, wenn das Leben eines alten Menschen dadurch verlängert werden kann, mit großer Skepsis reagieren. Er würde eher dazu neigen bei der Verteilung von öffentlichen Mitteln eine Rangordnung zu berücksichtigen, bei der z.B. Bildung, innere Sicherheit, allgemeine Gesundheitsvorsorge eindeutig vorrangig vor großen Aufwendungen in Bezug auf die Behandlung von Beschwerden im hohen Alter sein sollten. Ein alter Mensch, der eben hier Defizite erfährt, will demgegenüber Prinzipien zur Leitlinie allgemeinmoralischen Handelns machen, bei denen der Erhalt des Lebens nicht vom Kostenfaktor abhängig gemacht werden darf. Seine Maxime wäre: "Das Leben ist stets wertvoller als das Geld und hat folglich Vorrang!". Bilanz: Beide handeln getreu der Kantischen Maxime und kommen trotzdem zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Und genau dieses eine kleine Beispiel zeigt bereits exemplarisch, dass man mit der Kantischen Pflichtenethik nahezu generell von einem Dilemma ins nächst fällt, weil die Interessenlagen der Menschen viel zu divergent sind.

Ich persönlich halte die Kantische Ethik für veraltet, überholt und nicht praktikabel. Wer sich ethisch wirklich Orientierung holen möchte, um seine moralischen Entscheidungen auch theoretisch besser absichern zu können, muss einen deutlich anstrengenderen Weg gehen und moderne ethische Systeme sorgfältig studieren, als da sind z.B.: Diskursethik; Handlungsreflexive Moralbegründung; Kohärentismus; Kommunitarismus; hermeneutische Ethik; Klugheitsethik; und fachspezifische Ethiken wie die Kulturethik; die politische Ethik; die evolutionäre Ethik und zahlreiche weitere ethische Systeme. Klar, dass man in solche Theoriekonzepte immer nur hereinlesen kann, aber trotzdem wird man ein wenig mehr "sehend" für die Schwierigkeit, moralisch belastbare Entscheidungen treffen zu können.

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Der kategorisch Imperativ ist vermutlich viel grundlegender und durchsetztbarer als beispielsweise der Utilitarismus.

Das Prinzip des kategorischen Imperativ ist ja: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 

So kann man eigentlich relativ gut klarstellen was moralisch verwerflich ist und was nicht.

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