Frage von SofiaBari, 94

Kants Definition von Glückseligkeit?

Gibt es ein Buch, ein Werk, irgendwas zum drinnen-rum-blättern von Kants Definition zur Glückseligkeit, bzw. Glück? ^^

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 36

Es gibt von Immanuel Kant in seinen Werken mehrere Formulierungen, die eine Definition sind bzw. einer Definition gleichkommen oder zumindest Hinweise geben, was er darunter verstand:

Glückseligkeit ist die Befriedigung aller Neigungen eines Menschen, sowohl nach Extensität (Ausdehnung [auf verschiedenen Arten, insofern Mannigfaltigkeit], als auch nach Intensität (Grad) als auch nach Protensität (Dauer).

Glücklichsein besteht in Zufriedenheit mit seinem ganzen Dasein.

Glückseligkeit ist der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht.

Glückseligkeit auf Erden ist der Inbegriff aller durch die Natur außer und in dem Menschen möglichen Zweck des Menschen.

Glückseligkeit heißt Zufriedenheit mit seinem Zustande, sofern man der Fortdauer derselben gewiß ist.

Kant legt einen subjektiven Glücksbegriff zugrunde, wenn er Glück(seligkeit) als eine bestimmte Zufriedenheit versteht.

Kant äußert, Glück(seligkeit) sei Befriedigung der Neigungen/Bedürfnisse. Das Begehrungsvermögen ist eine Triebfeder, es ist also an Erfüllung von Begierden gedacht.

Kant verbindet Glück(seligkeit) mit Wohlergehen und Wohlbefinden/Wohlfahrt und Wohlsein, mit dem Genießen von Annehmlichkeiten.

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1. Auflage 1781. 2. Auflage 1787) II. Transscendentale Methodenlehre. Zweites Hauptstück. Der Kanon der reinen Vernunft. 2. Abschnitt. Von dem Ideal des höchsten Guts , als einem Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft. AA III, 523 bzw. A806/B 834:

„Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen (sowohl extensive der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive dem Grade und auch protensive der Dauer nach).“

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1. Auflage 1785. 2. Auflage 1786). Erster Abschnitt. Übergang von der gemeinen sittlichen Vernunfterkenntniß zur philosophischen. AA IV, 395 bzw. BA 4:

„In den Naturanlagen eines organisirten, d. i. zweckmäßig zum Leben eingerichteten, Wesens nehmen wir es als Grundsatz an, daß kein Werkzeug zu irgend einem Zwecke in demselben angetroffen werde, als was auch zu demselben das schicklichste und ihm am meisten angemessen ist. Wären nun an einem Wesen, das Vernunft und einen Willen hat, seine Erhaltung, sein Wohlergehen, mit einem Worte seine Glückseligkeit, der eigentliche Zweck der Natur, so hätte sie ihre Veranstaltung dazu sehr schlecht getroffen, sich die Vernunft des Geschöpfs zur Ausrichterin dieser ihrer Absicht zu ersehen.“

AA IV, 399 bzw. BA 11 - 12:

„Seine eigene Glückseligkeit sichern, ist Pflicht (wenigstens indirect), denn der Mangel der Zufriedenheit mit seinem Zustande in einem Gedränge von vielen Sorgen und mitten unter unbefriedigten Bedürfnissen könnte leicht eine große Versuchung zu Übertretung der Pflichten werden. Aber auch ohne hier auf Pflicht zu sehen, haben alle Menschen schon von selbst die mächtigste und innigste Neigung zur Glückseligkeit, weil sich gerade in dieser Idee alle Neigungen zu einer Summe vereinigen.“

AA IV, 405 bzw. BA 23:

„Der Mensch fühlt in sich selbst ein mächtiges Gegengewicht gegen alle Gebote der Pflicht, die ihm die Vernunft so hochachtungswürdig vorstellt, an seinen Bedürfnissen und Neigungen, deren ganze Befriedigung er unter dem Namen der Glückseligkeit zusammenfaßt.“

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788). Erster Theil. Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft. Erstes Hauptstück. Von den Grundsätzen der reinen praktischen Vernunft. § 3. Lehrsatz II. Anmerkung II. AA V, 25 bzw. A 45 – 46:

„Glücklich zu sein, ist nothwendig das Verlangen jedes vernünftigen, aber endlichen Wesens und also ein unvermeidlicher Bestimmungsgrund seines Begehrungsvermögens. Denn die Zufriedenheit mit seinem ganzen Dasein ist nicht etwa ein ursprünglicher Besitz und eine Seligkeit, welche ein Bewußtsein seiner unabhängigen Selbstgenugsamkeit voraussetzen würde, sondern ein durch seine endliche Natur selbst ihm aufgedrungenes Problem, weil es bedürftig ist, und dieses Bedürfniß betrifft die Materie seines Begehrungsvermögens, d. i. etwas, was sich auf ein subjectiv zum Grunde liegendes Gefühl der Lust oder Unlust bezieht, dadurch das, was es zur Zufriedenheit mit seinem Zustande bedarf, bestimmt wird. Aber eben darum weil dieser materiale Bestimmungsgrund von dem Subjecte blos empirisch erkannt werden kann, ist es unmöglich diese Aufgabe als ein Gesetz zu betrachten, weil dieses als objectiv in allen Fällen und für alle vernünftige Wesen eben denselben Bestimmungsgrund des Willens enthalten müßte. Denn obgleich der Begriff der Glückseligkeit der praktischen Beziehung der Objecte aufs Begehrungsvermögen allerwärts zum Grunde liegt, so ist er doch nur der allgemeine Titel der subjectiven Bestimmungsgründe und bestimmt nichts specifisch, darum es doch in subjectiven Bestimmungsgründe und bestimmt nichts specifisch, darum es doch in nicht aufgelöset werden kann. Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe, kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust an, und selbst in einem und demselben Subject auf die Verschiedenheit des Bedürfnisses nach den Abänderungen dieses Gefühls, und ein subjectiv nothwendiges Gesetz (als Naturgesetz) ist also objectiv ein gar sehr zufälliges praktisches Princip, das in verschiedenen Subjecten sehr verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz abgeben kann, weil es bei der Begierde nach Glückseligkeit nicht auf die Form der Gesetzmäßigkeit, sondern lediglich auf die Materie ankommt, nämlich ob und wieviel Vergnügen ich in der Befolgung des Gesetzes zu erwarten habe.“

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788). Erster Theil. Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft. Zweites Buch. Dialektik der reinen praktischen Vernunft. Zweites Hauptstück. Von der Dialektik der reinen Vernunft in Bestimmung des Begriffs vom höchsten Gut. V. Das Dasein Gottes, als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft. AA V, 124 bzw. A 224 - 225:

Glückseligkeit ist der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht, und beruht also auf der Übereinstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen zum wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens.“

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1790). Erster Theil. Kritik der ästhetischen Urtheilskraft. Erstes Buch. Analytik des Schönen. 1. Moment des Geschmacksurtheils der Qualität nach. § 4. Das Wohlgefallen am Guten ist mit Interesse verbunden. AA V, 208:

„In Absicht der Glückseligkeit glaubt endlich doch jedermann, die größte Summe (der Menge sowohl als Dauer nach) der Annehmlichkeiten des Lebens ein wahres, ja sogar das höchste Gut nennen zu können. Allein auch dawider sträubt sich die Vernunft. Annehmlichkeit ist Genuß. Ist es aber auf diesen allein angelegt, so wäre es thöricht, scrupulös in Ansehung der Mittel zu sein, die ihn uns verschaffen, ob er leidend, von der Freigebigkeit der Natur, oder durch Selbstthätigkeit und unser eignes Wirken erlangt wäre. Daß aber eines Menschen Existenz an sich einen Werth habe, welcher blos lebt (und in dieser Absicht noch so sehr geschäftig ist), um zu genießen, sogar wenn er dabei Andern, die alle eben so wohl nur aufs Genießen ausgehen, als Mittel dazu aufs beste beförderlich wäre und zwar darum, weil er durch Sympathie alles Vergnügen mit genösse: das wird sich die Vernunft nie überreden lassen.“

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1790). Zweiter Theil. Kritik der teleologischen Urteilskraft. Anhang. Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft. § 83. Von dem letzten Zwecke der Natur als eines teleologischen Systems. AA V, 430:

„Der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa von seinen Instincten abstrahirt, und so aus der Thierheit in ihm selbst hernimmt; sondern ist eine bloße Idee eines Zustandes, welcher er den letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches unmöglich ist) adäquat machen will. Er entwirft sie sich selbst, und zwar auf so verschiedene Art, durch seinen mit der Einbildungskraft und den Sinnen verwickelten Verstand; er ändert sogar diesen so oft, daß die Natur, wenn sie auch seiner Willkür gänzlich unterworfen wäre, doch schlechterdings kein bestimmtes allgemeines und festes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff, und so mit dem Zweck, den jeder sich willkürlicher Weise vorsetzt, übereinzustimmen. Aber, selbst wenn wir entweder diesen auf das wahrhafte Naturbedürfniß, worin unsere Gattung durchgängig mit sich übereinstimmt, herabsetzen, oder, andererseits, die Geschicklichkeit, sich eingebildete Zwecke zu verschaffen, noch so hoch steigern wollten: so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit versteht, und was in der That sein eigener letzter Naturzweck (nicht Zweck der Freiheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn seine Natur ist nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören und befriedigt zu werden.“

AA V, 431:

„Um aber auszufinden, worein wir am Menschen wenigstens jenen letzten Zweck der Natur zu setzen haben, müssen wir dasjenige, was die Natur zu leisten vermag, um ihn zu dem vorzubereiten, was er selbst thun muß, um Endzweck zu sein, heraussuchen, und es von allen den Zwecken absondern, deren Möglichkeit auf Dingen beruht, die man allein von der Natur erwarten darf. Von der letztern Art ist die Glückseligkeit auf Erden, worunter der Inbegriff aller durch die Natur außer und in dem Menschen möglichen Zwecke desselben verstanden wird; das ist die Materie aller seiner Zwecke auf Erden, die, wenn er sie zu seinem ganzen Zwecke macht, ihn unfähig macht, seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammen zu stimmen.“

Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1790). Zweiter Theil. Kritik der teleologischen Urteilskraft. Anhang. Methodenlehre der teleologischen Urtheilskraft. § 84. Von dem Endzwecke des Daseins einer Welt, d. i. der Schöpfung selbst. Fußnote. AA V, 434:

„Was das Leben für uns für einen Werth habe, wenn dieser bloß nach dem geschätzt wird, was man genießt (dem natürlichen Zweck der Summe aller Neigungen, der Glückseligkeit), ist leicht zu entscheiden.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten ( 1797). Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung zur Tugendlehre. V. Erläuterung dieser zwei Begriffe. B. Fremde Glückseligkeit. AA VI, 387 - 388:

„Glückseligkeit, d. i. Zufriedenheit mit seinem Zustande, sofern man der Fortdauer derselben gewiß ist, sich zu wünschen und zu suchen ist der menschlichen Natur unvermeidlich; eben darum aber auch nicht ein Zweck, der zugleich Pflicht ist. - Da einige noch einen Unterschied zwischen einer moralischen und physischen Glückseligkeit machen (deren erstere in der Zufriedenheit mit seiner Person und ihrem eigenen sittlichen Verhalten, also mit dem, was man thut, die andere mit dem, was die Natur beschert, mithin was man als fremde Gabe genießt, bestehe): so muß man bemerken daß, ohne den Mißbrauch des Worts hier zu rügen (das schon einen Widerspruch in sich enthält), die erstere Art zu empfinden allein zum vorigen Titel, nämlich dem der Vollkommenheit, gehöre. - Denn der, welcher sich im bloßen Bewußtsein seiner Rechtschaffenheit glücklich fühlen soll, besitzt schon diejenige Vollkommenheit, die im vorigen Titel für denjenigen Zweck erklärt war, der zugleich Pflicht ist.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten ( 1797). Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung zur Tugendlehre.VIII. Exposition der Tugendpflichten als weiter Pflichten. 2. Fremde Glückseligkeit als Zweck, der zugleich Pflicht ist. AA VI, 393:

„Allein ich soll mit einem Theil meiner Wohlfahrt ein Opfer an Andere ohne Hoffnung der Wiedervergeltung machen, weil es Pflicht ist, und nun ist unmöglich bestimmte Grenzen anzugeben: wie weit das gehen könne. Es kommt sehr darauf an, was für jeden nach seiner Empfindungsart wahres Bedürfniß sein werde, welches zu bestimmen jedem selbst überlassen bleiben muß. Denn mit Aufopferung seiner eigenen Glückseligkeit (seiner wahren Bedürfnisse) Anderer ihre zu befördern, würde eine an sich selbst widerstreitende Maxime sein, wenn man sie zum allgemeinen Gesetz machte. Also ist diese Pflicht nur eine weite; sie hat einen Spielraum, mehr oder weniger hierin zu thun, ohne daß sich die Gränzen davon bestimmt angeben lassen. - Das Gesetz gilt nur für die Maximen, nicht für bestimmte Handlungen.“

AA VI, 395:

„b) Moralisches Wohlsein Anderer (salubritas moralis) gehört auch zu der Glückseligkeit Anderer, die zu befördern für uns Pflicht, aber nur negative Pflicht ist.“

ein Buch zum Thema:

Ji Young Kang, Die allgemeine Glückseligkeit : zur systematischen Stellung und Funktionen der Glückseligkeit bei Kant. Berlin : De Gruyter, 2015 (Kant-Studien - Ergänzungshefte ; Heft 184). ISBN 978-3-11-042716-5

Kommentar von Albrecht ,

viel Material enthält:

Kant-Lexikon : Nachschlagewerk zu Kants sämtlichen Schriften, Briefen und handschriftlichem Nachlass. Bearbeitet von Rudolf Eisler. Herausgegeben unter Mitwirkung der Kantgesellschaft. Nachdruck der Ausgabe Berlin, Mittler & Sohn, Pan-Verlag Metzner, 1930. Darmstadt : Wissenschaftlcihe Buchgesellschaft, 2008, S. 211 – 216 (Glückseligkeit)

http://www.textlog.de/32375.html

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