Frage von Pyramesse27, 31

Kant sprach sich für den ,,kategorischen Imperativ aus und meinte damit bedingungslose Pflichterfüllung.Was sagt Ihr dazu?

So z.B. den Versuch zu unternehmen, einem Ertrinkendem das Leben zu retten, auch wenn man nicht schwimmen kann(daher bedingungslos) und keinerlei andere Hilfsmittel zur Verfügung stehen,also praktisch die Aussicht auf Erfolg gleich Null ist

Antwort
von Grautvornix16, 8

Das ist falsch. So doof war Kant nicht - auch wenn diese Märchen scheinbar unaussterblich sind. - Kants Formulierung war nur der Hinweis auf die schlichte Tatsache, das so große Begriffe wie "Freiheit" und "Grechtigkeit" im Sinne einer humanistisch geleiteten Gesellschaftsordnung nicht als "positives Recht des Individuums" formulierbar sind sondern nur auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Und genau das ist das Prinzip. Und bei diesem Prinzip war er sehr konsequent - eben prinzipiell. - Nicht mehr und nicht weniger. Und bislang gibts keine logischere Leitidee für die best mögliche ethische Grundausrichtung einer Gesellschaft. - Ende der Geschichte.

Antwort
von Janiela, 14

Man kann jemandem, der ertrinkt, das Leben nicht retten, indem man selbst ins Wasser springt, wenn man nicht schwimmen kann. Dementsprechend kann die Pflicht hier nicht darin bestehen, ins Wasser zu springen, sondern eher darin, einen Rettungsversuch zu unternehmen. Ein Rettungsversuch, der einigermaßen sinnvoll wäre, kann zum Beispiel darin bestehen, laut nach Hilfe zu rufen oder jemanden zu holen, der Hilfe leisten kann.

In diesem Beispiel sehe ich also ein Scheinproblem. Man kann natürlich Schlüsselbegriffe (etwa "Rettung") einfach in gewohnter Weise verwenden, aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man in einigen Begriffen mehr Tiefe und Vagheit und dann sollte man erst einmal darüber sprechen, worüber man überhaupt spricht.

Viel komplexer ist das Beispiel der Wahrheitsäußerung. Kants Vorstellungen zufolge darf man etwa nicht lügen, wenn man seine Pflicht erfüllt. Würde 1943 jemand geklingelt haben, um zu fragen "Haben Sie einen Juden versteckt?" und du hättest einen Juden versteckt, müsstest du wahrheitsgemäß antworten. Die Begründung dahinter ist, dass du ja nicht weißt, was der Jude verbrochen hat oder verbrechen wird. Wenn der nämlich einen Mord im Schilde führen würde, hättest du es ihm durch eine Lüge ermöglichen oder durch die Äußerung der Wahrheit verhindern können.

Kants Philosophie hat aber auch universalistischen Anspruch. Eine utopische Welt nach seinen Idealen funktioniert nur, wenn sich ALLE an den kategorischen Imperativ und an die Pflicht halten. 

Davon abgesehen war Kant auch ein billardspielender Trinker, wenngleich ein brillianter. Auch Kant war in gewisser Weise ein normaler Mensch mit normalen Sehnsüchten, Leidenschaften und Gewohnheiten. Dass seine Theorien sehr ausgereift waren bedeutet nicht, dass es nicht auch Verbesserungspotenzial gäbe.

Den Kategorischen Imperativ in der dritten und vollendeten Form ("Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Naturgesetz werde!") halte ich für genial und ausgereift. Kants Vorstellungen davon im Einzelnen sind aber diskutabel. Die Maximen, die hinter einer Handlung stehen, sind für jeden Menschen anders. Während für Kant im Judenbeispiel die Maxime "unter allen Umständen ehrlich sein" gelautet hätte, hätte sie für andere "im Konfliktfall Verantwortung zur Abwendung von absehbarem Schaden übernehmen" gelautet.

Kommentar von berkersheim ,

Kant zu Ehren sollte man seine Grundforderung "Selbst denken" nicht außer Kraft setzen. Es gibt keine Pflicht, im Lügenbeispiel nach Schema F die Wahrheit zu sagen. Da ist jeder aufgefordert, selbst nachzudenken, womit er den größeren Schaden anrichtet. Kants kategorischer Imperativ ist eine Denkorientierung und kein Dogma.

Kommentar von Janiela ,

Kant hatte ein eigenes Lügenbeispiel und ungefähr so war seine Argumentation. Lügen passt auch nicht gut zum Kategorischen Imperativ, außer man knüpft ein Netz aus vielen Bedingungen, das man der Lüge zugrunde legt. Kants Meinung nach hätte man also durchaus bedingungslos die Wahrheit sagen müssen, das ist aber meiner Meinung nach nicht der Theorie(n) Kants geschuldet, sondern eher seiner eigenen persönlichen Auslegung davon.

Es ging ihm auch nicht darum, ein rigides F-Schema anzuwenden (denn darin bestünde ja die Unmündigkeit, also das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen), sondern "das Richtige" zu tun, nämlich ehrlich zu sein.

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_ein_vermeintes_Recht_aus_Menschenliebe_z...

Antwort
von berkersheim, 9

Ergänzend zu "Janiela" habe ich den Verdacht, dass der Ausdruck "bedingungslose Pflichterfüllung" ein großes Missverständnis darstellt. Was Kant unter Pflicht verstand und was wir heute mit Pflicht bezeichnen, sind zwei vollkommen verschiedene Verhalten. Schon das Wort "Verantwortung" hat heute ja einen negativen Touch in einer Welt der Werteungebundenheit als Basis eines heillosen Egoismus. Heute wird unter Pflicht etwas von außen Kommendes verstanden, etwas irgendwie Autoritäres und wird in der Sucht nach bindungsloser Freiheit natürlich abgelehnt.

Für Kant war Pflicht etwas, das von Innen kam, hatte etwas mit Selbstdisziplin zu tun, der sich ein vernünftig denkendes und handelndes Wesen selbst unterwirft. Nicht seinen Einsichten gemäß zu handeln, nur weil angeblich das Bauchgefühl etwas anderes sagt, war für Kant Selbstverrat. Die eigene Einsicht aus der allgemeinen Vernunft konnte selbst dazu führen, falschen, von außen auferlegten Pflichten zuwider zu handeln. Bauchgefühl war für Kant ein Gräuel. Es wie David Hume überhaupt in Rechnung zu stellen, war ihm zuwider.

Kommentar von Askomat ,

Verantwortung ist negativ konuntiert ?

Antwort
von Gramling,

Hallo Pyramesse27, ich grüße dich.

Nimm den kategorischen Imperativ und suche eine Begründung, warum du ihn einhalten solltest. Ebenso fragte sich Kant, was als eine Begründung herhalten könnte. Du wirst, so wie er, keine andere finden, als nur die Erfüllung "aus Pflicht", vor diesem Imperativ (Gesetz). Weil nur aus ihm und aus seiner pflichtgemäßen Erfüllung das moralisch Gute abzuleiten ist.

Ein Nichtschwimmer, der einem Ertrinkenden aus dieser Pflicht helfen will, handelt weder pflichtgemäß (in diesem Sinne) noch sinnvoll, sondern nur beschränkt. Nur "im Helfen zu wollen" "sich selbst zu Schaden" hat mit einem moralisch guten Handeln nichts zu tun. Vor einem Handeln sollte das Denken stehen, das es dem Nichtschwimmer verbietet zu Handeln.

Solche Beispiele werden der Kant Argumentation nicht gerecht. Sie sind nur an den Haaren herbeigezogene Konstrukte, die eine ausweglose Situation vorgaukeln und in eine falsche Denkrichtung führen.

Ich grüße Dich und bleib gesund.

Antwort
von Lumpazi77, 16

Hier musst Du differnzieren:

1. Es besteht die Möglichkeit, dass sich, aus welchen Gründen auch immer, ein Erfolg einstellt.

2. Tut man nichts, gibt es keinen Erfolg und der Ertrinkende säuft ab.

Kommentar von Pyramesse27 ,

Tut man etwas und springt, gibt es einen doppelten Mißerfolg. Kategorisch heißt ,keine Vorbedingungen, also auch das Vorhandensein irgendwelcher Hilfsmittel. Gruß

Kommentar von Lumpazi77 ,

Wer sagt hier was von Springen ? Hilfe holen wäre z.B. eine Option

Antwort
von josef050153, 4

Die konsequente Anwendung hat man ja dann in der Nazizeit erlebt.

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