Frage von DaKaBo, 128

Kann so ein Burnout aussehen / Kann man ein Burnout vortäuschen?

Eine Bekannte von uns (47 J., geschieden, keine Kinder) ist seit April 2016 wegen Burnout krankgeschrieben und wird seitdem in einer Tagesklinik behandelt (im Moment vorläufig bis September, eine erneute Verlängerung ist wahrscheinlich).

Mein Freund und ich sind hier etwas geteilter Meinung: ich versuche immer noch – wobei es mir zunehmend schwer fällt – mich in sie hineinzuversetzen und versuche; ihre Probleme zu verstehen. Andererseits denke ich dann immer häufiger: Sie hat doch gar keine (ernstzunehmenden)! Muss nur IHREN Lebensunterhalt bestreiten, hat KEINE Kinder, muss sich KEINE Sorgen machen über deren Krankheiten, schlechte Noten oder Nichtversetzung. Hat NICHT ständig die Zeit im Nacken, wenn man z. B. zu spät von der Arbeit kommt, das Kind schon vor der Tür warten könnte, der eine vom Judo abgeholt werden muss und der andere eigentlich schon beim Handball sein müsste.

Hat einen gesicherten Job, arbeitet sonst Vollzeit, muss sich finanziell keine Gedanken machen und kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, von einem oder 1,5 Gehältern zwei Erwachsene und zwei Kinder (oder noch mehr) versorgen zu müssen. Braucht sich um ihre spätere Rente mal keine Sorgen machen, weil sie immer Vollzeit gearbeitet hat. Bei uns Müttern sieht das schon anders aus…

Mein Freund – und viele andere, die ich kenne – sind ist vor diesem Hintergrund mit ihrem Verständnis schon lange am Ende, vor allem deshalb, weil es ihr immer dann schlecht geht, wenn es um ihren Arbeitsplatz geht: Die Kollegen sind ALLE blöd, ihre Leistung wird nicht anerkannt, es ist einfach alles negativ. Überhaupt ist ihre ganze Lebenseinstellung und Haltung zu vielem grundsätzlich negativ, was sich auch an ihrem ganzen Auftreten bemerkbar macht und weshalb sie im allgemeinen nicht sehr beliebt ist und nur wenige Freunde hat. Viele haben sich jetzt mit der Zeit auch von ihr abgewendet, was sie natürlich wieder darin bestätigt, wie unbeliebt sie ist. Ich weiß, dass viele aber auch einfach genervt sind, mitanzusehen, wie sie den Lebensunterhalt von jemand mit einer schwer greifbaren psychischen Krankheit, der nicht arbeitet, mit finanzieren.

Wenn es darum geht, in den Urlaub zu fahren (damals noch mit ihrem Mann vor der Scheidung) oder um Erzählungen vom Urlaub, blüht sie auf, und schlagartig geht es ihr für einen Moment besser.

Mein Freund ist der Meinung, dass Sie den Burnout sowieso nur vortäuscht, um nicht arbeiten zu müssen.

Meine Frage an euch: Was meint ihr? Kann so ein Burnout aussehen? Oder kann man das tatsächlich so lange vortäuschen? Wenn nicht, kann man so etwas überhaupt heilen?

Antwort
von Giwalato, 78

Auch ein Depressiver hat Momente, in denen es ihm gut geht, das ist kein Anzeichen dafür, daß er simuliert.

Typisch für eine Depression ist die Schwarzseherei, nahezu alles wird negativ gesehen. Und die Unfähigkeit, sich Konzentrieren zu können, gepaart mit ständiger Erschöpfung.

Eure Bekannte ist jetzt 47, geschieden und hat keine Kinder. 

Da ist einiges vorhanden, was eine Depression auslösen kann. 

Gescheitete Ehe, unerfüllter Kinderwunsch, jüngere Kolleginnen im Büro, die selbst Karriere machen wollen und ältere Kolleginen als Störfaktor betrachten, alternde Eltern und möglicherweise noch ungelöste Probleme aus der Kindheit. 

Das kann auch einen Menschen, der bisher gut funktioniert hat, die Füße wegziehen. Und ich meine funktioniert, nicht gelebt!

Wichtig für die Gesundung ist ein respektvoller und achtsamer Umgang mit solchen Menschen, dann haben sie auch eine Chance, wieder gesund zu werden. Aber das kann lange dauern.

Wer in einer Depression feststeckt, erinnert sich an Zeiten, wo es ihm gut ging, aber er kann sich nicht vorstellen, daß es ihm je wieder gut geht.

Ich glaube nicht, daß eure Bekannte ihre Depression vortäuscht. Dazu ist das Krankheitsbild zu komplex.

Als Außenstehender ohne eigene Erfahrung ist es nahezu unmöglich, sich vorzustellen, was in dem Kranken vorgeht.

Ich hoffe auf Euer einfühlsames Verhalten gegenüber Eurer Bekannten.

Nur so besteht eine Chance, daß sie wieder gesund wird. Kritik ist absolut kontraproduktiv.

Giwalato 

Kommentar von DaKaBo ,

Danke für die vielen Hinweise und Tips!

Wie gesagt, ich versuche noch, sie zu verstehen und motiviere sie zu gemeinsamen Aktivitäten (Theaterbesuch, Gitarre spielen, Inliner laufen, das liebt sie).

Viele haben ihr Verständnis aber leider schon aufgegeben und sie abgeschrieben...

Antwort
von ponyfliege, 59

burnout ist eine krankheit.

keine ansichtssache. nach deiner beschreibung hat die bekannte die typischen burnout-symptome.

ich nehme mal an, sie macht in der klinik eine verhaltenstherapie. allerdings würde ich bei der schwere der symptome fast denken, dass sie zwischenzeitlich in einer stationären kur besser aufgehoben wird, weil sie aus der ganzen situation mal herauskommen würde.

leute mit einem burnout sind ganz normal - sie haben halt einen burnout.

je nach schweregrad kann ein burnout mehrere monate bis jahre dauern.

und danach muss dann von dem betroffenen das ganze soziale umfeld wieder aufgebaut werden. ein burnout macht einsam und es ist schwer, da wieder rauszukommen.

das leben nach dem burnout beinhaltet viele stolperfallen, die rückfälle begünstigen. probleme mit dem selbstbewusstsein, probleme mit der konfliktbewältigung, probleme mit beruflichen rückschlägen, ein neuer freundeskreis muss aufgebaut werden, weil der alte durch die krankheit verloren gegangen ist. dazu kommt meist auch noch die suche nach einem neuen job. oft gestaltet es sich vorteilhaft, was ganz anderes zu machen.

die suche nach den wirklichen ursachen eines burnouts ist sehr schwierig und zeitaufwendig. erst dann kann gegen die ursachen angegangen werden.

häufig kommen dann auch noch zeitweise depressionen, schlaflosigkeit und "kaschierungssymptome" wie die von borderline oder psychosomatische störungen hinzu, welche häufig so dominant sind, dass ärzte sie für klinisch halten und diese bevorzugt behandeln, anstatt das grundproblem anzugehen. aus den psychosomatischen können dann auch schwerwiegende echte körperliche schäden werden, weil oft von ärzten nicht wahrgenommen wird, dass manche psychosomatischen symptome auch körperlich behandelt werden müssen.

----------------------------------

wer selbst noch keinen burnout hatte, kann sich auch nicht in jemanden hineinversetzen, der einen akuten burnout hat.

einfach deshalb, weil mit alltagslogik ein burnout nicht nachvollziehbar ist.

auch das auseinanderleben mit ihrem mann und die nachfolgende scheidung deiner bekannten können ein zeichen dafür sein, dass der burnout sich im prinzip schon jahrelang angekündigt hat, bis er akut wurde.

Kommentar von DaKaBo ,

Vielen Dank für die vielen interessanten Informationen. Ganz vieles von dem, was du schreibst, passt haargenau auf diesen Fall, wenn ich so darüber nachdenke...

Antwort
von fxckyou, 44

Ich finde es leicht respektlos wie alle mit ihr umgehen oder behaupten sie würde das vortäuschen.

Ein Arzt hat ihr das diagnostiziert. Er hat sich mit ihr beschäftigt und ist ausgebildet um zu erkennen ob es nun wahr ist oder vorgetäuscht. Wenn er meint es sei ein Burnout, dann sollte man das erst Mal glauben oder aber eine zweite Meinung einholen und nicht nach seiner eigenen imaginären Ausbildung zum Psychologen urteilen ohne sich wirklich mit der Frau beschäftigt zu haben, denn das führt zu nichts.

Was sind große Probleme und was sind kleine Probleme? Was für dich ein riesen Problem ist, ist für andere nicht ernstzunehmend und total unwichtig, genauso andersrum. Soll heißen, für SIE (und um sie geht es!) sind die Probleme groß. Vielleicht ist es für sie das größere Probleme eben keine Kinder zu haben, keinen Ehemann und keine Familie die sie so unterstützt, dass es ihr das Gefühl gibt geliebt zu sein.

Vielleicht wäre es angebracht für euch, Informationsabende zu besuchen zu dem Thema Umgang mit den Personen die an solchen Erkrankungen leiden.

Antwort
von teardrop1109, 57

So eine Erkrankung kann man nicht vortäuschen - das ist unmöglich. Dafür haben die Ärzte viel zu viel Erfahrung, um das zu erkennen. Ein Burnout ist eng verwandt mit Depressionen - die, wenn sie ausgeprägt genug auftreten, immer Krankheitswert haben. Es gibt für Außenstehende keine Möglichkeit, wenn sie nicht selbst schon erlebt haben, wie das ist, sich in solch einen Menschen hineinzuversetzen. Und man sollte dankbar sein, wenn man diese Erfahrung nicht machen musste. Ein gebrochener Arm, eine Blinddarm-OP etc. kann jeder nachvollziehen. Eine mentale Erkrankung wird oft von Außenstehenden verkannt - leider.

Antwort
von Busverpasser, 28

Es ist die Aufgabe des Arztes, festzustellen, ob sie simuliert oder nicht und nicht deine. Kurz gesagt, es geht dich eig. auch gar nichts an.

Klar finanzieren die momentan arbeitenden gerade ihren Lebensunterhalt, aber da sie ja sonst immer Vollzeit gearbeitet hat, was denkst Du eigentlich, was sie an Sozialabgaben die letzen 20 Jahre geleistet hat? Bei meinem Gehalt würden da in 20 Jahren jedenfalls ca. 300000 Euronen zusammenkommen und ich verdiene nur mittelmäßig. Wenn sie einen guten Job hat, wird es wohl eher eine halbe Millionen sein! Dann hat man natürlich kein Anrecht darauf, hilfsbedürftig zu sein und vlt. auch mal nicht zu können, gell? Das ist doch die Gehirnwäsche, die seit Einführung von Harz 4 betrieben wird und die schon von vielen Menschen ohne zu hinterfragen hingenommen wird.

Hast du mal darüber nachgedacht, dass diese Person in einem Land ohne sozialsystem vlt. einfach mal 100000 mehr auf dem Konto hätte und nicht als Bittstellerin auftreten müsste???

Des weiteren, wenn du es so schlimm findest, dass sie gerade auf Kosten anderer lebt, wäre es dir denn lieber, wenn sie sich vlt. einfach umbringt?


Antwort
von LittleMistery, 36

Burnout ist eine Arbeiterkrankheit, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Das heißt durch die Arbeit hat sie viel Stress, Probleme und dann kann es ihr natürlich auch gut gehen, wenn sie mal nicht bei der Arbeit ist, sondern abgelenkt wird von positiven Sachen. Wenn sie in Behandlung ist wird es keine Ausrede sein, denn dieses Burnout wurde ja festgestellt. Burnout kann man heilen. Ich bin auf der Seite der Bekannten.

Antwort
von verwirrtesmausi, 31

Das einzige was sie "hat", ist der Job. Du siehst ja selber, was sie alles NICHT hat... Nichtmal "Probleme"...
... UND GENAU DAS IST IHR PROBLEM
sie hat keine LEBENSAUFGABEN
darum ist sie depressiv
Darum ist sie mit dem Job ÜBERFORDERT, weil sie eigentlich UNTERFORDERT ist und so kriegt sie keinen ANTRIEB.

und eure Eifersucht macht das noch schlimmer, weil ihr keine Freunde seid für sie und sie einsam macht weil ihr sie nicht versteht.

LÄSST SIE IN RUHE, SEID FREUNDLICH, KEINE VERGLEICHE, LOBEN UND MAL LIEBEVOLL ANLÄCHELN ODER AUF DIE SCHULTER KLOPFEN.

wie würde es dir gehen, wenn du traurig bist und keiner versteht dich?

Antwort
von unihockeyaner, 38

Du weisst ja nicht die Hintergründe dieser Person. Vielleicht wurde sie im Internet gemobbt? Vielleicht sind die Eltern schwer krank?Und es gibt auch Menschen, die Problemen im Leben weniger gut umgehen können als andere. Ich würde also das Burnout nicht ganz ausschliessen.

Aber ob man ein Burnout vortäuschen kann? Ich habe selber wenig Erfahrung im Medizinischen Bereich, aber ich denke, dass die Ärzte schon erkennen ob es ein richtiges Burnout war.

Und auf die Frage ob man das heilen kann: Ein bekannter von mir hatte mal ein Burnout, weil er das Geschäft seines Vaters übernehmen sollte, er aber nicht wollte. Dieser ganze Entscheidungsstress ist dann in einem Burnout ausgeartet. Aus dem jungen fitten Mann wurde ein Haufen Elend, der schwer Übergewichtig und geistig am Ende war. Er konnte nach einer langen Zeit schon wieder Arbeiten gehen, aber dieses Ereignis trug immerwährende Schäden mit sich. 100% geheilt wird man meiner Meinung nach nie.

Meine Theorie: Sie wollte unbewusst ein Burnout für die Aufmerksamkeit und die Ferien. Und es ist bekannt wie viel der Kopf bei einer Krankheit ausmacht. Wenn man sich selbst immer einredet man hätte gleich ein Burnout, dann kann es sein, dass man wirklich eins hat.

Aber naja, ich bin auch nur ein normaler Mensch, und kein Arzt, der dir meine Gedanken geschrieben hat.

Kommentar von DaKaBo ,

Doch, ich kenne die Hintergründe dieser Person einigermaßen. Ich bin eine von wenigen von früher, als sie noch verheiratet war, noch was mit ihr unternimmt. Viele haben sich abgewendet.

Und ihre Eltern sind nicht schwerkrank. Sie hat sich aber von ihrer ganzen Verwandtschaft (Eltern, Bruder, Onkel, Tante,...) abgekapselt und hat keinen Kontakt mehr, obwohl sie teilweise im gleichen Ort wohnen... Echt traurig, ich möchte so nicht leben.

Kommentar von ponyfliege ,

so muss sie nicht jedesmal erwartungen erfüllen und schiefe blicke ertragen... "früher warst du doch immer..." etc.

Kommentar von DaKaBo ,

Du hast bestimmt recht. Ehe gescheitert, keine Enkelkinder geliefert...

Antwort
von DaMenzel, 52

Ich bin weder Arzt noch Psychologe, aber das hat für mich eher den Anschein einer Depression.

Du hast die Fakten ja schon benannt, jedes mal wenn es um ihren Job geht, dann ist alles Mist. Wenn mir mein Job keinen Spaß macht und ich dadurch mit meinen Kollegen nicht klar komme, dann fehlt es immer an Anerkennung und man fühlt sich nicht gut - weil man meist auch seine Arbeit nicht gut macht was zu weiteren Problemen führt (Herzrasen, Nervosität etc).

Das ist nicht gespielt, sondern einfach nur mal wieder der Beweis dafür, dass Menschen sich nicht darüber im Klaren sind wo ihre Probleme eigentlich liegen und dass sie es selbst ändern könnten.

Anderer Job der mehr Selbstvertrauen durch Spaß an der Arbeit gibt und schon fängt wieder alles an sich positiver zu entwickeln. Sowas ist für mich kein Burnout sondern mangelnde Selbsterkenntnis.

Das dies in dem Falle gespielt ist glaube ich nicht, aber sehr wohl dass eine hohe Anzahl Menschen gibt die vermeintlich einen "Burnout" haben weil sie nicht wissen was ein tatsächlicher "Burnout" bedeutet. Die meisten sind nur gefangen in ihrer kleinen Realität die sich sich zusammengeschraubt haben und haben Angst davor etwas zu ändern, oder sich halt wirklich mal der Realität so zu stellen wie sie ist.

Kommentar von verwirrtesmausi ,

... Und sie ist sicher auch einsam, da ist man noch leichter in einer kleinen Welt gefangen...

Kommentar von DaMenzel ,

...und vor allem sehr viel hilfloser als wenn man Menschen hat denen man sich anvertrauen kann. 

Danke für die sinnvolle Ergänzung. =)

Antwort
von mrDoctor, 40

Du beschreibst neben deiner Eifersucht ein Bilderbuch-Burnout.

Grund sind meist psychische Probleme welche scheinbar vorhanden sind.

Die Kollegen sind ALLE blöd, ihre Leistung wird nicht anerkannt, es ist einfach alles negativ. 

Das ist doch ein Warnsignal nicht?

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community