Kann sich noch jemand erinnern wie das genau mit der Wahl in der DDR war?

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6 Antworten

Die Probleme das DDR-Wahlsystem zu verstehen, entstehen immer dann, wenn man versucht, das mit dem hiesigen bürgerlichen Parlamentarismus abzugleichen. Dem Wahlsystem der DDR lagen ganz andere Vorstellungen von Demokratie und Interessenvertretung zugrunde als in der Bundesrepublik. Es gab in der DDR keinen Wettstreit verschiedener Parteien und Organisationen um die Zustimmung des Wählers, so wie das hier in der Bundesrepublik ist.

Ich versuche es mal grob zu skizzieren.

Die Grundüberlegung war, dass die Bevölkerung eines Landes in verschiedenen Klassen und Schichten unterteilt ist, die sich im Wesentlichen voneinander in ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln unterscheiden. Daraus ergeben sich für diese Klassen und Schichten verschiedene objektive Interessenlagen, die nicht unbedingt mit dem Bewusstsein des Einzelnen übereinstimmen müssen. Ein Arbeiter hat beispielsweise aus seiner Stellung zu den Produktionsmitteln ein objektives Interesse an der Überwindung des Kapitalismus. Subjektiv kann er als Individuum aber durchaus ein glühender Verfechter dieses Kapitalismus sein.

Die Verschiedenen Parteien und Massenorganisationen galten als Vertreter der objektiven Interessen ihrer Klientel. So verstand sich die SED als Interessenvertreterin der Arbeiterklasse, die CDU als Vertreterin des christlichen Bürgertums, die DBD als Partei der Bauern, die LDPD als Vertreterin der Freiberufler und der bürgerlichen Akademiker usw.

Gemäß dem objektiven Interesse der Arbeiterklasse, den Kapitalismus zu überwinden, erhob die SED den Führungsanspruch, weil sie sich als Vertreterin der Mehrheit, nämlich der Arbeiterklasse, verstand. Aufgrund dieser Überlegung, verstand man die Festlegung der Führungsrolle der SED als demokratische Festschreibung der Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit.

Als zu beherrschende Minderheit wurden aber nicht die andern Klassen und Schichten verstanden. Diese wurden als verbündet angesehen, weil die Überwindung der Unterschiede zwischen den Klassen und Schichten letztendlich im objektiven Interesse aller lag.

Damit dieses Ziel aber nicht aus dem Auge verloren ging, musste sichergestellt werden, dass die Macht auch bei der Mehrheit, also der SED blieb. So kam es, dass die Vertreteranzahl der verschiedenen Parteien und Massenorganisationen in den Parlamenten mit einem Schlüssel entsprechend ihrem Anteil in der Bevölkerung festgelegt wurden.

Die Wahl bestand nun darin, erstens in einem öffentlichen Vorschlags- und Diskussionsprozess die einzelnen Kandidaten festzulegen und zweitens bei der eigentlichen Wahl die vorgeschlagenen Kandidaten zu bestätigen bzw. einzelne auch abzulehnen.

Die Wahlen waren also keine Parteienwahlen, sondern Kandidatenwahlen.

Jetzt kannst du auch verstehen, dass es keine Opposition im Parlament gab, sondern quasi eine einzige große Koalition. Diese "große Koalition" war die Nationale Front.

Bei den Wahlen bestand der Wahlzettel nicht aus einer Liste von Parteien, die man ankreuzen konnte, sondern aus einer Kandidatenliste der Nationalen Front. Diese Liste konnte man unverändert in die Wahlurne einwerfen, was als Zustimmung galt, man konnte aber auch einzelne Kandidaten streichen.

Soweit die Theorie. In der Praxis wurde mit den Streichungen unterschiedlich umgegangen. Teilweise wurden Streichungen als Gegenstimmen gewertet, teilweise als ungültige Stimmen usw. Das war nicht immer einheitlich und einer der Kritikpunkte. Problematisch war auch die sich eingeschlichene Praxis der Kandidatenaufstellung, die weniger durch demokratischen Vorschlag und Diskussion bestimmt war, als vielmehr durch Festlegung von oben.

Was die Wahlbeteiligung betraf, so war das schon eigentümlich. Eine hohe Wahlbeteiligung galt als Zustimmung zur Politik. Gab es örtlich niedrigere Wahlbeteiligungen als der Durchschnitt, wurde das als Ergebnis schlechter Tätigkeit der Verantwortlichen vor Ort gesehen. So entstand ein inoffizieller Wettbewerb um die höchste Wahlbeteiligung, weil kein Verantwortlicher Lust hatte, sich fragen zu lassen, was denn eigentlich bei ihm los sei. So kamen die sehr hohen Wahlbeteiligungen zustande. Doch selbst wenn es nicht so gewesen wäre, so waren die Wahlbeteiligungen immer noch deutlich höher als in der Bundesrepublik.

So kann es, von Ort zu Ort unterschiedlich, auch schon vorgekommen sein, dass kurz vor Schließung der Wahllokale Wahlberechtigte, die noch nicht gewählt hatten, aufgefordert wurden, doch wählen zu gehen. Nachteile oder gar strafrechtliche Konsequenzen hatte ein Nichtwähler aber nicht zu befürchten. Im Gegenteil, einige Bürger benutzten die Drohung nicht wählen gehen zu wollen, um Anliegen wie z. B. eine andere Wohnung durchzusetzen.

Ein unrühmliches Kapitel sind Wahlfälschungen bei den letzten Kommunalwahlen in der DDR, die vor allem deshalb ausgesprochen dumm waren, weil auch das ungefälschte Wahlergebnis nichts an der überwältigenden Zustimmung zum Wahlvorschlag geändert hätte.

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Die anderen Parteien waren keine echte Opposition. Sie stimmten in der Volkskammer immer gemeinsam mit der SED.  Auf den Wahlzetteln  standen die Namen der Kandidaten der Nationalen Front. Die bestand aus der SED und den Blockparteien. Diese komischen Wahlergebnisse sind entstanden, weil die meisten Leute einfach den Wahlzettel falteten und ihn in die Urne warfen. Das war das, was vom Staat gewünscht und gewollt wurde  und galt als Ja- Stimme.

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Was nicht bei Wikipedia steht:

Als "Erstwähler" bekam man in der DDR einen Blumenstrauß.

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Kommentar von Hoegaard
16.05.2016, 08:08

Blumenstrauß? Drei Nelken bekam man, wenn überhaupt. Und zwar, wenn man als Frau am Wahlsonntag "wählen" ging. 

Wenn man schon in den Wochen vorher ins Rathaus zur "Stimmabgabe" ging, bekam man exakt gar nichts.

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Achtung: Meine Antwort basiert auf Zeitzeugenberichten meiner Mutter, sind also nicht aus erster Hand!

Klar gab es andere Parteien. Eine echte Opposotion konnten die aber kaum bieten.

Wie die seltsamen Ergebnisse zustande kamen? Gab man den Wahlzettel leer ab, wurde er als Stimme für die Kommunisten gewertet. Stifte lagen dort auch nicht aus und ging man mit seinem Wahlzetteln überhaupt erst in die Wahlkabine, galt man schon als verdächtig (man könnte ja einen Nicht-Kommunisten wählen), da die meisten einfach ihren Zettel nahmen und gleich leer abgaben. Man sprach daher auch vom "falten gehen" statt "wählen gehen".

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