Frage von lenagutefrage, 25

kann mir jemand weiterhelfen was Aristipp und Aristoteles zur Lust sagen und wie das mir Epikur vereinbar ist?

Antwort
von berkersheim, 12

Schade, dass ich das erst nach meinem Urlaub vorfinde. Aristipp, Aristoteles und Epikur sind antike Philosophen, deren Grundthema war, wie man sein Leben zu einem gelingenden Leben hin organisiert. Dafür war man zu deren Zeit noch selbst verantwortlich, da gab es keine seligmachende Kirche und keinen alles absichernden Sozialstaat. Die Einstellung des Menschen zu sich selbst war noch durch keine lebens-, lust- und körperfeindliche christliche Moral verbogen, woran sich Nietzsche so sehr gerieben hat. Wenn heute das Wort "Lust" gebraucht wird, hat das im Gegensatz zur Antike immer noch diesen "christlich-sündigen-negativen" Beigeschmack. Besser funktioniert die Übersetzung mit dem Wort "Lebenslust" oder "Lebensfreude" oder "positive Lebenseinstellung". Mit dem Wort "Lust" wird vor allem für Aristipp oder Epikur die Bindung an körperliche Begierden zum Ausdruck gebracht nach der christlichen Einstellung, dass der böse Körper das Gefängnis unseres hohen Geistes sei. Darum wird für den Idealisten Aristoteles besonders hervorgehoben, dass ihm die "geistige Lust" das Höchste gewesen sei.

Darin kommt die ganze christliche Körperfeindlichkeit zum Ausdruck und die Lebenslüge der christlichen Himmelsstürmer: Ihr eigener Klerus hat auch lieber Wasser nur gepredigt und heimlich Wein gesoffen und gehurt. Und bezogen auf die antiken Philosophen stimmt die Darstellung nicht. Jetzt haben die christlichen Herren von den Werken des Aristipp und Epikur nicht viel übrig gelassen, weil sie diese als Erzfeinde ihrer verlogenen Machtpropaganda erkannt haben. So ist von Aristipp überliefert, dass er gesagt haben soll, dass man Herr der Dinge sein soll ohne dass die Dinge Herr über einen selbst werden. Das spricht von geistiger Kontrolle und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Tochter wahrscheinlich die erste Philosophie war. In den Kirchen haben es die Frauen heute noch nicht ins Priesteramt geschafft. Was Wunder, dass der Klerus diesen Aristipp diffamiert, wo es nur geht. Erfolgreicher ist da schon Epikur. Als die französische, die angelsächsische und sogar die deutsche Aufklärung die Dominanz der Kirche abgeschüttelt haben, war der neuentdeckte "Restepikureismus" (das meiste war ja vernichtet) der Ideengeber. In der Unabhängigkeitserklärung der USA finden sich klare epikureische Gedanken. Der Gesellschaftsvertrag (Rousseau, Locke, Hobbes) ist ein Gedanke Epikurs.

Der "entkirchlichte" Aristoteles wird ja jetzt erst in der neuen Lebensphilosophie wiederentdeckt. Sein Seelenkonzept hat - wie das des Epikur - bereits eine Grundskizze des schopenhauerschen "Willens". Hier Epikur mehr als Aristoteles, denn bei Epikur gibt es nicht den teleologischen Touch. Darin unterscheiden sich Aristipp und Epikur von Aristoteles, der über seine Anbindung an ein Göttliches in seiner Ethik eine teleologische Orientierung hat, während Aristipp und Epikur mehr im Jetzt orientiert sind. Epikur ist sogar der Meinung, dass sich die Menschen durch die teleologische Orientierung stärker vom Schicksal abhängig machen, statt desssen Wendungen offener zu begegnen. Eine teleologische Orientierung ist immer auch ein Quelle der Enttäuschung, weil uns Wissen in die Zukunft je weiter desto mehr verschlossen bleibt. Hoffnung ist zwar eine starke Antriebskraft, aber ein schlechter Wegweiser. Gemeinsam ist allen dreien die antike Grundorientierung der Philosophie: Wie gestalte ich ein erfüllendes Leben und welche Orientierungen helfen dabei. In der Frage der Orientierungen gehen die Ansichten auseinander. Doch dass die Sorge um das aktuelle Leben im Mittelpunkt steht, wurde erst vom Christentum auf ein Leben danach verschoben. Da ließen sich die Idealisten Platon und Aristoteles (nicht von ungefähr erst später als Platon) besser von den Theologen biegen als Aristipp und Epikur. Die hat man diffamiert und zu zerbrechen versucht.

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