Frage von LissyLeeB, 15

Kann mir jemand was zu Stellung, Bedeutung und Aufgabe des Menschen im Buddhismus sagen, bzw. kennt da jemand gute Seiten, in Bezug auf Ethik, Werte und Normen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 9

Ich bin Buddhist und werde dir diese Fragen gerne von meinem persönlichen Standpunkt aus erklären - allerdings nicht mehr an diesem Tag.

Wenn du willst, lesen wir uns morgen. :-)

Kommentar von LissyLeeB ,

oh cool super das wäre mega nett! :)

Kommentar von Enzylexikon ,

Okay, dann werde ich mal sehen wie weit ich helfen kann.

Leben

Aus Sicht des Buddhismus erfahren wir unser Leben als Form des Leidens - selbst wenn es uns scheinbar gut zu gehen scheint.

Wir leiden an der Vergänglichkeit der Dinge, daran dass uns Beziehungen, Erfolg, Macht und vieles mehr, kein dauerhaftes Glück garantieren können - Alter, Krankheit und Tod warten auf jeden.

Dieses Leiden entsteht durch Aggression, Anhaftung an unsere Bedürfnisse,und durch mangelndes Verständnis dieser Zusammenhänge.

Traditionell formuliert man das als drei Geistesgifte - "Hass, Gier, Unwissenheit/Verblendung"

Der Buddhismus verspricht, einen Ausweg aus diesen Anhaftungen zu bieten - der so genannte "edle achtfache Pfad".

Sinn des Lebens

Einen vordefinierten Sinn des Lebens (siehe "Mensch und Vorherbestimmung") gibt es nicht. Jeder schafft sich seinen Lebenssinn selbst.

Der Buddhismus ist nur eine dieser Möglichkeiten für den Menschen und sieht sich keineswegs als der allein sinnvolle an.

Mensch und Sünde

Im Buddhismus gibt es keinen Gott, keine Erbsünde und keine Sünden gegen irgendwelche himmlischen Gebote.

Der Mensch kann lediglich "Fehlverhalten" zeigen - etwa indem er sich, oder anderen Wesen, Leiden zufügt.

Das hat aber nichts mit dem Begriff der Sünde in den drei großen monotheistischen Religionen.

Stattdessen wird Fehlverhalten die Ursache für Wirkungen sein, die irgendwann auch wieder uns betreffen können.

Mensch und Vorherbestimmung

Im Buddhismus ist jeder Mensch für sein Leben selbst verantwortlich. Er kann sich also nicht dahinter verstecken, etwas sei "der Wille Gottes" oder eben "Schicksal".

Auch der Begriff "Karma" bedeutet lediglich, dass jede Handlung auch eine Folge hat, die sich womöglich früher oder später auch wieder auf einen selbst auswirkt.

Es ist also kein von außen verordnetes "Schicksal", sondern der Mensch schafft sich den Weg, den sein Leben nehmen wird, zum großen Teil selbst.

Mensch und Werte

Der Buddhismus kennt fünf Grundsätze, die von allen Buddhisten der unterschiedlichen Traditionslinien eingehalten werden - die so genannten "fünf Sittlichkeitsgelübde" (Panchasila)

Das sind aber keine von Gott übermittelten Gebote, bei deren Nichtbefolgung eine Strafe droht -denn einen allmächtigen Schöpfer gibt es im Buddhismus gar nicht.

Stattdessen sind sie in Form von Gelübden formuliert, die der Buddhist aus freiem Willen auf sich nimmt.

Es gibt verschiedene Übersetzungen, die sich unterschiedlich stark am ursprünglichen Wortlaut orientieren. Manche sind freier formuliert.

"ich gelobe...."

  • kein Leben zu  nehmen
  • nicht gegebenes nicht zu nehmen
  • Die Rede nicht zu missbrauchen
  • Die Sexualität nicht zu missbrauchen
  • Den Geist nicht zu betäuben

Da es im Buddhismus keinen Katechismus gibt, der alles genau durchdefiniert, muss jeder Buddhist sein eigenes Verständnis dieser "Regeln" entwickeln, kann sich dabei aber auf Interpretationen buddhistischer Lehrer stützen.

Sinn dieser fünf Gelübde ist es, ein Leben zu führen, in dem man seiner in Eigenverantwortung bewusst ist und sich und anderen Wesen möglichst wenig Leiden zufügt.

Je nach Traditionslinie gibt es noch mehr Anleitungen zum "richtigen Handeln", diese fünf sind aber in allen buddhistischen Traditionen bekannt.

Weisheit und Mitgefühl

Weisheit und Mitgefühl sind wichtige Elemente des Buddhismus und beide soll der Mensch entwickeln.

Weisheit ohne Mitgefühl bedeutet, dass man zwar Einsicht erlangt hat, aber beispielsweise diese Einsicht nicht mit anderen Menschen teilt. Er handelt somit egoistisch.

Mitgefühl ohne Weisheit ist blinder Aktionismus. So als würde man einem Arbeitslosen jedes mal 500 Euro geben, anstatt ihm eine Arbeit zu vermitteln.

Deshalb soll ein Buddhist beides gleichermaßen entwickeln.

Wiedergeburt

Die Wiedergeburtslehre ist außerhalb dieser Religion vermutlich der bekannteste Teil - und auch der am meisten missverstandene.

Wiedergeburt ist keine Seelenwanderung von totem Körper zu lebendem Körper, bei der immer die gleiche Persönlichkeit das Fehlverhalten aus früheren Leben "ausbaden" muss, bis die Seele ihre Lektion "gelernt" hat.

So etwas wie ein ewiges Selbst, eine Seele, gibt es im ursprünglichen Buddhismus nämlich überhaupt nicht.

Tatsächlich setzt sich der "Leidenstrieb" - durch Anhaftungen - immer weiter fort, praktisch wie eine EKG-Kurve die immer wieder ausschlägt.

Ziel des Buddhismus ist nach traditioneller Vorstellung das Verlöschen dieses Triebs, der Kreislauf der Wiedergeburten endet - so als würde bei unserem EKG eine Nulllinie auftreten.

Doch es gibt auch andere Interpretationen der Wiedergeburt.

Denen zufolge hat das ganze Nichts mit irgendeinem Weiterleben nach dem Tod zu tun, sondern ist nur ein psychologisches Modell für die geistige Verfassung, den Geisteszustand, der uns gerade dominiert.

https://www.gutefrage.net/frage/wenn-es-die-wiedergeburt-wirklich-geben-sollte-w...

Hier habe ich das mal erklärt.

Kommentar von Enzylexikon ,

Buddhismus und Vegetarismus

Durch die Regel "kein Leben zu nehmen" und das Ideal des Mitgefühls, sind gerade außerhalb Asiens viele Buddhisten gleichzeitig Vegetarier, oder Veganer.

Ursprünglich gab es diese Regel jedoch nicht.

Den Legenden zufolge lebten seine Schüler als Wandermönche und folgten ihrem Lehrer bei ihren Reisen. Dabei erbettelten sie sich ihre Nahrung und mussten akzeptieren, was ihnen gegeben wurde.

Es gab nur wenige Ausnahmen - so durfte etwa ein Mönch kein Fleisch von einem Tier akzeptieren, dass extra für ihn geschlachtet wurde.

Tatsächliche "Vorschriften" für vegetarische Ernährung finden sich erst in Schriften, von denen man heute ausgeht, dass sie erst in China entstanden, oder dort verändert wurden, als der Buddhismus nach China kam.

Da es unterschiedliche buddhistische Traditionen gibt, die verschiedene Schriften als entscheidend ansehen, gibt es also kein grundlegendes Fleischverbot im Buddhismus.

Sexualmoral im Buddhismus

Die Regel "die Sexualität nicht zu missbrauchen" wird von vielen modernen Buddhisten so verstanden, dass in einer Beziehung kein unnötiges Leiden entstehen soll.

Grundsätzlich hält sich der Buddhismus aber aus den Betten seiner Anhänger raus.

Ich habe hier mal drei Beispiele, die das verdeutlichen, worum es geht.

Durch Fremdgehen verletzt man den Partner emotional und vermutlich hat man selbst auch ein schlechtes Gewissen. Das ist Leiden.

Wer süchtig nach Masturbation ist, vernachlässigt andere, wichtigere Dinge und lässt sich einseitig von Trieben leiten. Auch das ist eine Form von Leiden, da die Fähigkeit zur Einsicht/Weisheit darunter leidet.

Gegen Pornographie könnte man die Objektifizierung der Darsteller anführen und dass man nicht weiß, wie gut mit den Darstellern umgegangen wird. Es könnte somit Leiden bestehen.

Diese drei Punkte sind wie gesagt nur Beispiele dafür, wie man die buddhistischen Vorgaben intererpretieren könnte - letztlich ist wieder jeder für den verantwortungsbewussten Umgang mit Sexualität selbst zuständig.

Zum Thema "Homosexualität" gibt es unterschiedliche Ansichten. Während einige Buddhisten sich auf Textstellen berufen, und diese als "Beleg" für das Verbot von Homosexualität sehen, gibt es auch das genaue Gegenteil.

So gibt es beispielsweise LGBT-Sanghas, also buddhistische Gemeinschaften (Sanghas) die mehrheitlich aus Menschen bestehen, die sich als lesbisch/schwulen/bisexuellen/transgender fühlen und verstehen.

Engagierter Buddhismus

Innerhalb des Buddhismus gibt es Bewegungen, die sich selbst als "engagierte Form" des Buddhismus verstehen.

Sie gehen davon aus, dass Mitgefühl nicht nur einfach geistig "entwickelt", sondern auch konkret praktiziert werden muss, um der Lehre Buddhas wirklich zu entsprechen.

Daher gibt es buddhistische Aktivisten für Umweltschutz, Obdachlose, AIDS-Kranke, Hospize usw. - die ihre Arbeit als "tätiges Mitgefühl" verstehen.

Wichtig bleibt aber auch hier die Meditation als Grundlage - denn nur wenn wir neben Mitgefühl auch Einsicht und Weisheit entwickeln, erkennen wir wirklich, was die Menschen benötigen.

Das ist erst einmal alles, was mir zu dem Thema spontan einfällt. Wenn du noch Fragen hast, helfe ich gerne weiter.

Kommentar von LissyLeeB ,

wow danke für das Ganze Material!!! Super lieb

Kommentar von Enzylexikon ,

Kein Problem. :-)

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für den Stern. :-)

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 4

Andere Nutzer können übrigens sicher noch durch weitere qualifizierte Antworten zum Thema beitragen. :-)

Kommentar von LissyLeeB ,

ok cool danke

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