Frage von Tavado, 34

Kann mir jemand etwas zur Entstehungsgeschichte und dem historischen Grund vom Ballhausschwur sagen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte, 12

Entstehungsgeschichte

König Ludwig (Louis) XIV. hatte die Generalstände (États généraux) zum 5. Mai 1789 in Versailles einberufen, um Hilfe in der Finanznot (drohender Staatsbankrott aufgrund gewaltiger Verschuldung) und Unterstützung zu überlegten Maßnahmen zu bekommen.

Erörterungen über die Schaffung einer Verfassung entsprachen nicht seinen Wünschen. Der König schwankte zwischen Entgegenkommen mit ein wenig Veränderungsbereitschaft und Starrheit.

Die Generalstände waren die Gesamtheit der Vertreter der drei Stände Klerus (clergé), Adel (noblesse) und Dritter Stand (tiers état). Sie konnten beraten und Beschlüssen zustimmen.

Ein noch nicht entschiedener Streitpunkt war, ob in den Generalständen nach Köpfen (jeder Abgeordnete hat eine Stimme und die Stimmen zählen gleich viel) oder nach Ständen (jeder Stand hat je 1 Stimme, wobei die beiden privilegierten Stände eine Mehrheit von 2 : 1 gehabt hätten) abgestimmt wurde.

Eine Überprüfung der Legitimität (Rechtmäßigkeit) der gewählten Abgeordneten wurde begonnen, wobei der Dritte Stand dafür eintrat, dies gemeinsam, nicht nach Ständen getrennt, durchzuführen.

Die Abgeordnete des Dritten Standes traten am 12. Juni 1789 für ein gemeinschaftlich vorgenommenes Wahlprüfungsverfahren (Prüfung der Vollmachten der Abgeordneten) ein. Am 13. Juni schlossen sich ihnen 3 Abgeordnete des Klerus an, am 14. Juni zusätzlich 6, am 16. Juni weitere 10.

Am 17. Juni 1789 erklärten sich die Abgeordneten des Dritten Standes (nach einer Abstimmung mit großer Mehrheit) zur Nationalversammlung (Assemblée nationale). Die Benennung hatte Emmanuel-Joseph Sieyès vorgeschlagen, ein Abbé, der im Januar 1789 die Schrift „Qu'est-ce le Tiers État?“ („Was ist der Dritte Stand?“) veröffentlicht hatte. Dieser hat den Schritt damit begründet, nach dem Ergebnis der Wahlprüfung sei die Versammlung des Dritten Standes bereits aus Vertretern zusammengesetzt, die von wenigstens 96 % der Nation entsandt worden seien. Der Gedanke der Volksouveränität wurde so verwendet, um den Willen der Vertretung einer Mehrheit der Nation selbst zu legitimieren (rechtfertigen).

Die anderen zwei Stände, Klerus (Geistliche) und Adel, sollten nicht einfach völlig von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden, sondern eine Vertretung der Nation statt von einzelnen Ständen stattfinden. Die Vertreter der anderen Stände wurden aufgerufen, sich der Nationalversammlung anzuschließen.

Am 19. Juni stimmte eine knappe Mehrheit beim Klerus (149 gegen 137) dafür, sich der Nationalversammlung anzuschließen. Beim Adel war es zunächst nur eine Minderheit (80).

Ludwig XIV. setzte erst einmal eine königliche Sitzung (séance royale) für den 23. Juni an, gleichsam als sei inzwischen nichts geschehen. Die Einflüsse auf den König zum Entgegenkommen waren in dieser Lage schwächer als die auf Rückgängigmachen drängenden Einflüsse im Hof und der Familie. Angesichts von beträchtlichen Eigenmächtigkeiten des Dritten Standes glaubte Ludwig XI. nun stark auftreten zu müssen und versuchte, alles am 23. Juli durch die große Gesamtsitzung der Stände rückgängig zu machen.

Die Abgeordneten des Dritten Standes der Generalstände wollten sich versammeln, fanden aber am 20. Juni 1789 im strömenden Regen ihren bisherigen Sitzungssaal abgesperrt und somit den Zugang verschlossen vor (angeblich für Vorbereitungsarbeiten durch Handwerker, wie ihnen dann auf Anfrage mitgeteilt wurde) ohne dazu eine Information erhalten zu haben. Sie (sowie eine wenige Abgeordnete des Klerus, des 1. Standes; am bekanntesten ist von ihnen Henri Grégoire, ein Abbé [katholischer Weltgeistlicher]; in seinen Memoiren nennt er 4 Pfarrer, die außerdem teilgenommen hatten) beschlossen daraufhin, sich in einem anderen Raum (Salle du Jeu de paume) zu versammeln.

In einer Ballsport-Halle (die ihnen dann als Sitzungsraum diente) erörterten sie unter Leitung des Präsidenten der Nationalversammlung, Jean-Sylvain Bailly, die Lage, berieten über zu unternehmende Schritte, entwarfen eine Eidesformel und leisteten (mit Ausnahme eines einzigen Abgeordneten) einen feierlichen Eid (Ballhausschwur). Eine Kernaussage war, sich nicht zu trennen und nicht auseinanderzugehen, bevor eine Verfassung geschaffen worden sei. Der Schwur war eine symbolische Bekräftigung eines revolutionären Schrittes. Begeisterte Zustimmung seitens des Volkes ermutigte die Angeordneten.

Gründe für den Ballhausschwur

  • Wunsch der Abgeordneten des Dritten Standes und einiger Abgeordneten des Klerus, sich fest zusammenzuschließen und eine feste Verpflichtung auf ein Ziel und ein Zusammenbleiben bis zu dessen Erreichen herzustellen
  • Bestreben, eine neue Verfassung zu schaffen
  • Eifer zur Bekräftigung des revolutionären Schrittes, sich zur Nationalversammlung erklärt zu haben
  • Befürchtung, der König könne versuchen, die Nationalversammlung aufzulösen und auf einer für den 23. Juni angesetzten königliche Sitzung (séance royale) die bisherigen Schritte der Abgeordneten des Dritten Standes rückgängig zu machen
  • Verärgerung und Wut über die Schließung des Sitzungsraumes ohne Information an sie


Darstellungen der Französischen Revolution enthalten Informationen, z. B.:

Wolfgang Kruse, Die Französische Revolution. Paderborn , München : Wien ; Zürich : Schöningh, 2005 (UTB : Uni-Taschenbücher : Geschichte ; 2639). ISBN 3-8252-2639-5 (UTB). 3-506-71316-7 (Schöningh) (S. 16 – 19 und S. 224 – 225 (Glossar: Generalstände))

S. 19: „Die zur revolutionären Explosion hinführende Entwicklung nahm Fahrt auf, als Sieyés am 17. Juni 1789 die Vertreter des Dritten Standes erfolgreich aufforderte, sich als eigenständige, nach amerikanische Vorbild bald auch verfassungsgebende Nationalversammlung zu konstituieren und die Vertreter der andren Stände zum Anschluß aufzufordern. Während die Mehrheit des niederen Klerus dieser Aufforderung Folge leiten wollte, traf sie auf erbitterten Widerstand von hohem Klerus, Adel und Hof. Der König ordnete schließlich an, die Versammlung des Dritten Standes aufzulösen. Doch die Abgeordneten waren nicht mehr bereit, der monarchischen Autorität Folge zu leisten. Unter Führung des Grafen Honoré de Mirabeau und des künftigen Pariser Bürgermeisters Jean Silvain Bailly traten sie an einem anderen Versammlungsort, im Ballhaus des Versailler Schlosses, erneut zusammen und leisteten dort den berühmten Schur, „nicht eher auseinanderzugehen, bis eine neue Verfassung ausgearbeitet und auf eine sichere Basis gestellt worden ist.“ […]

Nach weiteren erfolglosen Auflösungsversuchen lenkte der König schließlich ein und forderte die Vertreter von Adel und Klerus nun doch auf, sich dem Dritten Stand anzuschließen.“

Axel Kuhn, Die Französische Revolution. 6. Auflage. Stuttgart : Reclam, 2013 (Reclams Universal-Bibliothek ; Nr. 18912 : Reclam-Sachbuch). ISBN 978-3-15-018912-2 8S. 61 – 65)

Susanne Lachenicht, Die Französische Revolution. 2., aktualisierte Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2016 (Geschichte kompakt : 19./20. Jahrhundert. WBG - Wissen verbindet). ISBN 978-3-534-26807-8 (S. 46 – 62)

Ernst Schulin, Die Französische Revolution. 5. Auflage. München : Beck, 2013 (Beck's historische Bibliothek). ISBN 978-3-406-65877-8 (Beck's historische Bibliothek), S. 67 – 70

S. 70: „Ludwig XIV. beraumte erst einmal eine séance royale der Stände für den 23. Juni an, gleichsam als sei alles dazwischen nichts geschehen. Bis dahin konnte man nicht mehr tagen, da der Saal angeblich wegen Vorbereitungsarbeiten für diese Sitzung geschlossen wurde.

Aus dem Warten im Regen, der entsprechenden Wut, dem Umziehen in den Saal eines Ballspielhauses wurde am 20. Juni der Schwur, sich nicht zu trennen, bis eine Verfassung geschaffen worden sein. Dies war eine revolutionäre Tat in geradezu religiöser Ekstase, die noch gesteigert wurde, als zwei Tage später, am 22. Juni, in der Kirche St. Louis eine Vereinigung mit der Mehrheit der Geistlichen und mit einer Anzahl Adliger realisiert wurde.“

Hans-Ulrich Thamer, Die Französische Revolution. Originalausgabe. 4., durchgesehene Auflage. München : Beck, 2013 (Beck'sche Reihe : C.-H.-Beck-Wissen ; 2347). ISBN 978-3-406-50847-9 (S. 29 - 32)

Johannes Willms, Tugend und Terror : Geschichte der Französischen Revolution. München : Beck, 2014. ISBN 978-3-406-66936-1 (S. 127 – 150)

Kommentar von Albrecht ,

Jean-Sylvain Bailly, Präisdent der Nationalversammlung, hat kurz vor 7 Uhr ein Schreiben des Oberzeremonienmeisters Henri-Evrard, marquis de Dreux-Brézé bekommen, eine königliche Sitzung werde vorbereitet und bis dahin sollten die Sitzungen ausgegesetzt sein.

Das Ballhaus hat der Abgeordnete Joseph-Ignace Guillotin als Versammlungsort vorgeschlagen.

Dort war eine geäußerte Überlegung, nach Paris zu ziehen und Schutz bei der Bevölkerung zu suchen. Dies stieß allerdings auf Bedenken, so nicht alle Abgeordnete zusammenzuhalten. Einen Schwur hat der Abgeordnete Jean-Joseph Mounier vorgeschlagen, um sich an das Allgemeinwohl und der Interessen der Nation zu binden. Dies bekam begeisterte Zustimmung.

Der einzige anwesende Abgeordnete, der sich weigerte, den Ballhausschwur abzulegen, war Martin Dauch aus Castelnaudary.

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