Frage von goldscheurerin, 115

Kann mir jemand eine kurze Textstelle erklären (Thema: Religion/Kirche/Ethik/Gott/Obrigkeit)?

Ich habe diese Textstelle nun oft durchgelesen, aber ich verstehe einfach nicht, was sie aussagen will. Nur, ich bin mir sicher, dass es etwas Wichtiges ist, was ich für meine Präsentation brauche.

Es geht um Dietrich Bonhoeffer und den Tyrannenmord.

" In diesem theologischen Gutachten legte Bonhoeffer in gut lutherischen Kategorien die Gehorsamspflicht des Christen gegenüber der Obrigkeit dar. Aber sie binde ihn nur solange, „bis die Obrigkeit ihn direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gebot zwingt, bis also die Obrigkeit offenkundig ihren göttlichen Auftrag verleugnet und so ihres Anspruchs verlustig geht.“ Überschreite sie ihren Auftrag, so ist – und auch das ist gut lutherisch! – „an dieser Stelle der Gehorsam um des Gewissens willen, um des Herrn willen zu verweigern“; diese Gehorsamsverweigerung darf jedoch nicht die Regel, sondern nur die Ausnahme bilden. "

Quelle: http://www.ekd.de/medien/film/bonhoeffer/buchtipps_v_mann_gottes_dramm.html

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Sturmwolke, 40

Dabei geht es wohl um die beiden folgenden Bibeltexte:

(Römer 13:1-7)
1 Jede Seele sei den obrigkeitlichen Gewalten untertan, denn es gibt keine Gewalt außer durch Gott; die bestehenden Gewalten stehen in ihren relativen Stellungen als von Gott angeordnet. 
2 Wer sich daher der Gewalt widersetzt, hat sich der Anordnung Gottes entgegengestellt; die, die sich ihr entgegengestellt haben, werden für sich ein Gericht empfangen. 
3 Denn die Herrschenden sind nicht für die gute Tat ein Gegenstand der Furcht, sondern für die schlechte. Willst du also ohne Furcht vor der [obrigkeitlichen] Gewalt sein? Fahre fort, Gutes zu tun, und du wirst Lob von ihr haben; 
4 denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber Schlechtes tust, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht ohne Zweck; denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Kundgabe des Zorns an dem, der Schlechtes treibt.
5 Daher besteht zwingender Grund, daß ihr untertan seid, nicht nur jenes Zorns wegen, sondern auch [eures] Gewissens wegen. 
6 Denn darum zahlt ihr auch Steuern; denn sie sind Gottes öffentliche Diener, die für ebendiesen Zweck beständig dienen. 
7 Erstattet allen, was ihnen gebührt: dem, der die Steuer [verlangt], die Steuer; dem, der den Tribut [verlangt], den Tribut; dem, der Furcht [verlangt], die Furcht; dem, der Ehre [verlangt], die Ehre.

Aus diesem Text geht hervor, daß Christen sich an die jeweiligen Landesgesetze halten müssen.

Die Ausnahme von dieser Regel findest Du in der Apostelgeschichte:

(Apostelgeschichte 4:18-20)
18 Darauf riefen sie sie und geboten ihnen, sich nirgends aufgrund des Namens Jesu zu äußern oder zu lehren. 
19 In Erwiderung aber sagten Petrus und Johạnnes zu ihnen: „Ob es in den Augen Gottes gerecht ist, eher auf euch zu hören als auf Gott, urteilt selbst. 
20 Wir aber, wir können nicht aufhören, von den Dingen zu reden, die wir gesehen und gehört haben.“ 

(Apostelgeschichte 5:27-29)
27 Sie brachten sie also herbei und stellten sie in den Saal des Sanhedrịns. Und der Hohepriester befragte sie 
28 und sprach: „Wir haben euch ausdrücklich befohlen, nicht mehr weiter aufgrund dieses Namens zu lehren, und dennoch, seht, ihr habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt, und ihr seid entschlossen, das Blut dieses Menschen über uns zu bringen.“ 
29 Als Antwort sagten Petrus und die [anderen] Apostel: „Wir müssen Gott, dem Herrscher, mehr gehorchen als den Menschen. 

Sollte also ein Staat etwas verlangen, daß einem Gebot Gottes widerspricht, werden Christen das Gebot Gottes höher erachten, als das der Menschen.

Aus diesem Grund verweigern zum Beispiel Zeugen Jehovas weltweit den Militärdienst und nehmen dafür auch heute noch in vielen Ländern eine langjährige Haftstrafe in Kauf.

Beispiele dafür siehe hier:

https://www.jw.org/de/aktuelle-meldungen/rechtliche-entwicklungen/nach-region/in...

Kommentar von goldscheurerin ,

Wow, ich kann gar nicht glauben wie ausführlich das ist, vielen vielen Dank! Hilfreichste Antwort gibts auch dazu, für den Aufwand!

Kommentar von Sturmwolke ,

Gerne. Viel Erfolg für Deine Präsentation!

Antwort
von heidemarie510, 52

Ganz kurzer Erklärungsversuch: Du bist nur so lange zum Gehorsam verpflichtet der Obrigkeit, des Glaubens, deiner Religion gegenüber, wie Du das mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, anderen und dir nicht schadest.

So würde ich das interpretieren. Ichkann aber auch komplett daneben liegen. Ich hoffe, es kommen noch mehr Antworten!!! :-)


Kommentar von goldscheurerin ,

Vielen Dank!!

Kommentar von heidemarie510 ,

Endlich mal eine wirklich gute Frage!

Antwort
von AnglerAut, 49

Das geht in die Richtung:

Der Mensch soll dem Herrschenden gehorchen, seinen Anweisungen folgen und so Teil des Systems sein, wodurch dann alles seine Ordnung hat.

Wenn aber der Herrschende seine Pflicht nicht tut, wenn er gegen göttliche Regeln verstößt, seine Aufgaben in der Ordnung nicht wahrnimmt, dann hat der Untergebene das Recht und sogar die Pflicht sich seinen Befehlen zu entziehen.

Und am Ende noch der Hinweis, dass man diese Aussage aber nicht regelmäßig als Rechtfertigung nutzen sollte, sondern dies wirklich nur sehr selten und als Einzelfall vorkommen sollte.

Kommentar von goldscheurerin ,

Wow, vielen vielen Dank

Kommentar von heidemarie510 ,

Klasse!!! Daumen nach oben! :-)

Antwort
von Andrastor, 41

Damit sagt er soviel aus wie:

Halte dich an das Gesetz, aber nur so lange es die Regeln deiner Religion nicht brechen würde.

Du darfst das Gesetz brechen, um weiter den Regeln deiner Religion zu folgen.

Das sollte aber nur eine Ausnahme sein.

Um es in die heutige Zeit zu übertragen würde es bedeuten dass Juden weiter Tiere schächten (bei lebendigem Leib ausbluten lassen), Muslime ihre Kopfbedeckungen und Verschleierungen auf Fotos für Ausweise und Dokumente anbehalten und Christen sich nicht scheiden lassen dürften.

Kommentar von goldscheurerin ,

Vielen Dank!

Kommentar von Andrastor ,

gern geschehen

Antwort
von Netie, 20

Er erklärt diese Bibelstelle:

Petrus und die Apostel aber antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen. Apostelgeschichte 5 Vers 29

Wenn die Obrigkeit (Regierung) Dinge verlangt, die gegen Gott sind, dann muss man Gott mehr gehorchen anstatt der Regierung zu folgen, um ein reines Gewissen zu bewahren.

Antwort
von kdd1945, 13

Hallo goldscheurerin,

dass sich auch Bonhoeffer auf Schrifttexte stützte, wie die folgenden, setze ich voraus. Die Verse sind aus der Luther 1984.

„Mk 12,17 Da sprach Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

„Römer13,1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. 2 Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. 3 Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. “

Dann die Ausnahmeregelung aus Apg 5

27 ...Und der Hohepriester fragte sie 28 und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. 29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 30 Der Gott unsrer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr an das Holz gehängt und getötet habt. 31 Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. 32 Und wir sind Zeugen dieses Geschehens und mit uns der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. 33 Als sie das hörten, ging's ihnen durchs Herz und sie wollten sie töten.

Dann der Rat des Gamaliel, der sie zunächst vom Töten abhielt.

„39...Da stimmten sie ihm zu 40 und riefen die Apostel herein, ließen sie geißeln und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden, und ließen sie gehen. 41 Sie gingen aber fröhlich von dem Hohen Rat fort, weil sie würdig gewesen waren, um Seines Namens willen Schmach zu leiden, 42 und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesus Christus. “

Anhand dieser drei Bibelzitate erkenne ich folgende Gebotslage:

Das Gebot, der Obrigkeit, dem Staat, seinen Gesetzen, Weisungen zu gehorchen, ist umfassend : Steuer, Zoll; Furcht, Ehre, ja, es betrifft alles, was des Kaisers ist, was das bibelgeschulte Gewissen dem Christen auferlegt.

Nicht inbegriffen sind, nach Jesu Worten, das, was Gottes ist - die Anbetung, das Leben, der auf Liebe beruhende, absolute Gehorsam.

Das entspricht dem, was Du (in etwa) aus dem Werk zitierst:

Die Gehorsamspflicht des Christen gegenüber der Obrigkeit bindet ihn nur solange, „bis die Obrigkeit ihn direkt zum Verstoß gegen das göttliche Gebot zwingt"

Die weiteren Erklärungen lesen sich bei flüchtiger Betrachtung ganz folgerichtig und mag auch "gut lutherisch" sein. Die Begründungen entsprechen aber nicht der Vorgabe Jesu aus Mt 12,17 oder der Deklaration der Apostel aus Apg 5,29.

„bis also die Obrigkeit offenkundig ihren göttlichen Auftrag verleugnet und so ihres Anspruchs verlustig geht.“ Überschreite sie ihren Auftrag, so ist – und auch das ist gut lutherisch! – „an dieser Stelle der Gehorsam um des Gewissens willen, um des Herrn willen zu verweigern“;


Das hieße nämlich, beispielsweise, dass ein Christ einer säkularen oder atheistischen Regierung gar nichts schulde, denn sie "verleugnet" Gott und seinen Auftrag.

„diese Gehorsamsverweigerung darf jedoch nicht die Regel, sondern nur die Ausnahme bilden“

V. 27,28 Das Oberste jüdische Gericht hatte eine mit strenger Strafandrohung bewehrte Verfügung erlassen, nicht mehr im Namen Jesu zu predigen oder Zeugnis zu geben.

Die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Die Richter ließen sie geißeln und geboten ihnen, sie sollten nicht mehr im Namen Jesu reden.

42 Und sie hörten nicht auf, alle Tage im Tempel und hier und dort in den Häusern zu lehren und zu predigen das Evangelium von Jesus Christus.

Grüße, kdd

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