Frage von jayge13, 96

Kann mir jemand das Buch "der Prozess" von Franz Kafka erklären?

Hi, also ich habe gerade dieses Buch beendet und meine erste Reaktion war: "Häh?"

Um ehrlich zu sein fand ich nicht nur das Ende sondern das ganze Buch seltsam.

1. Warum haben die den umgebracht? Ich meine, er hätte sich doch wehren können! Oder eine von den zwei Methoden nehmen können, die ihm der Maler aufgezeigt hat.

2. Aber was mich noch mehr interessiert: Was ist das den überhaupt für eine Gesellschaft, für ein seltsames Gericht. Ich meine, die kommen da einfach so in die Wohnung von K. und er geht noch nicht einmal zur Polizei wegen Hausfriedensbruch? Und seine Vermieterin, was ist mit der los? Auch keine Polizei wegen Hausfriedensbruch? Ich habe irgendwie das Gefühlt, dass das an allen im Buch so vorbeigegangen ist und irgendwie auch an K. selbst.

3. Aber das was mich ja am allermeisten interessiert ist: Für was zur Hölle wurde K. angeklagt? Ich meine das erfährt man während des ganzes Buches nicht oder habe ich da etwas nicht verstanden? Und K. weiß es ja auch die ganze Zeit nicht. Ich wiederhole: habe ich da etwas nicht verstanden? Warum erfährt man das nicht oder besser gefragt: Warum fragt K. nicht? Ich verstehe das nicht, die müssen einem doch sagen wofür man angeklagt wurde.

Also ich wäre ja einfach zur Polizei gegangen und wenn die mir nicht geholfen hätte, dann wäre ich ausgewandert, ich meine, hallo? Was erlauben die sich?

4. Oder das Kapitel in dem die zwei vom Anfang ausgepeitscht wurden. In der Bank????? Da wo K. arbeitet???? Hähhh??? Warum in einer Abstellkammer in der Bank in der K. arbeitet? Und in welchem Jahrhundert hat das Buch überhaupt gespielt?

Es muss ein sehr seltsames Jahrhundert sein, wenn Leute ausgepeitscht und hingerichtet werden und wo Hausfriedensbruch und Verhaftungen die nicht von der Polizei ausgeführt werden einfach so hingenommen werden.

Antwort vom Anwalt erhalten
Anzeige

Schneller und günstiger Rat zum Strafrecht. Kompetent, von geprüften Rechtsanwälten.

Experten fragen

Antwort
von DODOsBACK, 39

Kafka war ein ... sagen wir mal... sehr seltsamer Mensch. Man könnte ihn auch psychisch krank nennen. Depressionen, Ängste usw.

Sein Wunsch war es, dass seine Werke nach seinem Tod verbrannt, nicht veröffentlicht werden. Was möglicherweise erklärt, warum vieles schwer verständlich ist - der "Prozess" z.B. besteht aus zahlreichen Fragmenten, eine "fertige" Version von Kafka selbst ist (so weit ich weiß) überhaupt nicht bekannt.

Aber egal.

Kafka ist oft sehr symbolisch, meist geht es um "tiefere" Dinge, z.B. den festen Glauben der Menschen daran, dass "nicht sein kann, was nicht sein darf". Und die Überzeugung, dass Dinge, die nicht existieren können,  irgendwie "verschwinden", wenn man sie nur lange genug nicht beachtet. Soviel zu 1.

Zu 2. Die Gesellschaft ist wie der Einzelne: man redet sich ein, dass alles schon irgendwie seine Richtigkeit haben muss - keiner wird ohne Grund angeklagt. Falls doch, wird ihm nichts passieren. und falls er doch schuldig gesprochen wird, muss es eben einen Grund gegeben haben, der nicht "öffentlich" gemacht werden darf. "Die da oben" wissen, was sie tun, "wir hier unten" sollten uns nicht mehr damit beschäftigen als unbedingt nötig.

Zu 3. Es ist egal, wofür er angeklagt wird. Es geht um das System, um das Verhältnis der Obrigkeit zum Einzelnen und umgekehrt. Er akzeptiert die Anklage, auch wenn er auf unschuldig plädiert, und erwartet bis zum Schluss, dass sich alles irgendwie auflöst oder zumindest das Unvermeidliche eintritt.

Zu 4. Auch hier hätte K. einschreiten, etwas unternehmen können. Er ist gegen die Prügelstrafe, traut sich aber nicht. Weil er das (seiner Meinung nach) nicht zu entscheiden hat.

Kafka lebte von 1883 bis 1924, also spielen die Texte am Beginn des 20. Jahrhunderts, wahrscheinlich zumindest teilweise in der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Was (neben Kafkas generellen Ängsten) eine gute Erklärung wäre: wie viele junge Männer sind in diesen Krieg gezogen, ohne jemals wirklich zu wissen, wofür? Wie viele haben sich "abschlachten" lassen, weil sie sich nicht getraut haben, "auszubrechen", zu fliehen, unterzutauchen. Auch sie haben alles einfach hingenommen...

Das ganze Buch ist eigentlich eine Aufzählung verpasster Chancen. Es beschreibt die selbstgewählte Hilflosigkeit eines Menschen, der nicht nur feige ist, sondern auch unfähig, seinem eigenen Erleben zu vertrauen oder gegen seine "antrainierten Überzeugungen" anzugehen.

Selbst ganz zum Schluss hätte noch die Möglichkeit bestanden, das Messer zu nehmen und sich selbst "schnell und schmerzlos" zu töten. Aber K., ganz das Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank, tut auch das nicht.

Weil Selbstmord Sünde ist? Weil man ihn doch nicht "einfach so" umbringen wird? Oder weil er damit zugeben würde, dass  er sich wirklich und wahrhaftig die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hat? Man weiß es nicht...

Ganz am Ende, als er "wie ein Hund" stirbt, wird noch einmal eine Parallele zur Türsteher-Geschichte geschaffen: erst als alles zu spät ist, wird ihm (vielleicht) bewusst, dass es die ganze Zeit über Möglichkeiten gab...

Lies mal die Keuner-Geschichten von Brecht - ich weiß zwar nicht, ob sie direkt miteinander zu tun haben, aber viele davon sind eigentlich Weiterführungen von Kafkas K. ...

Um 1900 haben übrigens ganz andere Regeln gegolten als heute - man ging nicht "einfach so" zur Polizei, man wurde dort auch nicht höflich und zuvorkommend behandelt. Beamte standen weit "über" den normalen Menschen und ließen das auch jeden spüren. Auch auswandern war für "normale" Menschen einfach unvorstellbar. Das taten sehr reiche Leute oder solche, die nichts mehr zu verlieren hatten. K. zählt sich aber zu keiner dieser Gruppen.

Antwort
von Kommentierung, 7

Die Antwort ist wohl: Es gibt keine Antwort. Es gibt über 7 Deutungsansätze. Ich las damals zur Abivorbereitung ein Buch, das Kafkas Prozess interpretiert. Das zu lesen wäre vermutlich hilfreicher als hier 30 Interpreationsansätze von 20 Menschen zu bekommen. :) Auch ich machte mir viele Gedanken und legte mir Interpretationsmöglichkeiten zurecht. Mittlerweile studiere ich Jura und glaube: Kafka als Jurist wollte schlicht indirekt das teilweise sehr undurchsichtige Rechtssystem kritisieren und zeigen, wie schnell man in etwas hineingeraten kann und wie die Mühlen der Justiz mahlen. Und zu wie vielen Ergebnissen man kommen kann, wenn man ein und denselben Text "auslegen" möchte.

Antwort
von PWolff, 35

Zu Kafkas Romanen und Erzählungen gehört entscheidend, dass sie eben nicht zu verstehen sind.

Sie spielen in einer Welt, die der unseren nur oberflächlich ähnelt, bzw. der unseren genau entspricht außer an der Oberfläche.

Es ist eine Welt, in der die Autoritäten, und besonders die oberste Autorität, im Dunkeln bleiben, und prinzipiell unbegreifbar bleiben. Und auch die Reaktionen der Menschen sind an der Oberfläche unbegreifbar und nur zu verstehen, wenn man weiß, dass der Mensch in der Tiefe seiner Seele dieser unbegreifbaren Autorität entspricht und ebenso unbegreifbar dieser zu folgen sucht.

Antwort
von Trantor2014, 41

Hallo,

nun, mir ging es bei dem Buch vor vielen Jahren wie Dir. Habe Kafka nach ein ein paar weiteren Versuchen auf die  Seite gelegt.

Hatte dann ein paar Erfahrungen mit den Behörden, Anwälten und Gerichten und heute muss ich sagen: Kafka ist immer noch Top Aktuell !

Die Antwort von Gegengift gefällt mir ganz gut. Da steht schon fast alles drin. Was fehlt ist nur der Hinweis, das es leider immer noch aktuell ist......

Gruß

Antwort
von Gegengift, 46

Meiner Interpretation nach wird hier ein irrwitzig bürokratischer und dominanter Staat geschildert, so wie ihn viele auch erleben oder erleben würden. Gleichgültig, willkürlich, bösartig, hinterhältig, dumm und ignorant. Mit einer völlig eigenen,  verselbstständigten Logik.


dann wäre ich ausgewandert

Was ist, wenn du den Irrsinn eines Staates oder einer Gesellschaft gar nicht bewusst begreifst? Du bist darin aufgewachsen und kennst nichts anderes.


Antwort
von Mohrmann7, 50
Antwort
von nowka20, 10

werde mal selber kreativ!

Antwort
von uncutparadise, 49

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Process

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community