Frage von marleennicole, 107

Kann man den 17.Juni 1953 als Volksaufstand oder "Konterrevolution" bezeichnen ?

Antwort
von Modem1, 70

Beides ... genau gesagt von welcher ideologische Brille man das sieht. Von der DDR Führung aus war es ein faschistischer Aufstand oder Konterrevolution. Von der Westseite ein Volksaufstand.

Kommentar von DitmarMD ,

Genau das wollte ich auch schreiben. Ich sehe es genauso. Es kommt immer auf den ideologischen Blickwinkel an. Genaugenommen waren es zuerst Bauarbeiterproteste gegen die Normerhöhungen. Daß so etwas dann von "interessierter Seite" in Ost wie West ausgenutzt, vereinnahmt und ausgeschlachtet wird, ist ja gerade in Zeiten des kalten Krieges nicht verwunderlich.

Antwort
von zehnvorzwei, 68

Hei, maleennicole, nach meiner Meinung trifft der Ausdruck Volksaufstand - ausgehend von den Protesten der Bauarbeiter auf der Stalinallee in Berlin erfasste der Aufruhr das ganze Land. Wie dataways sagt: Konterrevolution war´s nicht. Und - denke ich - keine Revolution, denn die protestierenden Menschen haben keinen Umsturz inszeniert bzw. den Sturz der Regierung. versucht. Und so. Grüße!

Antwort
von dataways, 71

Die offizielle Lesart ist "Volksaufstand". Eine Konterrevolution konnte es nicht sein, denn eine Konterrevolution folgt auf eine Revolution. Eine Revolution hat es aber im 20. Jahrhundert auf deutschem Boden nie gegeben.

Kommentar von dataways ,

@Hegemon: Ja und nein.
In einem Land, das eine Revolution im Stil der französischen Revolution von 1789 oder der Glorious Revolution von 1688 nicht erlebt hat, kann ein Systemwechsel schon mal als Revolution bezeichnet werden.

1918 hat der Reichskanzler Max von Baden den Wechsel selbst initiert, worauf sich die Verantwortlichen am 1. Weltkrieg mehr oder weniger ihrer Verantwortung entzogen haben.

1989 hatte in der DDR noch kaum jemand Lust, am Experiment Sozialismus teilzunehmen und so arbeiteten die SED und die Bürgerbewegung am runden Tisch ungewollt zielstrebig zur Auflösung ihres Staates hin. Wenn das eine echte Revolution war, dann war die Wahl von Bodo Ramelow in Thüringen eine echte Konterrevolution.

Kommentar von Wyatt ,

Beim Runden Tisch 1989 ging es nicht um die Auflösung der DDR sondern um Reformen in der Republik. Die deutsche Einheit stand erst Monate später auf der Tagesordnung.

Kommentar von Hegemon ,

Also ich will ja unmittelbar nach Freundschaftsschluß eigentlich nicht gleich mit Dir diskutieren. Aber... :-)

Laut Definition ist eine Revolution ein "grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme, der meist abrupt oder in relativ kurzer Zeit erfolgt. Er kann friedlich oder gewaltsam vor sich gehen." (Wiki) Das trifft auf beide Ereignisse zu. Deshalb werden sie in Enzyklopädien unter Revolutionen subsumiert. Und ich könnte jetzt zumindest ad hoc auch keinen etablierten Historiker benennen, der von dieser Meinung abweichen würde.

Max von Baden hat nicht initiiert sondern hilflos auf den Druck der Straße reagiert - reagieren müssen. Initiiert haben die Revolution die Matrosen, Soldaten und Arbeiter - die (übrigens SPD-nahen) Massen, die die Fürsten und Generalkommandos hinauskomplimentierten und überall Arbeiter- und Soldatenräte installierten. Von Baden hat mit der Aktion lediglich versucht, die Massen zu beschwichtigen. Die Monarchie wäre nicht länger haltbar gewesen. Zudem war am 9. November der Drops längst gelutscht. Die Revolution hatte sich seit dem 4. November wie ein Lauffeuer fast über das ganze Land verbreitet und in den Großstätten etabliert. Dem wurde in dieser frühen Phase nahezu kein Widerstand entgegengesetzt.

1989 hatte die Partei- und Staatsführung durchaus noch Lust, am Sozialismus festzuhalten. Und zwar große Lust. Auch hier wurde die alte Riege auf den immensen Druck der Straße hin abgesetzt ("Erich, es geht nicht mehr. Du mußt gehen"). Daß sich daraus allerdings ein Systemwechsel entwickelte war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen - war auch von der Bürgerbewegung nicht beabsichtigt. Seinerzeit wollte man noch eine reformierte DDR. Der eigentliche und nachhaltige Strukturwandel kam erst mit dem massenhaften Eigentumswechsel (ein Punkt, der in der Novemberrevolution übrigens nicht stattfand).

Ramelow kann übrigens nicht für eine Konterrevolution stehen, weil es keinen Strukturwandel gab.

Beste Grüße :-)

Antwort
von cherskiy, 58

Eigentlich weder noch. "Konterrevolution" passt schonmal gar nicht, weil es zuvor (1945) keine Revolution in Deutschland gab, denn die verschiedenen politischen Systeme wurden den Deutschen nach 1945 von außen von den Siegermächten aufgestülpt. "Volksaufstand" ist auch nicht korrekt, denn es ging zunächst in erster Linie um ökonomisch bedingte Proteste der Arbeiter in Ost-Berlin, die sich dann später nicht ohne Unterstützung von Außen auf die politische Ebene und weitere Landesteile ausweiteten. "Volksaufstand" war die westeuropäische/US-amerikanische Sichtweise, "Konterrevolution" - die ostdeutsche. In der Sowjetunion nannte man die Ereignisse des 17. Juni "Faschistischer Ausfall" oder etwas diplomatischer "Berlin-Krise".

Direkt nach dem Tode Stalins im März 1953 traten die wirtschaftlichen Wirren in fast allen Ländern der Volksdemokratie immer offener zu Tage. Jedoch außerordentlich vernehmbar machten sie sich in der DDR. Hier hat das politische Regime unter Walter Ulbricht mit rein deutscher Pedanterie, Rigorismus und Zielstrebigkeit das Tempo des Aufbaus des Sozialismus "forciert" und "Abweichungen" von diesem Weg, welcher Art auch immer, ausgeschlossen. Den Inhalt dieser Politik und die Art und Weise wie der Westen sich den daraus resultierenden Protest zu nutzen machte, kannst Du leicht ergoogeln.

Antwort
von Nomex64, 41

Nun ja man muss mal überlegen wem es nutzt.

Die Bauarbeiter waren angepisst weil ihre Norm erhöht wurden. Die Regierung der DDR war aber unter anderem auch durch die Reparationszahlunge welche der Westen nicht mach musste, zeilmich eignespannt.

Der Aufstand war nicht wirklich eigentlich gegen die DDR. Und die "Aufständischen" wurden durch die Medien aus dem Westen auch noch angestachelt.

Das ist aber nur meine unmaßgebliche Meinung. Richtig kann dir dazu mein Freund PeVAu was sagen, den der kennt sich mit der Geschichte wirklich aus.

Kommentar von PeVau ,

Danke für die Blumen. :-)

Ich empfehle die Antwort von exFlottiLotti zu einer ähnlichen Frage.

https://www.gutefrage.net/frage/ursachen--vorgeschichte-des-17-juni-1953

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community