Frage von MyLinh76, 41

Kann jmd vielleicht anhand einer alltäg. Situation erklären/ beschreiben wie man die Erkenntnis-theorie Platons anwendet (vllt auch noch anhand Pegida und AFD)?

Anwendung der platonischen Erkenntnistheorie (also auch wie der Zusammenhang der Gleichnisse ist) anhand von alltäglichen Beispielen, Einzelwahrnehmung AFD und Pegida. Mit Pegida und AFD meine ich, dass der Mensch sozusagen nicht raus aus der 'Höhle' rausgeht um das 'Eigentliche'/ 'Wirkliche' zu sehen.

Antwort
von Grautvornix16, 26

Hallo,- für deine Frage wäre Platons Dialog "Theaitetos" von zentraler Bedeutung. Dem Menschen ist die Teilhabe an der Wahrheit als idealisierte Vorstellung von der Idee des Wissens als Teilhabe an Wahrheit (als vollständige Erkenntnis oder göttliche Vollständigkeit einer Idee) nur als Option und Orientierung gegeben - nicht als garantierte Teilhabe als "göttliches Geschöpf". Auf dem Weg sich dennoch diesem Ideal anzunähern "erkennt" der Mensch die jeweilige Unvollständigkeit seines Strebens nach Wissen als permanente Qualität seines Erkennens und das ist eine Erkenntnis für sich. Der Mensch erkennt, dass er dort wo er glaubt zu wissen eben nur glaubt. Und genau in dieser Reflektion erkennt er, dass ihm das letzte ultimative Wissen als "Wahrheit" von was auch immer fehlt - egal auf welchem "Level" und dies den letzten ultimativen Unterschied zwischen ihm und "Gott" ausmacht.

Platon sinngemäß und zusammengefaßt: "Ich weiß, dass ich nichts weiß und deshalb glaube ich auch nicht etwas zu wissen."

Und genau diese Erkenntnis und Erkenntnisfähigkeit fehlt den Menschen vom Schlage >Pegida< oder >AFD<. - Dieses Problem einer generellen selbstreflektiven Erkenntnisunfähigkeit ist aber bei weitem nicht auf diesen Kreis der "Erleuchteten" beschränkt.

In diesem Zusammenhang sind Platons Überlegung und Kritik zum "Doxa-Denken" sehr interessant.

Gruß

Kommentar von Albrecht ,

Die Kritik der Meinung und einem damit verbundenen sich selbst überschätzenden Dnken ist richtig, aber die geschriebene Zusammenfassung ist keine zutreffende Darstellung von Platons Auffassung und erweckt den Eindruck, eine falsche Übersetzung von Platon, Apologie 21 d zugrundezulegen.

Kommentar von Grautvornix16 ,

Hallo Albrecht,- deine Kritik sehe ich als teilweise berechtigt an. Im Sinne einer akribischen Forschung zu Originalquellen würde mein Beitrag gegen Standards verstoßen. Insofern hätte ich vielleicht die Einleitung vorausschicken müssen: " Meiner Auffassung nach ... ." Aber wenn man schon das Problem benennt fängt dieses schon bei der Wahl der Übersetzung und diese wiederum bei der Frage welche Interpretation in der Sekundärliteratur und ihrer Vermittlung steckt. Deswegen ist ja auch die Angabe der jeweiligen Übersetzung nicht unwichtig. Aber jedes Aufnehmen und Verarbeiten schafft "neue" Übersetzungen / Interpretationen. Man denke nur an die Breite der Bedeutungsoptionen des Begriffes "Logos".

So gesehen ist jedes Verarbeiten einer Vorlage eine Adaption als Interpretation und jedes vermittelte Verarbeiten einer Quelle die Adaption einer Interpretation als interpretierte Adaption. Das soll kein hakenschlagender Schlauschwätz sein sondern was ich sagen will: Was ich an den Fragesteller weiter gegeben habe war nicht der Versuch ein "Original" der Quellenforschung zu vermitteln sondern die zusammenfassende Essenz zu meiner Interpretation Platons aus meinen Platonseminaren während meines Philostudiums.

Die Kritik, diesen Sachverhalt nicht einfach als bekannt vorauszusetzen sondern näher zu kennzeichnen nehme ich allerdings gerne an.

Gruß

Kommentar von Grautvornix16 ,

PS: Wir hatten Schleiermacher. Aber auch den hatten wir an zentralen Stellen in verschiedenen Optionen diskutiert. -

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 8

Unterscheidung von Erkenntnis/Wissen und Meinung

Nach Platons Auffassung gibt es im Bereich des sinnnlich Wahrnehmbaren genaugenommen keine Erkenntnis/kein Wissen, sondern nur Meinung (δόξα [doxa]). Wissen/Erkenntnis (ἐπιστήμη [episteme]) in einem strengen Sinn ist nur im Bereich des Denkbaren/geistig Erfaßbaren/mit der Vernunft Einsehbaren möglich (vgl. beispielsweise Platon, Politeia 474 b – 480 a und 509 d – 511 e [Liniengleichnis]).

Die Möglichkeit von Erkenntnisweisen ist von den Gegenständen abhängig. Erkenntnis ist über mathematische Gegenstände und über Ideen möglich. Von Logik, Axiomen und Definitionen ausgehend kann Mathematisches erkannt werden. So kann jemand zum Ergebnis kommen, die Fläche eines Quadrats werde verdoppelt, wenn die Diagonale des gegebenen Quadats als Seitenlänge des neuen Quadarts genommen wird (Platon Menon 81 e – 85 b).

Ideen

Eine Idee ist nach der Lehre Platons ein durch Denken einsehbares wahrhaft Seiendes, etwas Bestimmtes, das besondere und in sich selbst immer gleiche Wesen einer Sache. Eine Idee kann als innere Form, die spezifische (besondere) Natur (das Wesen) einer Sache verstanden werden. An der Spitze dieses geistig erfaßbaren Bereiches steht die Idee des Guten (auf diese bezieht sich das Sonnengleichnis).

Von diesem Bereich unterscheidet Platon eine Welt der Erscheinungen, die durch die Sinne wahrgenommen werden, ein Bereich des Werdens und Vergehens (vergänglich).

Einzeldinge sind teils Idee, teils Nicht-Idee (etwas, das nicht dem Wesen nach notwendig zu dem bestimmten Etwas, welches die Idee ist, gehört). Ideen sind nur rein die bestimmte Sache selbst und stehen damit auf einer höheren Seinsstufe als die Erscheinungen. Einzeldinge haben an Ideen Anteil. Die Einzeldinge haben zu den Ideen eine Verbindung, die in bildlich-übertragener Ausdrucksweise ein Urbild-Abbild-Verhältnis genannt werden kann (ein Muster/Vorbild [παράδειγμα] und ein Abbild [εἰκών; εἴδωλον]). Platon schreibt von einer Teilhabe (μέθεξις) der Einzeldinge an den Ideen. Im Einzelding gibt es eine Anwesenheit/Gegenwärtigkeit (παρουσία) der Idee. Zwischen Idee (ἰδέα) bzw. anders ausgedrückt Form (εἶδος) und ihr zugehörigem Einzelding gibt es eine Gemeinschaft (κοινωνία).

Schwächen bloßer Sinneswahrnehmung

Das Höhlengleichnis (Platon, Politeia (514 a – 517 a, mit anschließend gegebenen Hinweisen 517 a – 521 b und 532 a– 535 a und einem Bezug 539 d – 541 b) zeigt die Schwächen, wenn Erkenntnisversuche bloß der Sinneswahrnehmung verhaftet bleiben.

Das Stehenbleiben bei bloßer Sinneswahrnehmung führt zu einer Beschränktheit und Mangelhaftigheit (nur ein Ausschnitt/Teil des Ganzen und an eine bestimmte Perspektive gebunden) der Erkenntnis, die durch Fixierung/fehlende Bewegungsmöglichkeit entsteht. Es gibt eine Unvollkommenheit von Abbildern im Vergleich zur wahren Wirklichkeit. Wer auf einen einzelnen Augenschein beschränkt bleibt, erkennt nicht die wahre Wirklichkeit.

Es gibt nach platonischer Auffassung bestimmte Schwächen/Anfälligkeiten der Sinneswahrnehmung bzw. einer zu unkritischen Überbelastung mit Leistungen, für die sie angeblich alleine schon eine ausreichende Grundlage ist:

a) Bei der Sinneswahrnehmung können Sinnestäuschungen vorkommen.

b) Bei einer einzelnen Sinneswahrnehmung kann eine Blickverengung/eine Fixierung auf eine einzige Perspektive zu einer falschen Gesamtbeurteilung führen.

c) Die Sinneswahrnehmung kann etwas an Einzeldingen erfassen, aber sie neigt zu unmittelbarer Verallgemeinerung, ohne einen Sachgehalt (etwas Bestimmtes in seiner Sacheinheit) richtig abzugrenzen und zu erfassen. Dies leistet erst begriffliches Denken. Bei den Dingen gibt es etwas, das seinem Wesen nach zur Sache selbst gehört, und etwas, das nicht dazugehört (bei einem Tisch können z. B. Form und Material unterschiedlich sein, aber es gibt eine Grundfunktion bei jedem Tisch, etwas daraufstellen zu können). Die Sinneswahrnehmung gewährleistet keine angemessene Unterscheidung dazwischen.

Platon will nicht die Sinneswahrnehmung als Mittel beseitigen und empirische Wissenschaft abschaffen, sondern auf die Beschränktheit eines einzelnen Sinneseindruckes hinweisen. Die Sinne sind für das Unterscheiden in der Wahrnehmung zuständig. Es geht ihm darum, für Erkenntnisse die Sinneswahrnehmung durch Denken zu erweitern. Der Aufstieg aus der Höhle steht für den Schritt dazu.

Anwendung der Erkenntnisstheorie

Zur Erkenntnis ist es notwendig, mit Hilfe von Denkgesetzen (deren grundlegendes der Satz vom zu vermeidenden Widerspruch ist) Ideen zu erfassen. Die Vernunft (νοῦς [nous]) leistet sowohl hin- und herlaufendes (diskursives) Denken (διάνοια [dianoia]) als auch einsehendes/geistig erfassendes Denken (νόησις [noesis]).

Es wird also sowohl etwas analysiert, verglichen und mit dem Verstand nach Kategorien eingeordnet als auch als eine Einheit eingesehen.

Um eine Idee zu verstehen, ist es nötig, in begrifflichem Denken die wesensbestimmenden Merkmale zu erfassen. Diese sind etwas Gleichbleibendes. Was in den Einzeldingen, die zu der Sache gehören, veränderlich ist und nicht immer vorkommt, gehört nicht zur Idee.

In einer dialektischen Kunst gibt es sowohl eine zum Einen aufsteigende Zusammenfassung (συναγωγή [synagoge]) als auch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen absteigende Trennung (διαίρεσις [dihairesis]). Ein erfolgreiches Ergebnis ist dann das Erkennen einer Sacheinheit, der Idee, mit der Fülle ihrer Wesenszüge.

Bei Gebrauchsgegenständen ist der Zweck/die Funktion das Wesentliche. Ein Stuhl ist ein Gegenstand zum Daraufsitzen. Ein Tisch ist ein Gegenstand zum Daraufstellen und Daransitzen. Das Material kann unterschiedlich sein, wenn es nur den Zweck/die Funktion erfüllt. Ebenso können die Farbe (braun, schwarz, grau, weiß usw.) und die Form (z. B. rund, eckig) unterschiedlich sein. Die Sinneswahrnehmung gibt Material zum Durchdenken, kann aber die Idee nicht ohne Vernunft erkennen.

Es kann gefragt werden, was das Gerechte ist. Offenbar ist etwas Gutes gemeint. Es wird das Wesen des Gerechten gesucht, etwas, das in allen gerechten Zuständen und Verhaltensweisen vorkommt. Von dieser Idee ausgehend ist eine Erkenntnis: Unrecht tun ist schlechter als Unrecht leiden (Platon, Gorgias, 473 a).

Fehler können sein, der Idee Merkmale zuzuschreiben, die nur einige Einzeldinge, die unter die Idee fallen, aufweisen, oder umgekehrt der Idee Merkmale als etwas ihr eigentümliches Besonderes zuzuschreiben, die sie mit anderen Ideen teilt (z. B. gehört es zum Pferdsein, ein Lebewesen zu sein und vier Beine zu haben, aber dies ist nicht für Pferde spezifisch, sondern gilt auch für andere Tiere).

Wer nicht über Sinneswahrnehmung hinausgeht, gelangt nicht zum Verstehen, was etwas ist. Es fehlt ein Einsehen, an welcher Idee Einzeldinge teilhaben. Bei Leuten mit politischer Tendenz ist die Neigung stark, schon beim Empirischen (dem, was möglicher Gegenstand von Erfahrung ist), die Dinge einseitig, verzerrt oder nicht zutreffend darzustellen. Es wird behauptet, was nicht tatsächlichen Sinneseindrücken entspricht, sondern Hörensagen, bloßen Behauptungen und Vorstellungen, die einer Weltanschauung entspringen. Im Bild der Höhle sind dies nicht die Gegenstände als Abbilder der Ideen, sondern Schatten und Spiegelungen. Vorurteile und Ressentiments haben Auswirkungen. Sie können zu unzulässigen Pauschalisierungen führen. Ein Flüchtling ist jemand, der geflohen ist. Tatsächliche oder vermeintliche Verhaltensweisen nur einzelner Flüchtlinge können nicht einfach pauschal allen Flüchtlingen zugeschrieben werden. So etwas ist verfehlt und hat keine Einsicht in die Idee.

zur platonischen Ideenlehre, Erkenntnistheorie und ihrem Verhältnis zum Empirismus:

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Schwabe : Basel ; Stuttgart, 2007, S, 354 - 430

Gyburg Radke, Platons Ideenlehre. In: Klassische Fragen der Philosophiegeschichte I: Antike bis Renaissance. Herausgegeben von Franz Gniffke und Norbert Herold. Münster ; Hamburg; London : Lit Verlag, 2002 (Münsteraner Einführungen - Philosophie; Bd. 3/I), S. 17 – 64

Arbogast Schmitt, Platonismus und Empirismus. In: Gregor Schiemann/Dieter Mersch/Gernot Böhme (Hrsg.), Platon im nachmetaphysischen Zeitalter. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft : Darmstadt, 2006, S. 71 – 95

Jan Szaif, Epistemologie. In: Platon-Handbuch : Leben, Werk, Wirkung. Herausgegeben von Christoph Horn, Jörn Müller und Joachim Söder. Unter Mitarbeit von Anna Schriefl und Simon Weber. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2009, S. 112 – 130

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten