Frage von kazon500, 43

Kann es sein, dass die Waffen beim Sportfechten gar nichts mehr mit den Originalen Pendants zu tun haben?

Ein Florett gibt es ja an sich gar nicht (außer als Übungsschwert).

Ein Säbel ist normalerweise ein von Kavallaristen geführte, gebogene sehr breite Waffe.

Und ein Degen ist an sich auch deutlich robuster.

Beim Sportfechten eiern die Waffen auch herum und Biegen sich sogar unter ihrem EIGENgewicht.

Wie kann sich die Sportwaffe so weit vom Vorbild entfernen und beim Säbel sogar gar keine Gemeinsamkeiten haben, außer eine zweischneidige Klinge?

Ich meine ja, dass moderne Fechter mit ihren komischen Wattestäbchen gegen jeden Soldaten zw. 1600-1800 verlören.

Grenzt es nicht an Sinnlosigkeit, eine solch verfälschte Sportart überhaupt olympisch zu machen, da es dabei auch um Historie und Tradition geht, während der Vollkontaktkampf (vgl. MMA, Pankration) quasi geächtet ist, obwohl letzterer viel "olympischer" wäre?

Bin auf eure Meinung gespannt.

Das einzige was - denke ich - das Fechten olympisch Macht ist der "Sportsgeist" ,wenngleich dieser doch verfälscht ist, da es ja an sich kein "wirkliches" Fechten ist. Darüber hinaus ist die Community fürs Fechten nicht gerade groß. Ich schätze sogar, dass die MMA Community mittlerweile größer ist als die des Fechtens.

MFG

P.S.: Vielleicht kann mir jemand sagen, wie die historische Entwicklung des Fechtsports von statten ging und sich die benutzten Waffen währenddessen veränderten.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Ansegisel, 13

Sportwaffen sehen immer anders aus als Kriegswaffen. Denn es geht natürlich nicht mehr um Leben und Tod, sondern um Technik und Präzision. Die Waffen sollen also gar nicht tödlich sein und, wie in diesem Fall, Verletzungen auch eher vermeiden als hervorrufen.

Die drei Waffen-Gattungen im Fechten unterscheiden sich aber durchaus noch, nicht nur, was das Aussehen der Klingen angeht, sondern auch in Länge, Gewicht und verwertbarer Trefferfläche.

http://www.fechten.org/fechten/waffen/

Florett und Degen sind dabei von der Erscheinung her gar nicht so weit von den historischen Vorbildern entfernt, der Säbel aber natürlich schon.

Wenn du übrigens meinst, es handele sich um "Wattestäbchen" und die Techniken hätten nichts mehr mit Fechten zu tun, dann empfehle ich dir mal einen Schnupperkurs. Du wirst erstaunt sein, wie schnell du an allen möglichen Körperstellen Treffer kassierst und wie groß die blauen Flecken auch trotz Schutzkleidung noch werden können ;)

Kommentar von Utopiosus ,

Tolle Antwort. In Bezug auf die Waffengattungen mit Gewicht und Länge gibt es Unterschiede, die sind aber eher marginal vorhanden.

Das Florett ist ganz richtig immernoch ziemlich nach am original dran. Der Degen allerdings als Abstrakt des Haumessers schon sehr und der Säbel, auch wie Du gesagt hast, ebenso weit.

Im 16. Jahrhundert kamen die Schwerter aus der Mode weil die Schusswaffen nun seit fast 200 Jahre lang aus ihrer Erfindungszeit ins Militär integriert wurde.

Im zivilen (Stadt-)Leben wurde um sich als Soldat einen Vorteil zu verschaffen neue Waffen erfunden (langes Messer, Bauernwehr, Dussack u.ä.). 

Da die Klärung von Kriegswaffen für ein Schwert zB diese waren, dass keine zweischneidigen Waffen in der Stadt geführt werden durften, erklärte man beim langen Messer diese Waffe als nicht-Kriegswaffe, da sie nur eine Klinge hat (was für einen erfahrenen Kampfkünstler völlig egal ist - Stichwort: Stumpfes Trauma).

Die schweren Rüstungen (Kürass, Brustpanzer, etc.) wurden anlässlich ihrer Schwäche gegenüber den Schusswaffen als Ineffizient abgeschafft und dementsprechend konnte man nun mit feineren, leichteren Waffen "durch die Gegend laufen".

Das einzige Problem mit der Abschaffung der sog. "freyen ritterlichen und adellichen Kunst des Fechtens mit allerley gebreuchlichen Wehren" war, dass die Prinzipienschule (das wie) in Vergessenheit geriet und die Technikschule (das was) in den Vordergrund rückte.

Was aus sportlicher Sicht ein großer Fehler war, der selbst heute immernoch verkannt wird. 

Anstatt sich mit grundlegender Technikschule (Begriffe wie Schritte und Tritte, Teilung des Mannes, Blößen, Teilung der Waffe, Mensur, Zufechten, Handarbeit, Abzug) anfänglich zu begnügen und im Anschluss die Prinzipienschule (Gebärden, Binden, Bleiben, Fühlen, ...) zu verfeinern um zum Fechtmeister aufzusteigen, ist heute nicht mehr möglich weil es schlicht und ergreifend keine Fechtmeister mehr gibt.

Antwort
von Utopiosus, 4

Um deine Frage mal direkt zu beantworten:

Nein - die Waffen im Sportfechten haben nicht mit den originalen zu tun.

Mal abgesehen davon, dass Kampfsport (kompetitiv, starr und sicheres Mindsetting ohne Todesfolge) und Kampfkunst (prinzipiell aufgebaut, safety-first, Sauberkeit in Schnelligkeit und Technikabläufen) sich in vielen Dingen unterscheiden.

Einerseits ist die Veränderung der Blankwaffen eine historische Wandlung von Schwer zu leicht, von militärisch (in der Stadt verboten) zu zivil (in der Stadt erlaubt, legal).

Aus den Anderthalbschwertern wurden lange Messer die geführt werden durften. 

Was ich sehr am olympischen Fechten verurteile, weshalb ich schweren Herzens diese Disziplin im Nordrheinwestfälsicehn Kader verließ war die Regel, dass der Treffer bei einem Doppeltreffer nur dann zählt, wenn er mindestens eine 20tel Sekunde vorher kommt.

Aus technischer und sportlicher Sicht verständlich.

Aus prinzipieller Sicht ein absoluter Fehlschlag. 

Liest man sich Quellen von Fechtmeistern durch ich empfehle vor allem Joachim Meyer (https://www.amazon.de/Joachim-Meyer-1600-Transkription-Beschreibung/dp/393207737...), so erfährt man was eigtl wichtig ist beim Fechten.

Ich bin mir zudem sehr sicher, dass ein Federfechter auf jedenfall nachteilig gegen zB einen Landsknecht aus dem 16. Jahrhundert benachteiligt ist, aber Kampfkunst bedeutet, dass ein Schwächerer gegen einen Stärkeren gewinnen kann.

Das Thema ist so weitläufig und tiefschichtig, ich werde ab hier erstmal auf Reaktionen warten.

LG

Antwort
von Vanelle, 9
Florett gibt es ja an sich gar nicht (außer als Übungsschwert).

Ein Florett war und ist ein "entschärfter" Degen, womit ein gewaltiger Unterschied zum Schwert besteht :-)

Mit solchen Waffen kann man und kämpft man realistisch. Das man beim sportlichen Wettkampf verhindert, dass das eigentliche Ziel dieser Waffen erreicht werden kann (Verletzung, Tod), ändert doch nichts an der Fähigkeit, diese "richtig" einzusetzen.

Auch zu Zeiten, als die Waffen für ihren ursprünglich Zwecke eingesetzt wurden, war es üblich, zum üben Attrappen einzusetzen.

Irgendwie wäre es doch kontraproduktiv, sich auf das Risiko einzulassen, der "Meister" verstümmelt oder tötet reihenweise seine Schüler, oder?

Antwort
von JBEZorg, 8

1.Du hast ein grosses Problem mit dem Verständnis vom Konzept Sport. Sport ist ein Wettbewerb und nicht unbedingte realitätsgetreue Nachahmung anderer Aktivitäten. So ziemlich jeder Sport. Ein Spezialeinheitler rennt seine Kilometer in voller Ausrüstung und nicht mit Turnschuhen und kurzer Hose auf ebenem Untergrund. Eine echte Waffe hat mehr Rückschlag als eine Sportwaffe. Kampfsport hat nicht unbedingt mit einem echten Zweikampf sogar geschweige denn Kampf von unbestimmter anzahl der Gegener gegeneinder zu tun. Ein normales Ruderboot sieht schon sehr anders als die Sportboote. Selbiges gilt für Fechten.

2.Wenn du glaubst, dass das Sportfechten wenig mit Fechten mit echten Waffen zu tun hat irrst du dich. Die Grundtechniken sind die selben. Die verlangten Fähigkeiten auch.

3.Dein Vergleich hinkt. ein Soldat aus dem 17.Jh. ist eben auch ein Profi, der täglich den Umgang mit seiner Waffe übt. Und natürlich wäre er mit seiner Waffe besser(mal abgeseen davon, dass Sportwaffen zum VErletzen und Töten eben nicht gebaut wurden). Aber Michael Schuhmacher in seinen besten Jahren hätte nicht unbedingt die Rallye-WM gewonnen, weil Rallye-Fahrer eben mit ihren Autos üben und fahren. Ist deswegen die Formel 1 Nonsens oder die F1-Autos Schrott? Damit kannst du nicht durch die Stadt fahren. Es sind Sportgeräte.

Keine Sorge, die Sportfechter sind schon die besten Fechter der Welt. Würden sie an echten Waffen trainieren würden sie auch über kurz oder lang all die Waffennarren schlagen, denn wie gesagt die verlangten Reflexe und Techniken sind die selben.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten