Frage von Aaabbbbccc, 65

Kann eine erleuchtete Person unglücklich sein?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 30

Ich bin Buddhist und werde dir meine Meinung hierzu sagen:

Mir persönlich sind spirituelle Lehre die ständig freundlich lächeln, mit sanfter Stimme sprechen und nie ein böses Wort sagen, suspekt. Meiner Meinung  nach verdrängen sie ihre negativen Anteile höchstens.

Die Vorstellung "ewiger Glückseligkeit" ist für mich hinduistischer Kitsch.

Als Menschen haben wir alle ein "Ego" das Willensentscheidungen zu unserem Vorteil trifft - sonst wären wir in dieser Gesellschaft gar nicht lebensfähig.

Meiner Meinung nach brauchen Erleuchtete eine starke Persönlichkeit und daher in gewisser Weise auch ein starkes Ego.

Nehmen wir einmal an, da will jemand mit einer traumatischen Kindheit seine ganze Wut auf den Erleuchteten abwälzen. Er macht ihn für alles verantwortlich was jemals schiefgelaufen ist..vom Tod der Tante, bis zum schlechten Wetter.

Als Erleuchteter kann der Lehrer natürlich die Wurzel dieser Projektionen erkennen und empfindet möglicherweise auch Mitgefühl.

Allerdings steckt diese Person so sehr in ihrer Aggression fest, dass kein vernünftiger Ratschlag überhaupt etwas bringen würde - unterdessen sitzen aber Dutzende im Publikum die bereit sind, Hilfe anzunehmen.

Da ist es dann womöglich erforderlich, einmal laut auf den Tisch zu hauen, zu rufen "Das reicht!!" und dann den nächsten Gesprächspartner aufzurufen.

Der Unterschied ist aber, dass der Erleuchtete diesen Menschen weiterhin respektiert und diesen kurzen Konflikt nicht ewig mit sich herumtragen wird. Dieser Ego-Ausbruch war nicht egoistisch motiviert, sondern eine Hilfestellung.

Es gibt die alte Geschichte von einem Meister der sich unter Tränen bei seinen Schülern dafür entschuldigte, dass er sie zu so langen Sitzperioden zwinge, sie mit dem Stock schlage - aber er wolle ihnen doch nur zur Befreiung verhelfen...und bat sie für seine Taten um Vergebung.

Bei der nächsten Sitzmeditation schlug er natürlich wieder. ;-)

Es geht darum, dass die Ego-Darstellungen eines Erleuchteten im Idealfall lediglich "Hilfsmittel" sind. Er spielt die Rolle des "Ego-isten" um den Menschen helfen zu können.

Ein "Erleuchteter" ist auch nicht gänzlich gefühllos und verspürt Zuneigung und Verlust genau wie andere Menschen auch - nur er macht da kein großes Psychodrama draus, dass einen Psychiater erforderlich machen würde

Ein Erleuchteter ist aber wegen seines Erwachens nicht automatisch auch ein moralisches Vorbild, dass niemals unangemessenes Verhalten zeigt.

Wohl kaum jemand der bekannte Namen wie Chögyam Trungpa, Taisen Deshimaru, Thich Nhat Hanh, Wolfgang Kopp oder Eido Tei Shimano liest, denkt dabei an Drogenabhängige, Alkoholiker, Bereicherung, fehlende Autorisierung als Lehrer, oder gar an sexuellen Missbrauch.

Und dennoch hatte jeder dieser Lehrer eines oder sogar mehrere dieser Probleme. Einen moralischen Heiligenschein haben Erleuchtete also nicht.

Kommentar von Aaabbbbccc ,

Darf ich fragen was für dich "Erleuchtung" bedeutet? Ich habe es so verstanden das man zu jederzeit im Hier und Jetzt verankert ist und dadurch der Geist mit einem starkem Gefühl von Frieden erfüllt ist und nur noch an der Oberfläche von außen beeinflusst werden kann ähnlich wie ein See im Sturm :)

Kommentar von Enzylexikon ,

Für mich bedeutet es, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind, ohne sie von unserem Ego mit Bewertungen überhäufen zu lassen.

Die Erleuchtung ist außerdem nicht abgeschlossenes, sondern die Einsicht kann vertieft werden. Auch die buddhistische Schulung endet nicht mit der Erleuchtung, denn wie man an den Verfehlungen der Lehrer sieht, führt sie allein nicht zu moralischem Verhalten

Kommentar von Aaabbbbccc ,

Danke für die Antworten. kann ich dich vielleicht irgendwo anders nochmal kontaktieren hätte noch ein paar Fragen auch zu deiner Praxis ☺

Kommentar von Enzylexikon ,

Kannst mir gerne hier bei Gutefrage eine Freundschaftsanfrage schicken, dann können wir über private Nachrichten kommunizieren.

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für den Stern. :-)

Sollte es noch Fragen geben, helfe ich gerne weiter. :-)

Antwort
von lolimaus16, 20

Erleuchtet ist für mich (ich bin Nichiren-Buddhistin)  jemand der Probleme nicht grundsätzlich verneint, sondern annehmen kann. 

Das Lotos-sutra (eine buddhistische Lehre auf der, der Nichiren-Buddhismus aufbaut) besagt, dass genauso wie die Lotusblume, welche nur im Schlamn wachsen kann, auch nur dann wenn sie aus diesem Schlamm wächst, die Möglichkeit hat ihre wunderschöne Blüte zu entfalten, der Mensch seine Probleme braucht, um daran zu wachsen. 

Wichtig ist die Erkenntnis, dass dieses Problem, die Wirkung einer Ursache, gleichzeitig eine neue Ursache sein kann. Unglücklichsein gehört zum Leben dazu.

Antwort
von TheAllisons, 37

Ja, wenn die "Erleuchtung" wieder dunkel wird, dann ist das möglich

Kommentar von Aaabbbbccc ,

kannst du das vielleicht ein bisschen weiter ausführen ☺?

Antwort
von Wuestenamazone, 18

Ich bin erleuchtet und automatisch glücklich? Wenn das Licht ausgeht wieder unglücklich. Oder wie?

Antwort
von xChris97, 23

Ja, wenn das Licht ausgeschaltet wird. 😂

Antwort
von Draggyblackdots, 16

Wer vollständig erleuchtet ist, hat das Leid vollständig überwunden. Also fast keiner der momentan lebenden. Manche sagen, der Dalai Lama sei erleuchtet.

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