Frage von Kruemel8593, 24

Juhu zusammen, Mein Prof möchte gerne von mir wissen warum Stifter heute als Weltschriftsteller gilt...Hab zwar einige Ideen, würde gern aber noch sammeln?

Antwort
von Haldor, 3

Was ist ein Weltschriftsteller? Mehrere Definitionen sind möglich: Ein Welt-Bestseller (ist Stifter ganz sicher nicht); ein in viele Sprachen übersetzter Schriftsteller (dürfte bei Stifter der Fall sein); ein auf der ganzen Welt (von Kennern) geschätzter Schriftsteller (ist bei Stifter ebenfalls der Fall); ein auf der ganzen Welt gern gelesener Schriftsteller (ist bei Stifter mit Sicherheit nicht der Fall, da Stifter - wie Hebbel einmal über ihn sagte - zwar die Käfer und die Butterblumen gut beschreiben kann, aber nur deshalb, weil „Sie die Menschen nicht kennen, die Sterne nicht sehen“.  

Aber gerade dadurch, dass Stifter die Utopie der heilen Welt so eindrücklich, teilweise voluminös („Nachsommer“) beschrieb, hat er einen der großartigsten Romane der Weltliteratur verfasst, dessen Faszination sich der Kenner nicht entziehen kann. Kunst ist das „Ins-Werk-setzen der Wahrheit“, hat einmal ein berühmter Philosoph gesagt, wobei Wahrheit nicht das platte Vorführen der Realität, sondern eine Gratwanderung zwischen "Entbergen" und "Verbergen" der Wirklichkeit ist.

Im „Nachsommer“ hat der Erzieher des Protagonisten, der Freiherr von Risach, seine große Liebe im „Sommer“ seines Lebens, d.h. während seiner Mannesjahre, auf tragische Weise verpasst; er will sich sogar das Leben nehmen. Später wird er Beamter, doch er beobachtet, wie in der Gesellschaft, in der er lebt, immer mehr Menschen ihr wahres Wesen verfehlen. Deshalb zieht er sich in die Einsamkeit des ‘Rosenhofs‘ zurück und baut sich hier einen eigenen Kosmos auf. Im Alter kann er, nach der Wiederbegegnung mit seiner Jugendliebe Mathilde, diese Liebe nun in einem „Nachsommer“, jetzt aber abgeklärt und frei von Leidenschaft, erleben. Das Eigenartige an dem Roman ist, dass das Leben Risachs im „Sommer“ seines Lebens nur im Schlusskapitel als Rückblick (relativ kurz) dargestellt wird, während die voluminösen anderen Teile des Romans, die vorherigen Kapitel, vom zurückgezogenen Leben Risachs und des Protagonisten Drendorf auf dem Rosenhof und Sternenhof handeln. Hier wird eine wahrhaft menschliche Gegenwelt entworfen, ein „Nachsommer“, ‘welcher ein Sommer hätte sein können, wenn einer gewesen wäre‘, wie Stifter in einem Brief schrieb. Das heißt, die raue wirkliche Welt tritt hinter der Utopie, gewissermaßen verborgen, aber dennoch spürbar hervor. Gleichzeitig wird deutlich, dass trotz des wahrhaft ungeheuren erzählerischen Aufwandes, ein ideales, geglücktes Leben ins Bild zu setzen, dieses erhoffte, ersehnte Leben unerreichbar bleibt.

Wem es als Schriftsteller in seinem Werk gelingt, „diese Wahrheit ins Werk zu setzen“, der schafft es, dass die Kunst ihren Glanz entfaltet. Der Kenner merkt das; so hat Nietzsche z.B. den Nachsommer als einen der großartigsten Romane der
Weltliteratur bezeichnet, zumindest einen der besten der deutschen Literatur.


Antwort
von hutten52, 6

Stifter als "Weltschriftsteller"? Das ist eine steile These. Ich finde ihn interessant ("Nachsommer"), aber es dürfte selbst im deutschsprachigen Raum wenige geben, die ihn lesen. 

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