Frage von lulullu, 144

John Locke: Der freiwillige Gefangene?

Hallo liebe gutefragenet User Ich beschäftige mich gerade mit einem Gedankenexperiment von John Lock wie oben im Titel schon erwähnt. Nur habe ich das Problem, dass ich es nicht ganz verstehe und ich dachte vielleicht könnt ihr mir weiterhelfen im Internet findet man nämlich nicht wirklich was. Zuerst dachte ich nämlich es geht um die Willensfreiheit doch jetzt habe ich realisiert, dass es um die Freiheit selbst geht und ich habe absolut den Durchblick verloren. Im ersten Abschnitt geht es nämlich eindeutig um die Willensfreiheit und erst im Experiment selbst um den Begriff freiwillig. Wahrscheinlich schreibe ich ziemlich wirr warr, könnte mir das jemand, der sich für Philosophie begeistert genauer erklären und die Zusammenhänge verständlich machen?

lg :)

Antwort
von berkersheim, 59

John Locke hat sich mit Epikur beschäftigt und vertritt im Großen und Ganzen dessen Philosophie, die das Gegenteil der idealistischen Philosophie nach Platon und Co. ist. Das Problem, jede so konträre Philosophie hat ihre eigene Vorstellungs- und Begriffswelt. Und Locke war im Prinzip von einer fast rein idealistischen Vorstellungs- und Begriffswelt umgeben, sodass sein Gedankenexperiment eher der Versuch ist, Leute aus der idealistischen Begriffswelt in die "diesseitige, evolutionäre" Weltvorstellung des Epikureismus und seiner Anhänger zu führen. Er kritisiert die "reine Begrifflichkeit" der idealistischen Freiheitsvorstellung und versucht zu zeigen, wie es in einer diesseitigen, kausal verknüpften Weltvorstellung dennoch Freiheit geben kann, aber eben nicht in der "begrifflichen Reinheit" des Idealismus.

Er versucht den Dualismus von Freiheit und Determinismus zu durchbrechen, weil es sich bei beiden Begriffen um die extremen Grenzbereiche einer miteinander verbundenen Gesamtsituation handelt. In der realen Welt haben wir weder "reine Freiheit" noch reinen Determinismus. Das ist typisch epikureisch, wo jeder Dualismus als real abgelehnt wird. Die Welt ist eine Welt im Prozess (Heraklit) mit nahezu immer gemischten Verhältnissen. Als Teil dieser Welt (und nicht als "gefallenes geistiges Wesen") ist der Mensch immer auch Teil der Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Aber der Mensch ist ein Wesen, das in die Zukunft handelt und dabei immer in Ungewissheit handelt. Darum ist die Zukunft für ihn immer entscheidungsoffen und nur in Grenzen aus den Erfahrungen der Vergangenheit (auch Naturgesetze sind interpretierte Erfahrungen der Vergangenheit) abschätzbar.

Zudem ist die Welt viel zu komplex, dass wir nicht mit unseren Meinungen und Vorstellungen nur Ausschnitte davon wählen und in Abwägung anderer Theorien bei allen Handlungen immer in Ungewissheit wählen müssen (ganz scharf formuliert von Sartre: Wir sind zur Freiheit verdammt!). Die ideale Freiheitsdefinition des Idealismus markiert eine unrealistische Grenzsituation eines geistigen Wesens, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft klar überschaut und von dessen Verknüpfungen unberührt ist. Aus einer solchen realitätsfremden Idealvorstellung kann man keine Entscheidungshilfen ziehen, weil sie die Wirklichkeit, mit der wir konfrontiert sind, nie treffen.

Für Epikur, dem Locke darin folgt, ist Freiheit eine relative Position des Menschen in einem mehrdimensionalen Raum, dessen Determinanten (a) die Gesetze der Natur, (b) die Regeln der menschlichen Gesellschaft, (c) sein begrenztes Wissen von (a) und (b), (d) die Ungewissheit in die Zukunft und (e) seine Willenskraft sind. Aus dieser Einstellung ergibt sich als weiseste Haltung für Epikur eine kritisch aufklärerische, denn die Positionen der relativen Freiheit hängen davon ab, wieviel wir von den Gesetzen wissen, wie wir die Regeln der Gesellschaft gestalten, wie weit wir unsere Unwissenheit durch Forschung gegen mehr Wissen eintauchen und realitätsnähere Erwartungen haben und wie sehr wir uns lieber treiben lassen oder unsere Entscheidungsfreiheit durchsetzen wollen. Menschliche Freiheit ist daher eben nicht für jeden Menschen gleich, ganz anders, als es der Idealismus annimmt. Dem Determinismus hält Epikur entgegen, dass die Naturgesetze nur unsere Interpretationen sind und wir gar nicht wissen, wie weit sie unabänderlich zutreffen. Indem wir sie einigermaßen richtig erkennen, können wir „mit ihnen“ handeln, statt uns daran den Kopf einzurennen.

Im Kern ist Freiheit bei Epikur ein viel größeres Thema als „Glück“, das für ihn eigentlich eine Funktion unserer relativen Freiheit darstellt. Darum hat Aufklärung für ihn einen so hohen Stellenwert, was bei heutigen Epikur-Darstellungen teilweise ganz unterschlagen wird. Um Locke und später auch David Hume zu verstehen muss man wissen, dass die Epikur wohl besser kannten als manche heutige Epikur-Literatur. Da wird Epikur in die idealistische Begriffswelt gezwungen und quasi vergewaltigt, obwohl seine Welt das Kontrastprogramm dazu ist.

Kommentar von lulullu ,

Das mit Epikur ist wirklich sehr interessant, doch was ist nun genau die Meinung von John Locke und wie argumentiert er damit?

Kommentar von berkersheim ,

Nun er selbst zieht die Schlussfolgerung seiner Ausführungen:

"Somit besteht die Freiheit also darin, dass wir imstande sind, zu handeln oder nicht zu handeln, je nachdem wie wir wählen und wollen."

Es gibt keine absolute Freiheit und braucht es auch nicht. Solange wir auch in von Naturgesetzen bestimmten Situationen die Wahl haben, Alternativen, unseren Willen in unterschiedlichen Wahlhandlungen zum Ausdruck zu bringen, können wir uns als in diesen Momenten "frei" bezeichnen. Diese auf die jeweiligen Situationen bezogene "relative Freiheit" ist unsere Freiheit, die uns eine Entscheidung, eine Wahlhandlung erlaubt, die nicht von außen erzwungen ist. Die "relative Freiheit" eine gefundene Brieftasche zur Fundstelle zu bringen oder nicht haben wir, egal ob es regnet, ob der Wind weht und ob Gravitation wirkt. Auch wenn eine befreundete Person auf uns einredet, die Brieftasche zu behalten, bleibt es unsere Wahl, was wir tun. Die Verantwortung können wir nicht auf die befreundete Person abschieben.

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