Frage von KarlMarx2, 114

Ist "soziale Gerechtigkeit" im Kapitalismus überhaupt möglich?

Ist "soziale Gerechtigkeit" im Kapitalismus überhaupt möglich?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Juli277di, 33

Der Kapitalismus kann wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell vieles leisten, aber er kann weder soziale Gerechtigkeit herstellen, noch die Ernährung der Menschheit sicherstellen, noch kann er ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten und was am Schlimmsten ist, er erzeugt Kriege.

Antwort
von berkersheim, 34

Da gibt es zwei Probleme. Das erste und wichtigste: Was ist "soziale Gerechtigkeit"? Darüber sind schon viele Bücher geschrieben worden. Das zweite Problem ist der Mensch selbst. Wenn man ehrlich in die Geschichte schaut, hat es nicht mal im Mittelalter, wo man sich als Gottes Kinder sah und offiziell die Liebe unter den Menschen verkündete, auch nur annähernd so was wie soziale Gerechtigkeit gegeben. Der Mensch als Gemeinschaftswesen lebt immer in einem Spannungsverhältnis zwischen individuellem Wohlergehen und Anforderungen des gesellschaftlich Gemeinsamen. Diese Spannung bezieht ihre Energie auch aus der Tatsache, dass nichts auf der Welt gleich ist, auch die Menschen nicht. Wir können uns in einer gedeihlichen Gemeinschaft das Ziel setzen, uns als Menschen unabhängig von sozialen, geschlechtlichen, religiösen Merkmalen rechtlich gleich zu behandeln, uns nicht als Mittel zum Zweck zu behandeln (Kant) doch können wir nicht Ungleichheit zwanghaft aus der Welt schaffen. Schon in der Schule werden Unterschiede deutlich, selbst wenn der Lehrer sich bemüht, alle gleich zu behandeln. Besser wäre, alle ihren Veranlagungen und Möglichkeiten entsprechend zu behandeln und unterschiedlich zu fördern. Das ist schon sehr idealistisch und führt letztlich zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Ein weiteres Problem ist es, nicht Realitäten zu vergleichen sondern eine historisch gewachsene Realität mit einem abgehobenen Ideal. Da wird keine Realität je eine Chance haben, gegen Ideale zu bestehen. Das bedeutet nicht, dass man keine Ideale haben und diese anstreben soll. Es bedeutet nur, dass man gegenüber der Realität fair bleibt, weil dort reale Menschen in einem problematischen Wechselspiel agieren, während in den Idealen die menschlichen Mängel meist ausgeklammert bleiben. Ein von Träumen unverbildeter Blick in die Geschichte zeigt, dass der "Erlösung" des Menschen von seinen Übeln immer der Mensch in seinen Unzulänglichkeiten im Weg gestanden hat. Es ist arbeitsreicher, statt nach DER GERECHTIGKEIT zu fragen, danach zu fragen, wie es auf der Welt gerechter zugehen könnte. Das bedeutet viel Arbeit und die Einsicht, dass die Bedingungen dazu lokal sehr unterschiedlich sind, schon weil die Menschen sehr unterschiedlich sind und je nach Kultur und Land sehr unterschiedliche Erwartungen dazu haben.

Historisch betrachtet ist Kapitalismus im Ökonomischen Ausdruck des wissenschaftlichen Fortschritts im Zuge der Aufklärung und der Befreiung der Wissenschaft aus der einengenden Ideologie der Religion. Er ist Ergebnis der konsequenten Umsetzung wissenschaftlichen Fortschritts in praktische Anwendung. Die gesellschaftspolitischen Ideale der Aufklärung (zu denen mit seinem Freund David Hume auch Adam Smith gehörte) sind hinter den technischen Fortschritten zurückgeblieben. Dennoch - bei aller Kritik - hat der technische Fortschritt in seinen diversen Umsetzungen zu einer Bevölkerungsexplosion geführt und zu einem Wohlstand auch einfacher Bürger außerhalb des privilegierten Adels, wie man sich das noch zu Goethes Zeit nicht hätte vorstellen können. Hier trübt auch der übliche Blick in die Geschichte, der sich nur an der dünnen Schicht der Herrschenden orientiert und das Elend der Massen über alle Jahrhunderte nicht beachtet. Viele heute kritisieren unsere Realität aus der Erfahrung eines noch vor 150 Jahren unvorstellbaren Wohlstands. Dem Ärmsten heute möchte man nicht mehr den Lebenswohlstand von Karl dem Großen zumuten, und der war Kaiser des Reichs. In allen lebensnotwendigen Belangen sind Arme heute besser ausgestattet als der erste deutsche Kaiser.

Schon der deutsche Aufklärer Immanuel Kant ist mit seinen Idealen an der Realität der Menschen gescheitert. Er schreibt bereits vor 250 Jahren:

"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen ... dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein."

Wir richten unsere Vorwürfe immer so gern nur an die "Vormünder" und nicht an die, die sich bevormunden lassen. Bevor die aber ihr Schicksal nicht mehr in die eigene Hand nehmen, wird sich nichts ändern.

Antwort
von JosephEberlin, 50

Schwer zu sagen...
Einerseits geht Kapitalismus nicht zwangsläufig mit sozialen Vernachlässigungen einher, jedoch mit den klaren Zielen ''Wachstum & Produktivität''. Es ist eine Wirtschaftsform des Geldverdienens, das nicht immer unabhängig von Geldgier geschieht.
Dies hat zur Folge das Menschen schnell ausgebeutet werden, da man natürlich an vielen Ecken Gelder sparen kann.
Jedoch müssen auch ''unwichtigere Tätigkeiten'' ausgeführt werden.

Sprich: Es muss auch einer die Manager-Büros putzen.

''Es kann jeder reich werden, aber nicht alle.'' -Volker Pispers

Antwort
von Dogvahkiin, 58

Ja ist es, es kommt immer nur  auf die Mentalität des Individuums an. Leider ändert sich diese nicht so einfach, denn die Menschen sind nun mal alle kleine Egoisten und tun normalerweise nichts, solange sie nicht müssen. Deswegen wäre soziale Gerechtigkeit im Kommunismus meiner Ansicht nach, wesentlich einfacher zu erreichen.

Deswegen wäre es praktisch, einen Komproiss zwischen der freien demokratischen marktwirtschaft und dem Kommunismus zu finden.

Aber da hat sowieso jeder eine andere meinung drüber

Peace

Antwort
von dompfeifer, 18

Die soziale Gerechtigkeit ist keine „Möglichkeit“, sondern eine knallharte historische Realität.

Die alten Römer pflegten ihre Ständeordnung mit Patriziern, Plebejern und Sklaven. Die mittelalterlichen Feudalherren ordneten ihre Gesellschaft mit Klerus, freien Bauern und Leibeigenen.

Im Kapitalismus sind die sozialen Verhältnisse auf der Basis von Gleichheit & Freiheit geregelt: Die Arbeitskraft wird von formell Gleichen als freie Vertragspartnern an- und verkauft nach den Regeln der Marktwirtschaft. Daraus ergibt sich das Regelwerk der sozialen Marktwirtschaft mit regional und historisch kleinen traditionellen Ausprägungen.

Das Ideal der kapitalistischen sozialen Ordnung, also die Vorstellung von der makellosen gewünschten Ordnung, die soziale Gerechtigkeit, steckt zunächst als persönlicher Maßstab in den Köpfen von Menschen. Da verklärt der Eine die Leistungsgerechtigkeit, der Andere die Vermögensverteilung, die Einkommensverteilung, die Maßstäbe des Forderns und Förderns, die Sanktionierung vermuteter Drückeberger u.s.w., kurzum alle konstitutionierenden Merkmale des kapitalistischen Wettbewerbs. Aus der formellen Zusammenfassung dieser persönlichen Ideale ergibt sich das kollektive Ideal der sozialen Gerechtigkeit, mithin die statistisch wie funktional ausgewogene Verklärung der bestehenden Verhältnisse.

Hier haben wir es mit einer real existierenden Tautologie zu tun: Die materiellen Verhältnisse bringen ein Ideal hervor, auf das sich diese Verhältnisse selbst wieder stützen.

Antwort
von barfussjim, 40

Dass jedem Erdenbürger "soziale Gerechtigkeit" widerfährt, ist ein erstrebenswertes Ziel, das sich aber leider nie verwirklichen lässt, ganz gleich in welcher Gesellschaft und in welchem Wirtschaftssystem. 

In einem marktwirtschaftlichen System kann eine Annäherung an dieses Ideal nur erfolgen, wenn durch GLOBALE Umverteilungsmechanismen und eine entsprechende Gesetzgebung die Kräfte des freien Marktes beschränkt werden. 

Antwort
von Pudelcolada, 24

Nein.

Kapitalismus nach der Definition von Marx schließt per se eine soziale, politische und menschliche Gleichheit aus, aber nur diese wäre nach Marx gerecht.

Deine Frage ist m.M.n. vorschnell und ungenau formuliert.
Ich glaube zu wissen, was Du meinst, habe aber heute keine Lust, wieder einmal für Dich zu denken.

Kommentar von 1988Ritter ,

....wenn Du nicht denken möchtest, dann unterlass doch auch unqualifizierte Antworten und Pöbeleien.

Antwort
von 1988Ritter, 30

Ja natürlich.

In einem gesunden Kapitalismus ist die soziale Gerechtigkeit unabdingbar, da der Faktor Mensch das höchste Gut des Kapitalismus ist. 

Kommentar von Pudelcolada ,

Was immer auch ein "gesunder Kapitalismus" sein mag:
Das Ideal des Kapitalismus ist die Gewinnmaximierung.
Und nicht das menschliche Wohlbefinden.

Sag mal: Hast Du überhaupt schon mal gearbeitet?

Kommentar von 1988Ritter ,

^^.....sonst geht es aber noch ja ?

Ein gesunder Kapitalismus beinhaltet neben der Gewinnmaximierung auch die Nachhaltigkeit der Einnahmen und Gewinne.

Die Nachhaltigkeit kann nur dann funktionieren, wenn man mit den Ressourcen behutsam umgeht. Dazu gehört auch der Mensch.

Alles andere wären "Heuschrecken", und die haben mit einem Kapitalismus rein gar nichts zu tun.

Kommentar von Huckebein ,

Ergo: Da es keinen gesunden Kapitalismus gibt, gibt es auch keine soziale Gerechtigkeit. Oder ist unser derzeitiger Kapitalismus gesund?:) Oder war er es jemals?

Die Welt sollte dir ewig dankbar sein dafür, dass du dem Kapitalismus zugestehst, den Faktor Mensch als höchstes Gut zu betrachten. :)
Oder meintest du das so, dass der Mensch solange höchstes Gut ist, wie er den Reichtum der Produktionsmittel-Besitzer mehrt und sich dafür ausbeuten lässt???

Antwort
von voayager, 31

Der Begriff sozialeGerechtigkeit ist ein recht schwammiger Begriff, einer aus Gummi, den ein jeder auf seine Weise deutet. Geschaffen wurde er von der einstigen Sozialdemokratie, vor alem von Lasalle. Karl Marx hatte seiner Zeit in seiner "Kritik des Gothaer Programms" - dort tauchte er erstmalig zentral auf - scharf attackiert und ihn als bloße Moral abgetan. Ich empfehle diese Schrift von Marx mal zu lesen, dann wird klar, dass dies einfach ein Art höherer Blödsinn ist, der sich an der Realität blamiert.

Antwort
von tryanswer, 48

Sie ist nur da möglich, wo ein freier Markt die Verteilung regelt - also auch im Kapitalismus.

Kommentar von Elumania ,

Ein freier Markt heißt für mich aber auch keine gesetzlichen Rahmenbedingungen. So können dann doch Monopolisten entstehen und Arbeiter ausbeuten, also keine soziale Gerechtigkeit. 

Es müssen also auch durch den Staat in einer freien Wirtschaft Gesetze vorhanden sein und es muss auch mit Hilfe von Steuern eine Umverteilung von reich nach arm erfolgen. Dann ist soziale Gerechtigkeit auch in einer freien Marktwirtschaft möglich. 

Kommentar von tryanswer ,

Umverteilung hat durchaus seine Berechtigung, jedoch hat das mit sozialem Frieden - nicht unbedingt mit sozialer Gerechtigkeit - zu tun.

Um eine gerechte Umverteilung zu realisieren, bedürfte es eines Souveräns, der seinerseits keine Bedürfnisse hätte, die ihn korrumpieren könnten. Diesen wird es jedoch nicht geben, so daß man sich diesem Ideal nur annähern kann. Eine gewisse Ungerechtigkeit wird damit aber in Kauf genommen (Trittbrettfahrer-Problem).

Als sozial Gerecht würde ich aber das Leistungsprinzip ansehen. D.h. jeder ist in der Lage seinen individuellen Nutzen durch erbrachte Leistung zu erhöhen. In diesem Sinne ist dann auch die Errichtung eines Monopols eine Leistung, die entsprechend honoriert werden sollte und da wir uns auf einem freien Markt befinden, ist es für jedermann möglich dieses Monopol auch anzugreifen (sofern er das möchte).

Das ein Arbeiter ausgebeutet wird, dazu gehören dann auch zwei Seiten: derjenige der ausbeutet und derjenige, der sich ausbeuten läßt.

Antwort
von soissesPDF, 16

Darauf basiert das Sozialstaatsprinzip, das im Grundgesetz verankert ist.

Dass das mindestens seit Altkanzler Schröder (SPD) nicht mehr funktioniert liegt an der Wirtschaftshörigkeit der Politik.
Aufgabe der Politik ist es die Verfassung durchzusetzen und nicht den Markträumen nachzuhängen.

Eine Verfassung folgt nicht der Ökonomie oder Euro und Cent, sie setzt das Recht.

Auch unter Hitler gab es eine Wirtschaft und nicht wenige Leute wurden reich.
Nur zu welchen Bedingungen und zu wessen Lasten?

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