Ist Moral instinktiv, also dem natürlichen Selbsterhaltungswollen geschuldet?

... komplette Frage anzeigen

6 Antworten

Ginge man von einem Menschen aus, der bis zum Alter von 20 Jahren ohne Kontakt zu anderen Lebewesen heranwächst: Plötzlich begegnet er einer Gruppe Menschen, die ihn dazu auffordern, eine bestimmte Person zu töten.

Würde er dies als falsch empfinden?

Die exakte Konstellation ist rein hypothetisch und nicht überprüfbar. Daher ist jede Antwort richtig (oder falsch).

Wenn man allerdings davon ausgeht, dass dieser Mensch zum Überleben getötet hat (Enten fangen, Wildschweine töten, etc.), dann dürfte er erhebliche Skrupel (= "moralische Bremsen") haben, Mitglieder der eigenen Art zu töten.

Das kannst du aus vielen bekannten Faktoren ableiten.

  • Allgemein: Es gibt, außer dem Menschen, keine andere Säugetier-Art, die ohne Not ein Mitglied der eigenen Art tötet.
  • Detail-Beispiel: Kriegs-Syndrome, die häufig nach aktuellen Kriegen benannt werden, um die Massivität der Syndrome nicht allzu auffällig zu machen, beschäftigen sich meist im Nachgang mit den begangenen Morden des Ex-Soldaten. Gelegentlich führen ihn diese Syndrome wegen der Unauflösbarkeit (der Mord ist ja bereits geschehen, kann also nicht mehr rückgäng gemacht werden) in die völlige geistige Destabilisierung.

Ich bin mir sicher, dass vieles der Moral einem im Verlauf des Lebens gelehrt wird. 

Ja, das ist völlig richtig (hat aber mit oben Gesagtem nichts zu tun). Beispielsweise ist das Lügen ein erlerntes Konzept. Kinder lernen erst im Alter von etwa 5 Jahren das Konzept der Lüge; also den Vorteil, den man daraus ziehen kann, effektiv zu nutzen.

Auch die Moral-Vorstellung des "erlaubten Tötens" ist ein erlerntes Konzept. Hier hast du bereits auf die Geschichte abgeleitet: Damals war ein Menschenleben weniger wert. Deshalb war das Töten alltäglicher Bestandteil, der natürlich auch die Hemm- und Moralschwellen absenkt. (Den Beweis findest du übrigens in jedem Krieg. Hier "verrohen" die Menschen mit sehr hoher Geschwindigkeit; lernen also, sich von den natürlichen Skrupeln zu lösen, um das Überleben zu erleichtern.)

Aber ist ein Teil der Moral auch instinktiv?

Selbstverständlich. Beispielsweise ist "sinnloses Töten" ein Widerspruch zur Natur. Töten zum Selbstschutz, also um nicht selbst getötet zu werden, ist natürlich. Töten um des Tötens willen (also etwa, um eigene Vorteile zu erringen, die nicht überlebensnotwendig sind) hingegen nicht.

Aber auch - und jetzt halte dich fest - der Altruismus (also die Freude daran, anderen Menschen etwas zu geben, ohne selbst (unmittelbar) etwas dafür als Gegenleistung zu erwarten) ist eine instinktive Moral-Vorstellung, die man den Menschen mühsam abtrainieren muss. 

Dein "Insel-Mensch" aus dem Beispiel würde also das Konzept von Eigentum überhaupt nicht verstehen: Es wäre ihm völlig fremd. Folglich würde er auch das Konzept von Diebstahl nicht verstehen: Er stiehlt aus seiner Sicht nicht. Er nimmt. Er benutzt. Er legt hin, damit andere ebenfalls benutzen können. 

Alles andere - Eigentum, Diebstahl, Raub, etc. - sind erlernte Moral-Vorstellungen, die man den Menschen erst beibringen muss.

Oder entstand die Moral im Laufe der Zeit durch Anreicherung von Wissen?

Hier solltest du - ohne "wissenschaftlich" werden zu wollen - der Einfachheit halber zwischen, sagen wir, "natürlicher Moral" (also allem was mit der Natur und dem natürlichen Verhalten zu tun hat) und, sagen wir, "gesellschaftlicher Moral" (also allem, was mit der Gesellschaft und deren Moralvorstellungen zu tun hat) unterscheiden.

Die "natürliche Moral", also etwa das "Nicht-Töten" von Mitglieder der eigenen Art; aber auch das "Nicht-Töten" von anderen Lebewesen ohne einen überlebenswichtigen Grund, ist nicht erlernt, sondern ererbt. Selbst Raubtiere, die ausschließlich von Frischfleisch leben, also töten müssen, um überleben zu können, müssen das Töten erst von ihren Eltern lernen.

Die gesellschaftliche Moral - also etwa die Vorstellung, dass es "normal" ist, dass es Reiche, die im Überfluss leben; und Arme, die verhungern, gibt - ist hingegen nahezu vollständig erlernt. Zu diesem Zweck wird etwa der natürliche Altruismus als Moralvorstellung, der hingegen tatsächlich natürlich angeboren ist, weil ihn selbst Kleinstkinder schon kennen und nutzen, auf dem Lernweg unterdrückt.

-------------------------

Mithin kann man sagen: Die gesellschaftlichen Moralvorstellungen entstanden weniger durch die Anreicherung von Wissen, als vielmehr durch die Anreicherung von Macht. 

Erst ab einen gewissen Macht-Level ist es möglich, gesellschaftliche Moral-Vorstellungen quasi von oben herab zu diktieren. (Beispiel: Reiche sind "gute Menschen & Leistungsträger der Gesellschaft"; Arme (etwa Hartz-IV-Empfänger) sind "schlechte Menschen & Sozialschmarotzer der Gesellschaft")

Das kann man auch generalisieren: Hierarchische Gesellschaftsordnungen dienen IMMER nur denen, die möglichst weit oben in der Hierarchie hocken. Eine gesellschaftliche Moral-Vorstellung, die auf Hierarchie beruht, nutzt also nur jenen, die möglichst weit oben in der Hierarchie hocken.

Daraus folgt: Derartige Moralvorstellungen müssen, wenn man nicht von masochistischen - und damit "unnatürlichen" - Vorstellungen der Mehrheit ausgeht, immer aufgezwungen werden. Und wenn sie der Mehrheit aufgezwungen werden, kann das logischerweise nur auf Macht(ausübung) basieren.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

"Aber ist ein Teil der Moral auch instinktiv ?" Ja er ist es, das haben die, die vor mir geantwortet haben, schon deutlich gemacht, ebenso, dass allerdings die meisten konkreten Moralvorstellungen der Kultur entstammen. Die interessanten Fragen, die es zu erforschen gilt, sind die, welche instinktiven Wurzeln der Moralvorstellungen es denn gibt, die wir ausgraben können, und ob es dabei Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Die Tötungshemmung gegenüber Artgenossen ist schon benannt, ebenso die Disposition zur Empathiefähigkeit.  Was ist mit der Inzesthemmung, dem Beschützerinstinkt, dem Brutpflegetrieb, der Sexualscham während der Pubertät ? Ohne mich klar festlegen zu können, halte ich sie doch alle für geeignete Kandidaten dafür, dass sie sich als angeborene Wurzeln von Moral erweisen und dass sich auch geschlechtsspezifische Unterschiede dabei zeigen. Aber die Psychologie ist noch weit entfernt davon, das eine oder das Gegenteil beweisen zu können...

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Ziemlich interessante Frage.
Ich würde sagen, dass er den Menschen tötet, da er noch nie etwas vom Tod gehört hat und nicht wissen kann, was es bedeutet. Außerdem denke ich, dass einem ziemlich viele Werte von den Eltern und der Gesellschaft beigebracht werden und er es so nicht für falsch halten würde.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von XpressMak123
19.10.2016, 19:21

Den Tod kennt er nicht, das stimmt. Aber den Schmerz vom umfallen kennt er. Und zum Tod führt nur Schmerz, den er der anderen Person antun muss, bevor diese stirbt. Wie sieht es dann in deinen Augen aus?

Gab es vergleichbare Studien? Natürlich nicht solche, in denen es um Tötung ging. 

0

Wenn Lebewesen, so auch Menschen, in Gruppen zusammenleben, dann deshalb, weil es für Überleben und Reproduktion vorteilhaft ist. Ein solches Zusammenleben braucht auch Spielregeln - Moral.

So hat auch die Moral evolutionäre Wurzeln, die bei Menschen dann auch noch kulturell überformt wurde. Wie man sich das vorstellen kann, zeigt die Verhaltensforschung bei Tieren. In diesem Film wird das sehr anschaulich gezeigt. Das wäre eine knappe Stunde, die aufzuwenden sich lohnt.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Hallo xpressmark,

Ein neugeborener Mensch wird ohne Kontakt zu anderen Lebewesen nicht lange überleben.

Empathie entsteht und wächst im Laufe der sozialen Entwicklung. Ich denke, die Empathie braucht den Verstand um Moral zu entwickeln.

Ich kann mir vorstellen dass die Entstehung und Entwicklung der Empathie von einer Intuition beeinflusst wird, denn die läuft oft unbewusst ab.

Da gibt es dann so Theorien über die Empathie, dessen Entstehung und Entwicklung  von Spiegelneuronen beeinflusst wird...

Möglicherweise ist Empathie, oder die Veranlagung sie entwickeln zu können oder auch weniger; evtl. auch über die Gene vererbbar. Darüber habe ich bisher nichts gelesen, wäre aber mal interessant...

 

LG

 

 

 


 

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Ich denke wirklich das der Trieb jemanden zu beschützen, aufgrund von Empathie die wiederum dafür sorgen soll, das man als Gruppentier funktioniert, das Unrecht erkennen würde und gegebenenfalls wenn es nicht zu gefährlich wird, auch einschreiten würde. Solange die Testperson erkennt, das der in Lebensgefahr schwebende ein Artgenosse ist. Eventuell ist das auch nicht nötig, wenn der, welcher in Lebensgefahr steckt ein Kind ist. 

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Was möchtest Du wissen?