Frage von Holfy, 49

Ist Identität beständig oder ändert sie sich?

Also ich habe ein paar Definitionen zu Identität gefunden und sie auch für mich definiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie sich aus physischen Merkmalen wie dem Aussehen und dem Geschlecht und aus psychischen, wie Erfahrungen, Denkweisen/- Muster und Emotionen zusammensetzt. Ich glaube sie wird von der Kultur und dem Umfeld eines Individuums beeinflusst. Aber man kann sich ja die Haare färben, es gibt Krankheiten wo Menschen im Laufe des Lebens ihre pigmentierung verlieren, man kann umziehen in andere Kulturen und Umfelder, man ändert durch seine Erfahrungen teilweise seine denk/Sichtweisen und man kann auch seinen gesellschaftlichen Rang ändern. Das würde für mich eine Änderung der Identität bedeuten, aber ich habe das Gefühl, immer ich und meine Identität gewesen zu sein, sowohl als ich 1/2 Jahr im Internat war als auch zuhause, egal ob ich 10 Kilo mehr oder weniger gewogen habe, auch mit neuen Erfahrungen und Sichtweisen... Und ich kenne jemand der einen hirntumor hatte, kaum noch etwas weiß, kein kurzzeitgedächnis mehr hat und sich körperlich sehr verändert hat. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass diese Person noch sie selbst ist... Irgendwie ist das für mich wiedersprüchlich, ist die Definition falsch, ändern wir unsere Identität wirklich oder stehe ich einfach nur auf dem Schlauch?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Zoroastres, 24

Identität ist ein weiter und im Grunde noch ungeklärter Begriff.

Zum Teil ist die eigene Identität genetisch festgelegt. Es gibt beispielsweise eine Untersuchung, die zeigt, dass Menschen mit einem bestimmten Genom anderes auf bestimmte Situationen reagieren. Allerdings sind nicht mal Gene unverrückbar (siehe: Epigenetik)

Weiters entstehen Eigenschaften durch äußere Einflüsse auf das Gehirn während der Kindheit und die Psyche entsteht. Allerdings kann auch das während des fortschreitenden Lebens geändert werden. Und die Psyche ist ein überaus komplexes Gebilde, das zahlreiche Widersprüche aufweist und welcher von denen ist nun Teil der Identität.

Dazu gibt es biologische Programme, die unsere körperliche und auch pysichische Entwicklung festlegen, beispielsweise während der Pubertät. Dies kann enorme Auswirkungen auf uns haben und auch während der Jugend findet beispielsweise ein bemerkenswerter Umbau statt. Diese biologischen Programme laufen dabei immer ab und beeinflussen uns zudem (siehe: Sex sells, Pheromene, Hunger, Müdigkeit) auch in jeder einzelnen Situation. Wir sind immer von unserem Körper und seinen Bedürfnissen beeinflusst, werden also niemals ganz gleich handeln, weil sich dies immer ändert.

Dazu gibt es noch dinge wie Bakterien oder Viren, die uns beeinflussen, zum beispiel sind unter den Unfallopfern mehr Personen die mit bestimmten Erregern (kann mich an den Namen nicht erinnern) die sie risikobereiter machen. Oder beispielsweise Darmbakterien, die deine charakterlichen Eigenschaften beeinflussen können (zumindest tun sie das bei Mäusen in hohem Maße, siehe Darm mit Charme von Giulia Enders) und wenn isch diese ändern, ändert sich auch deine Identität (sehr gering)

Dazu gibt es noch die Frage was überhaupt 'Ich' ist. Was ist das Bewusstsein, mit dem du diese Identität erfährst und warum fühlst du dich als EINE Person, obwohl es im Gehirn nichts derartiges gibt. Es scheint sich hierbei um verschiedene Zustände zu handeln, die gemeinsam ein Gefühl ergeben und dich fühlen lassen, dass du und du vor drei Monaten ein und dieselbe seid. (Ich empfehle: Wer bin ich und wenn ja wie viele von Richard David Brecht)

Mein Fazit: Nein es gibt nichts was sich als eine beständige Identität beschreiben lässt, wenngleich einige Elemente darin beständig sein können oder zumindest ähnlich bleiben, sodass man damit halbwegs klarkommen kann.

Kommentar von Zoroastres ,

Danke für die Auszeichnung

Antwort
von Rosenblad, 10

“Identität kann verstanden werden »als ein fundamentales Organisationsprinzip, das es Menschen ermöglicht, unabhängig von anderen zu funktionieren. Die Funktion der Identität dient dazu, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, und erlaubt eine Vorhersehbarkeit und Kontinuität einer Person über Situationen und Zeit hinweg « (….) Die Verankerung der Identität in der eigenen Geschichte sowie die durch eine entwickelte Identität ermöglichte Vorhersehbarkeit des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns erfüllt weitere zentrale menschliche Bedürfnisse, beispielsweise nach Sicherheit, Selbstwirksamkeit, Autonomie, und ist die Voraussetzung für ein einigermaßen stabiles Selbstwerterleben.“ [2537]

Am Ende der mittleren Adoleszenz in seiner "Grundausstattung" abgeschlossen, bleibt die personale „Identität als Kohärenz (…) [mit dem Verweis auf] auf die Stimmigkeit eines moralischen und ästhetischen [wie ethischen, religiösen, politischen oder sonstwie weltanschaulichen] Maximensystems, an dem sich eine Person orientiert ….“
[2532] ein lebenslanger Verfeinerungs-, Verformungs- und Veränderungsprozess, der „…ein ständiges Aushandeln und Interpretieren innerhalb konkreter Interaktions-situationen entstehendes Fließgleichgewicht…“ impliziert. [2535]

„Identität ist keine statische Entität, sondern befindet sich als Ausdrucksmittel des Einzelnen und von Gruppen ständig im Fluss. Gleichzeitig sind Identitäten jedoch keineswegs beliebig wählbar, sondern sie unterliegen gesellschaftlichen Konventionen und langfristigen Strukturierungs-prozessen, die für den Einzelnen kaum durchschaubar sind“. [2576]

[2532] Straub, Deutungskonzept, S.284
[2535] Hill / Schnell, Identität, S.2, pdf. Version,
[2537] Dammann, et al., Identität, S.277
[2576] Scheeßel/Burmeister, Identifizierung sozialer Gruppen, S. 9

Anm.: Die präzisen Textstellen können bei Bedarf nachgereicht werden

Antwort
von triunitas3in1, 17

Wie es scheint gibt es mehrere Ebenen oder Schichten von Identität. Wenn man sie aneinander- oder besser ineinanderreiht, dann beinhaltet eine die andere, von der gröbsten bis zur feinsten:

Angefangen bei äußerlichen, physischen Merkmalen. Diese sind am unbeständigsten. Sie sind integriert in die nächstfeinere Identität bestehend aus persönlichen Erfahrungen, die die Psyche ausmachen. Diese wiederum ist integriert in etwas, was wohl schon geburtlich (tlw. genetisch) angelegt ist, der Charakter. Er scheint am beständigsten, das ist das stabile Ich-Gefühl wie du es beschreibst. Innerhwalb eines Menschenlebens ist es auch i.d.R. beständig. Da jeder Mensch aber sterblich ist, ist auch der Charakter vergänglich und damit (aus "feinerer" Sicht) unbeständig.

Und jetzt kommt die feinste Identität, die alle o.g. Schichten beinhaltet, selbst aber nicht änderbar und auch nicht loaklisier- oder definierbar ist, da sie nicht an Raum und Zeit gebunden ist. Ich würde diese Ebene als ein "göttliche" bezeichnen, die zwar alle vergänglichen Phänomene beinhaltet und wahrnimmt, selbst aber von allem unberührt ist.

Zusammenfassend würde ich sagen es kommt auf die Persepektive an. Je nachdem wo (auf welcher Ebene) die Identität sich gerade befindet, ist sie mal absolut unbeständig und wechselhaft oder zeitlos beständig und "ewig".

Es geht hierbei nicht um ein entweder-oder, sondern um gleichzeitige, ineinander verwobene Existenz von Vergänglichkeit und Beständigkeit. Widersprüchlich wird es nur, wenn du die Ebenen trennst und meinst dich nur für eine entscheiden zu müssen, während aber alle gleichzeitig möglich sind...

Antwort
von Schlumpfbaby, 23

Gute Frage!

Ich denke dass das, was du hier mit Identität meinst, in den ersten Lebensjahren einer Person entsteht. Damit wäre die sogenannte Identität meiner Meinung nach das Ergebnis der prägnanten Erfahrungen und daraus entstandenen Glaubenssätze der ersten, schätzungsweise acht bis neun Lebensjahre.

Deshalb ändert sich diese Identität auch nicht durch die von dir beschriebenen, eigentlich ja teilweise recht einschneidende Faktoren, denn was wir einmal in diesem frühen Alter verinnerlicht haben, wird zum Teil des Unterbewusstseins und wir haben keinen direkten Zugriff mehr darauf.

Aus spiritueller Sichtweise ist sogar alles, was im späteren Leben passiert, nur eine Wiederholung der Ereignisse dieser frühen Phase.

Trotzdem kann sich diese Identität ändern, was allerdings leider nur selten geschieht, denn dazu braucht es die bewusste Arbeit mit dem Unbewussten, um die unbewussten Glaubenssätze zu transformieren, alte Traumata zu heilen, etc.

Ich hoffe das hilft dir etwas weiter, sonst frag gern nach, wenn etwas unverständlich war. :-)

Kommentar von Holfy ,

Das mit dem bewusst mit dem Unterbewusstsein beschäftigen klingt interessant... Weißt du da mehr drüber?

 Oder heißt das ehr sowas wie Hypnose?

Kommentar von Schlumpfbaby ,

Hypnose ist ein möglicher Weg von vielen, sich unbewusstes bewusst zu machen, auch schamanische Arbeit wäre hier ein möglicher Weg, aber all diese Dinge, bei denen man Hilfe von außen braucht (wie z.B. den Hypnotiseur) braucht es dafür nicht zwangsläufig.

Es ist auch möglich, ganz allein, ohne Technik, an unbewusste Gedankeninhalte heranzukommen, es dauert nur länger.

Zunächst sollte man sich mal klar machen, dass 80 - 90 % der Gedanken, die man als Mensch denkt, vollkommen unbewusst gedacht werden. Der erste Schritt ist also, dass man beginnt, mehr Aufmerksamkeit nach innen zu richten, auf das, was man denkt.

Das alleine ist schon schwierig, da wir sehr automatisiert funktionieren und der Alltag uns auch von bewusster Konzentration auf Gedanken sehr effektiv ablenkt.

Wenn du jetzt aber anfängst, deine Gedanken zu beobachten, bist du schon mitten drin im Prozess, denn du machst dir ja schon Gedanken bewusst, die vorher unbewusst waren.

Im nächsten Schritt fängt man zusätzlich an, das eigene Verhalten zu analysieren und findet dann auch schnell heraus, dass bestimmte Situationen im eigenen Leben sich ständig wiederholen und an bestimmte Gedanken geknüpft sind.

Ich versuche das jetzt mal mit einem sehr pauschalen und übertriebenen Beispiel zu erklären, damit das Prinzip klar wird.

Nehmen wir mal an, ein Kind, das wie alle Kinder bei seinen Eltern nach Liebe und Nähe sucht, erhält diese nicht nur nicht, sondern erhält statt dessen auf jeden seiner Annäherungsversuche eine sehr negative Reaktion in Form von Schlägen und bösen Worten.

Dieses Kind lernt dadurch, dass es nicht liebenswert ist und dass es niemandem vertrauen kann, weil Menschen böse zu ihm sind (wie gesagt, das Beispiel ist bewusst "platt" gewählt, zur Verdeutlichung).

Das Kind hat noch nicht genügend Lebenserfahrung, um dieses gelernte "Wissen", dass es schlecht ist, zu hinterfragen, es nimmt es einfach an, integriert es und das Wissen, schlecht zu sein, wird zu einem Bestandteil der Persönlichkeit des Kindes.

Das Kind wird auch als Erwachsener Mensch Nähe zu anderen vermeiden, ihm wird aber nicht bewusst sein, warum. Es wird vielleicht denken "Die anderen können mich sowieso nicht leiden" und deshalb gar nicht erst versuchen, Beziehungen aufzubauen und wenn jemand anders Nähe zu ihm suchen würde, würde es das als Versuch ihm zu schaden interpretieren.

Dadurch würde sich dieser Mensch bestimmte Situationen in seinem Leben ständig auf's neue selbst kreieren, einfach durch sein Verhalten. Denn die anderen Menschen wissen und verstehen ja nicht, warum sie zurückgewiesen werden, interpretieren das auf ihre eigene Art, gemäß ihrer Glaubenssätze und gehen dann tatsächlich in das Verhalten, das unser Kind von Anfang an unbewusst erwartet hat.

Wenn dieses Kind jetzt aber anfängt, sich seine Gedanken bewusst zu machen, wird es irgendwann merken, dass es jedes Mal, wenn jemand nett zu ihm ist, denkt, dass derjenige ihm schaden will. Dann könnte es hinterfragen, warum es denn sowas denkt, würde irgendwann in seiner Erinnerung die Erklärung finden, und wäre dadurch irgendwann in der Lage, diesen Teil seiner Persönlichkeit tatsächlich abzustreifen oder zu verändern.

Das ist es, was ich mit Bewusstwerdung meine. Man kann dabei immer wieder auch auf Hilfsmittel wie Hypnose zurückgreifen, quasi als Abkürzung, doch glaube ich auch, dass man niemals ganz darum herum kommt, wieder selbst und bewusst zu denken und sobald man das tut, kann nichts anderes mehr passieren, als dass sich das, was wir Persönlichkeit nennen, auf lange Sicht gravierend verändert.

Eigentlich sollte dies ein natürlicher Prozess sein, er wird aber durch die Struktur unserer Gesellschaft in den meisten Fällen verhindert wodurch der Eindruck entsteht, Persönlichkeit wäre unveränderlich.

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