Frage von DerWeisseHelm, 130

Ist es moralisch verwerflich eine lange Freundschaft wegen Bildungsunterschieden bzw. Schichtzugehörigkeit zu kündigen?

Nehmen wir mal an, zwei Freunde entwickeln sich beruflich extrem unterschiedlich. Man lebt sich dadurch aussernander, verändert sich unterschiedlich und es entsteht sogar Neid beim 'Unterlegenen' Freund. Einer ist dauerhaft arbeitslos, der andere hat ein Dr. vor seinem Namen stehen. Ist es moralisch verwerflich die Freundschaft zu kündigen weil man zu unterschiedlich ist und sich auf Augenhöhe kaum über ein Thema unterhalten kann ? Hat es Sinn eine solche Freundschaft durch unregelmäßig erzwungene Treffen, wegen Mitleid zum Freund aufrecht zuerhalten ?

P.s. Es geht nicht um mich.

Antwort
von uyduran, 25

Ist es moralisch verwerflich eine lange Freundschaft wegen Bildungsunterschieden bzw. Schichtzugehörigkeit zu kündigen?

Zunächst einmal störe ich mich an der Verwendung des Wortes "kündigen". Freundschaft ist kein Mietvertrag. Wir neigen zwar in heutiger Zeit, im Zeitalter des Internets, der sozialen Netzwerke und des damit verbundenen Online-Narzissmus dazu, alles auf Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp und weiß der Kuckuck wo noch zu verschriftlichen, zu posten und zu teilen. Dies schließt auch soziale Beziehungen mit ein, durch Freundeslisten, durch den Beziehungsstatus auf Facebook etc. Somit haben soziale Beziehungen inzwischen durchaus zunehmend die Tendenz, in irgendeiner Form schriftlich festgehalten zu sein, einem Publikum offenbart zu werden und somit natürlich auf eine Resonanz des sozialen Umfeldes zu stoßen. Jedoch ist es im Endeffekt doch kein Glaubenssatz, keine Statusmeldung auf WhatsApp, keine Freundesliste auf Facebook und kein Foto mitsamt Text auf Instagram, das eine Freundschaft wirklich zusammenhält. Sondern es sind unausgesprochene Aspekte, die einen verbinden, es hat mit Vertrauen zu tun, damit, dass man die Persönlichkeit und Meinung des anderen schätzt, dass man sich in seiner Gegenwart wohl fühlt, dass man etwas miteinander anfangen kann, dass man gemeinsame Interessen oder Ansichten hat, dass man sich austauscht und etwas unternimmt, dass man auf gemeinsame Solidarität bauen kann, dass man sich trotz Streitereien und temporären Distanzierungen wieder versöhnt und dass man natürlich auch auf gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse zurückblicken kann (die ja Basis für z.B. das Vertrauen sind). Dabei handelt es sich in erster Linie um einen Zustand, nicht um eine in Stein gemeißelte ewige Verpflichtung.

Ist es also moralisch verwerflich, wenn sich eine einst enge Freundschaft entfremdet und revidiert? Um dies richtig bewerten zu können, muss man sich zwei Dinge vor Augen halten: Erstens ist es so, dass alle Ereignisse wertneutral sind. Der Mensch ist es schließlich, der Geschehenissen Deutungen und Wertungen zufügt. Zweitens ist es so, dass ein Mensch, also die Persönlichkeit eines Menschen, nicht statisch ist, sondern einem permanenten Wandel unterliegt. Je nach Person kann dieser Wandel drastischer oder minimaler ausfallen. Fest steht aber, dass niemand absolut beständig ist. In anderen Kulturen, z.B. bei den Piraha-Indianern am Amazonas, wechseln die Leute mehrmals im Leben ihren Namen. Dies unterliegt der Logik, dass ein Mensch sich verändert und die Bezeichnung dieses Menschen seinem gegenwärtigen Zustand möglichst exakt entsprechen soll.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte komme ich zu dem Fazit, dass es prinzipiell nicht verwerflich ist, wenn sich eine frühere Freundschaft auflöst. Freundschaft sollte niemals mit Zwang verbunden sein. Wenn die oben von mir aufgeführten Punkte, die eine Freundschaft zusammenhalten, nach vielen Jahren unterschiedlicher Persönlichkeitsentwicklung einfach nicht mehr vorhanden sind, dann mag das schade sein, ist aber nicht zu ändern. Man sollte sich da keinen Zwang antun - wenn man seinen einstigen besten Freund heute naiv und dumm findet, mit ihm nicht mehr viele Gemeinsamkeiten hat und einfach von innen heraus keine große Lust mehr verspürt, miteinander Zeit zu verbringen - dann muss man eingestehen, dass das Ich des Freundes, das eigene Ich (oder beide Ichs) sich so stark verändert haben, dass sie nicht mehr in der gleichen Beziehung zueinander stehen können, wie es mit den Ich-Zuständen der Vergangenheit der Fall war. Natürlich kommt es aber auch immer auf den speziellen Kontext an. Wenn man mit dem anderen bloß aufgrund des niedrigeren sozialen Status (ohne radikalere Veränderungen der Persönlichkeit) nicht mehr befreundet sein will, dann ist man schlichtweg krankhaft narzisstisch.

LG

Antwort
von Eselspur, 27

Niemand hat Anrecht auf Freundschaft. Also ist es auch nicht moralisch verwerflich, eine Freundschaft zu beenden. 

Grundsätzlich finde ich es aber schade. Ich glaube, es ist gut, wenn es Freundschaften und Kontakte quer über alle Grenzen  gibt. Manchmal geht es aber nicht (weiter). 

Antwort
von FlyingCarpet, 50

Das beendet man nicht abrupt, sondern lässt es langsam einschlafen. Es kommt drauf an, ob man noch Gesprächsthemen hat oder nicht.

Antwort
von Allexandra0809, 71

Es gibt Freundschaften, die trotz Bildungsunterschiede über Jahre hinweg weiter bestehen können.

Wenn sich aber beide in sehr verschiedene Richtungen entwickeln, dadurch andere Interessen haben und eigentlich keine Grundlage mehr haben, dann wird die Freundschaft wahrscheinlich zerbrechen.

In einem solchen Fall kann es nur noch lästig sein, wenn man sich weiterhin trifft. Ein klärendes Gespräch wäre hier wohl sinnvoll.

Kommentar von milamo ,

du pauschalisierst hier sehr.

es ist durchaus möglich dass sich menschen in jahren / jahrzehnten soweit auseinander entwickeln dass sie sich kaum noch etwas zu sagen haben.

es ist nicht im geringsten verwerflich, jeder sollte freunde wählen können die zu ihm und seiner situation passen.

offenbar zählst du dich selber eher zu besagter unterschicht und fühlst dich persönlich beleidigt, das hilft dem fragesteller aber nicht weiter.

Antwort
von Bharidi, 27

Naja Freundschaft hat doch etwas mit Zwischenmenschlichkeit und Verständnis zu tun, nicht mit Beruf und Bildung. Außerdem kann man auch über außerberufliche Themen sprechen, dann klappt das auch mit der Augenhöhe. Blöd wirds nur, wenn sich der Arzt plötzlich zu gut vorkommt und der Dauer-Arbeitslose ständig nur neidisch ist, dann machts keinen Sinn mehr, die Schein-Freundschaft länger aufrecht zu halten.

Kommentar von Seelensau ,

1. Dr. ist nicht = Arzt
2. Du sagst, dass Freundschaft auf Verständnis aufbaut -> Darum geht es immerhin in dieser Frage... Die Freundschaft kann nicht mehr funktionieren weil man sich nicht mehr versteht, 'eine andere Sprache spricht'.

Antwort
von Rockige, 28

Moralisch verwerflich, wenn eine sozial höher stehende Person einer sozial niedriger stehende Person (sozusagen) die Freundschaft kündigt - nur aufgrund der unterschiedlichen beruflichen Situation? Nein.

Warum sage ich nein? Nun, wenn der eine meint die Freundschaft kündigen zu müssen wegen so etwas, dann ist er es einfach nicht wert.
Auf Freunde die nur auf das Äußere/ den Stand/ den Verdienst/ das Wissen achten kann man getrost verzichten. Es wäre also für den (in deinem Beispiel) Arbeitslosen kein wirklicher Verlust wenn ihm aufgrund der unterschiedlichen beruflichen Situation die Freundschaft gekündigt werden würde.

Antwort
von warehouse14, 20

Also ich würde Leute, die mir meinen sozialen "Status" vorwerfen, schonmal garnicht erst meine Freunde nennen.

Also gäbe es da auch nix zum kündigen. ;)

Ich bin Erwerbsunfähigkeitsrentner, habe aber freundschaftliche Kontakte zu "normalen" Erwerbstätigen und sogar Selbständigen mit und ohne Studienabschluß.

Daß mein höchster Schulabschluß "weit" unter dem ihren ist stört weder mich noch sie. Ganz im Gegenteil. Sie wundern sich öfter mal, warum ich keinen höheren Abschluß habe, wenn sie mit mir reden... Ich lese halt viel und gerne. Mein Wissen ist nicht von einem Diplom abhängig... Meine Lebenserfahrung erst recht nicht.

Und eine "Freundschaft" erzwungen aufrecht zu halten ist für niemanden erstrebenswert, der auf echte Freunde hofft.

Man sollte sich einfach mal fragen, wie es auf einen selber wirkt, wenn ein anderer nur aus Mitleid Kontakt hält... Würde man sojemanden überhaupt einen Freund nennen wollen?

warehouse14

Antwort
von linda1429, 36

Nein,macht wahrscheinlich keinen Sinn,ist aber mehr als oberflächlich und peinlich sich selbst für besser oder bedeutsamer als Andere zu halten...

Antwort
von 111Nadine111, 19

Eine Freundschaft ist kein Vertrag... Naja ok wenn du wegen sowas ,,kündigen" würdest bist du auch kein guter Freund ^^

Antwort
von Bestie10, 30

so wie du es beschreibst, auf jeden Fall

aber wie sieht die Realität aus ?

da finden sich zwei 4 Jährige Kinder sympathisch

schließen Freundschaft ... (Kindergarten Schule)

und mit 15 ... 16 trennen sich die Wege

einer ehrgeizig studiert promoviert arbeitet verantwortungsvoll schafft sich Werte ...

der andere lässt sich gehen, alles schleifen, lebt als Penner

haben die sich, wenn sie sich nach Jahren Jahrzehnten treffen, noch viel zu sagen, gemeinsame Interessen

da muß man nicht kündigen ... da hat man sich auseinandergelebt

in meinem EXTERM Beispiel

aber ist es immer so extrem ????

der eine Generaldirektor der andere Pförtner im selben Konzern

die können problemlos ihre Freundschaft pflegen,  auch wenn vieles sich verändert hat

der Pförtner kann nen Kaffee im Chefbüro trinken und die besuchen sich zu Geburtstagen

Antwort
von AiSalvatore, 32

Ich finde sowas nicht verwerflich. In erster Linie würde ich da die komplett anderen Interessen als Problem sehen. Man lebt sich mit der Zeit einfach auseinander und trifft mit dem neuen Weg eben auch neue Freunde.

Antwort
von frax18, 21

Das muss jeder mit sich selbst ausmachen, mit wem er Zeit verbringt und wem nicht. Wer ein guter Freund ist oder wer nicht. Bei solchen Entscheidungen sollte nur das Herz eine Rolle spielen und nicht der Status...

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