Frage von Straggle, 147

Ist es moralisch vertretbar, mit seinem Vater zu brechen?

Hallo,

ich (m, 21) habe heute eine Entscheidung gefällt. Ich will mit meinem Vater brechen, zumindest den Kontakt zu ihm einschränken und ihn an meinem Leben nicht mehr teilhaben lassen.

Mein Vater ist im Grunde kein schlechter Mensch. Er liebt mich, das weiß ich, und er hat mir mein Leben lang alles bezahlt. Doch unser Verhältnis war immer schwierig. Ich hatte schon als Kind das Gefühl, dass er sich eigentlich eine andere Art von Sohn gewünscht hätte, weil ich in vielen Dingen nicht so war wie er. Ich war nicht gut in Fußball, habe geweint, wenn ich mir wehgetan habe und war immer schon recht unordentlich. Das alles waren Dinge, die für meinen Vater eine riesen Katastrophe darstellten.

Vor einigen Jahren fing ich dann an in der Schule nicht mehr klarzukommen. Er hat gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmte, aber ich konnte mit ihm nicht reden, weil er mir als Kind ja auch schon das Gefühl gegeben hatte, dass meine Probleme für ihn dumm sind. Er ist dann sehr häufig ausgerastet,hat mich angebrüllt etc. ich glaube, er hat sich sehr hilflos gefühlt.

Seit drei Jahren bin ich jetzt im Grunde depressiv (manchmal mehr, manchmal weniger), befinde mich bereits in psychatrischer Behandlung und bei mir wurde Borderline diagnostiziert. Ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, dass ich mein Leben nie mehr richtig in den Griff kriege, solange er teil davon ist. Warum ist für mich schwer zu beschreiben, aber ich habe einfach unendlich viele Komplexe in Bezug auf ihn. Dass ich nie die Art von Sohn seien konnte, die er gern hätte, macht mich immer noch fertig.

Ich merke, dass es mir dann besser geht, wenn er nicht bei mir ist und es geht mir immer schlechter, desto mehr er bei mir ist..

Er liebt mich, aber ich habe das Gefühl er zerstört (ungewollt) mein Leben. Ich habe bestimmt Pläne für die Zukunft, von denen ich die Hoffnung habe, dass sie mich glücklich machen könnten, aber diese Pläne werden ihm überhaupt nicht gefallen und wenn ich ihn da mit einbeziehe, wird er versuchen, sie mir auszureden. Weil ich durch ihn leider leicht zu beeinflussen bin, werde ich mich von ihm davon abbringen lassen und dann wieder unglücklich sein.

Ich werde nie in seine Vorstellungen passen und ich glaube, dass wird mich für den rest meines Lebens depressiv machen, wenn ich ihn um mich habe. Er wird sich auch nicht ändern. Er hat einfach genaue Vorstellungen davon wie ich zu sein habe und wie ich mein Leben zu verbringen habe und die wird er nicht ablegen.

Deswegen werde ich, obwohl er viel für mich getan hat, mit ihm brechen, ihn aus meinem Leben raushalten und so selten wie möglich sehen. Ich denke, dass das meine einzige Chance ist, mein Leben nochmal halbwegs zu ordnen und Lebenslust wiederzubekommen.

Ihn wird das hart treffen, er wird unglücklich werden deswegen.

Mir tut es unendlich Leid für ihn, aber er kann nicht erwarten, dass ich depressiv bin bis an mein Lebensende.

Seht ihr das genauso wie ich und wozu würdet ihr mir raten?

Expertenantwort
von Buddhishi, Community-Experte für Psyche & Psychologie, 70

Hallo Straggle,

ja, Du hast das Recht dazu. Ob Du selbst damit moralisch klar kommst, kann ich Dir jedoch nicht beantworten. Viele 'Kinder' brechen den Kontakt zum Elternhaus aus verschiedensten Gründen ab. Manche haben aber danach ein schlechtes Gewissen. Und damit zu leben, ist auch nicht immer leicht.

Daher würde ich an Deiner Stelle überdenken, ob ein Gespräch mit Deinem Vater noch etwas 'retten' könnte. Selbstverständlich wird er sich nicht ändern, daran glaube ich auch nicht. Aber vielleicht könnte er extrem die Beziehung Störendes unterlassen?

Ein auf ein Minimum begrenzter Kontakt läßt Euch beiden ein Hintertürchen offen und ist für ihn nicht gar so verletzend. Es kann aber auch sein, dazu weiß ich über den Hintergrund einfach nicht genug Bescheid, dass es für Dich das Beste ist, den Kontakt gänzlich zu beenden. Befrage nur bitte vorher Dein Gewissen und stehe dann ohne schlechtes Gewissen auch zu dieser Entscheidung.

Es kann sein, dass Du Dich tatsächlich nur so von den 'Schatten der Vergangenheit' lösen kannst und Dein eigenes Leben glücklich leben kannst.

Alles Liebe und Gute für Dich

Buddhishi

Kommentar von Straggle ,

Vielen Dank für deine Antwort. Einen endgültigen Kontaktabbruch kann ich mir nicht vorstellen. Immerhin ist er der Mann, der mich gezeugt und ernährt hat. Ich hoffe, dass eine starke Einschränkung des Kontaktes die erhoffte Wirkung erzielt.

Auch dir alles Gute.

Kommentar von Buddhishi ,

Gute Entscheidung, Straggle. Ich wünsche Dir, dass es die erhoffte Wirkung hat. Gehe Deinen Weg und hab' ein schönes Leben :-)

Antwort
von silberwind58, 61

Du hast recht,Deine Zukunft gehört Dir und die sollst und darfst Du so gestalten,das Du glücklich und zufrieden bist! Es ist lobenswert,wenn Du erkennst,das Dein Vater viel für Dich getan hat aber verstanden hat Er dich nie! Verständnis,toleranz und Liebe sind wichtig,wenn Kinder gesund erwachsen und aufwachsen sollen. Zieh Dich zurück aber vielleicht kannst Du malein paar Zeilen an Deinen Vater schreiben,warum,wieso,weshalb! Ich wünsch Dir alles Gute und die Kraft,Dein Leben zu verwirklichen!

Kommentar von Straggle ,

Vielen Dank, dein Kommentar hat mich bestärkt. Dir auch alles Gute.

Antwort
von Eselspur, 45

Es ist moralisch gut vertretbar - und oft empfehlenswert für die eigene Reifung - das Verhältnis zu den eigenen Eltern (eventuell für eine beschränkte Zeit) drastisch einzuschränken. Wenn es gut für dich ist, zur es bitte!

"Brechen" klingt für mich so endgültig. Das empfehle ich dir ausdrücklich nicht.

Kommentar von Straggle ,

Vielen Dank.

Antwort
von amrita1, 26

Es gibt Situationen im Leben, in denen man sich von Menschen lösen muss, weil sie einen eher behindern als unterstützen, manchmal sind es leider auch die Eltern von denen sich sehr klar distanzieren muss. Ein Kontaktabbruch kann nur kurze Zeit dauern oder sich über Jahrzehnte hinziehen, je nachdem was vorgefallen ist und inwieweit beide Seiten bereit sind sich anzunähern.

Als Kind liebt man seine Eltern in der Regel bedingungslos, als Heranwachsender stellt man manchmal fest, dass das Verhalten der Eltern nicht mehr tolerierbar ist -  wohlgemerkt, es geht um das Verhalten und nicht um die Person - und dann muss man manchmal den Kontakt auf ein Minimum beschränken.

Eltern sind auch nur Menschen und nicht unfehlbar; je mehr ein Elternteil voller Selbstliebe ist, desto mehr kann er diese auch an seine Kinder weiter geben, gibt einen Mangel an Selbstliebe, ist es kaum möglich Liebe an Kinder weiter zu geben.

Wenn du mit dir selbst ins Reine gekommen bist, kann du deinem Vater vielleicht auch zu irgendeinem Zeitpunkt vergeben. Vermutlich ist er letztendlich nicht glücklich mit seinem Verhalten, aber manchmal brauchen bestimmte Verletzungen Zeit und Raum um zu heilen.

Antwort
von Hubert30, 42

Mach das bitte nicht! Es ist deine Entscheidung aber ich finde Freunde kommen und gehen aber die Familie bleibt immer bei dir und deswegen ist sie so wichtig für dich.

Rede mit deinem Vater und erwähne das du mega unglücklich bist, wenn er dauernd über dein Leben bestimmt will. 

Sag ihm auch das du mit 21 endlich Erwachsen werden und dich selber austesten willst. Wenn du ein Fehler machst. Gut! Aus Fehlern lernt man bekanntlich am besten.

Ich hoffe, dass du noch nicht aufgibst. Ich selbst hab nur sehr wenig mit meinem Vater gemeinsam und er will mir auch vieles vorschreiben. Aber juckt mich das? Nein! Ich mach halt das was mich glücklich macht und da lasse ich mir nicht reinreden.

Viel Glück!

Hubert30

Kommentar von Hubert30 ,

PS: alles was ich sage ist NUR ein Ratschlag!

Also Urteile bitte nicht schlecht über mich, wenn du damit keinen Erfolg haben solltest. 

Danke

Kommentar von Straggle ,

Danke für deinen Ratschlag. Ich nehme ihn zur Kenntnis, auch wenn meine Entscheidung im Grunde feststeht. 

Leider bin ich durch ihn sehr stark beeinflussbar und kann sein Reinreden nicht einfach ignorieren.

Dir auch viel Glück.

Antwort
von Akka2323, 48

Geh Deinen Weg, behalte Deine Angelegenheiten für Dich, diskutiere mit ihm nichts, sei freundlich und seh ihn selten. Es gehören immer zwei dazu, einer, der macht und einer, der mit sich machen läßt.

Kommentar von Straggle ,

Du hast recht, vielen Dank.

Antwort
von Killuminati420, 35

wieso muss das denn Moralisch vertretbar sein ?

solange du das mit dir ausmachst ist doch alles cool oder klopfts dann in deinem Kopf " Lass mich raus"

Antwort
von Tremswaldi, 34

Liebst du deinen Vater?

Du schreibst er liebt dich - dann mach ihm deine Situation mal deutlich. Vielleicht wirklich in einem Brief (schreiben ist manchmal einfacher)... schreibe alles, was dir einfällt.... alles was wichtig für dich ist...

...und vorallem erkläre ihm auch, dass du mit dem Gedanken spielst mit ihm zu 'brechen'

Er hat dann die Möglichkeit darüber nachzudenken.... und ggfls. zu reagieren!

Generell bin ich aber auch der Meinung - Freunde kommen und gehen, Familie bleibt!!

Kommentar von Straggle ,

Ich habe drei Jahre lang versucht, meinem Vater zu erklären, wie ich mir wünschen würde, dass er mit mir umgeht - erfolglos. Er ist leider nicht fähig sich zu ändern, genauso wenig wie ich. Ob ich ihn noch liebe, ist schwer zu sagen. Grundsätzlich würde ich Ja sagen. Ich liebe ihn, aber ich weiß dennoch, dass sein Einfluss auf mein Leben sehr negativ ist.

Dennoch danke.

Antwort
von wotan0000, 27

Von allem was dem eigenen Leben schadet, sollte man sich befreien.

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