Frage von Wellmom, 34

Ist es für das Gelingen einer Traumatherapie nötig, dass eine nicht retraumatisierende Lebenssituation besteht?

Bei meiner Frage geht es um ein Kind, das Verhaltensweisen zeigt, von denen sich Erzieher und Lehrer dermaßen provoziert fühlen, dass sie zu Verzweiflungsmaßnahmen greifen wie hartes Festhalten (das mehrfach zu Verletzungen beim Kind gegriffen haben ( - ist leider von der Mutter nicht dokumentiert oder zur Anzeige gebracht worden) sowie Einsperren.

Das betreffende Kind ist seit einem knappen Jahr in ambulanter Traumatherapie, was bisher keine solche Veränderung des Verhaltens des Kindes bewirkt hat, dass die Lehrer nicht mehr zu solchen Maßnahmen greifen "müssten".

Die Therapeutin nimmt es sozusagen "als gegeben hin", dass das Verhalten des Kindes sich noch nicht verändert hat, und dass das Thema "Schule" vom Kind anhaltend verweigert wird.

Laut Aussage der Mutter des betreffenden Kindes hat die Therapeutin gesagt, dass das Kind lernen muss, sich mit der bedrohlichen Situation zu arrangieren und das provozierende Verhalten nach und nach abzulegen. Schließlich sei das ganze Leben durchzogen von bedrohlichen Situationen, auf die man nicht so reagieren dürfe, dass man permanent Angst hat, sich gegen empfundene Bedrohungen wehrt und bedrohlich wirkende Situationen meidet.

Ich verstehe die Argumentation. Irgendwie. Andererseits wird aber beispielsweise erwachsenen Frauen nicht empfohlen, mit gewalttätigen Partnern zusammenzubleiben und zu lernen, nicht mehr zu provozieren, oder körperliche Übergriffe als gerechtfertigt anzusehen.

Kann sein, dass ich mit meiner Einschätzung komplett falsch liege - aber ich glaube, dass hier die Anforderungen an das Kind zu hoch sind. - Ich sehe das zwar auch so, dass es für das Kind nützlich fürs ganze Leben wäre, wenn es lernt, auch unter bedrohlichen Umständen in sich cool zu bleiben, oder provozierende Verhaltensweisen einzustellen.

Ich hab nur nicht den Eindruck, dass das passieren wird. Die provozierenden Verhaltensweisen (offensichtliches "inneres Brodeln", Nasebohren, Kreischen, Verweigerung und andere nicht wirklich selbst- oder fremdgefährdende, sondern eher nervige/eklige Verhaltensweisen) scheinen unter Druck zuzunehmen.

Der Druck hat inzwischen anscheinend sehr zugenommen.

  • Ich glaube, ich verzettel' mich gerade im Thema...

Ich würde mich sehr freuen, wenn kompetente Menschen mal ihre Sicht der Lage erklären würden. Ob das der Familie letztlich was bringen kann, weiß ich nicht, aber ich hätte doch sehr gerne für mich und mein eigenes Kompetenz-Gefühl eine Art Brainstorming.

Ich danke schon mal allen, die sich das bis zum Schluss durchgelesen haben...

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Kuhlmann26, 11

Die Ansicht der Therapeutin ist eine weit verbreitete und ich höre sie immer wieder aus den verschiedensten Richtungen: Es ist auf keinen Fall so, dass das Problem des Jungen an der Schule liegt und egal wie schlecht es ihm geht, er MUSS in die Schule. Man kann den Kopf unterm Arm tragen - egal, Schule MUSS sein! Man kann schließlich auch ohne Kopf in einem Klassenraum sitzen. Und in der Schule werden angeblich wichtige Dinge gelernt.

Hier lernt der Junge, dass Gewalt (die von den Lehrern zur Verhinderung von Tobsuchtsanfällen des Jungen eingesetzt werden) ein Mittel zur Lösung von Konflikten ist. Die Erwachsenen machen das schließlich vor.

Mich erinnert die Auffassung, dass man ja das ganze Leben mit unangenehmen Situationen zu tun hat und es gut ist, wenn man sich früh daran gewöhnt, sehr an eine andere weit verbreitete, aber völlig falsche Auffassung. Die Situation nämlich, ein kleines Kind schreien zu lassen, wenn es im Bett liegt und schlafen soll. Was für ein Irrsinn! Es wird verkannt, dass man sich aus der Position der Sicherheit und Geborgenheit schwierigen Herausforderungen, und damit unangenehmen Situationen, viel besser stellen und sie meistern kann. Ein kleines Kind, was man schreiend im Bett liegen lässt, erfährt alles Mögliche, aber keine Sicherheit und Geborgenheit.

In der Schule wird oft vergessen oder gar nicht erst erkannt, dass das Verhalten des Lehrpersonal die Provokation ist. Man hält es für sowas von selbstverständlich, Kinder in Klassenräume einzusperren, von ihnen zu verlangen stillzusitzen und den Mund zu halten, ihnen ein Thema vor die Nase zu setzen, mit dem sie auch dann beschäftigen müssen, wenn sie sich nicht dafür interessieren. Es ist ja schön, dass sich die Lehrer provoziert fühlen. Aber was ist denn mit dem Jungen?

Gruß Matti

Kommentar von Wellmom ,

Danke, du sprichst mir da aus der Seele - und dein Kommentar macht mich zusätzlich auf etwas aufmerksam, das mir bisher irgendwie durchgeschlüpft war: nämlich, dass da Erwachsene von einem noch recht kleinen Kind erwarten, etwas zu können, was sie selbst ganz offensichtlich nie gelernt haben: Angst, Ekel und Genervtheit zu überwinden, in sich selbst stabil und friedfertig zu bleiben und ohne Hilfe eine gewaltfreie Lösung zu finden.
Bei den nächsten Gesprächen der Mutter mit wichtigen Entscheidungsträgern werd ich dabei sein und drauf achten, dass genau dieser Punkt NICHT mehr "durchschlüpft"...

Kommentar von Kuhlmann26 ,

Du kannst auch beobachten, dass Erwachsene von anderen Erwachsenen nie erwarten oder sogar verlangen würden, was sie wie selbstverständlich von Kindern erwarten/verlangen. Es genügt der Umstand, dass die Kinder noch keine 18 sind, um ihre Wünsche und Ansichten infrage zu stellen bzw. sie nicht zu respektieren.

Und in der Schule hat man sogar durch Gesetzestexte die Legitimation, das Recht dafür geschaffen, damit Lehrer so handeln können. Dass das rein willkürlich geschieht, kannst Du daran sehen, dass man im Gegensatz zur DDR in der Bundesrepublik bis vor wenigen Jahrzehnten noch das Recht hatte, physische Gewalt gegen Schüler anzuwenden. Das war rechtens, aber es war nie richtig.

Hier eine Buchempfehlung: http://www.tologo.de/wer-sein-kind-liebt/

Ich danke Dir für den Stern.

Gruß Matti

Kommentar von Wellmom ,

Oooh, du kennst und empfiehlst den Tologo-Verlag auch... Na, das erklärt mir die Übereinstimmung...  ;-)

Kommentar von Kuhlmann26 ,

Eigentlich war ich auf der Suche nach Beiträgen von Franziska Klinkigt. Sie ist auch Psychologin, jedoch keine SCHULpsychologin. Im Gegensatz zur Zweitgenannten kann sich Frau Klinkigt sehr wohl ein Leben ohne Schule vorstellen. Falls Du ihn noch nicht kennst, geh mal auf ihren Blog.

http://derblogfuerschueler.blogspot.de

Wie kontrovers das Recht auf freie Bildung selbst unter denen geführt wird, die die Wünsche ihrer Kinder akzeptieren, kannst Du an einem offenen Brief erkennen, den Frau Klinkigt an Dagmar Neubronner geschrieben hat. Familie Neubronner hat sich durch alle gerichtlichen Instanzen geklagt - und immer den Kürzeren gezogen - damit ihre Söhne nicht in die Schule gehen müssen. Diese haben gesagt, dass es ihnen in der Schule nicht gut geht. Der Brief entstand, nach dem Frau Neubronner mit anderen eine Konferenz ins Leben gerufen hatte, in der das Recht der Eltern auf häuslichen Unterricht gefordert wurde.

http://ghec2012kritik.blogspot.de/p/offener-brief-dagmar-neubronner.html

Antwort
von huldave, 13

Ist das die richtige Umgebung für das Kind und ist die Therapie ausreichend?

Das fällt mir als erstes ein, wenn ich deine Beschreibung lese.

Ebenso die Verhaltensweisen des Kindes, das auf Druck zu reagieren zu scheinst, bei einem Trauma ist eher von Flashbacks wegen Triggern auszugehen.

Also gilt es zu überprüfen, ist es wirklich ein Trauma, eben eine genaue Diagnose.
Dann reicht es aus, wenn das Kind ambulant therapiert wird, und ist die Beschulungsform die richtige.

Sicher muss ein Kind lernen Frustrationen auszuhalten, aber wenn das dauerhaft nicht funktioniert, dann muss das ganze Konzept grundsätzlich neu überdacht und ausgerichtet werden

Kommentar von Wellmom ,

DAS hatte ich auch im Sinn... Ich hab selbst mal, auf vielfachen Rat, eine Traumatherapeutin konsultiert, die mir erklärt hat, dass nicht jede schlimme Lebenserfahrung wirklich ein "Trauma" im Sinne einer PTBS auslöst, und dass es durchaus möglich ist, dass auch ein Kind lebensbedrohende Erlebnisse ganz ohne Therapie wegsteckt, ohne Folgeprobleme. Und dass auch ich keinerlei Anzeichen einer PTBS mitbrachte - was sie mir so genau erklärt hat, dass ich bei dem Kind, um das es geht, nicht auf "Trauma" als Grund getippt hätte...

Dass das ganze Konzept neu überdacht werden muss, sehe ich so wie du. - Wird aber schwierig werden... Ich hab (in Bezug auf mein eigenes, auch schwer "inkludierbares" Kind) schon mit sooo vielen Schulräten und sonstigen Entscheidungsträgern gesprochen, dass ich den Eindruck habe, das Schulsystem ist so fest in Zement gegossen, dass jegliches "Überdenken" ganz ausgeschlossen ist...

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten