Frage von Chizuko, 88

Ist es falsch im KZ keine Emotionen zu verspüren?

Liebe Community! Wie schon erwähnt, geht es hierbei um das KZ und die Emotionen die man verspüren sollte an solch einem Ort. Ich stelle diese Frage daher, weil ich heute erst ein KZ besucht habe und eigentlich gedacht hatte es würde in mir irgendwelche Gefühle/ Emotionen hervorrufen, doch als ich mir die Gebäude ansah ( dieses Lager war auch bekannt dafür Experimente an Häftlingen durchzuführen) verspürte ich rein gar nichts. Keine Trauer, Wut oder einfach nur Entsetzen über die Grausamkeiten, welche dort gesehen waren, einzig die Tatsache das dort einmal solche Taten begangen wurden. Und so zerreißt mich förmlich die Frage ob etwas nicht mit mir stimmt, ob ich zu kalt bin oder einfach nur emotionslos. Was ist eure Meinung dazu? Freue mich auf eure Antworten, Glg Chizuko :)

Antwort
von Dahika, 24

Ich habe vor einigen Jahren Auschwitz besucht, als ich in Krakau war. Wir fuhren mit dem Auto eine ganze Weile neben einer Eisenbahnlinie her und ich dachte: mit dieser LInie fuhren auch die Häftlinge in den Tod. Ich war sehr beklommen, es hat mir Angst gemacht, und ich dachte: Meine Güte, wenn ich schon beim Anblick der Eisenbahnschienen so reagiere, wie halte ich dann Ausschwitz selbst aus?

Aber als ich dann da war und das Hauptlager besichtigte, mit Guide, habe ich auch nichts empfunden. Ich stand vor diesem "Schaufenster", das einen Raum zeigte, der komplett mit Haaren gefüllt war - und ich habe nichts empfunden. Ich denke mir, es lag daran, dass ich "neben mir" stand. Als ich die vielen Koffer sah mit der Herkunftsbezeichnung ihrer Eigentümer war ich schon eher emotional beteilt. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Anblick der Eisenbahnschienen.

Erst als ich die Stelle sah, wo Höss aufgehängt worden war, habe ich eine gewisse Befriedigung empfunden.

Ich war mit drei Freunden dort gewesen, denen es ähnlich ergangen war. Interessanterweise aber waren wir alle für den Rest des Tages schlecht gelaunt. Ich denke, es war eine Art Depression, die wir empfunden hatten.

Allerdings hatte ich am Tag danach in Krakau eine Synagoge besichtigt. An den Wänden der Synagoge hingen alte Fotos von Gläubigen. Fröhliche Fotos: Hochzeitsfotos, Foto von Picknicks, Ferienfotos, Familienfotos.
Ich besah mir die Fotos und wußte: sie sind wahrscheinlich alle umgebracht worden. Und da kamen dann die Emotionen hoch. Und wie. Ich habe fast einen Weinkrampf bekommen.
Aber in Auschwitz  selbst habe ich  nur ein dumpfes Nichts gespürt. Vermutich ist das ein Selbstschutz des Seelischen. (Ich war allerdings nicht in Birkenau gewesen.)

Ich glaube, jeder geht anders damit um. In Auschwitz z.B. stand ich vor Verbrennungsöfen. Und davor standen ein paar US-amerikanische Jugendliche, Juden, da sie die Kippa trugen, die sich bestens amüsierten. Sie knipsten sich gegenseitig vor den Öfen und hatten Spaß. Ich war mächtig schockiert, und habe dann gedacht: "Na ja, etwas unpassend, aber wenn einer das darf, dann ein Jude."

Ich denke mir, da reagiert jeder anders und auf seine eigene Art.



Antwort
von Maybewrong, 9

Es ist sehr indivudell.

Vor den Ferien war meine Stufe auf einer Exkursion quasi in Polen. 3 Tage volles Programm zum Holocaust. ( + 1 Woche jeweils Vor- und Nachbearbeitung)

Wir waren 2 Tage in Lublin, eine Unistadt und schon damals sehr groß, und im KZ Majdanek. Zuerst eine Stadtführung durchs ehemalige Ghetto, was viele 'geflasht' hatte, da es in Lublin die Halbealtstadt war und es dort auch eine große, wunderschöne kath. Kirche gibt. Wir besichtigten auch diese tiefen Innenhöfe. Da versuchte ich für diesen Tag mit das erst mal vorzustellen wir es ausgesehen hatte. Viele Menschen, schlechte hygiene Bedingungen, Krankheiten .. es ging nicht.

Es ging auch nicht als wir in Majdanek waren, obwohl ich mir den Zahlen nur zu genau bewusst war und was dort passierte. 2 Stunden ging unsere Frührung und ich füllte mcih schlecht, weil ich 'nichts' füllte. Andere weinten oder waren wütend oder es kam ihnen hoch. Und ich ging schweigend neben her, übersetzte das ein oder andere für den Austauschschüler was unser Guide sagte und füllte mich deshalb schlecht. Das einzig andere was ich fühlte, war das ich lieb in Führung auf Englisch gehabt hätte. Das erste mal schämte ich mich Deutsch zu sein und Deutsch als Muttersprache zu haben. Sonst nichts und das machte mich fertig.

Am Ende davon standen wir im Mausoleum von Majdanek, also aufgeschütteter Asche die am Ende des krieges auf dem Gelände gefunden wurde, und hörten wie eine jüdische Gruppe am anderen Ende betete. Auch da hatten viele weinen müssen, ich nicht und ich fühlte mich noch mehr wie ein Monster. Erst als wir uns noch mal zu einen Gespräch in großer Runde trafen, kamen mir die Tränen als mir wieder bewusst wurde, dass die Familie des Mannes meiner Urgroßmutter Mitglieder hatten, die bei SA und SS waren und die sich nach Hitler auch umgebracht hatten.

Es ging vielen so, dass sie sich schämten Deutsch zu sein. (so irrational das war. Keiner von uns hatte was damit zu tun und auch bei der Familie meines einen Urgroßvaters. Was hatte ich mit denen gemeinsam? Viele starben noch lange bevor meine Mutter geboren wurde)

Freunde von mir erzählten, dass sie behauptet hatten Engländer zu sein, als sie vom Guide einer jüdischen Gruppe gefragt wurden.

Andere berührte alles in keinster Weise, oder sie überspielten es sehr gut. Sie rissen immer noch Witze über diese Zeit und äußerten ziemlich direkt, das das Schämen oder Weinen der anderen nicht nachvollziehen konnten und das ist OK.

Antwort
von Nashota, 28

Es gibt Menschen, die keine Gefühle zulassen, weil sie Angst vor ihnen haben. Dann bleiben sie neutral, was auf Außenstehende distanziert und kühl wirkt.

Die Frage ist, ob es dir nur an diesem Ort so geht oder immer.

Ein ehemaliges KZ ist ein Ort, wo man sich als normal denkender Mensch nicht vorstellen kann oder auch will, was Menschen anderen Menschen ohne Skrupel und Gefühle angetan haben. Nachdenken darf man darüber definitiv nicht, weil es einfach nur völlig unmenschlich war.

Wer da dichtmacht, ist nicht zwangsläufig auch gefühllos, sondern eher innerlich geschockt, dass so etwas möglich war.

Antwort
von Eselspur, 29

Gefühle zu spüren oder nicht zu spüren ist nicht moralisch bewertbar. 

Handlungen sind moralisch bewertbar. Also wenn sich jemand beispielsweise in einem KZ beleidigend verhält. Wenn du einfach nichts spürst, dann spürst du halt nichts.

Antwort
von ilknau, 26

Hallo, Chizuko.

Nein, ist es nicht und hat auch gar nix mit Gefühlskälte etc. zu tun.

Die Geschehnisse sind so weit vor deiner Geburt geschehen, dass du einfach keinen Bezug dazu haben KANNST.

Ich war mal mit meiner Nichte im KZ Dachau, wir in einer nachgebauten Baracke und sie staunte, wie schön es hier sei: viel Platz, und die ganzen Stockbetten... bis ich ihr sagte, dass hier mal soviele Leute wie in ihrem Heimatort untergebracht waren, lG.

Kommentar von Chizuko ,

Vielen Dank für die nette Antwort! Ich fühle mich schon um einiges wohler da ich jz weiß, dass ich nicht die einzige bin du die sich so fühlt 😊

Kommentar von ilknau ,

Das Mädel war 6- ohne Vorwissen dazu.

Mich hat es mit 13 + Vorwissen aus Eigeninteresse beim Besuch von KZ Buchenwald gebeutelt: Google mal nach dem Buch: Nackt unter Wölfen, wenn es auch arg kommunistisch ideologisch gefärbt ist.

Antwort
von PITinFR, 38

Hallo Chizuko,

es gibt viele (Erst-)Reaktionen auf schreckliches Grauen; ob es sich jetzt um einen KZ-"Besuch" oder Bilder aus dem Flüchtlingselend oder aus einem Krieg handelt.

Manche Leute brechen schier zusammen, andere halten sich Augen und Ohren zu. Auch will man seine Emotionen vielleicht auch nicht vor anderen zeigen.
Und manche spüren manchmal auch nichts; so wie du. Das ist völlig in Ordnung. Man lässt das Fühlen manchmal einfach nicht zu. Vielleicht hat man Angst, dass einem das beobachtete Leid sonst zu viel würde?

Ich bin mir ganz sicher, dass in dir etwas vorgegangen ist. Immer wenn wir irgendetwas sehen / hören / etc. geht in uns etwas vor. Wir fühlen eigentlich immer etwas, auch wenn wir uns vielleicht gerade nicht bewusst sind, was wir fühlen.

Schau doch mal, was du die nächsten Nächte träumst. Vielleicht kommt da auch das eine oder andere zum Vorschein.

Ganz allgemein: Alles ok! :-)

Kommentar von Chizuko ,

Vielen vielen Dank für die nette Antwort, jetzt fühle ich mich um einiges besser!😄 

Antwort
von Manutshko, 26

Geht mir genauso. Schlimme Dinge sind überall auf der Erde passiert, weshalb man sich eigentlich überall schlecht fühlen dürfte. Alleine wieviel in manchen Großstädten passiert ist, die hätte man auch allesamt zu Gedenkstätten machen können, aber dann würde eim irgendwann der Platz zum Leben ausgehen.

Im Prinzip sind es ja auch die Menschen, die den Ort ausmachen und die Schlimmes getan haben, nicht aber der Ort selber.

Antwort
von Alterhaudegen75, 32

Es steht nirgends geschrieben das man etwas fühlen muß.

Es ist zwar richtig das der Besuch eines solchen so Geschichtsträchdigen bei vielen etwas auslöst. Aber wenn es bei dir nicht der Fall gewesen ist, dann ist das auch nicht weiter schlimm.

Fühlst du denn generell so oder ist dir das nur einzig bei diesem Besuch so ergangen?

Kommentar von Chizuko ,

Ich bin nicht sooo nah am Wasser gebaut wie andere  jedoch bin ich auch nicht komplett herzlos und zeige manchmal auch meine  Emotionen. 

Kommentar von Alterhaudegen75 ,

Na dann ist doch alles ganz normal so wie es ist. Der Mensch ist nun einmal verschieden, was auch gut so ist, aber es ist nicht ungewöhnlich wie du fühlst.

Antwort
von soissesPDF, 8

Von sollen kann keine Rede sein.
Wenn Du nichts fühlen konntest fehlte es Dir an Empathie, aus welchem Grund auch immer.

Vielleicht warst Du gerade Kreide holen, als Geschichte im Unterricht an der Reihe war.

Für Dich besteht noch Hoffnung, noch ein paar Winter, dann kommst auch Du dahinter.

Kommentar von earnest ,

Das finde ich eine unnötige Von-oben-herab-"Verurteilung".

Antwort
von archibaldesel, 14

Nicht die Gebäude sondern die Taten sollten Emotionen auslösen. Gebäude sind am Ende nur Holz und Steine. 

Kommentar von earnest ,

Ich finde ein "Sollen" bei Gefühlen unangebracht.

Antwort
von Wootbuerger, 21

ich hab bisher 2 lager besucht... dachau und flossenbürg.

in dachau gings mir wie dir
nur touristen, kaum deutsche, einfach keine atmosphäre
kommt einem vor wie ein volksfestplatz bei vollem sonnenschein

in flossenbürg war ich alleine auf dem ganzen gelände
da wirken die noch bestehenden wachtürme etwas bedrohlicher
man kann besser seine gedanken sammeln und sich in ruhe alles ansehen so lang man will!

aber vorstellen was dort geschehen ist? das geht nicht mehr... man hat keinen bezug dazu. 

Antwort
von earnest, 2

Emotionen kann man nicht verordnen. Da gibt es auch kein Richtig oder Falsch.

Manche Geschehnisse haben manchmal auch eine Spätwirkung.

Aber es ist, wie es ist. Kein Grund, mit dir selbst derart ins Gericht zu gehen. 

Auch Gefühlslosigkeit kann eine Reaktion auf unsägliche Schrecken sein: Du willst den Schrecken nicht "reinlassen".

Gruß, earnest


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