Frage von Haapy, 63

Ist es bedenklich, wenn man Gesangsstücke eines Chores auf YouTube veröffentlicht, ohne als Chor die Originalsätze eines Liedes zu besitzen?

Ich habe vor kurzem ein Weihnachtskonzert eines Chores mit meiner Kamera aufgenommen und wollte nun in Absprache mit dem Chor diese Lieder auf YouTube veröffentlichen. Jedoch hat der Chorleiter Bedenken geäußert, da der Chor bei manchen Liedern nicht im Besitz der Originalnoten ist. Ist es dennoch unbedenklich diese auf YouTube ohne kommerziellen Hintergrund zu veröffentlichen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von ThomasMorus, Community-Experte für Urheberrecht & Youtube, 45

Um erst einmal einen weit verbreiteten Mythos zu zerstören: Ob eine Veröffentlichung privat oder kommerziell vorgenommen wird, spielt urheberrechtlich überhaupt keine Rolle. Ein "Werk" an dem andere die Rechte besitzen, kann ich nicht einfach ohne dessen Zustimmung veröffentlichen.

Die essentielle Frage in diesem Fall, ist wie Shinjischneider korrekt dargelegt hat, wie alt die vorgetragenen Lieder sind. Denn 70 Jahre nach Tod des Urhebers erlischt nach §64 UrhG das Urheberrecht an einem Werk. Die Werke gehen dann in den Besitz der Allgemeinheit über und dürfen von jedem veröffentlicht werden.

Wenn die Noten jüngeren Datums sind, sind sie urheberrechtlich geschützt. Der Chorleiter hat zwar Recht damit, dass Noten zu kopieren urheberrechtlich problematisch ist. Das ist aber nicht der entscheidende Punkt. Der entscheidende Punkt ist, dass man die urheberrechtlich geschützte Komposition hören kann. Und dabei gibt es urheberrechtlich zwei Möglichkeiten, die leider das gleiche Ergebnis haben.

1. Die Melodie wurde maßgeblich verändert und eigene kreative musikalische Komponenten eingebaut. In diesem Fall ist das eine "Bearbeitung" nach §23 UrhG und der Komponist (oder seine Erben) müsste der Veröffentlichung zustimmen. Der ist aber ziemlich wahrscheinlich für einen Normalsterblichen nicht zu erreichen, was heißt, dass das Video nicht veröffentlicht werden darf.

2. Die Melodie wurde nicht verändert, sondern originalgetreu gespielt. In diesem Fall muss zwar nicht der Komponist aber die GEMA der Veröffentlichung zustimmen. Und da die GEMA ja mit Youtube auf dem Kriegsfuß steht, wird das kaum möglich sein.

Fazit also:

Wenn die Komponisten der Stücke, die vorgetragen werden, schon länger als 70 Jahre tot sind, kannst du das Video online stellen. Wenn nicht ist es problematisch. Wobei Urheberrechtsverletzungen in der Musik selten drastische rechtliche Konsequenzen haben: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2504652/Videos-mit-Chartmusik-ins-N...

Das Risiko musst du aber natürlich selbst abwägen.

Kommentar von Haapy ,

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. :-) Da ich schon öfters Videos von Chorauftritten veröffentlicht habe ist mir die Reaktion von YouTube bzw GEMA bei urheberrechtlich relevanten Inhalten bekannt. Jedoch fand ich die Antwort dennoch interessant, da sie Infos enthielt die mir noch nicht geläufig waren. Hauptsächlich ging es mir eben um die Sache mit den kopierten Noten und erwaiger Konsequenzen diesbezüglich.

Kommentar von ThomasMorus ,

Da kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen. Nämlich §53 Absatz 4, UrhG, dem mit Abstand dümmsten Artikel im ganzen Urheberrecht. Und in meiner persönlichen Top 3 der dämlichsten Gesetze überhaupt.

Gewöhnlicherweise ist das kopieren jeglichen Werks mindestens für den privaten Gebrauch gestattet. Noten hingegen dürfen überhaupt nicht kopiert werden. (Gott weiß warum, wer das je nachvollziehen soll, und ob es irgendjemanden in diesem Land gibt, der dieses Gesetz auch einhält.)

Ich habe den Fall mit kopierten Noten ehrlich gesagt noch nicht gehabt, und auch noch nichts darüber gelesen. Wenn ich nach den mir bekannten Grundsätzen des Urheberrechts denke, müsste es aber folgendermaßen sein:

Durch das Video könnte der Rechteinhaber an den Noten bemerken, dass seine Noten widerrechtlich kopiert wurden. Dieser könnte dann von dem Chor Schadenersatz fordern. Der beläuft sich zwar nur auf die Anschaffungskosten der Original-Partituren. Es wäre aber trotzdem ärgerlich, weil der Chor in diesem Falle wahrscheinlich die Anwaltskosten tragen müsste. Und weil der Chor keine "natürliche Person" ist, käme ihm nicht mal der Schutzparagraf für Ersttäter zugute. 

Falls der Chor für sein Konzert Eintritt verlangt hat, könnte auch das problematisch werden. Aber sowohl für den Auftritt als auch für das Youtube-Video sehe ich durch die kopierten Noten eigentlich keinen "zusätzlichen" Urheberrechtsverstoß.

Wenn der Chor urheberrechtlich geschützte Musik vorträgt oder bei Youtube veröffentlicht, müsste er entweder den Komponisten oder die GEMA um Lizenz(=Erlaubnis) bitten. Ob der Chor die Lieder auswendig, von gekauften Noten oder von kopierten Noten abgelesen hat, ist dafür unerheblich.

Salopp gesagt: Dadurch wird es nicht noch illegaler als es ohnehin schon ist.

Kommentar von Shinjischneider ,

Auch von mir vielen Dank für die ausführliche Antwort.

Aber sehe ich das richtig? Für Bearbeitungen, zum Beispiel parodistische Textänderungen eines klassischen Musikstücks, ist trotzdem noch die Erlaubnis des Urhebers oder seiner Nachfahren notwendig?

Angenommen ich wollte den Figaro aus Barbier von Sevilla mit neuem Text singen, dann bräuchte ich die Erlaubnis von Rossinis Nachkommen?

Kommentar von ThomasMorus ,

Nein.

Eine Erlaubnis bräuchtest du nur für moderne Stücke. Das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. (§64 UrhG) Das war in Rossinis Fall (1868 gestorben) am ersten Januar 1939.

Und selbst bei Stücken, an denen noch Urheberrechte bestehen, ist eine "Parodie" wieder ein völlig anderes Thema. Da handelt es sich unter Umständen um eine "Freie Benutzung" nach §24 UrhG.

Eine "freie Benutzung" ist normalerweise nur gegeben, wenn man das Ursprungswerk in einer Bearbeitung überhaupt nicht mehr erkennt. Dass eine Parodie in dem Fall aber nicht funktionieren kann, war auch dem BGH klar. Deswegen hat er für diesen Sonderfall den Rechtsbegriff des "inneren Abstands" konstruiert. Bei einer Parodie entspringt der "Abstand zum Ursprungswerk" demnach nicht aus seiner Verfremdung sondern aus einer "Antithematischen Verwendung". Ob die gegeben ist, ist im Einzelfall schwer zu sagen.

Nach dem Wortlaut des Gesetzestexts in §24 ist eine "freie Benutzung" für Musik zwar ausgeschlossen. Der BGH hat die Zulässigkeit von Song-Parodien aber wiederholt in seiner Rechtsprechung bestätigt. Jedoch muss dazu wirklich auch an der Musik und Melodie etwas geändert worden sein. Es reicht nicht die unveränderte Melodie einfach mit einem neuen Text zu versehen.

Kommentar von Shinjischneider ,

Danke für die Auskunft.

Ich mache vor Allem Parodien mit unveränderter Musik, darum interessiert mich das Thema. In der Schweiz ist die Parodie von Musik zum Glück noch erlaubt auch ohne Änderung der Melodie. Wobei auch da verschiedenste Interpretationen bestehen was nun eine Parodie ist und was nicht.

Antwort
von Shinjischneider, 38

Also Cover sind meistens weniger ein Problem. Es kann jedoch sein, dass die Urheber Einspruch gegen das Video erheben. Dann wird es einfach geblockt.

Wenn es alte Weihnachtslieder sind (also 100 Jahre und älter) macht Euch keine Sorgen. Da sind die Urheber schon lange Tod.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community