Frage von General001, 62

Ist diese Übersetzung richtig (Latein)?

Colendae sunt.
1) Man muss sie pflegen.
2) Sie müssen gepflegt werden.

Audendum est.
1) Man muss es wagen.
2) Es muss gewagt werden.

Antwort
von Zephyr711, 62

Hallo,

In aller Kürze:

Grundsätzlich erstmal: Ja.

Je nach Kontext können die Bedeutungen natürlich variieren.

UND beim ersten ist ein Bezugswort unverzichtbar.

Kommentar von General001 ,

Warum ist es unverzichtbar, es macht Sinn. Oder ist nur im Lateinischen so? :)

Kommentar von Zephyr711 ,

Naja,

Das Gerundium bildet nur im Singular Formen aus.

audendum est - es muss gewagt werden (im Sinne von "Man muss auch mal was wagen") kann allein für sich stehen.

Bei deinem anderen Satz liegt folglich ein Gerundiv vor, das ein Bezugswort verlangt. colendae sunt lässt sich so für sich nicht sinnvoll übersetzen. Auch im Dt. benötigt man hier irgendeinen Bezug, wer Sie sind.

Bsp: "Segetes colendae sunt" - Die Felder müssen bebaut/gepflegt werden

oder 

Segetes latae sunt. Colendae sunt. - Die Felder sind groß/weit. Sie müssen bebaut/gefplegt werden.

Ohne einen Bezug müsste man auch hier sagen:

colendum est - Es ist zu bebauen/pflegen; Man muss bebauen/pflegen

Schönen Gruß

Kommentar von Zephyr711 ,

Oder nochmal einfach fürs klare Verständnis:

Wenn man sagt: "Man muss arbeiten.", dann ist das vollkommen in Ordnung und verständlich. Man erklärt sich von selbst - Das ist halt jeder.

Wenn ich aber sage: "Sie müssen arbeiten.", dann ist nicht klar, wer sie sind. Man benötigt den Zusammenhang - entweder direkt im Satz ("Die Menschen müssen arbeiten.") oder in einem vorangegangenen ("Die Menschen haben einen Arbeitsplatz. Sie müssen arbeiten."

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Latein, Schule, ..., 47

ad 1) wörtlich: sie sind zu pflegende
         zu achten ist aber darauf, dass es Femininum Plural ist;
         deshalb darf man es nicht einem falschen Beziehungswort zuordnen;
         das deutsche "sie" gilt für alle Genera

ad 2) wörtlich: es ist ein zu wagendes
         auch hier kann es nur auf ein Neutrum Singular bezogen werden

Kommentar von General001 ,

Und wie kann man das in der "müssen Form " übersetzen?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Kommentar von Volens ,

wie kann man das in der "müssen Form " übersetzen?

So, wie du es in (2) gemacht hast.
Ein Gerundiv ist in seiner Bedeutung Futur Passiv, besser gesagt: Passiv nachzeitig. Das sollte man versuchen, im deutschen Satz oder Nebensatz herauszuarbeiten.

Kommentar von Zephyr711 ,

Das zweite muss nicht unbedingt einen Bezug haben.

Es ist auch möglich, es so als Es ist zu wagen / Man muss wagen zu übersetzten.

Oder ähnlich: spirandum est. - Man muss atmen.

Wenn der lateinische Text natürlich ein Bezugswort bietet, hast du selbstverständlich recht.

Kommentar von Volens ,

Wenn man hier Hilfe leistet, gibt es immer ein Problem mit den Sonderübersetzungen, die dadurch entstehen, dass Lateiner und Deutsche gelegentlich in verschiedenen Bahnen denken und manche Lehrer penibler sind als andere. 
Ich hatte mal einen, der mochte es einfach nicht, wenn eine in Latein passiv gedachte Konstruktion ins Aktiv gebracht wurde. Das führte immer zu großer Freude bei der Übersetzung des PPP. Ähnliches gilt für das Gerundiv.
Du hast jeweils unter (1) das unpersönliche Aktiv genommen. Das wird zwar gern so gemacht, ist aber grammatisch eigentlich nicht ganz in Ordnung. Die Sichtweise des Lehrers wäre für dich dann maßgeblich.

Kommentar von Volens ,

Mit "du" ist hier der FS gemeint, nicht der Kommentator.
Zephyrs Bemerkung ist durchaus weiterführend.

Kommentar von General001 ,

Also in der Schule haben wir beide Übersetzungen gelernt. Ihm war sogar die unpersönliche Übersetzung fast lieber als die andere.

Darf man eigentlich bei der unpersönlichen Übersetzung das sie/es mit rein nehmen oder wäre das falsch?

Kommentar von Volens ,

Durch die Aktivbildung nimmst du eine grammatische Veränderung vor, die ggf. ein Akkusativobjekt im Aktivsatz generiert. Da sind (mit Maßen) auch Pronomen wie "es" oder "sie" nützlich. Sie dürfen aber nicht sinnentstellend verwendet werden oder zu viel Interpretationsspielraum bieten, wie du es auch bei Zephyr schon gelesen hast.

Kommentar von General001 ,

Aber das SIE und das ES sind ja in der Form von esse enthalten. Also wurden sie ja nicht hinein interpretiert, oder? :)

Kommentar von Volens ,

Doch, wurden sie.
Im lateinischen Satz sind es im Passiv die Nominative, die entweder benannt werden oder unpersönlich sein können.
Die sind dann im Prädikat gewissermaßen "enthalten". Das ist jedoch nur deutsches Verständnis davon, weil wir ohne Subjekt nicht leben können, - der Lateiner aber schon.
Danach ist es dann eine Interpretationsfrage. Gewöhnlich wird das Akkusativobjekt zum Subjekt eines Passivsatzes. Wenn man rückwärts zu einem nicht existierenden Subjekt ein Akkusativobjekt erfindet, kann es Sinn haben oder nicht. Das kommt auf den Zusammenhang an.

Die von dir gemeinten "sie" und "es" stecken in keinem "sunt", denn im Aktiv gibt es kein "sind". Du hast dort ein Hilfsverb mit Infinitiv hineingestellt.
Beide Wörter stehen ja auch im Akkusativ.

Kommentar von General001 ,

Also wäre dann nur: "Man muss wagen." besser? 

Kommentar von Volens ,

Ich schrieb ja schon: es kommt darauf an.
"Man muss wagen!" ist stilistisch selten so richtig gut, nur in ganz allgemeinen Statements vielleicht.
Besser wäre hier "Man muss etwas wagen!"
Wenn jedoch in einem Satz davor etwas beschrieben wurde, das gewagt werden könnte, müsstest du übersetzen:
"Man muss es wagen!"

Die allgemeine Form würde ein deutscher Dichter vielleicht sogar so formulieren:
"Es gibt immer etwas zu wagen!"

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