Frage von Deniz2502, 143

Ist die Türkei nicht ein demokratisches Land?

Also in der Türkei war in letzter Zeit vieles los.

Steckt ehrlich Erdogan jeden in den Knast, der gegen ihn ist? Haben die dort keine Meinungsfreiheit? Meinungsfreiheit und Demokratie sind ja was positives. Und Erdogan schafft das ja weg. Aber warum ehren ihn dann trotzdem so viele Menschen? Ich verstehe es nicht.

Ich habe Videos gesehen, wo kurdische Frauen von türkische Polizisten geschlagen wurden. https://youtu.be/1cv3WCnGPV4

Diese Leute sind einfach nur Abschaum. Warum tun die das? Was haben die getan, dass die so auf die drauf gehen?

Langsam aber langsam hasse ich die Türkei. Nicht die ganze Gesellschaft. Sondern die Menschen, die Erdogan wählen und nur Ungutes tun im Land. Und die Leute die Erdogan wählen, tun Ungutes im Land.

Ich verstehe auch nicht die ganze Sache mit den Türken und Kurden. Warum sind so viele Türken gegen die Kurden. Und gegen welche Kurden überhaupt? Gegen die PKK? Was ich aber noch hasse, ist wie ich in der Schule oft gehört habe, das Kurden kein Land hätten. Hatte ein Kurde gegen ein anderen aus anderer Herkunft mal Streit. Beispiel: Wegen einem Mädchen. Kam sofort das Wort "Landloser"...Warum? Was hat das denn jetzt damit zu tun? Das regt mich halt extremst auf. Liegt es vielleicht an der Erziehung oder sind diese Menschen so stark verblendet, dass die selber nicht mal mehr wissen, was die von sich geben?

Meine Ex ist Kurdin gewesen. Warum habe und wollte ich mich in sie verlieben oder warum wollte ich mit ihr eine Beziehung führen? Weil mich diese ganze Herkunft überhaupt nicht interessiert. Man liebt nicht, weil man von da und da her kommt, sondern man liebt den Menschen an sich. Ich wusste, wenn ich eine Beziehung mit einer Kurdin führen würde, dass jeder sagen würde "Junge, das funktioniert doch eh nicht. Du bist Türke und sie Kurdin." Sagt mir bitte...Wie dumm ein Mensch sein kann, der sowas behaupten kann. Und jeder der davon wusste, hat sowas ähnliches gesagt. Mich xfuckt das so langsam ab. Ich wollte mit dieser Beziehung anderen beweisen, dass die Herkunft nicht wichtig ist und man trotzdem glücklich sein kann. Naja die Beziehung hielt leider nur 1 Jahr. Zurück zum anderen Thema.

Zurück zum Thema Erdofurz.

Könnt ihr mir Argumente nennen, warum Menschen ihn immernoch wählen? Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mal, warum ihn Leute die wählen. Wählen ihn die Leute, weil er Türkei wirtschaftlich groß raus gemacht hat oder warum? Und warum hasst er die Kurden? Hasst er die Kurden, die gegen Türken sind? Einer muss doch mit der ganzen Sachen angefangen haben. Wer hat angefangen mit der ganzen Sachen, bzw. wie es dieser Hass entstanden? Man muss aber wissen, dass aus Gewalt immer Gegengewalt folgt.

"Die Welt wird noch irgendwann sinken vor Hass."

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von TomMike001, 83

...leider ist die Türkei auf dem besten Weg von der Demokratie in eine Diktatur. Der Putsch war nur der Anlass, um auch gleichzeitig auch alle anderen sog. Andersdenkenden kaltzustellen, die anderer Meinung wie Erdogan sind bzw. in Opposition zu ihm stehen. Das Erdogan ein Demagoge und Despot ist, steht wohl außer Frage.

Jeder, der aufmerksam die Berichterstattungen verfolgt, wird das bestätigen können.

Es ist in einer Diktatur, meist in einer Demokratie auch, immer so, dass dem Volk Dinge versprochen werden, um es politisch "mitzureissen und zu überzeugen". Wie die Geschichte beweist, ist es zumeist immer anders gekommen.

Antwort
von 1966Michael, 47

Ich bin generell der Meinung, dass man als Außenstehender die Entwicklung in einem anderen Land sehr vorsichtig beurteilen sollte, vor allem wenn der kulturelle Unterschied zu diesem im Vergleich zur eigenen Heimat sehr groß ist. Auch sollte eine solche Einschätzung nie losgelöst von der Geschichte des Landes vorgenommen werden.

Die Türkei hat im Gegensatz zu europäischen Ländern wie England oder Frankreich noch keine lange Phase der Demokratie erlebt. Den größten Teil seiner Geschichte war es als Osmanisches Reich eine Monarchie, wobei der Herrscher (Sultan) zugleich in Anspruch nahm, das Oberhaupt (Kalif) aller Muslime zu sein.

Der erste Weltkrieg war für die Türkei eine traumatische Erfahrung, die noch weit über die Demütigung Deutschlands durch den Vertrag von Versailles hinausging. Nicht nur das Osmanische Reich ging unter, die Siegermächte versuchten selbst das türkische Kernland von der Landkarte verschwinden zu lassen und zwischen England, Frankreich, Griechenland, Italien und einem geplanten autonomen Kurdistan und Armenien aufzuteilen. Die englisch-französischen Versprechen an die Kurden und Armenier verschärften die Spannungen zwischen den in der Türkei lebenden Völkern und waren auch ein Auslöser für den Völkermord der jungtürkischen Bewegung an den Armeniern.

Dass die Türkei nicht völlig unterging, hat sie Mustafa Kemal Pascha ("Atatürk") zu verdanken. Sein Ziel war ein moderner Nationalstaat mit einer strikten Trennung von Religion und Staat. Er initiierte zahlreiche Reformen, in deren Verlauf die Türkei oft westeuropäische Gesetze zum Vorbild nahm. Er stützte sich vor allem auf das Militär, das seitdem die Bewahrung der von Kemal Pascha geschaffenen ("kemalistischen") Ordnung, insbesondere der säkularen Verfassung, als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet.

Auch unter Kemal Pascha war die Türkei noch keine Demokratie, sondern ein Einparteiensystem. Ein Mehrparteiensystem mit freien Parlamentswahlen setzte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg durch. Mehrfach aber putschte das Militär, wenn es die Stabilität des Landes bedroht sah. Es versuchte in all diesen Fällen, die Krise durch eine Verfassungsänderung zu lösen und gab nach relativ kurzer Zeit dann die Macht an eine zivile Regierung zurück. Es gab während dieser Zeit weitere Reformen, bei denen sich die Türkei wiederum nicht selten an Westeuropa orientierte.

Erdogan war als Ministerpräsident sehr erfolgreich. Die wirtschaftliche Situation auch vieler Normalbürger verbesserte sich erheblich, die Türkei weist das beste Sozialsystem aller muslimischen Länder auf. Zugleich stärkte er als erster Regierungschef der modernen Türkei wieder - dies aber bislang behutsam - die Rolle des Islam. Ich habe auf Dienstreisen in arabische Länder selbst erlebt, dass viele Muslime Erdogan mit großen Hoffnungen betrachteten, weil er den Beweis zu erbringen schien, dass auch ein islamisches Land für die Allgemeinheit seiner Bürger wirtschaftlich erfolgreich sein kann, und nicht nur für eine kleine herrschende Minderheit.

Mit der Rückbesinnung auf den Islam musste Erdogan zwangsläufig in Konflikt mit dem Militär geraten, dessen Macht er folgerichtig einzuschränken versuchte. Die Beschneidung der innenpolitischen Macht des Militärs ist an für sich positiv zu bewerten, doch grff Erdogan auch schon vor dem Putschversuch vor einer Woche  dabei gelegentlich zu Maßnahmen, die mit einer Demokratie nach unserem Verständnis nicht vereinbar sind (umstrittene Gerichtsverfahren gegen Angehörige von Militär, aber auch der Justiz). Dieser Konflikt ist mit dem Putschversuch eskaliert, und es ist zu befürchten, dass Erdogan seine bisherige innenpolitische Vorsicht nicht mehr länger beibehält.

Dass die AKP im letzten Jahr nach dem Patt der ersten Wahl die zweite Wahl klar gewonnen hat, haben sich die Oppositionsparteien überwiegend selbst zuzuschreiben. Sie waren einfach nicht bereit, für die Bildung einer Dreierkoalition über den parteipolitischen Tellerrand hinauszuschauen. Viele Türken haben daher bei der zweiten Wahl auf Stabilität gesetzt, hoffentlich nicht vergebens.

Insgesamt würde ich die Türkei seit dem zweiten Weltkrieg als demokratisches Land bezeichnen, das es aber noch nicht geschafft hat, die Demokratie stabil in seiner Gesellschaft zu integrieren. Man sollte aber von einem Land, das sich kulturell deutlich von Europa unterscheidet, nicht erwarten, dass es europäische Maßstäbe 1:1 kopiert. Wir sollten unsere Erwartungen hinsichtlich der Übertragbarkeit gesellschaftlicher und politischer Modelle von einem Kulturkreis in einen anderen deutlich herunterschrauben. Das US-amerikanische Konzept des "Nation Building" und einer globalen Verbreitung US-amerikanischer Demokratie (was letztendlich auch eine ganz undemokratiche Idee ist) bedeutete für die meisten als Experimentierfeld benutzten Länder Tod und Verderben.

Antwort
von DottorePsycho, 53

Hi Deniz,

ich habe eine Menge Freunde, die in der Türkei leben, die meisten in Istanbul. Diese Leute haben derzeit einfach nur noch Angst. Sie gehören nämlich zu denen, die aufgrund ihrer gehobenen Bildung derzeit das Land nicht mehr verlassen dürfen. Die Zustände dürften vergleichbar sein mit dem frühen Hitler-Deutschland; niemand traut sich, auch nur ein kritisches Wort gegen Erdogan zu äussern. Die Leute, die Erdogan nicht feiern, trauen sich kaum noch auf die Strasse. Man weiss auch nicht mehr so genau, wem man noch trauen kann oder wer einen vielleicht als regierungs-kritisch anschwärzt. Und das ist definittiv keine Demokratie mehr.

Warum Erdogan trotzdem von vielen verehrt wird, dürfte damit zusammenhängen, dass man sich erhofft, dass er den Islam dort stärkt, die Schariah ausruft und einen "Gottesstaat" gründet. Spätestens dann wird auch der letzte kapieren, dass wir es hier mit einem Diktator zu tun haben, nicht aber mit dem Präsidenten einer Demokratie.

Du kannst schonmal ein Gästezimmer bereithalten für die türkischen Flüchtlinge, die wir demnächst begrüßen können.

Antwort
von Ifosil, 74

Schau mal, Erdogan zeigt sogar Satiriker hier in Deutschland an. Das zeigt schon, wie kleingeistig der Typ ist. 
Türkei war mal eine Demokratie, nun ist damit Schluss. 

Antwort
von soissesPDF, 45

Erdogan errichtet gerade eine faschistische Diktatur.
Demokratisch war die Türkei auch vorher schon nicht, bestenfalls ansatzweise auf dem Weg dorthin.

Antwort
von exxonvaldez, 52

Also WENN die Türkei jemals eine Demokratie war, dann ist das jetzt vorbei!

Von mir aus sollen sie auch aus der NATO rausfliegen!

Antwort
von 1900minga, 17

Nicht mehr wirklich

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