Frage von lordbuerzel, 36

Ist die männliche Nerd-Kultur ein Hemmnis für junge Frauen in MINT-Fächern?

These: Dass Frauen bei den Ingenieuren nicht Fuß fassen können, liegt womöglich an der, die Ingenieurwelt prägende und bereits in der Schulzeit entstehende Nerd-Kultur.

In welchen gruppendynamischen Prozessen läuft männliche Sozialisation in der Schule ab? Vereinfacht betrachtet, gibt es da die 'coolen' Jungs, die früh und heftig in die Pubertät kommen, und dadurch wichtige Eigenschaften von Männlichkeit aufweisen können (tiefe Stimme, große Körpergröße, starkes Muskelwachstum), die den anderen Jungen also körperlich überlegen sind, zudem vom Elternhaus einen gewissen, männlich geprägten Habitus mitbekommen haben, die daraus ein gewisses maskulin begründetes Selbstbewusstsein beziehen, oder sich zumindest als selbstbewusst-männlich inszenieren.

Dann gibt es die Gruppe von Jungen, die diese Eigenschaften nicht aufweisen. Sie stehen nichtsdestotrotz unter dem Zwang, sich ihrem biologischen Geschlecht sozial zu stellen, sich diesem also irgendwie zuzuordnen. Stets auch um die Anerkennung der "männlichen" Jungen bemüht, distanzieren sie sich scheinbar von diesen, um dem direkten Vergleich und der damit erwarteten oder tatsächlichen Abwertung zu entgehen.

Diese Gruppe schafft sich nun ihre eigenen Maßstäbe, nach denen eine Kategorisierung als "männlich" wenigstens innerhalb dieser Gruppe möglich wird. Diese Art der Männlichkeit bezieht sich auf Technik und Naturwissenschaften bzw. inszeniert sich über Technikwissen. Deshalb kann man von einer relativ geschlossenen Jungenkultur sprechen, weil hier ein ganz eigenes Normen- und Wertesystem herrscht. Nicht Sportlichkeit, Stärke, Erfolg bei Mädchen, maskuline Roheit und Schlagfertigkeit usw., sondern die neueste Technik und Software, das Wissen darüber, Programmierkenntnisse, sowie die Fähigkeit sich in der Kommunikation darüber wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Letztlich bleibt dieses Verhalten aber immer auf Männlichkeit bezogen, sogar umso mehr, als sich diese Jungen von der originär männlichen Jungenkultur ausgeschlossen fühlen und sie sich daher eine alternative Männlichkeit 'basteln', die aber dennoch kein konsequenter Gegenentwurf von Männlichkeit ist. Daher ist auch ein wichtiges Element der Nerd-Kultur die Abwertung von Weiblichkeit. Mehr als andere, als beispielhaft männlich erachtete Männer, grenzt man sich bewusst von Frauen und Mädchen ab. Dieses Bewältigungshandeln kann als Reaktion gesehen werden, auf Ablehnung von den "männlichen" Jungen einerseits ("Schaut her, unser Frauenbild steht eurem in nichts nach.") und Mädchen andererseits ("Eben weil wir Weiblichkeit ablehnen, haben wir Umgang mit Mädchen nicht nötig.")

Antwort
von Pramidenzelle, 9

Also ich bin weiblich, studiere ein MINT-Fach, wenn auch nicht Ingeneurswissenschaften, und mir sind schon eine Menge Nerds über der Weg gelaufen (Gerüchten zufolge soll ich auch einer sein ...) und mein Eindruck ist eigentlich ein anderer: Die "Szene" wenn wir es Mal so nennen wollen (oder zumindest der Mikrokosmos an meiner Uni) ist eigentlich überhaupt nicht grundsätzlich frauenfeindlich sondern allen Geschlechtern (und sexuellen Orientierungen) gegenüber offen.
Das Einzige, womit es ein Problem gibt, das sind die Mädchen-Überraschungsei-Spielerfrauen-Glitzerbarbies, um es Mal böse zu sagen.

Es gibt einfach immer noch die Situation, dass Mädchen quasi beigebracht wird, dass sie rosa toll finden, sich jede Menge Makeup ins Gesicht klatschen und das Rollenbild als schwaches Geschlecht erfüllen müssen und schon bekommen sie für ein Wimpernklimpern, was sie wollen. Ich würde behaupten, dass man diesen Frauen ein frauenfeindliches Weltbild mitgegeben hat, und damit kommt man unter den Nerds nicht weiter. Entgegen aller ich-hab-noch-nie-ein-Mädchen-gesehen-und muss-sabbern-sobald-eins-mich-anspricht Stereotypen haben viele männliche Nerds, sobald sie erstmal aus der Schule raus sind doch auch eigentlich ganz gute Chancen bei Frauen, feste Beziehungen und können da differenzieren.

Die MINT-lerin existiert zumindest im Laufe des Studiums durchaus. Nur wenn man sie Mal auf Partys treffen sollte, dann trägt sie ungebügelte Kleidung, wirre Haare und kein Makeup (ja, ich überspitze gerade). In meinem Studiengang sind wir als Frauen sagar in Überzahl - und dabei haben wir nicht einmal Biologie im Titel.

Aber das sind nur meine 5 Cent aus der Studentinnensicht - ob sich das einfach gerade Generationentechnisch ändert, meine Uni eine Ausnahme ist, odder ein guter Teil meiner Kommilitoninnen sich am Ende für die Karriereoption "Hausfrau und Mutter" entscheiden, das kann ich nicht sagen.

Kommentar von lordbuerzel ,

Vielen Dank für den Kommentar und fürs ausführliche Antworten. Freut mich sehr. Mich interessiert noch:

- was bei Dir den Ausschlag für deine Studienwahl gegeben hat (Lehrer, Elternhaus, sonstige Vorbilder, Begabung, Boys/Girls Day, Schulpraktikum etc.)

- ob und wie an deiner Schule das Thema Frauen in technischen Berufen angefasst wurde

- was hat evtl. andere Leute bei euch, deine Freundinnen, Mitschülerinnen davon abgehalten, MINT zu wählen?

Kommentar von Pramidenzelle ,

Also meine Studienwahl war von ziemlich vielen Faktoren beeinflusst, angefangen von Harald Lesch (Fernsehsendung Alpha Centauri und ähnliches), der so wunderbar erklärt, wie wissenschaftliche Methodik funktioniert, was mich schon in jungen Jahren begeistert hat. Obwohl ich überall (außer is Sport) sehr gut in der Schule war, waren es die naturwissenschaftlichen Lehrer und Mathelehrer, die mich besonders gefordert haben, mich ermutigt haben, mei Wettbewerben mitzumachen und dann hatte ich auch noch ein wirklich tolles Praktikum in dem Bereich und meine Eltern stehen total hinter mir, von der Seite meines Papas ist die Familie eher von Ingenieuren und Schulmedizinern geprägt - von Girls Day, von dem ich im Studium zum ersten Mal gehört habe abgesehen: Eigentlich alle der gennannten Punkte.

In der Schule hatten wir (in der 12. Klasse, oder so?) solche Berufsinformationsveranstaltungen, sind auf Abi-Messen gefahren und dergleichen, aber gerade auf der Abi-Messe war ich total enttäuscht, weil ich zu dem Zeitpunkt schon längst wusste, in welche Richtung es gehen sollte und es nu einen einzigen Aussteller hab, der naturwissenschaftliche Studiengänge vorgestellt hat - aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass ich am kleinen Zeh Deutschlands aufgewachsen bin...

Viele Mädchen aus meinem Abijahrgng waren seeeehr politisch interessiert und wollten sich auch beruflich in diese Richtung entwickeln und von dem Teil, der naturwissenschaftlich begeistert war, entsprechende LKs gewählt hat, davon hat sich bestimmt die Häfte richtig gequält, damit der Schnitt am Ende auch ja für's Medizinstudium reicht und die meisten davon sind auch noch mit ewigem Auswendiglernen statt MINT beschäftigt. Warum gerade Medizin aber so fasziniert, das weiß ich gar nicht. Auf einer Seite ist es zwar bei jedem die persönliche Geschichte, aber andererseits schon eine ziemlich Häufung.
Vier Mädels aus meinem Jahrgang haben dann tatsächlich mit naturwissenschaftlichen Studiengängen angefangen.
Wenn man bedenkt, dass wir 48 Schüler im Jahrgang waren, davon 26 Mädchen, dann sind das schonmal 15% der Damen, was ja nicht wenig ist, nur dass die "Stichprobe" wohl zu klein ist, um wirklich eine sinnvolle Aussage zu machen ...
Mit dem fertigwerden ist das allerdings so eine Sache. Eine hat zwischenzeitlich beschlossen, ein Kind zu bekommen und vielleicht irgendwann später Mal fertig zu studieren oder so, aber hat einen MINT-Bachelor, genau wie Nummer 2 und ich, die beide noch am Master arbeiten - zu der letzen habe ich keinen Kontakt mehr.

Was mir dabei noch einfällt ist aber, was eine von uns davon abgehalten hat, Informatik zu studieren - nämlich die Tatsache, dass im Informatikstudium grundlegende Programmierkenntnisse offenbar stillschweigend vorausgesetzt werden, es aber an unserer Schule niemals die Möglichkeit gab, Informatik zu belegen, um diese zu erlangen - weil es keinen Lehrer dafür gab.
Also quasi nur Leute von den passenden Schulen und Autodidakten in diesem Studiengang?

Antwort
von Ruffy5286, 5

Kommen wir gleich zum Thema. Ich denke nicht, dass der Zeitpunkt der Pubertät, jetzt nur auf das Körperliche bezogen, einen Einfluss darauf hat, ob du dich für Technik interessierst oder dein Selbstbewusstsein über dein Wissen darüber definierst. Grundlegend möchte ich ersteinmal zustimmen, dass gerade die Informatik doch eher von Männern dominiert wird. Ich studiere den Quatsch selbst und sehe das immer im Hörsaal.

Es stimmt. Einige in diesem Hörsaal sind deine so schön beschriebenen Nerds. Wir nennen sie liebevoll Anti-Dusch-Front. Diese machen aber nur einen kleinen Teil der Anwesenden aus. Ja und viele haben auch etwas autistisches an sich, mich selbst auch eingeschlossen. Das heißt aber noch lang nicht, dass es sich hier um eine reine Nerd-Kultur handelt und dass sich diese Leute schon in der Schulzeit ausgegrenzt haben. Nehmen wir mal mich selbst als Beispiel. Ich studiere Informatik, war schon in der Schule eher mehr naturwissenschaftlich begabt und auch immer vom Notendurchschnitt immer im oberen viertel der Klasse.  Ich konnte auch damals schon programmieren und war auch in der Informatik-AG. Trotzdem hab ich mich nie von meinen Klassenkameraden abgegrenzt. Im Gegenteil. Ich hab Nachhilfe gegeben und auch oft einfach so mit ihnen rumgehangen und meine Pubertät war auch nicht unbedingt früh, falls das von Belang ist.

Informatiker oder generell auch Ingernieure sind doch keine total weltfremden Nerds, die die ganze Zeit nur unter sich sind. Ganz im Gegenteil. Die Elektrotechniker-Fete ist unter Studenten bekannt dafür, dass da alle möglichen Studenten sich einfach zusammen besaufen. Ich kann da beim besten Willen nicht wirklich eine Nerd-Kultur entdecken, die junge Frauen abschrecken könnte. Wenn dann ist es die weit verbreitete Meinung über diese Stüdiengänge, die sich aus Vorurteilen begründen und nicht im Bezug zur Realität stehen. Das ist genauso als würde man sagen, dass alle Gamer Nerds sind. Das ist eine falsche Implikation, die sicher auch aus der Meinung stammt, die einem die Medien vermitteln. Dort wird andauernd auf der Internetkultur rumgehackt und man versucht alles so negativ wie möglich darzustellen. Es ist aber nicht alles schwarz und weiß. Es gibt viele Grautöne dazwischen.

Zurück zum Thema: Meines Erachtens nach ist der überwiegende Teil der Frauen, die nicht diese Fächer studieren, einfach nicht an diesen Dingen interessiert. Warum ließe sich jetzt sicher auf mehrere Gründe zurückführen, aber darum geht es ja in deiner Frage nicht.

Diese Nerds, die ihr Selbstbewusstsein nur über ihr Wissen definieren und immer alles besser wissen sind auch bei uns nicht beliebt und grenzen sich auch an der Uni aus, selbst in einem Studium, was laut allgemeiner Meinung ja eh nur Nerds machen.

So, runden wir das Ganze noch ein wenig ab mit etwas Kritik an den Medien: Die einzigen, die sicher keinen wirklichen Zugang zu den Leuten in einem solchen Studiengang finden, sind überschmikte Tussies, die solche Erwartungen von diesen Studiengängen haben. Das liegt aber daran, dass man im Gespräch mit einem solchen Indiviuum das bedrückende Gefühl hat seine kostbare Zeit zu verschwenden und das ist ja in den meisten Fällen sogar angebracht. Die Medien legen auch offenbar keinen Wert darauf Nerds oder einfach nur Menschen, wie man sie auch nennen könnte, anders darzustellen. Auch The Big Bang Theorie macht da keinen sehr guten Job XD.

Antwort
von lordbuerzel, 22

Da ihnen die ersehnte Anerkennung sowohl durch andere Jungen als auch durch Mädchen verwehrt bleibt, gewinnen diese Jungen ihre Bestätigung aus der Beschäftigung mit Technik und Computern, und aus der anerkennenden Kommunikation darüber. Durch die Technik scheint auch eine Brücke geschlagen zu sein zu technischen Fächern. MINT-Fächer gelten in dieser Kultur nicht mehr als uncool, sondern eben gerade als cool und alternativ-männlich. Technik allgemein ermöglicht als Bezugsebene die Bewältigung des biologischen Auftrages, zum Mann zu werden. Die MINT-Fächer profitieren davon. 

Aus dieser Gruppe rekrutiert sich nun der Hauptteil der Ingenieursstudenten. Ihr Habitus des technikaffinen Machos bringen sie mit ein. Wobei das Machohafte eher nicht im Vordergrund steht, da es öffentlich nicht ausgelebt werden kann. Es ist schon eher eine Randnote, die aber beständig im Hintergrund mitschwingt.

Junge Frauen, die ein Ingenieurstudium beginnen, treffen auf diese Nerd-Kultur. Sie sind dann mit einer Mischung aus geschlechtsbezogener Ablehnung und auf der anderen Seite neugierig-unsicherem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht konfrontiert. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass dies viele Mädchen abschreckt.

Antwort
von Messerset, 8

Das einzige Hemmnis ist die geringere Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit und Begabung von Frauen.

Damit schließe ich übrigens nicht aus, dass es einzelne Frauen bei genügend Einsatz auch zu Höchstleistungen in MINT-Fächern bringen, ich hatte selbst eine Kommulitonin, die mich in den meisten Fächern außen überholt hat, obwohl ich auch gute Leistungen hatte.

Der größte Anteil von Frauen faselt aber lieber etwas von Work-Life-Balance, anstatt sich den A..... für ihr Studium aufzureißen. Beliebt bei Frauen ist auch, die Schuld auf andere zu lenken, zum Beispiel auf die angebliche Nerd-Kultur bei den Männern.

Kommentar von lordbuerzel ,

OK, also weniger Engagement für die Karriere bei gleichzeitigem Abwehren der Verantwortung für das eigene Vorankommen
Danke. Ich bin übrigens keine Frau. Ich überprüfe hier nur meine Hypothese und rackere mir den A... ab. ;)

Kommentar von Pramidenzelle ,

Sorry, aber ich als Frau, die im naturwissenschaftlichen Studium ganz gute Noten hinlege bin er Ansicht, dass man mit dem Aufreißen von Körperteilen nicht weiter kommt.
Wenn im System irgendwo Leute sitzen, die nur Menschen ernst nehmen, die 24h am Tag erreichbar sind, das Studium/den Job als einziges Hobby ansehen und Frauen im Allgemeinen für unbegabte, unbelastbare Zumutungen für die Gesellschaft halten, dann wird da allen der Weg versperrt.
Es ist ja schön, wenn man sich den ganzen Tag nur mit der Arbeit beschäftigt, aber wenn ich drei Stunden über einem Problem gebrütet habe, dann entscheide ich mich eben, einfach Mal eine halbe Stunde einem meiner Hobbys nachzugehen. Und sobald ich nicht mehr darüber nachdenke, ist die Lösung plötzlich da. Ich bin kein Mann, also weiß ich nicht, wie es in deren Köpfen aussieht, aber zumindest mein Gehirn funktioniert eben so.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community