Frage von johnhh7632, 7

Ist die Anwendung von Codeswitching abhängig von sozialen Einflüssen und /oder ethnografischen Faktoren?

Die üblichen Reaktionen auf dieses seltsame Sprachgemisch, das man auf der Straße, in der U-Bahn oder auf dem Schulhof hört, fallen entsprechend ablehnend aus. "Schlechtes Deutsch" sei das, ein Hinweis auf mangelnde Integration. Selbst ernannte Sprachwarte heben mahnend den Zeigefinger und warnen vor dem Verfall der deutschen Sprache, die ohnehin von Anglizismen wie Barcode, Shitstorm oder gehighlightet massiv bedroht sei.

Ist das wirklich so?

Antwort
von Deponentiavogel, 1

Was verstehst du unter Codeswitching, ist die Frage.

Kannst du dich noch an den Shitstorm wegen Ben Affleck erinnern?

Leute, die von Sprache keine Ahnung haben, gehen davon aus, dass es sich bei Shitstorm um ein englisches Wort handelt. Das wäre dann tatsächlich Codeswitching, denn der Sprecher würde plötzlich anhalten, um ein Wort in einer anderen Sprache (in einem anderen Zeichensystem!) zu sagen, um dann wieder in der Ausgangssprache weiterzusprechen.

Das funktioniert tatsächlich, zum Beispiel in diesem Fall:

Die römische res publica war keine Republik in unserem Staatsverständnis. 

Res publica ist tatsächlich ein lateinisches Wort, das man hier aus einer anderen Sprache zitiert. Deshalb auch die nötige Kursivierung.

Im Alltagspalaver wechselt man aber nicht die Zeichensysteme, so man keine Vokabeln auf dem Schulhof paukt. Conclusio: Kein Codeswitching. Denn Shitstorm ist ein durch und durch deutsches Wort? Das Englische kennt kein Genus und auch keine ersichtliche Deklination, beim Shitstorm funktioniert das jedoch einwandfrei:

Der Shitstorm, des Shitstorms, dem Shitstorm, den Shitstorm

Die Shitstorms, der Shitstorms, den Shitstorms, die Shitstorms

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Sprachverfall ist Unsinn. So etwas gibt es nicht. Sprache verändert sich laufend, und wie es so mit Veränderungen ist, werden sie von den Zeitgenossen nur selten gut aufgenommen. Seit fünftausend Jahren kommt es in jeder Generation zum Sittenverfall, und doch haben wir uns noch nicht aufgegessen.

Das Deutsche ist ein Sprachbastard, so viel muss gesagt sein. Untertänig wie seine Sprecher zieht es seine Wörter seit seiner Geburtsstunde aus dem Wortschatz der privilegierteren Sprachen: aus dem Lateinischen, dem Französische und heute aus dem Englischen (und das sind nur die prominenten Kandidaten).

Diese Sprachen haben mitnichten gemein, dass sie Lingua franca oder Weltsprache waren. Als das Deutsche eifrig aus dem Lateinischen entlehnte, war dieses eine tote Sprache, in der die absolute Oberelite geschrieben hat (Auch die Mönche und die Priester konnten im Mittelalter kein Latein. Darum gab es Leute wie Otfried oder Notker, die den Geistlichen die Bibel erstmal übersetzen mussten). 

Weil Latein die Sprache der Privilegierten war, entlehnte das Deutsche aus ihr. Weil das Französische die Sprache der Privilegierten war, entlehnte das Deutsche aus ihr. Beim Englischen ist es heute nicht anders. Der Fortschritt kommt aus Amerika, und korrelierend dazu kommen auch die Entlehnungen aus Amerika. Das ist der Grund, warum das Türkische auf deutschem Boden niemals die Hauptsprache werden kann. Die Türken bringen nichts mit nach Deutschland, keine technischen Neuerungen, kein Geld, keine Macht. Sie sind die Unterprivilegierten, deshalb können sie sich entweder einkapseln und eine Parallelgesellschaft bilden oder die privilegiertere Sprache lernen.

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Weil das Englische die Sprache des Fortschritts ist, gibt man sich überall, wo es nach Fortschritt riechen soll, auch dieses Air von Progress, ist ja klar. Die meisten dieser Wörter prallen aber an der Kernfassade unserer Sprache ab: Shitstorm, Barcode. Das Gros dieser Wörter ist Zeitgeist, zum Kernwortschatz des Deutschen dringen sie aber nicht durch. Wenn sie es doch tun, reihen sie sich ein in eine lange Kette anderer Wörter, die alle von irgendwoher entlehnt wurden und heutzutage munter und ohne bedenken auch in stilistisch hochwertigen Texten benutzt werden können.

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