Frage von Hbdhvgbb, 41

Ist der Kategorische Imperativ dazu da um zu prüfen ob handlungen moralisch korrekt sind?

Antwort
von Rosenblad, 31

Kant gibt darauf selbst die Antwort, wenn er schreibt: „Wie nun aber reine Vernunft, ohne andere Triebfedern, die irgend woher sonsten genommen sein mögen, für sich selbst praktisch sein, d.i. wie das bloße Prinzip der Allgemeingültigkeit aller ihrer Maximen als Gesetze (welches freilich die Form einer reinen praktischen Vernunft sein würde), ohne alle Materie (Gegenstand) des Willens, woran man zum voraus irgend ein Interesse nehmen dürfe, für sich selbst eine Triebfeder abgeben, und ein Interesse, welches rein moralisch heißen würde, bewirken, oder mit anderen Worten: wie reine Vernunft praktisch sein könne, das zu erklären, dazu ist alle menschliche Vernunft gänzlich unvermögend, und alle Mühe und Arbeit, hievon Erklärung zu suchen, ist verloren. Es ist eben dasselbe, als ob ich zu ergründen suchte, wie Freiheit selbst als Kausalität eines Willens möglich sei. Denn da verlasse ich den philosophischen Erklärungsgrund, und habe keinen anderen. Zwar könnte ich nun in der intelligibelen Welt, die mir noch übrig bleibt, in der Welt der Intelligenzen herumschwärmen; aber, ob ich gleich davon eine Idee habe, die ihren guten Grund hat, so habe ich doch von ihr nicht die mindeste Kenntnis, und kann auch zu dieser durch alle Bestrebung meines natürlichen Vernunftvermögens niemals gelangen. Sie bedeutet nur ein Etwas, das da übrig bleibt, wenn ich alles, was zur Sinnenwelt gehöret, von den Bestimmungsgründen meines Willens ausgeschlossen habe, bloß um das Prinzip der Bewegursachen aus dem Felde der Sinnlichkeit einzuschränken, dadurch, daß ich es begrenze, und zeige, daß es nicht alles in allem in sich fasse, sondern daß außer ihm noch mehr sei; dieses Mehrere aber kenne ich nicht weiter. Von der reinen Vernunft, die dieses Ideal denkt, bleibt nach Absonderung aller Materie, d.i. Erkenntnis der Objekte, mir nichts, als die Form übrig, nämlich das praktische Gesetz der Allgemeingültigkeit der Maximen, und, diesem gemäß, die Vernunft in Beziehung auf eine reine Verstandeswelt als mögliche wirkende, d.i. als den Willen bestimmende, Ursache zu denken; die Triebfeder muß hier gänzlich fehlen; es müßte denn diese Idee einer intelligibelen Welt selbst die Triebfeder, oder dasjenige sein, woran die Vernunft ursprünglich ein Interesse nähme; welches aber begreiflich zu machen gerade die Aufgabe ist, die wir nicht auflösen können.“ (einkopiert aus: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/Grundlegung+zur+Metaphysik+der+...

Kant gesteht damit ein, dass er nicht aufzeigen kann, wie es möglich wäre irgendeine wie auch immer geartete Moralnorm in die Praxis zu exportieren – sie zu akzeptieren, sie zu befolgen, sie zu konventionieren.

Antwort
von Grautvornix16, 28

Hi,- ich möchte Rosenblad ein wenig widersprechen. Kant will gar nicht zu qualitativen Einzelaussagen über Moralaspekte kommen und diese auch nicht formulieren - außer als Verstoß gegen ein Prinzip. Und dieses generelle Handlungsprinzip ist als allgemeiner Ausdruck der reinen Vernunft gegründet auf die Einsicht, das praktisches Handelnden des Menschen in die Unvollständigkeit seiner Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit eingebunden ist und  er insofern nicht mehr Handlungsfreiheit und Geltung für sich beanspruchen kann als er dem anderen zugestehen will. Da liegt aus meiner Sicht ein immer wieder auftauchendes Mißverständnis gegenüber Kants Intention bei der Formulierung des Kategorischen Imperativs vor.

Ich zitiere nochmal die Textpassage, die das deutlich macht:

" ... wie reine Vernunft praktisch sein könne, das zu erklären, dazu ist
alle menschliche Vernunft gänzlich unvermögend, und alle Mühe und
Arbeit, hievon Erklärung zu suchen, ist verloren. Es ist eben dasselbe,
als ob ich zu ergründen suchte, wie Freiheit selbst als Kausalität eines
Willens möglich sei. Denn da verlasse ich den philosophischen
Erklärungsgrund, und habe keinen anderen. Zwar könnte ich nun in der
intelligibelen Welt, die mir noch übrig bleibt, in der Welt der
Intelligenzen herumschwärmen; aber, ob ich gleich davon eine Idee habe,
die ihren guten Grund hat, so habe ich doch von ihr nicht die mindeste
Kenntnis, und kann auch zu dieser durch alle Bestrebung meines
natürlichen Vernunftvermögens niemals gelangen. Sie bedeutet nur ein
Etwas, das da übrig bleibt, wenn ich alles, was zur Sinnenwelt gehöret,
von den Bestimmungsgründen meines Willens ausgeschlossen habe, bloß um das Prinzip der Bewegursachen aus dem Felde der Sinnlichkeit
einzuschränken, dadurch, daß ich es begrenze, und zeige, daß es nicht
alles in allem in sich fasse, sondern daß außer ihm noch mehr sei;
dieses Mehrere aber kenne ich nicht
weiter. Von der reinen Vernunft, die
dieses Ideal denkt, bleibt nach Absonderung aller Materie, d.i.
Erkenntnis der Objekte, mir nichts, als die Form übrig, nämlich das
praktische Gesetz der Allgemeingültigkeit der Maximen
, und, diesem
gemäß, die Vernunft in Beziehung auf eine reine Verstandeswelt als
mögliche wirkende, d.i. als den Willen bestimmende, Ursache zu denken;
die Triebfeder muß hier gänzlich fehlen;

Und genau deshalb heißt der "Kategorische Imperativ" >Kategorischer Imperativ".

Wenn man im "KI" also sowas wie ein Meßinstrument für moralisches Handeln sehen will dann nur vielleicht in soweit wie dieser Imperativ befolgt wird oder nicht. Alles andere ist Gegenstand gesellschaftlicher Konventionen.

Gruß

Kommentar von Grautvornix16 ,

Und noch eine Anmerkung: diese Logik deckt sich ziehmlich genau mit der Formulierung der Menschenrechte als Naturrecht und damit als Prinzip. - Ich muß sie nicht alltagspraktisch als "positives Recht" für jede denkbare Lebenssituation ausformulieren, um festzustellen wann und wie gegen sie verstoßen wird. - Sie sind ein Prinzip, das keine Relativierung im oder durch alltagspragmatische Überlegungen zuläßt da diese "Relativierungen" immer ein logisches Begründungsproblem bei dem Versuch hätten, sich als "logischeres Prinzip" zu formulieren.

Kommentar von Rosenblad ,

Danke für die Replik - lerne gern dazu!

Kommentar von Grautvornix16 ,

Danke für dein Danke - ist aber auch nur meine Interpretation. Habe aber auch schon gerne und interessiert Beiträge von dir gelesen (und gelernt). :-)

Kommentar von Rosenblad ,

Mit meiner Interpretation zu Kant bin ich Norbert Hoerster (seinem Buch "Wie läßt sich Moral begründen")  gefolgt, aber ich darf gestehen, Deine finde ich stichhaltiger und treffender!

Kommentar von Grautvornix16 ,

Da sieht man mal wieder, dass man sein Haupt nie zu früh senken darf - die kochen auch alle nur mit Wasser. Ich bin einem von meinen damaligen Profs gefolgt. Einige von denen waren gut drauf und haben uns zum "frechen Alles-immer-nochmal-selber-denken" ermuntert. Diese Kant / KI-Interpretation finde ich auch textnäher und logischer (nicht weil sie von mir ist). Sie stammt übrigens - oder wurde angeregt - in einigen Abenden in einer WG mit einer Kiste Bier und einem der Profs dabei, der Philo und Party gleich miteinander verbunden hat. - Und das waren weiß Gott keine langweiligen "Vernissageveranstaltungen" oder "Kindergeburtstage". :-D

PS: Und das man manchmal solche "Freidenkermomente" auf so einer Plattform wie hierauch nochmal erlebt finde ich dann immer echt toll. - Leider ist es aber oftauch nicht so. - Na ja, wie im richtigen Leben halt.

Kommentar von Rosenblad ,

Deinem Kommentar stimme ich voll zu!

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