Frage von Lunella000, 56

Ist der Mensch eigentlich frei (Willensfrei)?

Antwort
von Dxmklvw, 20

Unterstellt man, daß es für jedwedes Problem immer dann nur eine richtige Lösung gibt, wenn ohne Ausnahme alle mitwirkenden Umstände berücksichtigt werden, dann läßt sich eine Skala bilden, die von 0 bis 100 reicht, wobei 100 dann als perfekt gilt.

Wenn aber demzufolge alles, was unter 100 liegt, fehlerhaft ist, dann zeigt es sich, daß der sog. freie Wille tatsächlich existiert, sich aber darauf beschränkt, welche falsche Entscheidung der Einzelne für die richtige halten will.

Doch was wäre, wenn alle Menschen immer nur die einzige richtige Entscheidung treffen würden (die rundum perfekte)? Wäre dann aufgrund des Drucks zum Perfektsein noch freier Wille möglich? Welchen Wert hätte dann noch die Qualität unseres Lebens? Wenn jeder alles richtig machen würde, wären wir dann überhaupt noch mehr als nur Roboter?

Eine ganz andere Betrachtung ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Wenn tatsächlich alles nach diesem Prinzip funktioniert, dann kann es nach diesem Gesichtspunkt keinen freien Willen geben, er wäre also nur eine Fiktion, bei der zwangsläufig erfolgende Entscheidungen als vermeintliche freie Willensentscheidungen verkannt werden. So besehen wären wir dann auch nur so etwas wie Roboter, jedoch sehr unerwünscht funktionierende.

Möglicherweise ist aber das, was wir für freien Willen halten, nichts anderes als unsere Entscheidung darüber, ob wir ein Geschehen für gut oder für schlecht halten, ohne uns bewußt zu sein, daß wir an den Abläufen selbst nichts wirklich ändern können.

Antwort
von Rosenblad, 6

Die folgende Antwort habe ich schon einmal im gleichen Wortlaut vor etwa einem halben Jahr gegeben, sehe aber bis dato keinen Grund, den Wortlaut zu diesem Thema neu zu verfassen, da er immer noch meinem gegenwärtigen Wissenstand entspricht:

Zunächst müsste der Begriff der Willensfreiheit "präziser" definiert werden - „Allgemein verstehe ich unter Willensfreiheit den Modus der Selbstbindung des Willens auf der Basis von einleuchtenden Gründen. Willensfreiheit charakterisiert eine Seinsweise – die Art, wie handelnde Personen im Raum der Gründe existieren und wie sie sich von kulturell überlieferten und gesellschaftlich institutionalisierten Gründen affizieren lassen.“ (Habermas, Willensfreiheit, S,270) oder wie es Thomasch Goschke formuliert: „Von zentraler Bedeutung für willentliches Handeln ist (…) die Fähigkeit, zukünftige Effekte und Folgen des eigenen Verhaltens antizipieren und Verhalten aufgrund mental repräsentierter Ziele auswählen zu können.“ (Goschke, bedingte Wille, S.108)

Aus diesen Beschreibungsmerkmaler heraus möchte ich mich nicht der radikal-deterministischen Position von John A. Bargh anschließen, der schreibt: „Based on the psychological definition at least, the empirical evidence is clear that free will does exist. Conscious thought is causal and it often puts automatic processes into play; similarly, automatic processes regularly cause and influence conscious thought processes. These two fundamental forms of human information processing work together, hand in glove, and indeed one would not be able to function without the support and guidance of the other.” (Bargh et al., Automaticity, S.602)

Auf der anderen Seite sprechen aber die Ergebnisse aus der Neurowissenschaft gegen indeterminierte Volitionsqualitäten (siehe: Chun Siong Soon / Marcel Brass / Hans-Jochen Heinze / & John-Dylan Haynes „Unconscious determinants of free decisions in the human brain”), so dass an dieser Stelle eher von einer quasi-Determination (Selbstorganisation) zu sprechen sein wird.
Letztlich dürfte Helmut Wilke zuzustimmen sein, wenn er schreibt: „Wir können nicht wissen, ob unser Entscheiden wirklich frei oder wirklich determiniert ist. Wir können nur Konzeptionen entwerfen, die als Modelle des Entscheidens mehr oder weniger brauchbar sind.“ (Wilke, Entscheidungsfreiheit, S.23)

Antwort
von Ewwas17, 13

Spannende Frage!

Ich schließe mich weitgehend den Überlegungen von einem amerikanischen Philosophen namens Harry Frankfurt an. Ganz grob zusammengefasst, sagt der etwa Folgendes:

Zunächst muss es darum gehen, sich zu überlegen, was Willensfreiheit bedeutet. Frankfurt nimmt dafür zunächst den Begriff der Handlungsfreiheit. Handlungsfreiheit ist grob gesagt, die Freiheit tun zu können, was man will. Demnach ist analog dazu die Willensfreiheit: Wollen zu können, was man will.

Das klingt etwas merkwürdig und muss etwas genauer erklärt werden. Dazu unterscheidet Frankfurt Wünsche erster und zweiter Ordnung (oder Stufe). Wünsche erster Ordnung beziehen sich immer direkt auf Handlungen. Zum Beispiel: Wenn ich den Wunsch habe einen Apfel zu essen, ist das ein Wunsch erster Stufe. Wünsche zweiter Stufe beziehen sich dagegen auf Wünsche der ersten Stufe. Zum Beispiel: Ein Alkoholiker hat als Wunsch erster Stufe das Bedürfnis sich ein Bier aufzumachen. Er möchte aber eigentlich aufhören mit dem Trinken. Dann ist sein Wunsch zweiter Stufe, dass er den Wunsch sich das Bier zu gönnen nicht mehr hat.

Ferner ist noch folgende Überlegung wichtig. Der Wille ist immer der Wunsch der ersten Stufe, der zu einer konkreten Handlung führt. Also wenn der Alkoholiker sich das Bier aufmacht, dann ist es sein Wille, dieses Bier zu trinken, auch wenn er sich auf der zweiten Stufe wünscht, mit dem Trinken aufzuhören.

Wann also kann man jetzt von Willensfreiheit sprechen? Willensfreiheit liegt dann vor, wenn eine Identifizierung mit dem eigenen Willen besteht, wenn also der Wille nicht mit Wünscen zweiter Stufe konfligiert. Denn dann kann man wollen, was man will.

Zurück zu unserem Alkoholiker: Betrachten wir drei Fälle:

1. Er hat den Wunsch zweiter Stufe mit dem Trinken auf zu tun, und es ist sein Wille mit dem Trinken aufzuhören (d.h. er macht sein Bier nicht auf) --> in diesem Fall würde Frankfurt von Willensfreiheit sprechen. Da sich deer Alkoholiker mit seinem eigenen Handeln identifiziert und keinen Konflikt erfährt.

2. Er hat nicht den Wunsch zweiter Stufe mit dem Trinken aufzuhören und es ist auch nicht sein Wille (d.h. er macht sich das Bier auf) --> es gilt das gleiche wie oben. Kein Konflikt, daher Willensfreiheit

3. Er hat den Wunsch zweiter Stufe mit dem Trinken aufzuhören, aber es ist nicht sein Wille (d.h. er macht sich das Bier trotzdem auf). --> Hier haben wir keine Willensfreiheit. Der Alkoholiker steht mit sich selbst in Konflikt und fühlt sich wahrscheinlich auch miserabel, dass er der Versuchung nicht widerstehen kann.

Diese Sicht von Willensfreiheit hat den großen Vorteil, dass sie vollständig neutral zum Determinismus steht. Denn das ist ja das klassische Problem: Wir glauben daran, dass alles determiniert ist, wollen aber nicht daran glauben, dass auch unser Wille determiniert ist. Mit dieser Lösung der Frage nach der Willensfreiheit, ist es für die Freiheit des Willens völlig unerheblich, ob der Wille determiniert ist oder nicht. Das mag nach einer billigen Ausflucht klingen. Wenn man darüber nachdenkt, geht es aber doch im Kern darum, wann wir uns als willensfrei erleben. Und das ist dann der Fall, wenn die Wünsche der verschiedenen Stufen nicht miteinander konfligieren.

Antwort
von Tragosso, 8

Meiner Meinung nach schon, die meisten Menschen haben eben bloß gelernt viele ihrer Impulse zu unterdrücken, weil es Konsequenzen hätte.

Antwort
von Ottavio, 7

Zu dem Thema habe ich am 17.11. einen Beitrag geschrieben, der als Hilfreichste Antwort bewertet wurde. Schau mal nach !

Antwort
von DinoSauriA1984, 21

Da er essen muss und zur Toilette, sag ich mal: eher nicht.

Antwort
von Evoluzzer213, 12

Du suchst in einem Internetforum eine Antwort auf eine Frage, über die sich die Menschheit schon lange streitet.

Antwort
von nowka20, 1

nein, denn sein wille hängt ab von sympathie und antipathie

Antwort
von Sonnenstern811, 20

Im Prinzip wohl schon im gesetzlich erlaubten Rahmen, aber wer ist denn "der Mensch"?

Bisher ging ich immer davon aus, dass Menschen sich unterscheiden. Sicher auch, was ihren Willen betrifft.


Antwort
von mayaillusion999, 21

Freier Wille ist eine Illusion.

Es hätte nie anders sein können. So wie es ist, ist es. Es geschieht einfach. Es gibt keine Entscheidungen, keine Verantwortung.

Das "Ich" ist eine Illusion. Da ist niemand der eine Entscheidung treffen könnte. Es gibt nur unpersonifizierte Impulse. Sie sind die scheinbare Ursache für eine Handlung.

Antwort
von koraline, 3

Er kann frei SEIN.

Antwort
von Ketzer84, 9

"Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus" Sigmund Freud

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