Frage von DeinHerrscher, 42

Ist der Beruf des Arztes wirklich so anspruchslos oder warum konnte ein Postbote jahrelang unbemerkt als falscher Chefarzt arbeiten?

Gert Postel: „Das kann auch eine dressierte Ziege“ Ihr kennt sicherlich den Hochstapler, der vor einiger Zeit die gesamte Ärzteschaft vorgeführt hat. Wenn nicht, dann lest das: "Niemals wurde seine Kompetenz infrage gestellt, er sollte sogar zum Leiter der Forensik in Dresden ernannt werden: Gert Postel arbeitete zwei Jahre lang als psychiatrischer Oberarzt in Zschadraß in Sachsen. Seine Ausbildung: Postbote.

Seine erste Anstellung als Amtsarzt hatte Postel unter dem Namen Dr. Dr. Clemens Bartholdy in Flensburg. Der Schwindel flog auf, als er seine Geldbörse verlor, in der sich die Ausweise mit zwei verschiedenen Namen fanden. Er wurde 1984 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Was ihn aber nicht abschreckte, sich als Oberarzt der Psychiatrie im sächsischen Krankenhaus in Zschadraß zu bewerben. Als Thema seiner Doktorarbeit gab er die „Kognitiv induzierte Verzerrung in der stereotypen Urteilsbildung“ an. „Das ist eine Aneinanderreihung leerer Begriffe.“ Der Vorsitzende habe geantwortet: „Das ist ja interessant, Sie werden sich bei uns sicher wohlfühlen. Zwei der Bewerber seien gar habilitiert gewesen. Und der Postbote hat die Stelle bekommen.

Postel war unter anderem Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Landesärztekammer im Bereich Psychiatrie, Vorsitzender eines Fachärzteausschusses und Leiter des Maßregelvollzugs. Niemals wurde er kritisiert. „Fragen gilt in diesen Kreisen als Inkompetenz“, erklärt Postel. Er habe sogar Krankheitsbegriffe erfunden, die es nicht gab, so etwa die bipolare Depression dritten Grades – die niemand jemals hinterfragte.

Eine intellektuelle Herausforderung sei diese Arbeit nicht gewesen. „Sie können mittels der psychiatrischen Sprache jede Diagnose begründen und jeweils auch das Gegenteil und das Gegenteil vom Gegenteil – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“ Es gebe nur drei psychiatrische Krankheitsbegriffe: die Psychose, die Depression und die Borderline-Erkrankung. „Bestimmte Symptome unter bestimmte Begriffe zu subsumieren, kann auch jede dressierte Ziege.“ Letztendlich sei auch seine Intuition entscheidend gewesen. „Die Regeln beherrschen, ohne sie zu kennen.“

Wie kann es sein, dass ein Postbote ohne akademische Ausbildung Ärzte jahrelang am Nasenring durch die Manege führt und die Ärzte nichts bemerken. Die Oberärzte haben sich untergeordnet! Unglaublich. Das wirft kein gutes Bild auf die Medizinwisschenaft in Deutschland.

Ist der Arztberuf wirklich so "anspruchslos" oder wie kann man sich die Karriere des Hochstaplers erklären?

Antwort
von Rollerfreake, 31

Das kommt durch die "Gutgläubigkeit" der anderen Menschen, wenn jemand einen bestimmten Titel vorlegt dann glaubt man ihm das einfach ohne sein Fachwissen zu hinterfragen oder sich Gedanken über die Richtigkeit der Qualifikation zu machen, das macht es Hochstablern relativ einfach und ist kein Einzelfall. Es gab auch schon einen Krankenpfleger der auf einem Kreuzfahrtschiff als Arzt arbeitete und einen Rettungshelfer der es schaffte mit 320 Stunden Ausbildung als falscher Notarzt zu arbeiten ohne das es höher qualifiziertem Personal wie Rettungsassisteten und Rettungssanitätern aufgefallen ist, weil sie blind dem Notarztschriftzug auf der Jacke vertraut haben und niemand auf die Idee kommen würde sein Fachwissen zu hinterfragen. 

Antwort
von leylay94, 30

das hat nichts mit anspruchslosigkeit des berufes zu tun, sondern ganz einfach mit der blinden hörigkeit der anderen ärzte. wenn nie jemand etwas hinterfragt, kann sich jeder dahin stellen und jeden stuss erzählen. das ist halt das dumme an unserem bildungssystem, es wird gelehrt zu lernen, aber es wird nicht gelehrt, selbstständig zu denken, auch wenn es gerne so propagiert wird.

Antwort
von Dackodil, 22

Es war ja nicht so, daß er gar nichts wußte. Er hat schon entsprechende Fachliteratur gelesen und kannte die Fachsprache.

Und dann ist Psychiatrie ja ein Zweig, in dem es mit Laberei weit gehen kann.

Er hat aber immer zugesehen, daß er nicht in den OP mußte. Da hilft Laberei nicht, da hilft nur Können.

Antwort
von tryanswer, 29

Das hat mit dem Beruf nichts zu tun. Als Hochstabler muß man lediglich Fallstricke vermeiden und anspruchsvollen Fachtätigkeiten ausweichen - das ist schon eine spezielle Fertigkeit, funktioniert aber in jeder Situation.

Antwort
von Maimaier, 14

Hat er denn seine Arbeit gut gemacht? Das ist doch der springende Punkt. Offenbar schon. Warum sperrt man ihn dann ein?

Es fehlt in der Medizin an Qualitätssicherung, vor allem in der Psychiatrie. "Evidenzbasierte Medizin" wäre ein Schritt dahin. Fälle wie Gustl Mollath zeigen, das es möglich ist einen unschuldigen Patienten sehr lange einzusperren, und das eine falsche Diagnose nie in Frage gestellt wird.

Daher meine Forderung: Beurteilt jeden Arzt einzig und allein nach seiner Arbeit (Qualitätssicherung), und nicht danach ob er irgendwann einmal ein Diplom erlangt hat oder wie gut er mit Fremdwörtern um sich werfen kann und den Eindruck erweckt, er wüsste alles ganz genau und sei über jede Kritik erhaben.

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