Frage von weghdh, 83

Ist der Begriff "Stunde Null" nicht völlig unpassend für 1945?

Oftmals wird der 08.05.1945 und die Zeit danach als "Stunde Null" betitelt. Doch ist dieser Begriff nicht unpassend für die moralische Schuld Deutschlands am Holocaust? Der Begriff wird oftmals auch in den Zusammenhang mit der schlimmen wirtschaftlichen Situation Deutschlands und den politischen Neubeginn gebracht. Doch de facto war es doch wirtschaftlich nur ein Wiederaufbau (wie durch den Marshallplan) und eine Wiederaufnahme der parlamentarischen Demokratie aus der Weimarer Republik (zumindest in der BRD), in der DDR kam tatsächlich nur zu einer milderen Form der Diktatur. Den Begriff sehe ich nur passend für die Befreiten aus den Konzentrationslagern, die quasi ein neues Leben aufnehmen durften. Was meint ihr, ist der Begriff "Stunde Null" für die Nachkriegszeit ab 1945 passend (bitte mit Begründung)?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte, 57

Ich stimme dem Fragesteller durchaus zu: eine "Stunde Null" hat es nicht gegeben.

- Es ist ein Irrtum, dass in Deutschland alle staatlichen Strukturen zusammengebrochen wären. Alle Kommunalverwaltungen funktionierten weiter, sie kümmerten sich um die Daseinsvorsorge ihrer Bürger und begannen fast unmittelbar nach der Beendigung der Kampfhandlungen mit Aufräumarbeiten. Schon nach kurzer Zeit wurden auch Landesregierungen gebildet, die zusammen mit den Kommunen auch politische Aufbauarbeit leisteten. Dass es keine deutsche Zentralregierung mehr gab, bedeutet nicht, dass es überhaupt keine gab: die Befugnisse der Reichsregierung übernahmen die siegreichen Alliierten, und zwar zeitlich befristet bis zur Bildung der Bundesrepublik Deutschland bzw. der DDR. Westdeutschland knüpfte an die Demokratie von 1848 und der Weimarer Republik an. Die DDR dagegen führte die Diktatur und Unterdrückung der Bevölkerung der Nazizeit weiter, allerdings modifiziert nach dem Vorbild der stalinistischen Sowjetunion.

- Wirtschaftlich hatte der Krieg erhebliche Schäden und für die Bevölkerung erheblichen Mangel an Allem gebracht. Wenn auch nach Kriegsende die gesamte Rüstungsproduktion eingestellt war, so lief doch direkt nach Kriegsende die Konsumgüterproduktion wieder an, ebenso Bergbau, Stahlindustrie und Verkehr. Behindert wurde dieser Prozess durch Demontagen, die jedoch auf dem Gebiet der späteren DDR rigoroser durchgeführt wurden als in Westdeutschland. Selbst für die Freizeitgestaltung wurde z. B. über Kinos gesorgt, Wochenschauen, Bücher und das Wiedererscheinen von Zeitungen und anderen Druckerzeugnissen ermöglichten politische Information und Bildung. Trotz großer Einschränkungen und erheblichen Mangels lebte die Bevölkerung ihr "normales" Leben, so gut es ging. Internationale Hilfen wie Schulspeisungen für die Kinder, die berühmten Carepakete und später dann die Marshallplangelder halfen den Deutschen, die schlimmsten Zeiten zu überstehen. Schon bald nach 1949 setze dann das sog. "Wirtschaftswunder" ein, das allen gesellschaftlichen Schichten wenigstens in Westdeutschland wieder Wohlstand brachte.

- Gesellschaftlich veränderte sich in Deutschland wenig. Zwar führten die zahlreichen Kriegsopfer dazu, dass viele Kinder ohne Väter und/oder Mütter aufwachsen mussten. Aber insgesamt unterschied sich die Gesellschaft nicht wesentlich von der der Weimarer Republik und des sog. Dritten Reiches: sie war nach wie vor patriarchalisch, Frauen waren nicht gleichberechtigt, die Kinder wurden sehr autoritär erzogen. Auch die Moralvorstellungen, insbesondere was die (Homo-)Sexualität von Menschen angeht, blieben gleich und wandelten sich erst gegen Ende der 1950 und besonders in den 1960er Jahren.

- Historische Kontinuität bestand also politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Die Idee von der "Stunde Null" war der Versuch, sich in Westdeutschland von der Nazizeit und ihren Verbrechen, insbesondere dem Holocaust, äußerlich scharf abzugrenzen und stattdessen darauf hinzuweisen, dass das Nachkriegsdeutschland das völlige Gegenteil, nämlich ein demokratisches, freiheitliches, die Menschenrechte achtendes Deutschland geworden war. Aber das war insofern ein politischer Irrtum, als auch das Kaiserreich schon ein Rechtsstaat mit demokratischen Ansätzen gewesen war; dass die Weimarer Republik durchaus demokratisch, freiheitlich und die Menschenrechte achtend gewesen war, wenn sie auch politische Defizite aufgewiesen hatte, die die Verfassung der Bundesrepublik, das Grundgesetz, vermied. Es war auch ein moralisch-gesellschaftlicher Irrtum, weil die Bevölkerung der Bundesrepublik noch für Jahrzehnte obrigkeitliche und autoritäre Anwandlungen pflegte und rasch dabei war, ihren Vorurteilen gegenüber Menschen, die ihr fremd und suspekt waren, z. B. gegenüber den vielen aus den ehem. Ostgebieten Vertriebenen, den Homosexuellen, später dann den sog. Gastarbeitern oder der Jugendbewegung der 1960er Jahre, freien Lauf ließ.

MfG

Arnold

Kommentar von weghdh ,

Vielen Dank für Ihre ausführliche und differenzierte Antwort, die mich in meiner Meinung bestärkt.

Kommentar von ArnoldBentheim ,

Gerne.

Danke für die Auszeichnung!  :-)

Kommentar von LiloB ,

ist mehr als verdient!! 

Antwort
von Minilexikon, 55

Na ja, Wirtschaft ist etwas Immaterielles. Wenn die Wirtschaft am Boden ist, ist dann ein Wiederaufbau kein Neubeginn? Ist eine komplette Neu-/Umstrukturierung kein Neubeginn?

Stunde Null beschreibt es wahrscheinlich auch aus der anderen Perspektive: Nicht den Blick in die Zukunft, sondern eher in die Vergangenheit. Man beschreibt hier den Zustand der Auflösung des Nationalsozialismus und den Ende des Krieges. Das beides ist ab diesem Zeitpunkt vorbei und fest steht, dass es anders werden wird.

Durch den Krieg ist Deutschland auch völlig am Ende. Viele Städte sind völlig zerbombt, das Militär hat bis zum Ende gekämpft. Durch den Krieg wurden andere Bereiche des Landes/Lebens nur noch minimalistisch behandelt.

Antwort
von zehnvorzwei, 58

Hei, weghdh, mögen deine Überlegungen noch so richtig sein: Mit der bedingungslosen Kapitulation gab es keinen Staat Deutschland mehr. Das war 24 Uhr; mit Uhrzeit null begann etwas anderes auf seinem Gebiet, ein Neuanfang im moralischen, ethischen, materiellen, politischen Sinn. Und so. Grüße!

Kommentar von weghdh ,

Absolut! Das meine ich. Im Geschichtsunterricht kamen wir zu dem Schluss, dass es politisch und wirtschaftlich eher zu einer  Restauration (Wiederaufbauprogramme usw.) kam. Unsere Lehrerin hat den Begriff Stunde Null so definiert: "völliger politischer und wirtschaftlicher Neubeginn". Ergo wäre also Stunde Null rein wirtschaftlich und politisch betrachtet eher unpassend. Auf gesellschaftlicher und moralischer Ebene war es jedoch zweifelsohne die Stunde Null.

Antwort
von DrStrosmajer, 46

Durchaus passend, denn das gesamte staatliche Gefüge Deutschlands war mit dem Kriegsende weggebrochen.

Auch das deutsche Volk begann nach dem Ende der NS-Herrschaft ein neues Leben, insoweit war der 8.5.45 tatsächlich der Tag oder die Stunde Null.

Daß für die Bevölkerung östlich der Elbe die Stunde Null bis 1989 andauerte, ist eine andere Baustelle.

Antwort
von voayager, 27

Nicht ganz passend, da sich der jetzige deutsche Staat als Fortsetzung des deutschen Reiches betrachtet. Auch wurde keine radikale Entnazifizierung vorgenommen, etliche hohe Nazis saßen in der jungen Bundesrepublik in Amt und Würden.

Antwort
von martinzuhause, 44

es war die stunde null für alle die in die heimat zurückgekommen sind und diese wieder aufgebaut haben.

da sind die wenigsten in ein gelobtes land geflohen und wollten dort versorgt werden

Kommentar von veritas55 ,

Wenn du dein Geschichtswissen über Deutschland erweitern willst, kann ich dir empfehlen, die Hilfreichste Antwort aufmerksam zu lesen.

Kommentar von martinzuhause ,

für die vertriebenen aus den ehemals deutschen gebieten war es eine stunde null. sie hatten nur das was sie tragen konnten und keine hilfe beim neuanfang.

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