Frage von enzotulln, 30

Ist das ein Satzgefüge oder eine Satzreihe: Wenn ich nur wüsste, wo er ist. UND WARUM?

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Schule, Sprache, ..., 9

Die strikte Regel im Deutschen heißt:
ohne Hauptsatz kann ein Nebensatz nicht existieren!

Eine ebensolche Regel heißt:
im deutschen Nebensatz steht das Verb am Ende.

So gesehen, sind beides Nebensätze.
Und das darf eigentlich gar nicht sein!

Im Umgangsdeutsch werden solche Regeln schnell mal durchlöchert, weil man die strengen Regeln der Grammatik durch gewohnheitsmäßige Kürzungen oder mundartliche Änderungen umgeht.

Da wird z.B. die klare Frage: "Gehst du heute weg?" aus Höflichkeit oder Furcht umgewandelt in "Ob du heute weggehst?" - grammatisch weder Fisch noch Fleisch. Es sieht aus wie ein Nebensatz, ist aber doch ein verkappter Fragesatz und damit ein Hauptsatz.

Bei deinem Beispiel ist es ähnlich.

Der Nebensatz ist schnell erkannt: wo er ist.

Bei "wenn ich nur wüsste", wäre in gutem Deutsch noch ein zusätzlicher Hauptsatz zu bilden: Ich wäre froh, wenn ich nur wüsste, wo er ist.

Dieser Hauptsatz schwebt im Raum und wurde eben umgangssprachlich nur weggelassen, sodass wir es doch mit einem Satzgefüge zu tun haben:
mit einem Hauptsatz, einem Nebensatz, der vom (unhörbaren) Hauptsatz abhängt, und einem weiteren Nebensatz, der wiederum vom ersten Nebensatz abhängt.

Man kann sich auch auf den Standpunkt stellen:
Wenn es denn ordentlich formuliert worden wäre, hätte es heißen müssen:
Ich weiß nur nicht, wo er ist.
Auch dann ist es ein Satzgefüge, wenn auch ein kürzeres.

Die Umgangssprache richtet sich eben nicht nach allen strengen Regeln.
Es ist aber damit zu rechnen, dass es in der Schule ggf. als Fehler angestrichen wird, damit ihr erst einmal den korrekten Umgang mit eurer Sprache überhaupt lernt.

Antwort
von Deponensvogel, 13

Wenn wir uns einmal die nackte Satzstellung ansehen, ist ziemlich sicher, dass hier ein Satzgefüge vorliegt: 

Wenn du hinter das Komma schaust, wirst du erkennen, dass das finite Verb an letzter Stelle steht (wo er ist). Das nennt man eine Verbletztstellung, die hauptsächlich bei Nebensätzen bzw. Gliedsätzen auftritt. Und wenn wir einen Nebensatz haben, dann wird schon mal keine Hauptsatzreihe draus. 

Tatsächlich ist das ganze ein bisschen knifflig.

Wir haben hier einen Konjunktiv 2 vorliegen (wüsste), unser Gefüge (unter Verdacht) behandelt also eine unmögliche Bedingung verpackt in einen wenn-Satz. Der ist nicht ganz vollständig und steht elliptisch sinngemäß für:

     Wenn ich nur wüsste, wo er ist, [ ]

  • [würde ich ihn besuchen]
  • [würde ich mich besser fühlen]
  • [wäre ich um einiges besänftigter]
  • etc.

Dieses Wenn ich nur wüsste ist eine festgefahrene Phrase, ein Ausruf, der so unvollständig (unter Anführungszeichen) verwendet werden kann und trotzdem auch in der Schule nicht angestrichen wird.

Damit hätten wir mal das gesamte Gefüge (unter Verdacht). Warum ist es jetzt aber überhaupt ein Gefüge?

Bei wo er ist handelt es sich um einen Objektsatz: 

     Wenn ich nur wüsste [Objekt]

Ein Objektsatz ist ein Nebensatz, der als Objekt fungiert und nach dem auch wie nach einem herkömmlichen Objekt gefragt wird: 

     Wenn ich was wüsste? Wo er ist.


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