Inwiefern fand Georg Büchner Geschichte sinnlos?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Schau Dir das an:

http://wikis.zum.de/zum/Georg_B%C3%BCchner

und dort die Zeittafel, was 1834 im März geschah. Büchner ist mit seinen revolutionären Unternehmungen verraten worden. Die Sache fliegt auf, es gibt Verhaftungen. In dieser Enttäuschung schreibt er seinen Brief (Fatalismusbrief) an die Braut. Büchner ist unmäßig enttäuscht, auch von denen, für die er sich einsetzte und die ihn gegen wenig Münze an die Obrigkeit verraten haben. Und jetzt muss man die dickköpfigen oberhessischen Bauern kennen. Da haben Revoluzzer keine Chance.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung

Die Beurteilung der Geschichte (des geschichtlichen Verlaufs/Prozesses) als sinnlos beruht auf Georg Büchners Auffassung einer strikten Determiniertheit.

Wenn alles zwangsläufig geschieht, nach einer strengen und vollständigen Notwendigkeit abläuft (alles vorgegeben, Menschen nur Marionette, unabänderliches Schicksal), können die Menschen nichts steuern, haben keinerlei Gestaltungsmacht über ihr Leben.

Georg Büchner neigt einer materialistisch-deterministischen Weltanschauung zu: Die Materie als stoffliche Voraussetzung des Lebens bestimmt den Menschen, sein Denken und Handeln. Der Mensch hat keine Verfügungsmacht über die Umstände, kann sie nicht beeinflussen. Eine Flucht aus ihnen ist unmöglich. Alle Versuche sind selbst durch die Notwendigkeit bedingt, wenn alles so kommt, wie es zwangsläufig kommen muß.

Georg Büchner meint sowohl die Menschennatur (durch Physis, Umstände und Gesetzmäßigkeiten bestimmt) als auch die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse (gehören einerseits zu den äußeren Umständen, sind andererseits aufgrund eines notwendigen Geschehens so, wie sie jeweils sind), sowohl das Individuum/den einzelnen Menschen als auch die Gruppe/ das Kollektiv die Gesellschaft.

Büchner hält Geschichte insofern für sinnlos:

  • geschieht unausweichlich/unabwendbar (nach einem ehernen Gesetz)
  • ist vom Menschen nicht beherschbar/kontrollierbar/steuerbar
  • läuft nach blinder Notwendigkeit ab, ohne Plan und Ziel (die auf die Unausweichlichkeit der Determiniertheit bezogene Äußerung vom gräßlichen Fatalismus der Geschichte könnte von Büchner verwendet worden sein, um das Blinde und Sinnlose des geschichtlichen Prozesses auszudrücken, der sich seiner Auffassung nach vollzieht)
  • es gibt keinen Fortschritt, kein Vorankommen hin zu einem Erreichen eines Endzieles
  • Gegensätze und Gewaltätigkeiten treten immer wieder neu auf

Georg Büchner meint mit dem Fatalismus der Geschichte eine Unausweichlichkeit und Unabwendbarkeit des Ablaufs der Geschichte, eine völlige Determiniertheit des Geschehens, das sich wie ein notwendiges Schicksal vollzieht. Für Willensfreiheit bzw. Freiheit der Person bei ihrer Willensbildung bleibt dann kein Spielraum übrig.

Diese Weltananschaung steht in Spannung zu seinem eigenen Handeln. 1834 hat Georg Büchner, vor allem mit dem „Hessischen Landboten“ tätig, zur Revolution aufgerufen, obwohl ein Zutun durch eigene Aktivität überflüssig ist, wenn die Geschichte gar nicht beinflußt werden kann und die geschichtliche Notwendigkeit sich auf jeden Fall durchsetzt. Der Umsturzversuch scheiterte, zahlreiche Aktivisten wurden verhaftet, Büchner floh nach Straßburg. Das Scheitern erklärte er mit der Feststellung, die geschichtliche Gesetzmäßigkeit habe eine Revolution zur Zeit nicht ermöglicht.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von Albrecht
24.11.2015, 05:56

Ein sinnleeres Kreisen bei einem Determinismus hat Georg Büchner zugleich auch Unbehagen bereitet, wie eine Aussage in einem Schreiben an seine Braut Wilhelmine Jaegle Anfang 1834 zeigt:

„Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muß ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muß ja Aegerniß kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, - ist ja schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen. Könnte ich aber dies kalte und gemarterte Herz an deine Brust legen!"

In einem Brief an seine Familie schreibt er im Februar 1834:

„Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden, - weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“

In seinem Drama „Dantons Tod" sagt Danton in Zusammenhang mit der Schilderung eines Traum, in dem er die Erdkugel gepackt hatte und über dem Abgrund geschleift wurde:

„Der Mann am Kreuze hat sich's bequem gemacht: es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch welchen Ärgernis kommt! – Es muß; das war dies Muß. Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß gesprochen, wer? Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst! die Schwerter, mit denen Geister kämpfen – man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. – Jetzt bin ich ruhig."

Der einzelne Mensch ist in dieser Geschichtsauffassung Werkzeug und Mittel eines ehernen Gesetzes. Als Subjekt der Geschichte erweist er sich als hinfällig und ohnmächtig angesichts einer sich gesetzmäßig vollziehenden unausweichlichen Notwendigkeit. Dies gilt auch für Genies. Die Individuen scheitern bei einem Versuch selbst gesteuerter Veränderung. Der geschichtliche Ablauf ist individueller Beeinflussung entzogen und nicht durch Absichten und Ziele gelenkt.

Michael Glebke, Die Philosophie Georg Büchner. Marburg : Tectum-Verlag, 1995 (Marburger wissenschaftliche Beiträge ; Band 9), S. 62 – 63:  

„Büchners Haltung ist nicht resigniert, sondern desillusioniert. Er glaubt nicht an das Ende der Geschichte nach Erreichung eines Ziels, sondern ist von der ständigen Wiederholung und Erneuerung der materiellen Gegensätze und der Gewalt auch nach einer Revolution überzeugt.“

S. 67: „Büchner sucht eine auf das Subjekt wirkende Kraft und findet sie in den sozialen Umständen, die den Menschen determinieren.“

S. 81: „Seine Formulierung vom “gräßlichen Fatalismus“ drückt seine Desillusionierung darüber aus, daß gewaltame Veränderungen sich beständig in der Geschichte wiederholen und der Mensch aufgrund seiner Determination durch die äußeren Umstände keine Möglichkeit hat, diesen Fatalismus zu durchbrechen. Dies wollte er in “Dantons Tod“ am Beispiel der Französischen Revolution aufzeigen. Während ihres Studiums hat Bücher sein Geschichtsgesetz erkannt. Dieses bezieht sich nicht auf eine einzelne historische Situation – etwa auf die Französische Revolution oder ausschließlich auf bürgerliche Revolutionen –, sondern auf die Gschichte an sich.“

S. 84: „Gegen historische Notwendigkeiten läßt sich willentlich keine Revolution durchführen, heißt Büchners Schlußfolgerung. Mit ihnen ist der Versuch dazu jedoch vernünftig.

An dieser Stelle wird deutlich, daß dem Determinismus und der Geschichtsphilosophie für Büchners Aktivitäten vor allem eine moralisch-legitimatorische Bedeutung zukommt: Sie dienen ihm zur Rechtferigung seines politischen Vorhabens. Büchner will seine Politik nicht mit seinem bloßen persönlichen Willen zur Revolution begründen. Er mißt sein subjektives Vorhaben vielmehr an den objektiven Gesetzmäßigkeiten, die er erkannt zu haben glaubt. Entspricht es diesen, ist der Revolutionär nur der Exekutor eines Gesetzes, das ohnehin den Lauf der Welt bestimmt. Gemessen an einem allgemein geltenden Wert, der geschichtlichen Notwendigkeit, wird das subjektive Interesse des einzelnen durchsetzbar und damit zugleich ins Recht gesetzt.“

1