Frage von mirtta, 19

Interpretation noch nie gemacht, wie?

Hallo alle zusammen,
Ich brauche eure Hilfe. Ich hab bis jetzt noch nie Texte interpretiert und weiss auch nicht wie. Ich hab ein Text aus einem Buch bekommen, was ich interpretieren muss, inhaltlich und sprachlich aber ich weiss nicht wie. Könntet ihr mir bitte zeigen wie ihr das mit den Text machen würdet? (Besonders weil man nicht mal das Buch gelesen hat?)

Text: "Eines Tages machte Matthäi sich Sorgen, weil Annemarie nicht aus der Schule kam. Er fand sie in einer Waldlichtung. Sie habe auf den Zauberer gewartet, erklärte sie. Das hielt er für pure Fantasie. Am nächsten Tag traf Annemarie etwas früher als sonst ein. Erst später erfuhr Matthäi, dass an dem Tag schulfrei gewesen war. Er wollte sich in die Schule nach ihr erkundigen, aber sie fehlte. Matthäi fand sie auf der Straße. Ihre Hände waren klebrig. Sie hatte Trüffel bei sich. Von einer Mitschülerin, behauptete sie. Matthäi beobachtete, wie das Kind jeden Tag zu der Waldlichtung lief und dort wartete. Annemarie war dem Mörder begegnet! Matthäi überzeugte auch H. davon, und der versteckte sich mit mehreren Polizisten im Wald, um den gesuchten Serienmörder zu stellen. Ein Tag nach dem anderen verging. Nichts geschah. Da wurde es dem ebenfalls anwesenden Staatsanwalt zu viel. Er stürzte auf Annemarie zu: "Auf wen wartest du?", schrie der Staatsanwalt das Mädchen an, das ihn erschrocken auf seinem Steine anstarrte, die Puppe umklammernd. "Auf wen wartest du, willst du antworten, du verdammtes Ding?" Annemarie lief schreiend zur ihrer Mutter, die jetzt begriff, warum Matthäi sie aufgenommen hatte."

Wie kann man sowas SPRACHLICH und INHALTLICH interpretieren?
Ich wäre euch echt dankbar 😞🙏🏻

Antwort
von lillian92, 6

Mir kam der Text für einen Buchausschnitt etwas seltsam vor, weshalb ich kurzerhand mal den ersten Satz gegoogelt habe. Das ist kein Ausschnitt aus einem Buch, sondern ein Ausschnitt aus der Zusammenfassung eines Buches von Friedrich Dürrenmatt, die du hier finden kannst: http://www.dieterwunderlich.de/Durrenmatt_versprechen.htm

Bei einer Interpretation ist es immer wichtig zu wissen, was man interpretiert und wann es ungefähr geschrieben wurde, um gewisse Symboliken darin zu erkennen. Das sollte auch immer direkt in der Einleitung der Interpretation stehen. Eine gute Interpretation ist schließlich eine gute Analyse.

Danach folgt man eigentlich einer Art "Kochrezept". Zuerst die sprachliche Analyse: Welche Erzählperpektive (auktorial, neutral, personal) wird verwendet? Schafft das Distanz oder Nähe zum Leser? (In diesem Fall wird das Geschehen sehr neutral und fast schon emotionslos erzählt) Das Erkennen dieses erzähltechnischen Instruments macht es leichter, gewisse Passagen zu interpretieren, da der Erzähler praktisch seine "Meinung" miteinbringt – und diese Stimme gilt es in einer Interpretation auseinanderzunehmen.

Sprachlich könnte man auch noch schauen, in welcher Zeitform das geschrieen wird, und nach Dingen wie Konjunktiv (ausgedrückte Möglichkeiten), indirekten Reden, rhetorischen Fragen usw Ausschau halten. Hier würde ich dieses "erklärt sie"/"sagte sie" herausstreichen, die die Aussagen des Mädchens klar in Frage stellen und ihre Glaubwürdikgeit anzweifeln. Hier finde ich auch den Satzbau ganz interessant, der sehr kurz und abgehackt mit teils unvollständigen Sätzen ist ("Nichts geschah."). 

Inhaltlich sind natürlich die Hauptfiguren und das Thema des Textes zu identifizieren. Hautpfigur ist ganz klar Mathäi, der sich Sorge um Annemarie macht. Das Ende des Textes zeigt aber, dass er sich nicht aus väterlicher Liebe Sorgen um sie macht. Auch geht es in dem Text um einen Mörder, an dem Mathäi interessiert zu sein scheint. Das ist ein Widerspruch, der meiner Meinung nach eindeutig in die Analyse und Interpretation gehört.

Was für Charakterzüge kannst du also aus dem Text für Mathäi festmachen? Es spricht doch für sich, dass er beobachtet, wie sie zur Waldlichtung läuft, wohlwissend dass sie "dem Mörder" begegnet war, aber nicht einschreitet. Gleichzeitig verfolgt er sie aber die erste Hälfte des Textes. Die Puppe, auf die Annemarie am Ende des Textes sieht, finde ich da ein schönes Symbol, da sie gespielt wird, wie eine Puppe ;) Der Schreck am Ende zeigt nur, dass sie sich ihres Handelns nicht bewusst wahr, und die Mutter, die erkennt das Spiel von Mathäi ganz klar.

Wer ist außerdem der mysteriöse H. den Mathäi überzeugt? Obwohl namenlos hat er scheinbar die Position des Staatsanwalts inne, aber Mathäi muss ihn überzeugen einen Mörder zu fassen, also macht er seinen Job irgendwie nicht richtig.

Glaube, wenn du das alles irgendwie einbaust, dann dürftest du für den kurzen Text mehr als genug Interpretation zusammenbekommen ;)

Kommentar von mirtta ,

Ich danke dir seeeehr 🙏🏻🙏🏻
Jetzt verstehe ich es ^^

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community