Frage von CrysisSven, 177

In welchen Ländern ist Abtreibung verboten und warum?

Diskutiere grad mit ein paar Freunden warum von so vielen Abtreibung als schlimm erachtet wird, und da ist mir die Frage in den Kopf gestiegen, in welchen Ländern Abtreibung ein No-Go ist und warum? Fänd ich mal ganz interessant zu wissen.

Antwort
von annemarie37, 111

http://www.worldabortionlaws.com/map/

Klicke auf "Country color key" um zu sehen, was die Farben bedeuten.

warum Abtreibung in vielen Ländern noch sehr restriktiv gehandhabt wird, hängt zum grössten Teil von konservativen religiösen Einstellungen ab. Und falschen Vorstellungen, was passieren würde, wenn Abtreibung völlig aus dem Strafgesetz gestrichen und wie andere medizinische Eingriffe behandelt würde. Wie z.B. in Kanada.

Kommentar von carn112004 ,

Die Karte stellt zwar die gesetzlichen Regelung weitgehend richtig dar (wie gesagt, in D von erlaubt ohne Grund zu sprechen, ist Interpretationssache), bei der Bewertung ist allerdings Vorsicht geboten, da die Handhabung der Regeln unterschiedlich ist.

Z.b. gilt in GB laut Gesetz, dass eine der vier Bedingungen erfüllt sein muss, damit die Abtreibung nicht bestraft wird (auffindbar über die Karte bei Klicken auf GB):

"(a) that the pregnancy has not exceeded its twenty-fourth week and that the

continuance of the pregnancy would involve risk, greater than if the pregnancy

were terminated, of injury to the physical or mental health of the pregnant

woman or any existing children of her family; or

(b)

that the termination is necessary to prevent grave permanent injury to the

physical or mental health of the pregnant woman; or

(c)

that the continuance of the pregnancy would involve risk to the life of the

pregnant woman, greater than if the pregnancy were terminated; or

(d)

that there is a substantial risk that if the child were born it would suffer from

such physical or mental abnormalities as to be seriously handicapped."

Dies muss von zwei Medizinern so gesehen werden.

Dem Wortlaut nach könnte das eine ziemlich starke Einschränkung von Abtreibungen sein, nämlich dann, wenn "injury to the physical or mental health", "necessary to prevent ... grave..." sehr eng ausgelegt würden, dann wäre es in GB erheblich schwieriger eine Abtreibung zu bekommen als in D.

Tatsächlich wird das ganze aber nur sehr selten eng ausgelegt, z.b. gab es einige Fälle, bei denen der Arzt von der Frau gesagt bekam, sie will abtreiben, weil es das falsche Geschlecht ist, und die Ärzte sich nicht mal genau überlegt haben, wie das jetzt unter "injury to the physical or mental health" fallen könnte und es ist nichts passiert.

Und damit, obwohl formal GB erheblich eingeschränkter als D zu sein scheint, ist eine Abtreibung in GB eher mit geringeren Hürden als in D verbunden, denn da gibt es die verpflichtende Beratung und die verpflichtenden 3 Tage Bedenkzeit.

Das macht die Karte nicht falsch, aber man muss sich halt klar sein, dass die die formalen Regeln versucht wiederzugeben, die reale Praxis davon aber entfernt sein kann.

Kommentar von annemarie37 ,

Du hast insofern Recht, als es in vielen Ländern eine Diskrepanz zwischen Gesetz und Praxis gibt. Betr. GB ist allerdings der springende Punkt der:

"risk, greater than if the pregnancy were terminated"

Da eine Geburt grössere Risiken birgt als ein frühzeitiger Schwangerschaftsabbruch, kann also der 2. Arzt, der in GB beigezogen werden muss, in jedem Fall dem Schwangerschaftsabbruch zustimmen.

Antwort
von MrHilfestellung, 101

In Europa ist es in Polen, Irland und kleinen Staaten wie Monaco und logischerweise der Vatikanstadt illegal.

Ansonsten ist es fast ganz Afrika, großen Teilen Südamerikas, den arabischen Staaten und in vielen südostasiatischen Staaten illegal. 

Meistens ist es das aus religiösen Gründen, gibt ja auch in Deutschland den sogenannten "Marsch für das Leben".

Antwort
von carn112004, 57

Zu MrHilfestellung noch ergänzend:

In D ist Abtreibung nach Beratungsregelung lediglich straffrei, aber immer noch rechtswidrig.

Je nachdem was man unter "verboten" genau versteht, kann man das immer noch als verboten ansehen.

"warum von so vielen Abtreibung als schlimm erachtet wird,"

Weil Abtreibung die Tötung eines unschuldigen und wehrlosen Menschen bedeutet. Manche Leute sind noch so rückwärtsgewandt und haben damit immer noch ein Problem.

"und da ist mir die Frage in den Kopf gestiegen, in welchen Ländern Abtreibung ein No-Go ist und warum?"

Das kann man nicht einheitlich sagen; in manchen Ländern ist Grund hauptsächlich der Schutz des Lebens ungeborener Menschen; in anderen Ländern kann auch die Absicht der gesellschaftlichen Kontrolle der Frau oder gar die Absicht einer Steigerung der Geburtenzahl auch oder sogar die dominante Rolle spielen (bitte das Wort "Absicht" beachten; heißt also, es klappt nicht unbedingt).

In D lassen sich die Gründe für die Abtreibungsregelung da nachlesen:

http://www.servat.unibe.ch/dfr/bv088203.html

Besonders wichtig:

"
1.
Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, menschliches Leben, auch das
ungeborene, zu schützen. Diese Schutzpflicht hat ihren Grund in Art. 1
Abs. 1 GG; ihr Gegenstand und - von ihm her - ihr Maß werden durch Art. 2
Abs. 2 GG näher bestimmt. Menschenwürde kommt schon dem ungeborenen
menschlichen Leben zu. Die Rechtsordnung muß die rechtlichen
Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts
des Ungeborenen gewährleisten. Dieses Lebensrecht wird nicht erst durch
die Annahme seitens der Mutter begründet.


2. Die Schutzpflicht für das ungeborene Leben ist bezogen auf das einzelne Leben, nicht nur auf menschliches Leben allgemein.

3. Rechtlicher Schutz gebührt dem Ungeborenen auch gegenüber seiner Mutter.

"

und

"
11.
Dem Gesetzgeber ist es verfassungsrechtlich grundsätzlich nicht
verwehrt, zu einem Konzept für den Schutz des ungeborenen Lebens
überzugehen, das in der Frühphase der Schwangerschaft in
Schwangerschaftskonflikten den Schwerpunkt auf die Beratung der
schwangeren Frau legt, um sie für das Austragen des Kindes zu gewinnen,
und dabei auf eine indikationsbestimmte Strafdrohung und die
Feststellung von Indikationstatbeständen durch einen Dritten verzichtet.


12. Ein solches Beratungskonzept erfordert Rahmenbedingungen, die
positive Voraussetzungen für ein Handeln der Frau zugunsten des
ungeborenen Lebens schaffen. Der Staat trägt für die Durchführung des
Beratungsverfahrens die volle Verantwortung.
"

also einsseits Menschenwürde und Lebensrecht auch bei ungeborenen Menschen, andererseits Beratung und Hilfe statt staatlicher Zwang, weil der staatliche Zwang als nicht sonderlich wirksam zum Schutz ungeborener angesehen wird.

Kommentar von annemarie37 ,

Die Legende vom Lebensrecht

Machen wir uns daran, einige juristische Legenden zu zerstören. Beginnen wir mit der umstrittenen Frage nach dem "Lebensrecht" des Embryos. Kein Gericht hat dem Embryo je ein subjektives Recht, womöglich ein Grundrecht auf Leben zugebilligt. Im Gegenteil: Eine Schädigung im Mutterleib durch Dritte verletzt kein Recht des Embryos, sondern eröffnet allenfalls die Möglichkeit, nach der Geburt gegen die vorgeburtliche Einwirkung vorzugehen, weil sie die Gesundheit des Geborenen noch beeinträchtigt.

Verletzt im Sinne des bürgerlichen Rechts ist der geborene Mensch. Die immer wieder behauptete These vom Lebensrecht der Ungeborenen ist also keine anerkannte juristische Konstruktion, sondern eine mögliche moralische Position. Schon gar nicht handelt es sich um eine vertretbare Interpretation der Abtreibungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichtes.

Das Gericht ging damals - aus gutem Grund - einen anderen, nicht ganz leicht nachvollziehbaren Weg. Die (strafbewehrte) Pflicht der Frau zur Mutterschaft wird nicht auf dem geraden Weg einer Anerkennung des Embryos als "Person" (im Sinne der Rechtsordnung) hergeleitet, sondern über den Umweg der Schutzpflicht des Staates und der daraus abzuleitenden staatlichen Pflicht, die Frau gegebenenfalls auch mit Mitteln des Strafrechts zu disziplinieren, damit sie ihr Leben in den Dienst des werdenden Lebens stellt.

Die Konstruktion der Gebärpflicht

Das Bundesverfassungsgericht geht also nicht von einem Lebensrecht in einem strikten rechtlichen Sinn aus, sondern folgert aus der Schutzpflicht des Staates auf paradoxe Weise eine Rechtspflicht der Schwangeren, die mit einer Schwangerschaft "normalerweise" verbundenen Belastungen auf sich zu nehmen. Aber schon im nächsten Satz relativieren die Richter diese Zumutung, vermutlich weil ansonsten der Verstoss gegen elementare Persönlichkeitsrechte der Frau evident geworden wäre. Verfassungsrechtlich geschützt sei nicht nur das werdende Leben, sondern auch die Gewissensentscheidung der Frau, allerdings nur in einem sehr eingeschränkten Sinne. Beachtlich sei lediglich eine "achtbare" Gewissensentscheidung.

Damit verschiebt das Gericht die Begründungslast. Die Frau muss darlegen, wieso sie die an und für sich beachtliche Gebärpflicht ausnahmsweise nicht erfüllen will, etwa weil die Verantwortung für ein Kind sie in eine unzumutbare Situation bringen würde. Mit diesem argumentativen Trick lässt das Bundesverfassungsgericht das Recht auf eine Gewissensentscheidung leer laufen. Es schränkt zugleich einen ganzen Katalog von Grundrechten ein, und zwar im Nebensatz. [usw.]
Quelle: Prof. Dr. iur Monika Frommel, in: svss-uspda.ch Der Kommentar bezieht sich auf das BVerfG-Urteil von 1975, ist aber auch auf dasjenige von 1993 anwendbar.

Kommentar von carn112004 ,

Der Zusatz ergibt überhaupt keinen Sinn:

", ist aber auch auf dasjenige von 1993 anwendbar."

Denn der Text sagt aus:

"Kein Gericht hat dem Embryo je ein subjektives Recht, womöglich ein Grundrecht auf Leben zugebilligt."

Das galt womöglich 1991.

Aber im Urteil von 93 stellt das BVerfG fest:

"ihr Maß werden durch Art. 2 Abs. 2 GG näher bestimmt. Menschenwürde kommt schon dem ungeborenen menschlichen Leben zu. Die Rechtsordnung muß die
rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleisten. Dieses Lebensrecht wird nicht erst durch die Annahme seitens der Mutter begründet.

2. Die Schutzpflicht für das ungeborene Leben ist bezogen auf das einzelne Leben, nicht nur auf menschliches Leben allgemein.
"

"eigenes" Lebensrecht bezogen auf das "einzelne" Leben bestimmt in seinem "Maß" "durch Art. 2 Ans. 2 GG"  = Ein Gericht hat dem Embryo ein subjektives Recht und zwar gerade das Grundrecht auf Leben zugebilligt.

Folglich enthält der Text eine inzwischen unzutreffende Behauptung und zwar eine die genau aufgrund des 93ger Urteils unzutreffend ist. Wie soll er dann sinnvoll auf genau dieses Urteil anwendbar sein?

Abgesehen davon schwächelt der Text - wie so oft Pro-Choice Texte - an der fehlenden Differenzierung zwischen der Last der Schwangerschaft und der Last des Kind versorgens; ersteres kan nur durch Abtreibung vermieden werden, letzteres zumindest im Prinzip auch ohne Abtreibung; folglich wäre da zu differenzieren.

Kommentar von carn112004 ,

Besonders offensichtlich die Nichtanwendbarkeit aufgrund des Satzes:

"Die immer wieder behauptete These vom Lebensrecht der Ungeborenen ist also keine anerkannte juristische Konstruktion, sondern eine mögliche moralische Position. Schon gar nicht handelt es sich um eine vertretbare Interpretation der Abtreibungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichtes."

Der Satz macht nur in Bezug auf 75
Sinn, auf 93 bezogen wäre er unmittelbar falsch, denn 93 so zu
interpretieren ist eigentlich die einzig mögliche Interpretation.

Und das weißt du doch auch, du schimpfst doch immer wieder darüber, dass 93 BVerfG ein individuelles Lebensrecht des ungeborenen festgestellt hat.

Wie kannst du einerseits darüber schimpfen, dass BVerfG 93 individuelles Lebensrecht ungeborener festgestellt hat, und andererseits einen Text auf das Urteil für anwendbar halten, der sagt, es gäbe kein Urteil mit Feststellung individuelles Lebensrecht ungeborener?

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