Frage von HerlockSholmes, 620

In einer Parallelgesellschaft aufgewachsen. Fühle mich verloren?

Hallo, Leute.

Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, wo ich überhaupt nicht mehr weiter weiß. Mir ging's noch nie so sche*ße wie jetzt.

Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, wo ich kaum mit Deutschen etwas zutun hatte. Meine ganze Schule und allgemein meine Umgebung bestand nur aus "Ausländern".

Doch ich war irgendwie fast schon immer "anders" als die anderen und fühlte mich nicht so wohl. Mir wurde bzw. wird auch immer gesagt, ich sei "eingedeutscht", da ich meist andere Ansichten und Wertvorstellungen usw. habe.

Außerdem halte ich nichts von Religionen und bin auch sehr wahrscheinlich bi oder lesbisch. Alles Tabu Themen für meine Familie und die meisten Leute in meiner Umgebung.

Btw will jetzt natürlich nicht alle in einen Topf werfen und pauschalisieren. Nur, in meiner Gegend sind eben viele sehr engstirnig und hinterwäldlerisch, und ich kann mich mit solchen Leuten nicht identifizieren.

In den letzten Jahren habe ich mich einfach komplett isoliert, ich habe kein soziales Leben. Keine Bekannte (nur vom Sehen her vllt, kurz vllt mal "Hi, wie geht's"), und Freunde schon gar nicht. Keine Beziehung, kein Kuss, nichts. Ich habe das Gefühl, meine gesamte Jugend verpasst zu haben.

Ich bin einfach so unerfahren im Leben.

Der Grund, warum ich all dies schreibe, ist, weil ich alles komplett von neu anfangen muss, einfach mein ganzes Leben, und diese ganzen Sachen für mich große Probleme darstellen.

Da ich wenig bzw. eig. fast nichts mit Deutschen zutun hatte, habe ich Angst. Ich fühle mich so fremd und weiß auch nicht, wie ich ohne Bekannte usw. neue Leute kennenlernen soll. Außerdem bin ich weiblich, und da stelle ich mir das Ganze irgendwie schwieriger vor. Männer finden immer so schnell Anschluss, sowas ist bei denen einfach unkomplizierter, so habe ich das Gefühl.

Es ist wie eine neue Welt für mich, und ich weiß nicht, wie es "funktioniert". Das alles klingt für euch vllt. absurd, ich weiß. Ich fühle mich aber so verloren und weiß nicht, wie ich aus so einem Loch rauskommen soll.

Ich muss hier raus, ich kann irgendwie aber nicht. Ich trau mich auch nicht, mir professionelle Hilfe zu suchen. Ist man einmal in Therapie oder in der Psychiatrie, wird man nicht ernst genommen, weil man als "verrückt" abgestempelt wird. So denkt meine Familie zumindest... und viele andere...

Das Ganze fühlt sich so an, als würde ich ertrinken...

Antwort
von Tasha, 225

Leute kennenlernen: Sprich einfach mal jemand an, und sei es nur "guten Morgen", wenn du zur Arbeit oder Ausbildung oder was immer du machst, kommst. Suche dir eine Gruppe, die du regelmäßig siehst. Anfangs musst du nichts sagen, nach und nach kannst du mal in Gespräche einsteigen. Die Gruppe kann ein Verein, eine Sport- oder Musik- oder sonstige Hobbygruppe sein. Übers Internet kann man auch Leute finden, die sich zu Hobbystammtischen oder zum gemeinsamen Joggen oder so verabreden. Über die VHS oder Familienbildungsstätte oder Google findet man lokale Gruppen, die sich z.B. fürs Kochen, Basteln, Nähen etc. treffen. Oft kann man da auch einfach einsteigen, z.B. "offener Kochkurs".

Wenn dir das alles zu viel ist, mache einmalige Veranstaltungen der VHS mit: Vorträge, Wanderungen, Workshops etc. Die sind meist nicht teuer und man kann sich erst mal auf die Aufgabe konzentrieren, kommt aber oft doch mit Leuten ins Gespräch. 

Wenn man einen Kurs macht, kann man mal fragen, ob Leute Lust haben, sich auch privat mal für diese Aktivität zu treffen. Und dann kennt man schon ein paar Leute.

Es gibt Übungen zu Smalltalk online oder in Buchform. Einfach mal, wenn mehrere Leute da sind, etwas sagen und schauen, ob jemand antwortet. Typisch ist Geplänkel übers Wetter und wenn jemand Interesse hat, ergibt sich ein Gespräch. Oder etwas sagen, das zur Situation passt.

Bedenke auch, dass Menschen Menschen sind. Ob Deutsche oder Ausländer - im Grunde sind wir alle gleich. Du musst nicht so viel Angst davor haben, nur weil du jetzt mit Deutschen reden möchtest, dass sie ganz anders sind als die Leute, die du kennst. Vielleicht haben sie andere Vorlieben, Religionen, Traditionen - aber im Grunde wollen sie auch Smalltalk, Kontakt, freundliche Menschen um sich herum. Gehe mal davon aus, dass alle irgendwie gleich sind und die Unterschiede nicht sooo extrem sind. Man wird immer wieder verwirrt, wenn man mal auf andere Traditionen trifft und merkt, dass man in den Augen der Anderen etwas falsch gemacht hat, aber das kann einem mit jedem Menschen passieren (anderer Hintergrund, anderes Bundesland, andere Generation usw.).

Was du vermeiden solltest: Gleich große Erwartungen haben wie "das wird jetzt meine Freundin" oder "das könnte ein Lebenspartner werden". So etwas schreckt in der frühen Phase des Kennenlernens oft ab und der Andere nimmt dann etwas Abstand. Lieber erst mal unverbindlich bleiben, aber regelmäßig Kontakt halten als zu früh zu viel zu wollen.

Antwort
von Fayerfly, 147

Hey, du kannst dich in irgendeinem Verein anmelden oder einen Job suchen, in dem man mit einigen Menschen in Kontakt kommt. Kannst dir aber auch "Internetfreunde" suchen, damit meine ich jetzt nicht die Internetfreunde, die man auf Instagram immer sieht und sich umarmen und rumwälzen, sondern Freunde in Foren nach deinen Interessen. Zum Beispiel Gaming Foren oder so was :) Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Glück bei deinem "Neuanfang", ich kann deine Lage nachvollziehen. 

Antwort
von kiniro, 102

Für mich ist die Schule ein Paralleluniversum = abgeschottet für mehrere Stunden am Tag (fünfmal die Woche) von der echten Welt.

Egal, ob und wie viele Ausländer dort hingehen.

Soziales Leben kannst du auch - vielleicht sogar besser - außerhalb des Schulgeländes haben.
Außerhalb hast du die Möglichkeit, dir die Kontakte zu erschaffen, die zu dir passen und das in der Menge, die dir gut tut.

Nicht jeder ist für die erzwungene soziale Umgebung namens Schule geschaffen.
Das hat auch nichts mit irgendwelchen sexuellen Neigungen zu tun, sondern ist für mich vielmehr eine Typsache.

Finden Männer wirklich schneller Anschluss?
Auch hier wiederum eine Typsache. Gibt ja auch schüchterne Männer oder solche, die keinen großen Wert darauf legen. Wie manche Frauen auch.

Nur weil du keinen Kuss bisher bekommen hast, heißt das noch lange nicht, dass du deine ganze Jugend verpasst hast.
Daran sind vielmehr die ganzen Vorgaben vieler Erwachsener Schuld.
Diejenigen, die dir von 0 - 18 Jahren vorschreiben, wann du

  • zu schlafen hast
  • essen sollst
  • aufs Klo darfst
  • trinken kannst
  • in die Schule zu gehen hast
  • zuhause zu sein hast
  • Freunde besuchen darfst

Sind übrigens auch die gleichen, die von dir Selbstständigkeit verlangen, sobald du deinen 18. Geburtstag hinter dich gebracht hast.

Ich habe in all den Jahren festgestellt, dass die Welt nicht funktioniert.
Kann sie nicht, denn sie ist kein Apparat.

Ob du eine Therapie machst oder nicht, ist deine persönliche Sache.
Ebenso, ob du davon erzählst (und wem, wenn) sollte ebenfalls deine Angelegenheit sein.

Antwort
von hutten52, 149

Erstmal finde ich es sehr mutig und ehrlich, so offen über deine Lage zu sprechen. Du machst einen intelligenten, überlegten Eindruck. Leider nennst du dein Alter nicht.

Du bist auf einem Weg zu dir selbst, zu einer eigenen Identität. Das Problem dabei: Deine Familie, deine "Parallelgesellschaft" hilft dir dabei nicht, sondern hemmt dich.

Du bist schon so weit "eingedeutscht", dass es für dich wohl nur den Weg nach vorne gibt. Anpassung an die Erwartungen deiner Familie wäre das Ende der menschlichen Entwicklung für dich. 

Deshalb gehe jetzt in kleinen Schritten voran. Suche Kontakt zu Deutschen in der Schule, an der Arbeitsstelle oder indem du in einen Verein, eine Gruppe, eine Aktion gehst und dort interessante Menschen findest, die dich so annehmen, wie du bist. Und nach dem, was und wie du schreibst, bist du ein interessanter, differenzierter und kluger Mensch, den andere Menschen sicherlich mögen. 

Du kannst dich zusätzlich auch an eine psychologische Beratungsstelle wenden. Da geht es nicht um Psychiatrie. Das kann sogar anonym ablaufen.

Oder wende dich per E-Mail an peri.ev., die Hilfsorganisation für migrantische Mädchen, gegründet von Serap Cileli. 

Ich drück dir die Daumen!

Antwort
von DerKleineRacker, 188

Ich habe großen Respekt vor Menschen wie dir, die in restriktiven Umgebungen und Gesellschaften aufwachsen, und es trotzdem schaffen ihren eigenen Kopf und Geist zu entwickeln, dort auszubrechen.

Was ich an deiner Stelle tun würde: Zieh weg, mach dein eigenes Ding, reiß dich los von allem das dich an deiner Entwicklung hindert. Nur so wirst du dich entfalten können. Und dann später steht es dir ja immer noch frei zurückzukehren. 

Antwort
von DarkSilverMoon, 143

Ein Therapeut ist glaube ich nicht SO wichtig, es sei denn du merkst es geht einfach nicht anders. Am besten erst selbst versuchen. Am besten mit Freunden (klar es mag schwierig klingen, aber es ist eigentlich recht einfach), eine Freundschaft mit anderen auf zu bauen funktioniert durch gemeinsame Interessen, wenn man sich nicht verstellt und all sowas und man muss eigentlich nur ins Gespräch kommen und der Rest klärt sich von selbst, weil man in Kontakt bleiben möchte, weil man gut mit einander klar kommt.

Wenn du viel mit Freunden unternimmst, kommst du automatisch aus diesem "Loch" raus, weil du Freude am Leben hast, Ablenkung und auch andere Seiten bzw. Arten von Gesellschaften kennenlernen kannst, welche auch toleranter sind und das Leben wieder um einiges vereinfachen.

Also einen Versuch ist es immer Wert, wenn es nicht klappt, kann man doch vielleicht einen Therapeuten aufsuchen (ohne das jemand etwas davon mitkriegt wegen der Schweigepflicht).

Antwort
von halbsowichtig, 94

Hast du Abitur? Dann bewirb dich um einen Studienplatz in einer anderen Stadt! Dann musst du von zu Hause ausziehen, wahrscheinlich in ein Studentenwohnheim oder eine WG. Schon triffst du gebildete, größtenteils deutsche Leute.

Ansonsten geh mal deine Interessen durch. Gibt es Vereine dafür, z.B. Sportvereine, Naturschutzvereine, Bastelvereine? Könntest du dich ehrenamtlich engagieren, z.B. in Hausaufgabenhilfe, Kinderbetreuung, Tierschutz, Urban Gardening? Auch dabei trifft man mitdenkende Leute aus anderen Stadtteilen.

Antwort
von soissesPDF, 114

"Männer finden immer so schnell Anschluss, sowas ist bei denen einfach unkomplizierter, so habe ich das Gefühl."

Mag daran liegen, dass die Mehrheit heterosexuell ist, jedenfalls nicht lesbisch oder bi.

Is'n Problem fraglos, aber nicht das Lebensende.

Kommentar von HerlockSholmes ,

Ich meinte allgemein beim Kontakteknüpfen... auch ganz normal mit Männern, nicht nur beim Flirten usw. Die sind irgendwie lockerer, wie ich finde

Antwort
von HerrErklaerbaer, 121

Dafür ist das aber ausgesprochen gutes deutsch...  Kein kontakt zu deutschen kann ich mir da irgendwie nicht vorstellen... 

Nichts desto trotz,  Schulkameraden ansprechen ? Also so blöde deutsche...  😊  party?  Facebook?  Etc... 

Kommentar von HerlockSholmes ,

Es ist aber wirklich so, dass ich kaum was mit Deutschen zutun hatte. Ich lese viel und kann mich schriftlich auch besser ausdrücken. Deutsch sprechen kann ich auch gut, aber schriftlich bin ich besser... Party usw. ist eher schwierig, wenn man komplett alleine ist und niemanden hat.

Antwort
von KuddelMuggel, 92

Oh, sehr schwierig. Ich finde auch nicht, dass du psychologische Hilfe suchen musst.Hm, lass mich überlegen...Vielleicht solltest du dein bisheriges Leben hinter dir lassen und sagen “Das ist jetzt Vergangenheit. Jetzt beginne ich ein neues Leben!“ Ich weiß ja nicht, was für eine Person du bist, aber ich erkenne, dass du verzweifelt bist.Lass nicht den Kopf hängen, sei fröhlich und versuche Neuem mit Neugierde zu begegnen, probiere Neues aus und lass dich nicht von niemandem unterkriegen ;)Du sagtest, du denkst, du bist vielleicht lesbisch oder bi. Egal, wie du bist: Lasse dir von Niemandem sagen, wen oder was du lieben sollst! Auch wenn es nicht dem Koran, der Bibel oder sonst wem entspricht. Für dich ist die deutsche Gesellschaft fremd (?), versuche ihr entgegenzukommen, dich nicht zu verstecken. Glaube mir, es gibt zwar ziemliche Arschlöcher unter uns “Deutschen“, aber genauso gibt es nette Leute die darauf warten dich kennen zu lernen :)Du könntest vielleicht dir ein neues Hobby suchen, oder in eine “deutschere“ Gegend ziehen (kling jetzt doof, “deutsch“ klingt so angeberisch und rassistisch irgendwie...).Ich wünsche dir auf jeden Fall alles, alles Gute! Lg, KuddelMuggelEine kleine Frage hab ich: Wie alt bist du? Bist du schon volljährig?

Kommentar von HerlockSholmes ,

"Jetzt beginne ich ein neues Leben." Wenn das so einfach wäre... ist schwer, wenn man komplett alleine ist und sich draußen irgendwie verloren fühlt. Ein Hobby habe ich eigentlich schon seit meiner Kindheit: Fußball. Habe auch oft gesagt bekommen, dass ich gut spielen kann. War auch früher in 'nem Verein, musste aber aufhören, da meine Mutter der Meinung war (ist), Fußball sei für Männer... Da war ich noch jünger, heute interessiert mich so eine Meinung nicht. Ich will mich auch eig. wieder bei 'nem Verein anmelden, aber traue mich nicht... ich weiß nicht, ich fühle mich so fremd irgendwie. Es ist kompliziert... Bin übrigens 20 Jahre alt.

Antwort
von Robert7194, 82

Neustart ( Studium ) in anderer Stadt

Männer finden schnell Anschluss? Naja wenn Mann 0815 ist vielleicht 

Antwort
von KLCER, 114

Du brauchst dich nicht schämen wenn du eine Therapie machst, ich selber bin auch in Therapie und klar es gibt leute die wenden sich von einem ab und wenn man neue leute kennen lernt muss man sowas ja nicht direkt sagen !! :) Viel glück

Kommentar von HerlockSholmes ,

Das größte Problem ist meine Familie. Die kriegen Angst bei sowas und denken dann, man ist irgendwie "vom Teufel besessen" usw. Habe Angst, dass die mich irgendwie anders behandeln und mich gar nicht mehr ernst nehmen, weil sie sich dann vllt denken "Die ist eh psychisch krank, die weiß nichts" usw.

Kommentar von 775smutje ,

Da ist deine Familie wirklich sehr zurückgeblieben, ich bin psychisch krank und mache trotzdem Abi wo ich sogar zu den drei Auffassung-schnellsten gehöre. Man ist deswegen weder dumm noch sonst was

Antwort
von soprahin, 59

 Wie wäre es mit einem Fitnessstudio? Dort kannst du auch Kontakte knüpfen.
Ansonsten gab ja schon so einige Vorschläge.

Einen Therapeuten brauchst du dafür nicht. Du machst nicht den Eindruck, als wüßtest du nicht was dein Problem ist.

Antwort
von XY123XY123, 106

Ich denke, dass Dir eine Therapie (oder zumindest hin und wieder eine Sitzung bei einem Therapeuten) gut tun würde. Deine Familie braucht davon ja nichts erfahren. Falls Du über 18 bist, hat der Therapeut sowieso Schweigepflicht und wenn Du noch darunter bist, darf er auch nur dann etwas weitersagen, wenn es für Dein Wohl wichtig ist.

Antwort
von DODOsBACK, 72

Wenn "alle anderen" sch... sind und einen nicht verstehen, sollte man grundsätzlich mal darüber nachdenken, ob man nicht selbst Teil des Problems ist...

Wie willst du denn neue Menschen kennenlernen, wenn du jedem unterstellst, dass er dich nicht akzeptiert und nur ändern, beeinflussen, "umdrehen" will?

Werd endlich erwachsen und nimm dein Leben selbst in die Hand! Überleg dir, was du willst und arbeite daran, statt seitenlang "rumzumeckern" und dir selbst leidzutun!

Spätestens in der Ausbildung kannst du dein Umfeld komplett verändern. Allerdings müssen dafür nicht nur deine Noten stimmen, du musst auch im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck machen.

Antwort
von lupoklick, 73

Ich befürchte fast, daß du in DEUTSCHLAND

 Kind geworden und geblieben ist....

Sollte ich mich etwa irren ?

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community