Frage von Happiness88, 39

In der Scienza Nuova macht Vico eine Unterscheidung zwischen der Zeit der Götter, der Heroen und der Menschen. Welche Bedeutung hat dies für seine Wissenschaft?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte & Philosophie, 7

Die Unterscheidung betrifft die Erkenntnis der gesellschaftlichen/politischen Welt (mondo civile).

Zur Bedeutung für die Wissenschaft kann versucht werden, verschiedene Gesichtspunkte zu finden:

  • Annahme einer Natur des menschlichen Geistes als etwas zugrundeliegendes Allgemeines, das sich aber in verschiedenen Modifikationen (Abwandlungen; modificazioni) konkretisiert, mit drei Hauptstufen der Kulturentwicklung
  • Hineinbringen einer zeitlichen Dimension: Aus den Prinzipien des menschlichen Geistes wird eine ewige ideale Geschichte (storia ideale eterna) gebildet, eine allgemeine Gesetzmäßigkeit mit bestimmten Grundsätzen (es gibt also nicht ein bloß zufälliges und beziehungsloses Nebeneinander und Nacheinander von Ereignissen) und einer Struktur geschichtlicher Abläufe. Die göttliche Vorsehung (provvidenza divina) hat eine allgemeine und ewige Ordnung in die Welt gesetzt, davon gibt es aber verschiedenen Ausprägungen/Ausformungen in einer Zeitlichkeit/Geschichtlichkeit.
  • Geschichtsteleologie: Es gibt eine Zielgerichtetheit (Teleologie; von griechisch τέλος [telos] = Ziel, Zweck) in der Geschichte. In der Kulturentwicklung aller Völker (nazioni) geschieht ein Durchlaufen der drei Zeitalter/Phasen/Stadien. Es gibt dabei kein endgültiges Ziel, bei dem alles in einem für immer bleibenden Höchstzustand endet und kein jüngstes Gericht, sondern einen zyklischen Verlauf mit Aufstieg, Fortschritt und Niedergang, bis hin zu einem Verfall, bei eine Wiederkehr der Barbarei erfolgt und erneut eine Kulturentwicklung mit den drei Hauptstufen durchlaufen wird, wobei Dauer und Einzelheiten nicht jedes mal gleich sind.
  • Erkennbarkeit der Veränderung des natürlichen Bewußtseins und der Auswirkungen dieser Veränderungen auf den menschlichen Geist: Möglich ist dies durch ein Zusammenwirken von sich auf Vernunft stützender Philosophie (vor allem einer Geschichtsmetaphysik, die aus Prinzipien konstruiert) - einem „Wissen des Wahren - und sich auf Phantasie stützender und auf das Erforschung des Besonderen und Individuellen ausgerichtete Philologie (in einem weiten Sinn; nicht nur Sprachen, sondern allgemein alle Arten von Gesellschaftswissenschafte/Kulturwissenschaften/Humanwissenschaften) – einem Bewußtsein des Gewissen - bei der deutenden Erkenntis der geschichtlichen Welt.
  • Auffassung einer Kulturentwicklung mit drei Hauptstufen, die in allen Lebensbereichen (z. B. Sprache, Religion, Moral, Regierungssystem, Rechtsordnung, Gesellschaft, Wirtschaft) von jeweils vorherrschenden Vermögen/Fähigkeiten des menschlichen Geistes bestimmt sind:


1) Zeitalter der Götter (età degli dei): Sinneswahrnehmung und reines/bloßes Fühlen/Empfinden (puro sentire)

2) Zeitalter der Heroen (età degli eroi): Einbildungskraft/Phantasie (fantasia)

3) Zeitalter der Menschen (età degli uomini): völlig entfaltete menschliche Vernunft (ragione umana tutta spiegata)

In einer Dichotomie (Zweiteilung) kann etwas gröber einer von Sinnen, Emotioalität und Phantasie bestimmten, sehr bildhaft-anschaulichen Denkweise eine abstrakt-rationale, reflektierende Denkweise entgegengestellt werden, bei der spontane Gefühle und Phantasie schwächer ausgeprägt sind.Die nicht abstrakt-rationale Denkform kann auf einer poetischen Weisheit (sapienza poetica) beruhen.

  • Möglichkeit einer Feststsellung von Ähnlichkeiten bei einem Vergleich von Phänomenen zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern
    Beurteilung von Mythen, Sagen und anderen Phänomenen an den Ursprüngen als auch aussagekräftig, da sie eine Weltsicht und Welterklärung enthalten, Ausdruck des Zustandes des menschlichen Geistes auf einer bestimmten Stufe der Kulturentwicklung sind


Wichtig bei der Frage einer Erkenntnis des Wahren ist das verum factum-Prinzip: Erkannt werden kann nur, was jemand selbst gemacht/geschaffen hat.

Staat und Gesellschaft sind Produkte menschlichen Handelns. Das Vorgehen in der „NeunenWissenschaft“ Vicos ist eine gedankliche Konstruktion.

Der menschliche Geist hat eine Zeichenspur hinterlassen, die den Stand seines Bewußtseins anzeigt.

Buch 1, Kapitel 1, degnità LIII: Gli uomini prima sentono senza avvertire; dappoi avvertiscono con animo perturbato e commosso, finalmente riflettono con mente pura. „Die Menschen fühlen/empfinden zuerst ohne aufmerksames/achtgebendes Bewußtsein; dann haben sie aufmerksames/achtgebendes Bewußtsein mit einem verwirrten/erregten und bewegtem Gemüt/Geist, schließlich reflektieren/überlegen sie mit reinem Geist/Verstand.“

Auch bei der Sprache und anderer Art von Zeichenhaftigkeit werden ensprechend den drei Hauptstufen der Kulturentwicklung drei Formen unterschieden (wobei ein gemeinsames geistiges Wörterbuch gebildet werden kann:

1) Sprache der Gebärden/Gesten, der Körper, die auf Gegenstände hinweisen

2) Sprache anschaulicher Bildhaftigkkeit, mit Sinnbildern/Symbolen, ausdrucksstarken Metaphern, Vergleichen und Gleichnissen

3) artikulierte und entwickelte Sprache, die zum TZeil als Konvention vereinbart ist

Vico nimmt einen Gemeinsinn/allgemeinen/gemeinsamen Sinn (senso commune) an, ein Urteil ohne Reflexion, das gemeinschaftlich empfunden wird. Der Gemeinsinn ist vor allem Kriterium des natürlichen Rechts, das der allgemeinmenschlichen Natur entspringt und für den Bestand der Völker notwednig ist, um entsprechend den angeborenen sittlichen Prinzipien zu leben.

Antwort
von berkersheim, 20

Nun, das sieht man heute anders als Vico. Wenn Du Wikipedia "Giambattista Vico" liest, Abschnitt "Werk", den 6. Absatz, "Die Ursprünge der Nationen führte er auf zwei Grundformen zurück... " wird deutlich, dass man damals die mystischen Erzählungen für "Poesie" hielt. Er schreibt "Dieser Dichotomie entsprechen Poesie und Philosophie" In der postmodernen Philosophie dagegen spricht man generell von "Erzählungen". Die "Mythen" der alten waren ebenso welterklärende Erzählungen wie heute unsere moderne Wissenschaft. Die Auffassungen der Scholastik waren ebenso eine spezielle Art der Welterzählung wie danach die Renaissance. Im Sinne des Konstruktivismus konstruieren wir uns Welterklärungen, die unserem Wissen und unseren Bedürfnissen entsprechen. Allerdings hatte wohl auch Vico eine Ahnung davon, dass Wahrheit etwas mit Selbstkonstruiertem zu tun hat. Was wir uns nicht selbst zurecht gelegt haben, das glauben wir nicht. Wenn man aus heutiger Sicht bedenkt, welchen Unsinn man 1700 teils für "rational" gehalten hat, fällt einem natürlich die Überheblichkeit Vikos auf, der die frühen Griechen für leichtgläubige, phantasiebetonte Kinder hielt. Natürlich fiel ihm im Traum nicht ein, dass sein einziger, allmächtiger und allguter Gott logisch ein Schwachsinn war gegenüber der vielfältigen Götterwelt der Alten, die unterschiedliche Kräfte repräsentierten. Aber die Einsicht, dass das Auge sich nicht selbst erkennen kann, hat er nicht auf seine Weltsicht übertragen.

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