Frage von JoniGo, 64

Ichbezogener Altruismus?

Hallo :) Was versteht man unter ichbezogenem Altruismus? Kann es sowas überhaupt geben?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Rosenblad, 29

Von der Sicht der Psychologie her ist jedes  "gesunde" Handeln (auch ein altruistisches Handeln) selbstzentriert, anders wird die Aussage bei einem anankastischen Handeln (d.h. wenn der Altruismus zu einem zwanghaften Intentionsablauf "verbogen" wird)

Vom Standpunkt Anthropologie  kann altruistisches Verhalten pragmatisch disponiert sein (als retributives oder egoistisches Helfen), es kann funktional sein (in Form einer Kosten-Nutzen und Ressourcen-einsatzabwägung), es kann sozial motiviert sein (geleitet von Empathie oder Mitgefühl) und es kann konativ-intentional sein (als Ausdruck eines darin impliziertes Zieles im Rahmen einer caritativen Organisation z.B.) (siehe: Frans de Waal„Der Turm der Moral“ In: Frans de Waal (Hrsg.) „Primaten und Philosophen : wie die Evolution die Moral hervorbrachte“; München, Hanser Verlag, 2008, 219 S., darin S.179-200, hier S.199)

Antwort
von Grautvornix16, 19

Hi,- kurz gesagt: ja, kann es und ist vielleicht so gar die verbreitetste Form des Altruismus. Neudeutsch spricht man dann von einer "Win-Win-Situation".

Warum sollte Helfen nur dann "echt" sein wenn der Helfende darunter leidet?

Was spricht dagegen wenn ein Mensch mit einem "entwickelten" Gewissen sich gut fühlt und mit diesem Gefühl sich selbst belohnt wenn er jemand anderem hilft genauso gerne und gut leben zu können wie er selbst?

Problematisch würde es m. E. erst dann werden wenn der Helfende ein Problem damit hätte wenn es nichts mehr zu helfen gäbe - im übrigen kein seltenes Problem in "kranken Beziehungen" - oft in Familien in denen Eltern ihren eigenen Mangel an Lebenssinn und -freude als permanentes "sich sorgen" an ihre Kinder weiter geben. Das Ergebnis: Sorgenkinder mit allen Facetten an psychischen Beschädigungen die man sich vorstellen kann.

Und auch das sog. "Helfersyndrom" hat mit einer "kranken" Bindung zu tun die dazu beiträgt, sogar um den Preis der Selbstzerstörung den Hilfebedürftigen hilfebedürftig zu halten,- also die Bedingungen seiner Selbstzerstörung (unbewußt) abzusichern um letztlich mit ihm "abzuschmieren"/ den "Heldentod" zu sterben.

Man sieht, dass sich bei diesem Thema Philosophie und Psychologie des Alltags mitunter heftig vermischen und eine Trennung dann schwer fällt.

Aber rein philosophisch / logisch: Ja, natürlich ist es gut und sinnvoll anderen zu helfen (bei Bedarf /wenn sie es wollen). Denn Menschen, denen es gut geht machen die Welt größer, bunter, freundlicher, liebens- und lebenswerter. Und deshalb mache ich die Welt auch im Gegenzug für mich größer, bunter, freundlicher, liebens- und lebenswerter wenn ich anderen helfe, ein "gutes" Leben führen zu können. Und dieser "Deal"  in einem wechselwirksamen Verhältnis von Egozentrismus und Altruismus ist der Kern der Aussage von Platon /Sokrates wenn er anmerkt: " Es ist besser, Schlechtes zu erleiden als Schlechtes zu tun".

Denn hinter aller Betrachtung des Einzelnen steht der Begriff des "Guten" letztlich nicht als ausschließlicher Begriff der Ethik sondern der Ästhetik. - Es geht um Harmonie oder "Wohlgeformtheit". Egal ob in Kunst oder Politik. Genau deswegen empfinden wir z.B. Ungerechtigkeit ebenso disharmonisch wie mißlungene Musik.

Und was gäbe es "wohlgeformteres" als eine "Win-Win-Situation".

PS: Gewissen entwickelt sich und funktioniert übrigens genau nach diesem Prinzip. Es ist das Gleichgewicht zwischen der Selbstliebe und der Fähigkeit, , sich in diesen Zustand und das Recht dazu stellvertretend für den Anderen in diesen hineindenken und -fühlen zu können.

Was wir bei einer gesunden Form des Helfens anstreben ist letztlich Harmonie / Wohlgeformtheit. - Und das ist gut.

Gruß

Antwort
von Ottavio, 21

Die Einheit und den Kampf der Widersprüche, genauer gesagt sich widersprechender Aspekt nennt man Dialektik. Das ist im wirklichen Leben nichts Außergewöhnliches, man kann es auch zum Prinzip des Denkens machen. Hegel hat viel darüber geschrieben, aber Lao Tse auch schon. Von mir aus nenne es auch die alte Erkenntnis, dass jede Medaille zwei Seiten hat.

Nehmen wir folgenden nicht völlig außergewöhnlichen Falle: Jeder Mensch hat ein Ich-Ideal. Intelligente Menschen erkennen aber, dass die Realität nicht mit diesem Ideal übereinstimmt. Darauf meldet sich das Über-Ich des Menschen (Gewissen würde ich das nicht wirklich nennen) und nagt an seinem Selbstbewusstsein. Diese Nagerei kann ziemlich schwer erträglich sein.

Ein möglicher Umgang mit dieser Diskrepanz zwischen Ich-Ideal und Realität ist das ständige Bemühen, die Realität dem Ideal anzupassen, zum Beispiel durch Altruismus aus "Idealismus". Da er dann eigentlich die Funktion hat, die Position des Ich vor dem allzu strengen Über-Ich zu stärken, würde ich ihn "ichbezogen" nennen 

Antwort
von berkersheim, 25

Na ja, das hängt von der Trennschärfe der Definitionen beider Begriffe ab. Auf den ersten Blick ist es ein Widerspruch. Doch wie ist folgender Satz zu interpretieren:

"Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!"

Ist da nicht als Maß des Altruismus der Ich-Bezug aufgestellt? Kann jemand, der sich selbst hasst andere aufrichtig lieben? Oder wie ist es, den Spruch des Sophisten Protagoras auf den Ich-Bezug zu reduzieren: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge." Wie will ich für andere ein rechtes Maß haben, wenn ich nicht mal für mich selbst ein rechtes Maß habe?

Vielleicht ist das Problem derer, die einen Widerspruch sehen, dass sie in einer Entweder-Oder Betrachtung gefangen sind. Wie wäre es, wenn das eine ohne das andere nicht zur Vollkommenheit gelangen kann? Was z.B. bedeutet es, wenn man von "Helfersyndrom" spricht? Das wird ja als eher ungesunde Einstellung gewertet. Wie wenn "Helfersyndrom" ein Ausdruck dafür ist, dass jemand nur sich selbst annehmen kann, wenn er sich ganz für andere verausgabt hat? Wie selbstzerstörerisch selbstlos ist das dann?

Hut ab, Du hast mit Deiner Frage eine interessante Debatte angestoßen. Bin mal gespannt, was da noch kommt.

Antwort
von Eselspur, 20

Nach üblicher Definition wäre das ein Widerspruch in sich.
Vielleicht ist aber ein Pseudo-Altrismus gemeint, ein veekleideter Egoismus sozusagen.

Antwort
von vigi86, 21

Ein egozentrischer Altruismus ist doch ein Paradoxon?

Aber nun, um ein bisschen zu philosophieren... Man ist sich selber selbstlos? Man würde für sich selbst, sich selber opfern? Hmmm...

Antwort
von N3kr0One, 21

Ja klar, genauso wie es ein kreisrundes Dreieck gibt.
Oder ein einfarbiger rot-grün Streifen.

Ichbezogen wird ja meist mit Egoismus betitelt. Altruismus wird als das Gegenteil angesehen.
Es schließt sich nicht 100% aus...gerade in Gruppen kann es Altruismus geben wobei die Gruppenbildung an sich schon zum Egoismus gehört.
Das geht aber echt zu weit und man könnte sich stundenlang darüber unterhalten und Definitionen umher schmeißen.

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