Frage von molchi1990, 112

Ich würde gerne meine Bachelorarbeit über die Kritik des Aristoteles an der Ideenlehre Platons schreiben. Wie kann ich dieses Thema sinnvoll eingrenzen?

Da dieses Thema so wie es ist natürlich für eine 30-seitige Arbeit zu umfassend ist, würde ich es gerne eingrenzen. Gerne auch im Rahmen der Metaethik des Aristoteles. Weiß jemand, wie ich dieses Thema sinnvoll eingrenzen kann? Hat jemand eine Idee zu einem sinnvollen "Oberthema" oder einer sinnigen konkreten Fragestellung? Super vielen Dank im Voraus.

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 27

Das Thema ist gehaltvoll, allerdings auch anspruchsvoll und schwierig.

Erforderlich wird eine Darstellung, worin Platons Ideenlehre in ihren Grundzügen besteht bzw. nach Auffassung des Aristoteles besteht.

Im Rahmen einer Metaethik steht die Idee des Guten (ἡ τοῦ ἀγαθοῦ ἰδέα [he tou agathou idea]), die unter den Ideen eine besondere, herausragende Stellung hat, im Zentrum. Platons Gedanken zu dieser sind nur teilweise schriftlich in den Dialogen enthalten. Sie fallen in den Bereich einer Prinzipienlehre, die Platon vor allem mündlich dargelegt hat. Diese mündlichen Überlegungen sind nur in Berichten anderer Autoren und nicht als durchgehend wörtliche Aufzeichungen überliefert.

Platon hat nach antiken Zeugnissen eine Prinzipienlehre (griechisch ἀϱχή [arche] = Prinzip) vertreten, zu der es in den schriftlichen Dialogen nur einige andeutende Hinweise gibt. Platon hat sie mündlich vorgetragen („ungeschriebene Lehre“; darunter ein öffentlicher Vortrag „Über das Gute“ [Πεϱὶ τἀγαθοῦ]) und mit anderen erörtert. Als Prinzip der Einheit verleiht das Eine (τò ἕν [to hen]), indem es Idee des Guten ist, allem Grenze und Bestimmung und damit Existenz und Erkennbarkeit. Zu diesem ersten Prinzip tritt – ihm auf gewisse Weise untergeordnet – als ein zweites Prinzip die unbegrenzte/unbestimmte Zweiheit (ἀόϱιστος δυάς [aoristos dyas]), von der die Vielheit abgeleitet ist. Dieses Materialprinzip für Ideen und Sinnendinge wird auch als Groß – Kleines (μέγα καὶ μικϱόν [mega kai mikron]) bezeichnet.

Die Ideenlehre ist in der platonischen Akademie diskutiert worden. Aristoteles gibt nicht immer an, ob er sich bei einer Kritik an Ideen auf Platon selbst oder irgendwelche anderen Platoniker bezieht, die eventuell eine eigene, von Platon ein wenig abweichende Ideenlehre vertreten.

Eine durchgehende Frage ist, ob und wieweit Platons Ideenlehre von Arisoteles richtig verstanden bzw. dargestellt worden ist.

Untersucht werden kann, wie nah oder fern Aristoteles Platons Ideenlehre steht. Will er nur leichte Verbesserungen, strebt er erhebliche Veränderungen an oder verwirft er ihren Ansatz ganz und gar? Bei Aristoteles selbst sind z. B. οὐσία (ousia), εἶδος (eidos) und ἀγαθόν (agathon) wichtige Begriffe. Inwiefern gibt es hier Ähnlichkeiten mit platonischen Ideen oder grundsätzliches Abweichen?

Eine bedeutende Aufgabe ist, die Kritik an der Ideenlehre inhaltlich darzustellen, sowohl zustimmende Gedanken als auch Vorbehalte und Einwände zu analysieren und erläutern.

Überlegt werden kann, wie treffend und überzeugend die Kritik bei den einzelnen Argumenten und insgesamt ist.

Überlegt werden kann, ob und inwieweit gegebenenfalls in der Kritik bedeutsame Gedanken entwickelt werden, die nicht nur Argumente gegen etwas bieten, sondern auch dazu taugen, tragfähige Überlegungen zu den Themen, auf die sich die Ideenlehre Platons bezieht, aufzubauen.

Eine Eingrenzung kann erreicht werden, indem beim Thema nur bestimmte Textabschnitte ausgiebig untersucht werden (z. B. Kritik des Aristoteles in seinem Werk «Nikomachische Ethik» an der Ideenlehre Platons; Die Kritik des Aristoteles in seinem Werk «Metaphysik» an der Ideenlehre Platons; noch stärkere Eingrenzung mit Hinzufügen eines bestimmten Textabschnittes) oder nur bestimmte Argumente untersucht werden (am stärksten eingrenzend ist eine Beschränkung auf ein einziges Argument).

Die Kritik des Aristoteles an der Ideenlehre Platons enthalten vor allem:

Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4

Aristoteles, Metaphysik 1, 9 und 13, 4 - 5

eine nützliche Erläuterung zur Kritik bei Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4 bietet:

Hellmut Flashar, Die Platonkritik (I 4). In: Aristoteles: Nikomachische Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. 3., gegenüber der 2. bearbeiteten, unveränderte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 2010 (Klassiker auslegen ; Band 2), S. 63 – 82

Argumente, die Aristoteles gegen die platonische Lehre vorbringt, sind:

1) Argument von der Reihung (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4, 1096 a

17 – 23) Vertreter der Ideenlehre haben überall, wo sie von „Früher“ und „Später“ redeten, keine Ideen angenommen, daher auch für die Zahlen (in ihrer Gesamtheit) keine (umfassende) Idee angesetzt. Das Gute wird in einer Reihe ausgesagt, die im Verhältnis von „Früher“ und „Später“ steht, nämlich der Kategorienreihe. Bei Platon ist die Mannigfaltigkeit alles Guten unter der Idee des Guten subsumiert. Aristoteles hält ihm vor, nach Platons eigenem Grundsatz zu einer solchen Reihung sei es nicht möglich, eine derartige umfassende Idee des Guten anzusetzen.

2) Kategorienargument (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4, 1096 a 23 – 29)

Angesichts der kategorialen Differenziertheit des Seienden gebe es kein „Allgemeines, das gemeinsam und eines wäre“.

3) Wissenschaftsargument (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4, 1096 a 29 – 34)

Das Gute tritt selbst innerhalb einer einzelnen Kategorie in mannigfaltigen Erscheinungsformen auf. Von den Dingen, die unter einer einzigen Idee begriffen werden, gibt es auch nur eine einzige Wissenschaft, so daß es von allem Guten auch nur eine einzige Wissenschaft gäbe, was aber faktisch nicht zutrifft.

4) Argument von der Hypostasierung (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4, 1096 a 34 – b 3)

Hypostasierung einer Sache durch das Präfix „selbst" (αὐτό) ist sinnlos, und der Ausdruck „die Sache selbst unverständlich. Der „Mensch selbst“ und der „Mensch“ unterliegen nämlich der gleichen Wesensbestimmung, ohne daß eine Differenzierung erkennbar wäre. Das Gleiche gilt auch für das „Gute selbst“ und das „Gute“. Aristoteles wendet sich gegen die Abtrennung eines „Guten selbst“ bzw. eines „Guten an sich“ von den Einzeldingen. Dabei liegt seiner Kritik zugrunde, daß mit dem Präfix αὐτό das Gleiche ausgedrückt wird wie mit der Bezeichnung Idee.

5) Argument von der Ewigkeit (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 4, 1096 b 3 – 5)

Es ist nicht etwas dadurch, daß es lange ist, in stärkerem Maße gut, denn auch die Intensität einer Farbe ist nicht an zeitliche Dauer gebunden. Was lange Zeit weiß ist, ist nicht weißer als das, was einen Tag weiß ist. Die Annahme einer „Sache selbst“ als ewigen, von den Einzeldingen abgetrennten Idee intensiviert eine bestehende Idee nicht. Das gilt auch für das einzelne Gute im Verhältnis zu einer angenommenen „Sache selbst“, als einer Idee des Guten.

In der Metaphysik sind wichtige Kritikpunkte:

1) Argument unnötiger Verdoppelung der Welt: Gleiche Namen für Ideen und die Dinge, auf die sie sich beziehen, führen zu einer unnötigen Verdoppelung der Welt. Dabei wird nichts erklärt, sondern nur das Problem verschoben. Die Ideen sind als Ursachen für das Entstehen von Dingen überflüssig, es fehlt eine Wirkursache und Zweckursache (vgl. auch Aristoteles, Metaphysik 7, 8).

2) Argument verfehlter Abtrennung der Ideen von den Einzeldingen (χωρισμός [Chorismos]): Es entsteht eine Kluft, die mit dem Modelle einer Teilhabe (μέθεξις [methexis]) nicht wirklich überbrückt werden kann, weil es sich dabei nur um eine poetische Metapher handelt, die ein verschwommenes leeres Wort bleibt.

3) Kategorienargument: Ideen zugleich als Eigenschaften der Einzeldinge und als individuelle Wesenheiten zu denken, ist falsch. Wesenheiten sind Einzelnes und haben Eigenschaften, können damit nicht einfach Eigenschaften sein.

4)Argument vom «Dritten Menschen»: Ein einzelner Mensch und die Idee des Menschen müssen etwas Gemeinsames haben. Als Bezug ist ein «Dritter Mensch» nötig. Für diesen ist wiederum ein bezuig nötig und so kommt es zu einem Zurückschreiten ind Unendliche (Regressus in infinitum).

Auf dieser Plattform früher schon gestellte Fragen, die das Thema berühren:

https://www.gutefrage.net/frage/was-hat-aristoteles-damit-gemeint

https://www.gutefrage.net/frage/aristoteles-idee-des-guten-vs-platon

Antwort
von Ottavio, 53

Ich erinnere mich, dass es etwa zu diesem Thema hier schon einmale eine Expertenantwort gab. Den Inhalt habe ich nicht mehr im Kopf, und ich wüsste auch nicht, ob und wo ich die gespeichert haben sollte. Aber vielleicht ist der Experte ja noch einmal so lieb ?

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