Frage von s1lverspo0n99, 86

Ich will in Österreich Archäologie studieren?

Ich will Archäologie studieren hab aber meine Matura nicht(werde es aber machen) und will danach Archäologie studieren.

Aber hab viel gelesen das man fast keine Chance hat eine gute Stelle zu finden oder solche ähnliche Sachen.

Wenn ein erfahrener Archäologe oder einer der Archäologie studiert oder jemand der einen Archäologen kennt der soll bitte antworten.

Antwort
von Jerne79, 46

Die Stellensituation im Fach ist generell mau. Wie schlimm sie wirklich ist, ist ein Stück weit von der Fachrichtung abhängig. Für im eigenen Land betreibbare Disziplinen (Mittelalterarchäologie, Ur-, Vor- oder Frühgeschichte) gibt es zumindest auch die Möglichkeit, als einfacher Ausgräber unterzukommen, während Klassische Archäologen, Vorderorientalen und Co. sich um die wenigen Stellen an Universitäten, in Museen und bei Institutionen wie dem Deutschen Archäologischen Institut kloppen. Oder eben umsatteln müssen.

Generell sind das die Stellen (Uni, Museum), von denen die meisten Träumen und auf die sich folgich, wenn denn eine frei wird, Heerscharen von Absolventen bewerben.

Dabei ist dein Fortkommen nicht allein davon abhängig, wie gut du bist, sondern auch davon, wen du kennst und ob du zur rechten Zeit am rechten Ort bist.

Ohne eine hohe Frustrationstoleranz kommt man in der Archäologie nicht weit. Viele Stellen sind zeitlich befristet, nach deren Auslaufen geht die Suche von vorne los.

Auch Flexibilität ist gefragt, denn es ist kaum möglich, von vornherein festzulegen, welchen Weg man gehen möchte.

Wer bereit ist, auf einer Grabung zu stehen, kommt gerade zu baufreudigen Zeiten wie momentan in der Regel bei einer Grabungsfirma unter. Das bedeutet aber: lausige Bezahlung, Kälte, Hitze, schwere körperliche Arbeit. Wer sich auf der Grabung hoch arbeitet, kommt um die körperliche Arbeit ein Stück weit herum, darf sich aber dann dafür mit Auftraggebern und Baufirmen herumstreiten. Zeitdruck ist ein steter Begleiter.

Daneben gibt es noch freiberufliche Archäologen wie mich, was aber bedeutet: Du brauchst Erfahrung, um fachlich selbstständig Aufträge ausführen zu können, musst dir diese Aufträge selbst an Land ziehen und musst alle Aufgaben selbst übernehmen. Kein bezahlter Urlaub, keine bezahlten Krankentage. Dafür ist die Bezahlung besser als bei Firmen, und man kann sich - zumindest wenn es die eigene Position erlaubt - ein Stück weit auch aussuchen, welche Aufträge man annimmt oder nicht.

Generell würde ich dir dringend raten, erstmal ein paar Praktika zu machen, damit du einen Realitätsabgleich vornehmen kannst. Kaum jemand hat vor einem Studium eine realistische Vorstellung vom Fach.

Dann kannst du auch auf einer besseren Grundlage überlegen, ob du wirklich noch deine Matura nachholen willst (oder eine entsprechende Qualifikation), um dich in eine so ungewisse Zukunft zu begeben. Ich würde es mir gründlich überlegen.

Kommentar von s1lverspo0n99 ,

Ich bin erst 17 und will entweder Archäologie oder Rechtswissenschaft studieren. Aber für mich ist Archäologie um weiten besser. 

Denn wenn ich Anwalt werde und die Bezahlung gut ist aber wenn ich es nichts mehr mag und nicht mehr interessant finde. 

Bei Archäologie fühle ich mich wohl den ich interessiere mich für Artefakte und die Geschichte im allgemeinen. 

Kommentar von Jerne79 ,

Bitte tu dir selbst den Gefallen: Mach Praktika. Bekomm zumindest einen gewissen Eindruck von den Arbeitsweisen im Fach, bevor du mit einer falschen Vorstellung losmarschierst.

In der Hauptsache geht in der Archäologie um das Bestimmen und Datieren einer Vielzahl von alltäglichen Funden, die alles andere als spektakulär sind. Geschichte liefert dafür lediglich einen gewissen Hintergrund. Dazu kommt die Interpretation der Befunde. Und das sind in heimischen Regionen nunmal v.a. Verfärbungen im Sediment und ab späteren Zeiten gemauerte Strukturen.

Man sollte auch nicht vergessen, dass nach einigen Jahren auch ein Fach wie Archäologie zur Routine wird. Das ist normal und auch gut so, schließlich ist es wünschenswert, dass du dich im Lauf der Zeit immer besser auskenst. Es bedeutet aber auch, dass immer weniger Neues dazu kommt. Und das alles ist sowieso nur der Fall, wenn man denn in irgendeiner Form für seine Arbeit im Fach bezahlt wird.

Kommentar von s1lverspo0n99 ,

Okey mache ich. 

Kommentar von Kristall08 ,

und die Geschichte im allgemeinen.

Aber Archäologie hat mit Geschichte nichts zu tun. Es ist eher selten, dass man es wirklich mit geschichtlichen Bereichen zu tun bekommt. Nicht mal in der Frühgeschichte gibt es viele Quellen, die man nutzen könnte, meistens muss man ohne auskommen.

Und Jerne79 hat schon recht. Die 247ste römische Münze, die man findet ist eben auch nur die 247ste römische Münze und nichts besonderes mehr. Mach wirklich, im eigenen Interesse, erst ein paar Praktika, bevor du dich auf diesen steinigen Weg begibst. Die meisten haben schon nach zwei Wochen waten durch Schlamm die Nase voll davon. 3:)

Kommentar von s1lverspo0n99 ,

Ja!

Ich gebe nicht auf! 

Kommentar von Jerne79 ,

Wo ist denn von aufgeben die Rede?

Die Rede ist davon, dass du dir ein realistisches Bild von diesem Fach verschaffen solltest, bevor du dich nicht nur mit der beruflichen Perspektive unglücklich machst, sondern auch noch mit völlig falschen Erwartungen vom Inhalt des Faches an die Sache herangehst.

Kommentar von s1lverspo0n99 ,

Ja mache ich! 

Kommentar von paulklaus ,

...na ja: "NICHTS (!!) mit Geschichte zu tun" stimmt nicht.

Man sollte welche Hochkulturen auch immer schon zeitlich einordnen können !

pk

Kommentar von Jerne79 ,

Das kommt darauf an, um welche Fachrichtung es sich handelt und ob es eine begleitende Schriftkultur gibt, die historische Daten und Fakten liefert. Für den gesamten Bereich der Vorgeschichte spielt Geschichte wirklich keine Rolle, da sich diese Bereiche nunmal als ohne eigene Schriftkultur definieren. Und von den paar fremden Quellen zu den jüngeren Kulturgruppen wird das Kraut nicht fett.

Anders sieht es natürlich aus, wenn beide Quellentypen vorhanden sind. Trotzdem gibt es dafür dann unterschiedliche Bearbeiter, eben Archäologen und Historiker. Im Optimalfalls sollte man, wenn man in einem Bereich mit Schriftquellen arbeitet, als Archäologe beides sein. Die meisten Historiker scheren sich nicht um Archäologie.

Der Knackpunkt ist aber, dass historische Daten für den Archäologen den Rahmen bilden, er sie aber selten erarbeitet oder erweitert. Im archäologischen Alltag spielen historische Ereignisse von Ausnahmen abgesehen keine große Rolle, weitaus relevanter sind beispielsweise für die Mittelalterarchäologie konkrete Schriftquellen zur jeweiligen Fläche, so denn vorhanden. Anders formuliert: Ob das Land gerade von A oder B regiert wird, spielt für Otto Normal (und den fassen wir in der Regel) keine Rolle. Große Überschneidungen gibt es vor allem im Bereich der Alltagsgeschichte, aber wenn wir ehrlich sind, backen leider auch im Jahr 2016 Archäologen und Historiker immernoch die meisten Brötchen getrennt voneinander und schauen nicht allzu weit über den Tellerrand hinaus.

Beispiel: Grabe ich auf einem Grundstück, dessen Bebauung im 30jährigen Krieg abgebrannt ist, brauche ich kein umfangreiches historisches Hintergrundwissen über diesen Krieg, ich muss v.a. wissen, wann er Auswirkungen auf den Ort hatte, in dem ich mich befinde. Was ich aber können muss: Meine Funde datieren, meine Befunde dokumentieren, um überhaupt erst zu verifizieren, dass wir im richtigen Zeithorizont sind und der Brandschutt, in dem ich gerade grabe, nicht zu einem anderen lokalen Ereignis gehört. Wenn ich dann lustig bin, kann ich für den Bericht noch eine Seite zum 30j. Krieg schreiben. Zu den zig Seiten Grabungsbericht.

Was in der Tat nichts mit Geschichte zu tun hat, sind die Arbeitsweisen im Fach, und die sind das, was man beherrschen muss, wenn man Archäologe werden möche. Historiker sind nunmal für Schriftquellen zuständig, wir für die Sachkultur. Beide Quellengattungen erfordern eine unterschiedliche Herangehensweise.

Und eine zeitliche Einordnung nimmt der Archäologe nunmal unabhängig vom Historiker vor. Mit der blinden Übernahme historischer Daten und nachfolgenden Schnellschüssen haben sich Archäologen lange genug selbst ein Bein gestellt. ERST wird das Fundmaterial datiert, wissenschaftliche Methoden ausgereizt, DANN schauen wir, ob es ein historisches Ereignis gibt, dass dazu passt.


Kommentar von Jerne79 ,

Der Knackpunkt ist aber, dass historische Daten für den Archäologen den Rahmen bilden, er sie aber selten erarbeitet oder erweitert.

Hiermit ist natürlich der großpolitische Rahmen gemeint. Für die lokale Geschichtsschreibung ist die Archäologie eine unerlässliche Quelle. Die aber meist von Historikern ignoriert wird.

Um beim Beispiel zu bleiben:
Wenn im Dorf X das Haus Y im 30jährigen Krieg abgegangen ist, ist das archäologische Ergebnis für die lokale Geschichte natürlich spannend. Es schreibt aber selten die Geschichtsbücher um.

Anders sollte es aussehen, wenn das Dorf eine historische Ersterwähnung aus dem Jahr 1356 hat, plötzlich aber Funde aus dem 12. Jh. vorliegen. Dann freuen sich die geschichtsinteressierten Einwohner ein Loch in den Bauch. Auch das hat aber dann v.a. eine lokale Bedeutung.

Kommentar von Kristall08 ,

@paulklaus Von welchen Hochkulturen in Mitteleuropa sprechen wir denn? ;)

Antwort
von hauseltr, 56

Zumindest in Deutschland eine der brotlosen Künste!

Kommentar von Kristall08 ,

Archäologie ist eher ein Handwerk als eine Kunst. ;)

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