Frage von SmartOrange, 49

Ich verstehe meine Denkweise nicht?

Hallo,
eines meiner wichtigsten Familienmitglieder liegt gerade schwerkrank im Krankenhaus. Diese Person liegt schon seit längerer Zeit da, und mir ist der Ernst der Lage bewusst. Aber irgendwie ... Irgendwie war ich die ganzen Tage ruhig und gelassen obwohl diese Person eine immense Rolle in meinem Leben einnimmt und ich es nicht wahrhaben kann, dass es dieser Person gerade so schlecht geht.

Nun, ich bin in der 13. Klasse und mache mein Abitur. Danach möchte ich Medizin studieren.

Ich schreibe am Dienstag eine sehr wichtige Prüfung und kann weder richtig schlafen, noch essen. Ich mache mir schreckliche Sorgen, dass ich meine hohen Standards und Ziele die ich mir setze nicht erreiche.

Ist das nicht irgendwie bizarr und stupide, dass ich mir Sorgen wegen irgendeiner Prüfung mache, aber absolut ruhig schlafen kann,wenn ich an diese Person denke?!

Woran kann das liegen? Ich verstehe meine Denkweise nicht und bin zugegebenermaßen sogar von mir selbst enttäuscht.

Danke !  

Antwort
von Tasha, 48

Diese Person war vermutlich schon lange in Deinem Leben. Sie liegt schon lange im Krankenhaus. Irgendwann wird alles irgendwie "normal" und man akzeptiert es, lebt weiter und kümmert sich um das Anstehende (die Prüfungen). Ich habe beim Tod einer nahestehenden Person erlebt, wie sich die Denkweise und Empfindungen dieser Person gegenüber innerhalb von 2 min ändern konnten (von, "so schlimm ist es nicht, es wird noch ewig dauern oder er wird auch wieder gesund" zu "oh mein Gott, er wird sterben" mit Tränenausbruch). Der Ernst der Lage wird einem oft erst bewusst, wenn die Lage wirklich nahe bei uns ist, wenn der Ernstfall eintritt.

Das liegt mMn daran, dass Tod und schwere Krankheit normalerweise nicht Teil unseres Lebens sind. Wenn ein entfernter Verwandter oder gar Bekannter oder Verwandter guter Freunde schwer krank ist oder stirbt, findet das weit weg von uns hinter verschlossenen Krankenhaustüren statt. Wir erleben es nicht mit. Wir befassen uns nicht damit. Wir haben dafür "kein Skript", es gibt keine Rituale, wir wissen mit der Situation nicht umzugehen.

Heutzutage stehen wir oft hilflos an Krankenhausbetten, langweilen uns vielleicht sogar oder hoffen, dass es zu Ende geht, weil wir nicht wissen, was wir machen sollen. Wenn es dann zu Ende geht - das Leben der Person und unser Warten, unsere Langeweile - sind wir geschockt. Evtl. fällt uns jetzt ein, was wir noch alles hätten machen können.

Früher gab es m.W. Rituale des Abschiednehmens, die jeder kannte, der Sterbende und die Angehörigen. Man wusste, was man machen sollte, man wusste, dass und wie man Abschied nehmen konnte.

Dieses Wissen, diese Sicherheit fehlt uns heute.

Nimm Dir Zeit, in der Du über Dein Familienmitglied nachdenkst, in der Du überlegst, was Du ins Krankenhaus bringen und was Du ihm sagen möchtest, ob Du vielleicht mit ihm noch mal Musik hören oder Erinnerungen austauschen möchtest - und dann schreibe Dir das für den nächsten Krankenbesuch auf und bis dahin, lebe DEIN Leben weiter. Setzte diese Zeiten bewusst, aber erfülle nicht Dein ganzes Leben mit Sorgen um diese Person (das bringt Euch beiden nichts).

Möglicherweise projizierst Du auch Deine Sorgen um Deinen Angehörigen unbewusst auf die Prüfung. Das ist in Ordnung. Nur erschwere Dir die Situation nicht noch durch Schuldgefühle darüber, dass Du "falsch fühlst".

Tausche Dich ggf. in einem Trauerforum o.Ä. aus, auch darüber, wie man sich fühlt und verhalten soll, wenn jemand schwerkrank im Krankenhaus liegt. Das wissen wir halt heute nicht mehr automatisch.

Antwort
von Windwind, 15

Du willst Medizin studieren, also hast du Mitgefühl für andere Menschen. Du setzt deine Priorität auf deine Ausbildung. Betäubt bist du sicher von dem Zustand des Kranken und das Nichtwahrhaben wollen. Mein Vater auch während meiner Jugendzeit gestorben. Ich musste Menschen/Freunde um mich haben.  Konnte nicht allein sein. Andere Angehörige konnten mich nicht trösten. Als meine geliebte Oma starb, konnte ich damit nicht umgehen,  ging schnell wieder zum Alltag über, obwohl sie so wichtig für mich wahr.Trauer kommt immer unterschiedlich und in Intervallen.

Kopf hoch in deiner schwierigen Zeit!

Antwort
von einfachp, 47

Hi.

Vielleicht willst du es einfach verdrängen, den Gedanken an diese Person im Sterben. Ich habe eigentlich keine große Ahnung von Psychologie, aber ich glaube, dass das nicht mal eine unnormal Reaktion, auf so etwas ist. Du bist damit also bestimmt nicht alleine!.. An deiner Stelle würde ich mit anderen Personen, die dich und die kranke Person kennen mal ein Gespräch führen, wobei du ihr von deinen Gedanken und Gefühlen erzählen kannst... Ich glaube jedenfalls nicht, dass deine Reaktion kalt oder seltsam ist, weil man eigentlich gar nicht weiß, wie man reagieren soll, wenn eine wichtige Person sehr krank ist..

Alles Gute.

P.

Antwort
von Jokerfac3, 44

Vermutlich weil die "Person-liegt-im-Krankenhaus"- Sache der Normalzustand ist, du hast dich also dran gewöhnt. Die Prüfung dagegen entspricht überhauptnicht dem Normalzustand, stellt also eine Unterbrechung des Alltags dar. Oder du hast dich damit abgefunden dass du den Zustand der Person nicht beeinflussen kannst, sehr wohl allerdings den Ausgang der Prüfung.

Antwort
von XavierNeuss, 13

Jeder Mensch geht anders mit schwierigen Situationen um. Ich kenne dich nicht glaube aber, dass du gewisse Dinge verdrängst, bzw. versuchst manche Dinge nicht zu sehr an dich ran zu lassen. Ob das gut oder schlecht ist, kannst nur du selber entscheiden.

Antwort
von 5000steraccount, 49

Alle hier schreiben, dass das normal ist, was ich, ehrlich gesagt, ein bisschen komisch finde. Meine Mutter war nach einem Unfall lange Zeit im Krankenhaus, und ich habe sehr gelitten und viel geweint, konnte an kaum was anderes denken. Und sie lag da ein paar Monate, inklusive Reha etc. An sowas gewöhnt man sich nicht. Meine Erklärungen also: entweder diese Person ist dir nicht wirklich so wichtig, wie du dachtest, oder du bist ein Egoist, weil dir deine eigenen "Probleme" halt wichtiger sind. Tut mir leid, aber so denke ich. 

Kommentar von abendleserin ,

Ich teile deine Meinung

Kommentar von Krjhg ,

Das sind harte Worte.

Ich für meinen Teil habe es aber ähnlich erlebt, wie der Ersteller. Meine Oma war den größten Teil meiner Kindheit im Krankenhaus, immer wieder. Ich habe sie noch ein letztes Mal sehen können, aber ich habe nie wahrgenommen, dass es zuEnde geht. Auch ich hatte zu der Zeit heftig Stress wegen der Uni, der war für mich realer. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und das heißt nicht, dass mir meine Oma egal war oder ich Egoist bin - ich trauere heute noch, nach 6 Jahren, um sie, weil ich sie vermisse.

Kommentar von Windwind ,

Krankheit durch Unfall ist eine andere Sichtweise. Man ist in Panik und denkt ständig daran. Heilung wird voraussichtlich eintreffen.  Bei infauster Diagnose drehen sich Gedanken anders, man hat schon viele Achterbahn Gefühle hinter sich. Da die Situation so schwer zu ertragen ist, lindert das Unterbewusstsein dies durch Ablenkung oder Ignorieren der Gesamtsituation. 

Antwort
von Fruchthase, 36

Ich denke soetwas ist normal... In der Abiturzeit kann man viele verrückte Gedanken haben und es ist dann doch wohl eher gut, dass du ruhig bleibst, anstatt wegen allem nicht schlafen zu können. Natürlich ist es eine schlimme Sache , dass ein Geliebter Mensch im Krankenhaus liegt, aber du musst dir keine Sorgen machen, wenn du nicht Non stop daran denkst.

Antwort
von Allexandra0809, 30

Das ist eigentlich fast normal. Du verdrängst die ganze Sache, was Krankenhaus betrifft und konzentrierst Dich voll auf die Schule. Finde ich auch gut so, denn dieser Person geht es nicht besser oder schlechter, wenn Du Dein Abitur versaust.

Antwort
von Rihannanavy1, 11

Hi 😊 vieleicht verdrängst du es und suchst "Ablenkung" oder du kannst dich nicht richtig damit auseinander setzen ...

Expertenantwort
von bodyguardOO7, Community-Experte für Krankheit & Medizin, 46

Die Verdrängung unangenehmer Ereignisse ist eine normale Bewußtseinsfunktion - dabei handelt es sich um einen Selbstschutz des Gehirns.

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