Frage von Neutralis, 45

Ich kann mir keine Meinung bilden, weil ich alle Meinungen verurteile und als subjektiv abstempel?

Manchmal denke ich mir, dass die Menschen lächerlich sind, weil sie überall ihre ethische Korrektheit raushängen lassen müssen. Dann bemerke ich, dass es pessimistisch ist und kategorisiere das. Wer ist oft pessimistisch ? Jugendliche, Depressive usw. Am liebsten würde ich mir natürlich sagen "Die Leute die pessimistisch denken haben Recht." Aber ich weiß, dass es nicht stimmt. Ich bin nicht klug genug um so eine einfache Frage zu beantworten, weil sie zu kompkex ist. Jede Meinung die ich habe ist subjektiv und viele sehen sie als falsch an. Was am Ende richtig ist, weiß niemand. Aus diesem Grunde habe ich keine Lust mehr mir eine Meinung zu bilden. Sobald ich eine habe findet mein Hirn schnell Gründe um der Meinung zu widersprechen und am Ende dreht es sich im Kreis. Was kann man da machen ? Soll ich einfach aufhören mir Meinungen zu bilden ?

Antwort
von Maisbaer78, 22

Wen interessiert, ob und wie du deine Meinung bildest.

Durchs Leben führen einen die eigenen Prinzipien.  Das ist der Rahmen an dem du dein Dasein aufknüpfst. Alles was deine Mitmenschen angeht, ist "Meinung" und davon haben wir ja nun wirklich mehr als genug.

Antwort
von nowka20, 9

das ist deine meinung, aber eben nur eine meinung

Antwort
von notensafe, 16

Ich verstehe dein Problem so, dass du es leid bist, eine eigene Meinung zu bilden, weil es eine Straße weiter genug Leute gibt, die eine ganz andere Meinung zu derselben Sache haben. Welche dieser Meinungen die richtige sei, das lasse sich aber nicht entscheiden, weil alles subjektiv ist. Somit sind Meinungen irgendwie überflüssig, weil sie mit Wahrheit nichts zu tun haben.

Ich würde dein Problem mit den Meinungen verorten in dem Streit zwischen Universalismus und Relativismus. Es sind Positionen innerhalb der Moralphilosophie.

Der Universalismus geht davon aus, dass es objektiv richtige moralische Grundsätze gibt. Es sei eine Frage der Vernunft, die in der Lage ist zu den richtigen Grundsätzen zu finden. Das bedeutet, dass es auch unter den Meinungen richtige und falsche gibt. Es kommt halt nur darauf an, ob man richtig nachgedacht hat, keine falschen Voraussetzungen als richtig anerkannt hat und keine falschen Schlussfolgerungen gezogen hat. 

Die meisten Menschen, eigentlich alle, gehen implizit davon aus, dass der Universalismus richtig ist. Denn immer wenn ich mit jemandem diskutiere oder mich mit jemandem streite, gehe ich davon aus, dass meine Argumente ihn oder sie überzeugen können. Und mein Streitpartner, der mit der anderen Meinung, geht ebenso davon aus, dass es eine Wahrheit gibt, die wir beide finden können. Sonst gäbe es für uns ja gar keinen Grund zu streiten. Es ist für die meisten Menschen nur nach langem ermüdendem Hin und Her irgendwann eine Option zu akzeptieren, dass der andere eben eine abweichende Meinung hat. Agree to disagree, nennt man das. Zuerst versuchen Menschen aber immer den anderen zu überzeugen und gehen somit davon aus, dass es eine allgemein zugängliche (die Philosophen sagen absolute) Wahrheit gibt!

Der Relativismus ist nun die Gegenposition dazu. Er besagt, dass Wahrheit eine relative Sache ist. Es bedeutet, Wahrheit hängt ab von bestimmten Umständen. Oft hängt Wahrheit von der Zeit ab. Im 16. Jahrhundert waren ganz andere Dinge unumstößlich gewiss als heute beispielsweise. Kirche und Gottesglaube waren sehr viel standfester. Heute sind die Menschenrechte etwas, dass wir für eine sehr richtige Sache halten. Das ist noch nicht lange so. Früher war Sklaverei akzeptiert. Heute nicht. Aber die Wahrheit hängt auch ab von dem Ort. Hierzulande gelten andere Regeln als in China oder in Südamerika. Man muss gar nicht weit gehen. Was in Köln höflich ist, kann in Bayern schonmal als unhöflich gelten. So kommen die Relativsten zu dem Schluss, dass Wahrheit immer abhängig ist von bestimmten anderen Faktoren und niemals absolut festgeschrieben werden kann. Das Agree to Disagree kommt theoretisch ganz am Anfang.

Ich selber habe dazu folgende Position. Von dem Religionsphilosophen Hans Joas habe ich gelernt, dass sich unsere absoluten Überzeugungen niemals argumentativ bilden. Mit "absolute Überzeugungen" meine ich, diejenigen Dinge die uns so wichtig sind dass wir dafür streiten. Diese bilden sich nicht durch Argumente. Wir bekommen sie irgendwo her, meist von unseren Vorbildern, unserer Familie, vom Zeitgeist oder anderem und erst danach verteidigen wir sie mit Argumenten. Ich bin deswegen irgendwie ein Relativist, weil es für unmöglich erachte beispielsweise einem gläubigen Muslim seine Abneigung gegen Alkohol auszureden. Da stehen zwei Werte gleichrangig nebeneinander.

Was ich sagen will. Was wir für objektiv (oder absolut) richtig halten, ist oft das, was uns subjektiv am stärksten einleuchtet. Ich ermutige dich dazu, zu deinen Überzeugungen und Meinungen zu stehen und im Gespräch (die Philosophen sagen im Diskurs) herauszufinden, wie tragfähig deine Meinung ist. Unsere Meinungen verweisen oft auf tiefer liegende Grundsätze, Werte oder Überzeugungen. Eine Meinung ist eine Verform davon und sie ist wichtig für dich, um herauszufinden, was du "eigentlich" denkst. Daher sind Meinungen ein nützliches Werkzeug um zum einen Orientierung in bestimmten Themen zu bekommen. Dann muss man bereit sein, seine Meinung eventuell zu ändern. Und zum anderen geben sie dir Aufschluss darüber, was dir wirklich wichtig ist. Das ist genau der Fall, wenn du mal absolut nicht bereit bist deine Meinung zu ändern.

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