Frage von Solnnis, 212

Ich hasse es multiethnisch zu sein?

Ich bin zu einem Drittel Deutsch und der Rest setzt sich aus verschiedenen slawischen Ethnien zusammen. Meine Eltern sind aus der ehemaligen Sowjetunion hierhergekommen eigentlich nur wegen dem Geld und Arbeit. In irgendeine Kultur haben mich meine Eltern nicht gezwängt, gesprochen wird zuhause aber Russisch,. Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber assimilieren werde und kann ich mich nie, weil ich so eine Distanz zu den Deutschen habe und anders bin. Aber ich fühl mich trotzdem nicht wirklich als Russe, weil ich ja hier aufgewachsen bin mit der deutschen Kultur, und ein Drittel meiner Vorfahren Russlanddeutsche sind. Ich fühl mich schon mehr als Russe, aber auch nicht so ganz.

Ich habe mittlerweile eine mehr oder wenige große Identitätskrise, weil ich nicht wirklich weiß zu wem ich gehöre.

Antwort
von Tasha, 84

Identifiziert man sich nicht durch die Traditionen, die in der Familie vor allem während der Kindheit gelebt wurden und dem, was man heute macht?

Warum ist es so schwer, sich beidem zugehörig zu fühlen?Ich bin zwar "nur" Deutsche, sehe mich aber gar nicht in erster Linie so. Zunächst mal wuchs ich wie viele mit dem Gedanken auf, dass Deutschsein irgendwie schlecht ist da "Nazivergangenheit" und "peinliche Stereotypen" (Volksmusik & Dirndl, Essen, das man nicht mag, in meiner Kindheit hatten die Deutschen als Urlauber etwa die Vorurteile/ Stereotypen wie heute die Engländer).Typisch Deutsch ist oder war es ja, gerade nicht typisch Deutsch sein zu wollen.Heute würde ich mich auch überhaupt nicht als Deutsche fühlen, ich wüsste nicht, womit ich mit genau identifizieren kann. Obwohl ich wohl in vielerei Hinsicht "typisch deutsch" bin sind mir da die ganzen Vorurteile, Stereotypen und Teile der Kultur im Weg, mit denen ich nichts anfangen kann.

Ich würde mich am ehesten als Europäerein sehen - denn da bestehen am ehesten Gemeinsamkeiten mit anderen Europäern und Unterschiede zu Werten und Traditionen außerhalb Europas - identifiziere mich aber inzwischen eher mit meinem Bundesland. Meines Wissens ist das gar nicht so unüblich. Viele, die ich kenne, sehen sich unbewusst gar nicht als Deutsche, haben aber eine starke Bindung an den Wohnort ihrer Kindheit, die Region, in der sie leben oder eben das Bundesland. Das merkt man auch an der Sprache - man übernimmt oder nutzt auch nach Jahren noch einen bestimmten Dialekt oder nur bestimmte Wendungen und eine bestimmte Aussprache, man fühlt sich eher lokalen Traditionen zugehörig.

Warum muss man sich überhaupt entscheiden?

Ich selbst identifiziere mich über meine Interessen und bin der Landschaft meines Bundeslandes sehr verbunden, außerdem identifiziere ich mich als Teil meiner Familie, auch wenn es da unterschiedliche Traditionen von verschiedenen Seiten gibt.Weniger identifiziere ich mich als Frau - zu vieles, was "typisch Frau" ist, lehne ich ab, bzw. fast alles aus dem Bereich Kosmetik und Mode - oder eben "als Deutsche" (zu viele negative Assoziatonen, die ich nicht mit mir in Einklang bringen kann).Wir sind keine Amerikaner, wir sind nicht patriotisch aufgewachsen, wir fühlen uns größtenteils mMn nicht unserem Land so wirklich verbunden (Ausnahme Fußball und Co) und "feiern" auch diese Identität nicht.

Daher mein Rat: Überlege selbst, wer Du eigentlich bist. Was macht Dich aus? Denke darüber nach! Was ist Deine Kultur, was ist DIR wichtig, womit identifizierst Du Dich, was lehnst Du ab?Achtung: DEINE Kultur muss nicht mit der traditionellen Kultur eines Landes übereinstimmen, sondern kann auch eher mit Werten und Traditionen Deiner Familie oder einer engeren Region oder aus einem ganz anderen Gebiet übereinstimmen.

Nur mal als Beispiel: Viele Europäer sind Weiße, sehen sich aber gar nicht so, Weißsein kommt in ihren Überlegungen zu ihrer Identität nicht vor, oder ganz am Schluss, während Schwarzsein oft ein größerer Teil der Identität der Betroffenen ist. Natürlich ist man weiß, aber man sieht das nicht als großen Teil seiner Identität. Deutschsein ist mMn genau so!Ich glaube, viele identifizieren sich heutzutage selbst über kleine Gruppen: Sie sind nicht Deutsche, sie sind Vegetarier, oder Aktivisten für bestimmte Themen oder sogar Vogelhalter (kein Scherz: Das kann ein großer Teil der Identität sein...). 

Man sucht sich seine Nische und übernimmt die nicht von den Eltern.

Ich würde mir im Vorfeld keine Gedanken machen sondern nach einiger Zeit mal zurückblicken: Was macht mich aus? Welche Traditionen habe ich? Woran glaube ich, welche Werte würde ich (verbal) verteidigen? Was lehne ich ab (an Traditionen, Verhalten, Essen, Kleidung usw.)? Welcher Gruppe fühle ich mich zugehörig, in welcher Gruppe kann ich einfach ich sein, ohne nachdenken zu müssen, fragen zu müssen oder mich zu verstellen? In wie fern bin ich anders (oft: Sprache, Dialekt, Vorlieben)?

Meist findet man sich irgendwo zugehörig, ob das nun die Familie ist, Leute, die ein bestimmtes Hobby betreiben, Leute, die bestimmte Werte und Traditionen einhalten, Leute, die bestimmte Themen in ihrem Leben für wichtig halten, Einwohner des Ortes, aus dem man kommt oder in dem man lebt oder Einwohner der Region.

Ich kenne jemanden, der sich ausschließlich mit dem Dorf identifiziert, in das er im Alter gezogen ist, er weiß alles über das Dorf - Vergangenheit und Gegenwart - kennt viele Leute, liebt alle Traditionen. Der würde sich erst in dritter Linie als Deutscher sehen, in erster und zweiter ist er ein Mann und Einwohner dieses Dorfes.

Antwort
von Shiftclick, 100

Ich kann das gut nachvollziehen, vor allem angesichts der Tatsache, dass man in der Familie mehr an Kultur und Lebensgefühlt mitbekommt, als nur die Sprache und die Dinge und Werte, über die man ständig redet. Gefühlsmäßig kann man sich noch nach Generationen zwischen Kulturen hin- und hergerissen fühlen. Man muss nur z.B. an bekannte US-Amerikaner denken, die sich immer noch als Iren, Italiener oder teilweise als Deutsche fühlen, obwohl ihre Vorfahren vor langem dorthin kamen. Witzigerweise habe ich neulich gelesen, dass selbst Barak Obama deutsche Vorfahren hat. Zu denen, die sich ihrer Herkunft bewußt sind -- und deswegen vielleicht manchmal hin- und hergerissen sind oder sich unwohl fühlen -- gesellen sich jene, die nicht wissen, dass es bei ihnen auch so war. Jeder von uns hat multiethnische Vorfahren. Es hat immer Völkerwanderungen gegeben, in jedem Jahrhundert oder Zeitalter haben erhebliche Wanderungen stattgefunden. Ich finde, es schadet nicht, bzw. ist nicht unmöglich oder schlecht, sich in einer Gesellschaft einerseits zu integrieren und dort zu leben und zugleich die Erinnerung an das Erbe der Vorfahren zu bewahren. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, dann haben die Vorfahren von ca. 50% der Menschen, die derzeit in Deutschland leben, noch vor 100 Jahren nicht hier gelebt. Man kann also nicht sagen, dass du zu einer Minderheit gehörst. Wenn man nur z.B. 30 Generationen zurückgeht (das wären 500 bis 1000 Jahre), dann hat fast jeder, der im Norden Europas lebt, die gleichen Vorfahren, bzw. ist über einen Vorfahren mit jedem anderen verwandt.

Antwort
von JBEZorg, 51

Deine Identitätskrise ist völlig normal für Menschen mit gemischter Herkunft. Damit musst du leben und einfach positive Aspekte deiner Herkunft geniessen. Du kennst beide Sprachen und beide Kulturen. Was ist so schlimm daran? Du bist was du bist. Du kannst dich auch über die eigene Augenfarbe schwarzärgern oder einfach damit leben weil es NUR deine Augenfarbe ist, die du auch nicht ändern kannst. Vergeude deine Zeit und Energie icht mit unwichtigen  Sachen. Wichtig ist das was du machst und was du aus deinem Leben machst und nicht wo du herkommst.

Antwort
von Chiarissima, 65

Shiftclick hat das Thema multiethnische Vorfahren bereits sehr schön beschrieben. Der Schlüssel ist: Profitiere von den unterschiedlichen Kulturen, bereichere dich selbst und andere, aber mach kein Problem daraus.

Wenn du selbst aktiv eine Distanz zu den Deutschen aufbaust und für dich festgelegt hast, dich nicht assimilieren zu können, hilft das nicht, deinen persönlichen Konflikt abzubauen. Im Gegenteil, ich finde das sogar anmaßend.

Dass deine Eltern sich dazu entschieden haben, die damalige Sowjetunion zu verlassen und den Lebensmittelpunkt in Deutschland zu suchen, hat deiner Familie und insbesondere auch dir Privilegien verschafft. Das solltet ihr wertschätzen (so wie jeder, der in Deutschland lebt, unabhängig vom ethnischen Hintergrund); Rosinenpickerei mit gleichzeitiger Isolation ist nicht förderlich. 

Ich selbst habe Migrationshintergrund und weiß, wovon ich rede.

Antwort
von voayager, 29

Es ist bereichernd, von mehreren Kulturen geprägt zu sein.

Antwort
von lupoklick, 34

Ethnien --- das ist eine Beschäftigungstherapie für sogenannte "Forscher"

Was ist denn beispielsweilse eine "deutsche Ethnie"? - Schwabe Urbayer Sorbe Friese Slawe, Wikinger, Namibier, "Urlaubs-Fehltritt der Tante Hulda" ... ?

Du bist nicht Achtel von Irgendwas, sondern eine GANZE Persönlichkeit....

Antwort
von BebihhKuzz, 2

Fühlst Du dich fremd, wenn alle rund um dich herum Ostern feiern, obwohl Du ja nichts mit dem Papst und seinen angeordneten Festen zu tun haben willst? Und fühlst Du dich fremd, wenn Du in den Läden die Osterhasen und dergleichen angeboten werden, die Du nur nach den Ostern kaufst, weil es dann die billigste Schokolade im Angebot ist? Oder fühlst Du Dich fremd, wenn Du in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht verstehst, was 50% der Menschen reden, weil sie aus Sri Lanka, Kroatien, Bosnien, Slowenien, Mazedonien, Portugal oder einem anderen fremden Land stammen, nun aber hier leben und sich breit machen, also eben ihre fremden Sprachen sprechen, statt der Landessprache? - Ich glaube, nicht Du hast das Problem, die Einheimischen haben das Problem.

Antwort
von AJuergen, 22

Hallo Sollnis ,ich kann dir nur den Rat geben ,genieße dein Leben.
und mach dir nicht so viel Sorgen.

Ich will dir mal eine kleine Geschichte erzählen. Ich bin Reiner Deutscher!
Oder vielleicht doch nicht ? Meine Eltern sind nach dem 2. Weltkrieg geflohen , meine Mutter aus Ost Preußen mein Vater aus Pommern.
Also eine rein Deutsche Familie, was aber ist ein reiner Deutscher? Mein Vater schimpfte immer mit meiner Mutter wenn sie sich mit ihren Eltern und Geschwister auf Ost Preußisch unterhielten, er aber auch wir Kinder verstanden kein Wort von dem was die redeten . 

Also die Sprache scheint es nicht zu sein . Also was ist es ?
Also muss es das aussehen sein was uns Typisch Deutsch sein lässt ?

Wen dem so wäre stellt sich nur die Frage warum ich , meine Schwester und einige Onkel und Tanten , von Türken auf Türkisch angesprochen werden , und wir vom aussehen her zwischen ihnen nicht auffallen.

Ach und dann war da noch der Umzug meiner Eltern 50 km in die Fremde.

Jetzt erst stellte sich für mich heraus ich bin nicht nur reiner Deutscher auch noch Evangelisch und als solcher zog ich dann mit meinen Eltern in eine Katholische Gegend , wo vor alle Verwandten uns eindringlich warnten weil die Katholischen alles sind aber eben nicht gut.Und Umgekehrt genauso. 

Ich war damals genauso Sauer ,Traurig meine Gewohnte Umgebung verlassen zu müssen . Aber im späteren Leben war das das beste was mir passieren konnte , die Erfahrungen haben mich sehr geprägt . In den Neunzigern habe ich ehrenamtlich Aussiedler bei Papierkram und so geholfen , und vielen , so wie bei dir was du schreibst erging es so .

 Mein Opa Väterlicher seits ging als Junger Mann aus Stuttgart nach Stettin ,seine Frau also meine Oma hatte weit läufige Vorfahren aus  Polen und anderen Östlichen Ländern . Bei meiner Mutter sah es ähnlich aus.

Meine Tante , Cousine meines Vaters  hat mir mal alte Fotos geschickt wo viele meiner Verwandte drauf waren ,als die bei uns auf dem Tisch lagen kamen meine Kinder um die Ecke und fragten ob das Zigeuner sind.

Also wenn du mich fragst es gibt den Deutschen oder Russen oder oder
nicht, wir kommen alle irgendwo her, der ein da der andere dort .

Was wissen wir was vor hundert Jahren war .

Genies dein Leben und sieh es als Bereicherung an das deine Eltern und Verwandte aus der  ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gegangen sind .Sei einfach wie du bist dann assimilierst du dich von selber .
Oder vergiss einfach  das Wort Assimilieren.Und lebe Glücklich und zufrieden, als der der du bist , ein  Mensch .

Ich hoffe das ich dir helfen konnte .

 

Antwort
von AppleTea, 76

Dann gehörst du eben zu beidem. Was ist das Problem?

Antwort
von 666Phoenix, 27

Warum willst Du eine der beiden Alternativen: Russe oder Deutscher?

Betrachte Dich als Kosmopolit, nimm Dir alles Positive aus beiden Nationen und vergiss allen Unsinn aus selbigen. Es gibt keinen rationalen Grund, einer einzigen Nationalität anzugehören, wenn diese nicht von Geburt an eindeutig festgelegt wurde!

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